Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

Aus dem amerikanischen Englisch von Isabel Bogdan und Robin Detje, Rowohlt 2020, 416 S., € 22,-

Verschwindende_Hälfte_Bennett_Danteperle_DanteConnectionDie Zwillinge Sara und Desiree wachsen im kleinen Städtchen Mallard nahe New Orleans auf. Ein besonderer Ort, denn hier leben nur Schwarze, die Weiß gelesen werden können. Je heller der Hautton, desto größer ist das Ansehen. Darüber hinaus gibt es nicht viel.  Deshalb schleichen sich die Schwestern als junge Frauen heimlich des Nachts davon. Mit einer Tochter an der Hand kehrt Desiree viele Jahre später zurück – der Hautton ihrer Tochter ist tiefschwarz. Von Sara fehlt jedoch jede Spur. Man ahnt nur, dass sie als Weiße lebend alle Brücken zum alten Leben abgebrochen hat. Aus diesen Geschehnissen webt Brit Bennett ein Familienepos über drei Generationen, in dem sie gekonnt Zeitensprünge und Perspektivwechsel arrangiert. Unerwartete Wendungen und kluge Twists machen das Buch zu einem großartigen Schmöker, der aber dennoch aufrüttelnd von gesellschaftlichen und politischen Konflikten erzählt. (Jana Kühn) Leseprobe

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… für Geschichtsinteressierte

Thomas Blubacher: Das Haus am Waldsängerpfad. Wie Fritz Wistens Familie in Berlin die NS-Zeit überlebte. Berenberg Verlag 2020, 192 S., € 22,-

Blubacher_Thomas_Das_haus_am_Waldsängerpfad-Danteperle_Dante_connectionIn der großbürgerlichen Villengegend Berlin – Schlachtensee fällt ein Haus komplett aus dem Rahmen ob seiner Schlichtheit und Schönheit: eine Bauhausikone entworfen von Peter Behrens. Dieses Haus gehörte seit 1934 dem jüdischen Schauspieler Fritz Wisten und seiner Frau Dorothea, ebenfalls einer Schauspielerin. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Nazigrößen und wenigen NS-Gegnern überlebten sie hier mit ihren Töchtern, ihrem schwulen jüdischen Untermieter Freddy Balthoff und anderen, denen sie halfen, Naziterror und Bombenangriffe und die Nachkriegszeit, in der sich in der deutschen Kulturlandschaft schnell wieder die alten Seilschaften durchsetzten.
Prall gefüllt mit historischen Figuren und Ereignissen, mit Erinnerungen und Anekdoten der Familie  sowie mit 619 (!) detaillierten Anmerkungen erzählt dieses wunderbare Buch Zeit-, Familien-, Berlin- und Theatergeschichte auf einmal. (Stefanie Hetze)

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Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt

Klett-Cotta Verlag 2020, 216 S., € 20,-

WolffSamuel ist ein Kind, das wenig spricht und viel versteht, so wie seine Mutter Florentine, die ihrem Mann Hannes aufs Dorf in den rumänischen Banat gefolgt ist. Sie sind Teil der deutschsprachigen Minderheit, und so wird Samuel irgendwann mit seinem Freund Oz vor der erdrückenden Atmosphäre des Regimes nach Deutschland fliehen, und seine Liebe Sana zurücklassen. Doch das wird später sein, noch ist er jung und liebt die Tage bei seiner Großmutter Karline, die der Monarchie hinterhertrauert und doch ganz im hier und jetzt das Kind so gut begreift. Iris Wolff versteht es mit wenigen, präzise gesetzten Worten eine ganze Welt zu erschaffen. So entfaltet sich in aus den unterschiedlichsten Perspektiven erzählten Episoden die Geschichte des Banats von der Vorkriegszeit bis heute, verbinden sich die Leben von vier Generationen im Geflecht einer poetisch-schwebenden Sprache, deren Worte noch lange nachklingen und wie seltene Blüten festgehalten werden wollen. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Annika Leone & Bettina Johansson: Überall Popos

Aus dem Schwedischen von Monika Osberghaus, Klett Kinderbuch 2020, 32 S., € 14,-, ab 4

Ueberall_popos_U1U4.inddSamstag ist Schwimmbad-Tag für Mila, zusammen mit ihren Eltern. Am Ende dieses Tages wird sie sogar zum ersten Mal alleine ins große Becken springen (vor allem – das nur sei verraten – um ihrem Vater aus der Bredouille zu helfen), aber vorher geht es mit Mama in die Umkleide und unter die Dusche.
Diese eigentlich ganz gewöhnliche Alltags-Geschichte überzeugt durch ihre so bestechend simple wie schöne Normalität in Wort und Bild. Im Schwimmbad kann man nun mal jede Menge verschiedener Körper und Körperformen sehen und genauso wird es von dem überzeugenden Duo aus Schweden auch erzählt und gezeigt. Das ist lustig, ganz ohne auszulachen, und ermutigt, sich so zu zeigen und anzunehmen, wie man ist! (Jana Kühn) Blick ins Buch

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Ayşe Bosse: Pembo

Halb und halb macht doppelt glücklich! Mit Illustrationen von Ceylan Beyoğlu. Carlsen 2020, 272 S., € 10,-, ab 9

PemboAyşe Bosse ist bisher eher als Autorin sehr berührender Bücher für Kinder und Jugendliche zum Thema Tod in Erscheinung getreten. Hier zeigt sie sich nun von einer ganz anderen Seite. Sensibel und mit viel Humor erzählt sie von Pembo, die aus einem türkischen Dorf am Meer nach Hamburg ziehen muss. Pembo ist damit gar nicht einverstanden, aber ihr türkischer Vater hat die Gelegenheit, das Geschäft seines verstorbenen Onkels zu übernehmen und ihre deutsche Mutter will nochmal studieren. Es geht nicht alles glatt mit diesen Elternplänen, doch Pembo weiß die Familienpleite auch mit Hilfe neuer Freunde zu verhindern. Ein modernes Großstadt-Märchen, das durch die zarten, ausdrucksstarken Tuschezeichnungen von Ceylan Beyoğlu sehr schön ergänzt wird. Und als Bonbon gibt es am Anfang jeden Kapitels einen Mini-Türkisch-Kurs. (Jana Kühn) Leseprobe

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Katja Gehrmann & Constanze Spengler: Seepferdchen sind ausverkauft

Moritz Verlag, 48 S., € 14,-, ab 5

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Der alleinerziehende Vater sitzt am Schreibtisch und muss bald schon ein Projekt abgeben, doch das Kind langweilt sich und lässt ihm keine Ruhe. Nur mit halbem Ohr zuhörend erlaubt er schließlich die Anschaffung eines Haustiers. Nur wird – nach einer ganzen Reihe Bilderbuchseiten voll schön-schräger Ideen – aus der anfänglich einen Wüstenrennmaus eine ganze Horde der unterschiedlichsten Tiere.
Schon vor Corona war Homeoffice für viele Alltag. Seit einigen Wochen wissen nun alle Familien mit Kindern von den Herausforderungen, die das mit sich bringt. Dieses wunderbar lustige Bilderbuch erzählt mit sehr viel (tröstlichem) Humor davon. (Jana Kühn) Blick ins Buch

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Uwe Preuss: Katzensprung

 S. Fischer Verlag 2020, 176 S., € 20,-

Preuss_Uwe_Katzensprung_Dante_connection_DanteperleWie eine Vitaminspritze können uns bestimmte Bücher gerade in diesen anstrengenden Zeiten energetisch aufbauen. Das literarische Debüt Katzensprung des Lebenskünstlers und Schauspielers Uwe Preuss gehört eindeutig in diese Kategorie. Lapidar erzählt er in einzelnen komprimierten Geschichten vom Aufwachsen eines Nichtangepassten in der DDR. Vom draufgängerischen Liebesleben seines Opas und anderen unkonventionellen Familienangehörigen. Von sechs weltläufigen Kindheitsjahren in Brasilien. Von eigenen Amouren, genialen kleinen Tricksereien, die das Leben angenehmer gestalten. Von krassen Arbeitsplatzwechseln mit dem Ziel ohne Volksarmee zur Schauspielschule zu kommen. Von der Ausreise aus der DDR und tatsächlicher Wiedereinreise aus Jux und Dollerei. Hier erzählt einer, der viel erlebt hat, der die sich bietenden Gelegenheiten beim Schopfe nimmt und dabei eine wunderbar lakonische Gelassenheit pflegt, die sich auch in seiner sparsamen pointierten Sprache ausdrückt. Das macht einfach Spaß. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Marta Barone: Città sommersa

Bompiani 2020, 296 S., € 24,-

Barone città sommersa_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergIn ihrem „zweiten Debüt“, das zweite, da sie schon drei großartige Kinderbücher veröffentlich hat, findet Marta ihren Vater wieder. Leonardo Barone ist 2011 gestorben und seine Tochter hat das Gefühl, ihn nie richtig gekannt zu haben. Als Vater war er kalt und distanziert, viele Ereignisse seines Lebens wurden ihr nie erzählt. Eines Tages findet Marta einige Dokumente, die auf einen Prozess hinweisen. Die Reise beginnt: Die Autorin geht zurück bis in die 70er Jahre, befasst sich mit den „anni di piombo“ (die Blei-Jahre), interviewt alte Bekannte in Rom, in Turin und langsam entsteht ein neues Bild. Barone hat einen eindringlichen, ergreifenden Bildungsroman geschrieben, der über die Vater-Tochter-Beziehung, über die Geschichte Italiens hinausgeht. In jedem Kapitel findet man feine Überlegungen der Autorin: Über die Entstehung des Buches selbst, über die Unterscheidung zwischen Werk und Autor, über die Diskrepanz zwischen Zeugnis und Wahrheit oder zwischen Literatur und Wirklichkeit. Eine echte Perle für Übersetzter*innen aus dem Italienischen! (Giulia Silvestri)

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Nel suo „secondo debutto“, successivo alla pubblicazione di tre magnifici libri per bambini, Marta ritrova suo padre. Leonardo Barone è morto nel 2011 e sua figlia sente di non averlo mai conosciuto fino in fondo. È stato un padre distante e un po’ freddo, molti episodi della sua vita non le sono mai stati raccontati. All’improvviso Marta trova alcuni documenti, che la portano a scoprire l’esistenza di un processo per lotta armata. Il viaggio comincia: l’autrice risale agli anni 70, si interessa agli “anni di piombo”, intervista vecchie conoscenze del papà, a Roma, a Torino. Lentamente si forma un’immagine nuova. Barone ha scritto un romanzo di formazione intenso e commovente, spingendosi molto oltre il tema della relazione padre-figlia sullo scenario della storia italiana del Novecento. In ogni capitolo si trovano raffinate riflessioni: riguardo alla costruzione del libro stesso, alla distinzione fra opera e autore, alla discrepanza fra testimonianza e verità, fra letteratura e realtà. Una vera perla per traduttori dall’italiano! (Giulia Silvestri)

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Valentina Brüning: Kakao und Fischbrötchen

Illustriert von Maja Bohn. Tulipan Verlag 2020, 160 S., € 13,-, ab 9

Kakao_Fischbrötchen_VLBRita lebt mit ihrer Mutter direkt am Pichelssee, einer Ausbuchtung der Havel im Westen Berlins. Gut haben sie es, findet Rita, mit ihrer eigenen Bootsschule so direkt am Wasser, und außerdem hat sie bald Geburtstag, wird zehn und kann ihre Feier mit Segelregatta und riesiger Marzipantorte kaum erwarten. Da passt es gar nicht, dass ihre Mutter plötzlich mit einem Mann auftaucht, in den sie augenscheinlich auch noch verliebt ist, und der seine drei unausstehlichen Söhne mitbringt. Denen gefällt es so gut am Pichelssee, dass sie die Sommerferien über gleich bei ihnen bleiben wollen. Das kann Rita alles gar nicht akzeptieren, und so schmiedet sie Pläne, wie sie die drei Nervbolzen wieder los wird, und den Mutter-Stefan gleich mit dazu. Wenn doch ihre beste Freundin Leonie endlich aus dem Urlaub zurück wäre, um ihr beizustehen.
Valentina Brüning geht das Thema Patchwork-Familie mit Witz und Leichtigkeit an, und nimmt dabei Ritas Probleme und Sorgen durchaus ernst. Eine gelungene Mischung und ein vielversprechendes Debut. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Regina Porter: Die Reisenden

Aus dem amerikanischen Englisch von Tanja Handels, Fischer Verlag 2020, 384 S., € 22,-

porterJames Vincent und Agnes Miller wachsen unter völlig unterschiedlichen Bedingungen auf, er das Kind einer zerrütteten weißen Arbeiterfamilie aus Long Island, sie die behütete schwarze Tochter eines Dekans in Georgia. Die beiden werden sich nie begegnen, und doch sind ihre Geschichten miteinander verwoben, wird James Sohn die Tochter von Agnes heiraten. Virtuos wechselt Regina Porter zwischen unterschiedlichen Zeit- und Handlungsebenen und entwickelt nach und nach die Schicksale von drei Generationen der beiden weit verzweigten und sich doch vielfach kreuzenden Familien, erzählt von Liebe und Freundschaft, Verwandtschaft, Hoffnungen und Rassismus, spannt den Bogen von der Zeit der Bürgerrechtsbewegung über den Vietnamkrieg bis zur Regierungszeit Obamas, führt die Leser nach Los Angeles, New Hampshire, New York und Berlin und schafft es trotz dieses weiten Panoramas jede Figur lebendig werden zu lassen, so dass man bis zur letzten Seite nicht loslassen möchte, gefesselt von diesem  Kosmos voller Menschlichkeit. (Syme Sigmund) Leseprobe

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