Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann, Mixtvision Verlag 2012, 96 S., € 29,90
(Stand März 2021)
33 Menschen werden hier portraitiert – in je einer Illustration und einem Text, mit wenigen Strichen und verdichteten Worten entsteht ein Mensch. 33 Mal wird eine Kürzestgeschichte aus einem Leben erzählt: Gedanken, Sehnsüchte, Ängste und Wünsche. Ein Haustier, Musik zu sein, mehr Selbstvertrauen, mehr Mut, die zu Welt retten, Ja-sagen zu können. Und nichts Menschliches ist mir fremd in all seiner Vielfalt. Ein wunderschönes Buch zum drüber reden und sich austauschen.


Längst ist Gabriele Göttle mit ihren Reportagen aus dem deutschen Alltag eine Institution. In ihrem neuen, lang erwarteten Buch „Der Augenblick“ versammelt sie 26 bereits in der taz erschienene Porträts sehr engagierter Frauen. Das Spektrum reicht von der Altenpflegerin über die Beamtin bei der Arbeitsagentur bis zur Professorin, auch seltene Berufe wie eine Präparatorin und eine Mouleurin sind vertreten. Egal, wie unterschiedlich sie sind, erhalten sie viel Raum, um ihre dezidierte Sicht auf die Dinge und Verhältnisse zu äußern, die Gabriele Goettle dann meisterlich verdichtet. Mehr davon! (Stefanie Hetze)
Ein junger Mann schießt während des russischen Bürgerkriegs in Notwehr auf seinen Verfolger und lebt fortan mit der Überzeugung, einen Mord begangen zu haben. Jahre später liest er die Erzählungen eines Alexander Wolf, der die gleiche Szene aus Sicht des Verfolgers beschreib. Sein vermeintliches Opfer hat also überlebt. Fortan lässt den Ich-Erzähler die Idee nicht los, Wolf zu finden. Doch wer ist dieser Mann, der plötzlich so viele Spuren hinterlässt und so viele verschiedene Gesichter zu haben scheint? Ein elegant geschriebenes Buch, das letztendlich um das Thema Erinnerung kreist, aus der Feder eines lange verkannten ganz großen Autors der russischen Literatur. Der 1903 geborene Gasdanow gehörte einer Gruppe junger Literaten in Paris an, die sich von der russischen Prosatradition des 19. Jahrhunderts abwandten, und Proust, Kafka und Joyce zum Vorbild hatten. “Das Phantom des Alexander Wolf” schrieb er 1948. Es erscheint hier erstmals in deutscher Übersetzung. (Syme Sigmund)
Alice wird in der neuen Heimat ihrer kambodschanisch-chinesischen Flüchtlingsfamilie geboren: Australien. Genau dieses Land wurde von der Familie ausgewählt, weil es dort im Gegensatz zu Kanada nicht schneien soll – wie der Vater gehört hatte. Sie kommen nur mit der Ahnung, dass es vom Schnee einmal abgesehen, hier fast alles zu geben scheint. Vieles, das die traditionell verhaftete Familie kaum versteht, vieles, das sie sehr wünscht und ebenso vieles, das gerade der heranwachsenden Tochter nicht zugestanden wird. Mit viel feinem Humor, doch ohne zu beschönigen erzählt die junge Frau Alice vom Ankommen und sozialen Aufstieg ihrer Familie in kleinen Schritten. Eine neue, junge Stimme der australischen Literatur, die leichtfüßig vom schwierigen Aufwachsen in zwei Welten eines Landes, die verschiedener kaum sein könnten, berichtet. (Jana Kühn)
Ein Palazzo in einer lauten engen Straße Neapels, der Stadt der Wunder, des Blutes und der Legenden, der Stadt, in der die Schrecken des 2. Weltkriegs noch sehr real sind, erzählt aus der Perspektive eines 13-jährigen Schreinergehilfen. Seine Ablösung von der Kindheit und seine Mannwerdung bilden den äußeren Rahmen der Geschichte, in der es eigentlich ums Leben und Sterben geht, ums Loslassen und Halten, um das im Vergleich stille Hochitalienisch zum direkten Neapolitanisch.
Blau ist das Licht an den langen Sommerabenden des Nordens. Wenn diese Zeit endet, spürt man, der Sommer ist bald vorbei. Joan Didions Adoptivtochter Quintana starb mit nur 39 Jahren, kurz nach dem Tod von Didions Mann. Sie ist nun allein, alt, selbst zerbrechlich und ohne Hoffnung. In diesem Buch schreibt sie an gegen den Tod, gegen die Verzweiflung, in klaren präzisen Worten frei von jeder Rührseligkeit, in Sätzen, die lange haften bleiben. Es ist kein Erinnerungsbuch, sondern ein radikales Buch über den Umgang mit der Leere, die unverhofft kommt und der sie begegnen will, ohne “zu jammern”. (Syme Sigmund)
Italien in einer nahen Zukunft, das Land ist international abgeschottet, Gerichtsbarkeit, Medien, Handel, Verkehr, Regierung sind zusammengebrochen. Alltägliche Normalität existiert nicht mehr. Zurückgezogen und vorerst in Sicherheitsabstand zum brutalen Chaos (über)lebt Leonardo. Doch selbst dieser zurückhaltende, sanftmütige und konfliktscheue Mann muss schließlich einsehen, dass auch sein Leben endlich eine andere Gangart erfordert. Harter Stoff. Ein düsteres Buch, eine Parabel, die langsam beginnt, aber stetig an Spannung gewinnt. Longo stellt in aller Drastik existenzielle Fragen an eine (italienische) Gesellschaft, aber auch an jeden Einzelnen. Wie wollen wir leben? (Jana Kühn)
Mascha hat ihre große Liebe Elias gefunden und ist erfolgreich in ihrem Dolmetscherstudium. Doch das alles bietet nicht lange Halt, unter der Oberfläche sitzen Verletzungen, traumatische Erinnerungen an den Bürgerkrieg in Aserbaidschan, wo sie ihre Kindheit verbracht hat. Nach einem großen Verlust bricht Mascha auf, in ihre Vergangenheit und in die Zukunft, zu alten Freunden und schließlich nach Israel, wohin ihre Eltern, russische Juden, nie auswandern wollten. Ein starkes Buch, das nahegeht, mit Humor, Trauer, Hoffnung und Ehrlichkeit. Ein Buch über das Bedürfnis nach Heimat und über die Wurzeln der Heimatlosigkeit, das ständig die Perspektive wechselt und den Blick schärft für gesellschaftliche Ausschlussmechanismen und ihre Absurdität. Und gleichzeitig ein Buch über die Chance, die in jeder menschlichen Begegnung liegt. (Judith Krieg)