Aus dem Georgischen von Lia Wittek, Verbrecher Verlag 2017, 169 S., € 22,00
(Stand April 2021)
Die erste große Liebe ist immer ein Füllhorn neuer Gefühle, Gedanken und Erfahrungen. Aber das, was der 12jährigen Nia widerfährt, sprengt diesen geradezu abscheulich faden Gemeinplatz und in derart intensiv verdichteter Prosa hat man selten nur über dieses erste große Staunen des Herzens gelesen. Und Naira Gelaschwili lässt Nias Herz bei weitem nicht nur staunen: es windet sich, wimmert und vibriert, weiß nicht wohin und wie. Der junge Mann im Haus gegenüber bleibt dennoch unerreichbar fern. Man möchte dieses Mädchen in die Arme schließen … Ach Kind, es wird nicht einfacher, aber doch irgendwie leichter, mit der Zeit! In Zeiten der mächtig dicken Bücher ein beglückendes Kleinod und eine sehr lesenswerte Entdeckung aus dem Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. (Jana Kühn) Leseprobe

Elmore ist ein Einzelkind – und das findet er super! Es gibt nur seine Spielsachen, seine Lieblingsfilme und seine Geleebohnen am liebsten in Orange – und das soll auch so bleiben. Doch eines Tages ist da plötzlich ein Geschwisterkind, das alle scheinbar viel lieber mögen, das alles darf und das nur, weil es doch noch so klein ist. Und zurückgeben kann man es nicht, sagen Mama und Papa … Elmore ist ratlos, traurig und auch ein bisschen wütend, doch dann eines Nachts wendet sich das Blatt. Liebevoll, humorvoll und mit den Kindern ganz auf Augenhöhe wird hier von den Sorgen und Nöten großer Geschwister erzählt – aber eben auch von dem ganz großen Glück! (Jana Kühn)
Der jungen Witwe Bilqiss wird der Prozess gemacht. Nach dem Tod ihres Mannes war die alleinstehende junge Witwe schon lange ein Dorn im Auge der Dorfbevölkerung, doch nachdem sie statt des sturzbetrunkenen Muezzins zum Morgengebet ruft, trifft sie deren Hass mit voller Kraft. Statt um Gnade zu flehen, kontert die blitzgescheite und koran-feste Bilqiss jedoch ohne Anwalt und mit viel Biss den immer absurderen Vorwürfen, die angeblich allesamt auf der heiligen Schrift beruhen. Der wütende Mob fordert ihre Steinigung. Doch das Urteil zieht sich hin, denn der verhandelnde Richter kann sich Bilqiss‘ kluger Schlagfertigkeit kaum mehr entziehen. Derweil übertragen Smartphones den Prozessverlauf in die weite Welt, woraufhin eine junge Journalistin aus den USA anreist, um von DER Geschichte zu berichten. So ist der sehr lesenswerte Roman bei weitem nicht nur Islam-Kritik, sondern hält ebenso westlicher Arroganz den Spiegel vor. (Jana Kühn)
Was ist dieses Buch? Erinnerung an eine Kindheit im Sozialismus der siebziger Jahre? Reise in die Tiefe der bulgarischen Geschichte? Buch über die Vergänglichkeit und den Versuch, Erinnerung zu bewahren? Es ist all dies und noch viel mehr. Gospodinov erzählt auf verschlungenen, labyrinthischen Wegen, voller Abschweifungen und Assoziationen und kehrt doch immer zu seinen zentralen Themen zurück. Absurdes und Einfaches vereinend erscheint die Melancholie immer dicht neben urkomisch skurrilen Gedanken und Seitenwegen. Hingerissen folgt man ihm als Leser, verzaubert von dem kühnen Versuch, auf experimentell-verspielte und absurd-witzige Weise alles zu vereinen, Bulgarien, die Quantenphysik, Zeitkapseln, den Minotaurus, die Erinnerungen seines Großvaters, eine einsame Kindheit im dunklen Souterrain … und damit ist noch lange nicht alles gesagt. (Syme Sigmund)
Nita Tehri ist alleinstehend, arbeitet als Grundschullehrerin und zahlt eine Eigentumswohnung in einer fast schon bürgerlichen Ecke Londons ab. Nach einer großen Auseinandersetzung mit ihrer pakistanisch-stämmigen Familie bemüht sie sich am ehesten darum ihr neues Gewicht zu halten, 8jährige Messerstecher zu bändigen und die ignorante Falschaussprechung ihres Namens milde zu überhören: Miss Terry. Doch dann passiert etwas Mysteriöses, das Nitas Leben völlig aus der Bahn wirft. In einem Baucontainer vor Nitas Haus wird eine dunkelhäutige Babyleiche gefunden, und für alle Nachbarn, die Polizei und die Presse steht fest, dass sie – als einzig dunkelhäutige Frau der Nachbarschaft – die Mutter des Kindes sein muss. Wie Nita gegen die haltlosen Anschuldigungen kämpft, ist eine harte Geschichte über Diskriminierung, Sexismus und Rassismus. Doch Liza Cody erzählt sie mit so viel Zuneigung für ihre Protagonistin, mit kriminalistischem Gespür und so viel Witz auch, dass man die ganze Zeit lesend fiebert: Klärt das doch endlich auf! (Jana Kühn)
Mathias Énard kann alle Formate, den großen komplexen Roman wie die kleine verdichtete Literatur. In „Der Alkohol und die Wehmut“ erzählt er auf kaum 100 Seiten vom sehr jungen Mathias, der versucht, mit Hilfe von Alkohol und Drogen Schriftsteller zu werden. Er folgt seiner Liebe Jeanne nach Moskau und gerät dort in einen heftigen Beziehungs- und Liebestaumel mit ihr und ihrem Geliebten Wladimir. Rauschhaft erinnert sich der Erzähler während der ereignislosen Bahnfahrt gen Sibirien, in der er die Leiche seines Freundes und Rivalen nach Hause begleitet, an ihre Liebesexzesse, seine Eindrücke von Reisen durch Russland, die Gespräche über die Literatur, seine Verzweiflung und seine Faszination. Meisterlich verwebt er all diese Erinnerungsspuren zur Bewusstseinsbildung eines werdenden Schriftstellers. (Stefanie Hetze)
39 Städte, von Aarau bis Zug über Berlin, Detroit, Odessa und Venedig, Städte, in denen Andruchowytsch – teils über längere Zeit, teils nur für einen Tag, teils als Kind, teils erst vor wenigen Jahren – gewesen ist. Es ist kein Städteführer, der sich hier vor uns entfaltet, sondern ein Kaleidoskop der Erinnerungen, Gefühle, Anekdoten und Betrachtungen. Mal sind sie heiter, mal melancholisch, mal skurril und mal ergreifend (wie die Schilderung seiner persönlichen Erlebnisse in Kiew in den Tagen des Maidan) und immer schafft er es zu überraschen. So folgen wir ihm neugierig nach Prag, das er mit den Augen eines Achtjährigen betrachtet, auf Friedhöfe in Odessa oder in die Straße in Warschau, die einst David Bowie entlang gegangen ist. Ein bisweilen hochpoetisches Buch zum Stöbern, Lachen, Nachdenken und Staunen. (Syme Sigmund)
Einen ganz besonderen Alphabetreigen haben sich die beiden Fotokünstler Broomberg & Chanarin ausgedacht. Kurios seltsame, schräge oder auch einfach saukomische Schwarz-Weiß-Fotos aus dem
Stephen Crane war Journalist, Abenteurer, exzellenter Stilist – und wurde nur 28 Jahre alt. Ende des 19. Jahrhunderts machte er als einer der ersten Matrosen und Kapitäne, Jahrmarktsangestellte und Arbeitslose, Fischer, Schmuggler oder Kriegswaisen zu seinen Protagonisten. Ihnen gab er Gesichter, Gefühle und Würde. Seiner Zeit voraus errang er nicht die verdiente Anerkennung, blieb aber Geheimtipp und war großes Vorbild für Ernest Hemingway und Joseph Conrad. Wiederzuentdecken sind seine Erzählungen – zum Teil erstmals ins Deutsche übertragen – in einem Band der wunderschönen Mare-Klassiker-Bibiliothek: Im Schuber und leinengebunden. Ein optischer, haptischer und literarischer Genuss. (Syme Sigmund)
Es beginnt mit einem Brief Cäsars, der seinen Großneffen Gaius Octavius schätzt und fördert. Doch kurz darauf ist der Herrscher einem Attentat zum Opfer gefallen. Was wird nun aus dem jungen, ehrgeizigen Großneffen, der eigentlich der Philosophie und Gelehrsamkeit zuneigt? In fiktiven Briefen, Tagebucheinträgen und Dokumenten zeichnet Williams das Leben und die Persönlichkeit des uns heute als Augustus bekannten Gaius Octavius nach, seinen Weg zur Macht, der ihn als Menschen verändert, seine lange Regierungszeit mit ihren politischen Verschiebungen, schließlich seinen Tod. Es ist großartig, wie Williams umkreist, was und wie es gewesen sein könnte und dabei den verschiedenen Figuren, Freunden, Familienmitgliedern, Zeitgenossen, Gegnern Augustus‘ eine sehr lebendige Stimme verleiht. Sofort gerät man hinein in den Sog einer bewegten Zeit, die der unsrigen so fern liegt und von der doch so viele Verbindungslinien zu uns führen. (Judith Krieg)