Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober, Penguin Verlag 2020, 924 S. mit 32-seitigem Bildteil, € 40,-, TB 2022, € 22,-
(Stand November 2022)
Als brillante Autorin wegweisender Essays wie „Camp“, „Die Krankheit als Metapher“ oder „Über Fotografie“, als kritische Intellektuelle, als New Yorker Jüdin, als streitbare Geliebte weniger Männer und vieler Frauen, als glamouröse vielfotografierte Erscheinung, als mit den Geistes- und Künstlergrößen der halben Welt befreundete Kosmopolitin, in ihren Themensetzungen und künstlerischen Formaten immer wieder für eine Überraschung gut, ragt Susan Sontag als weibliche Ikone des 20. Jahrhunderts weit heraus.
Die Intensität, mit der sie gelebt und gearbeitet hat, wirft viele Fragen auf. Wie kann ein einziger Mensch diese vielen Facetten ausleben? Wer war diese Frau, wie wirkte sie als öffentliche Person, was verbarg sich hinter ihrer äußeren Fassade? Der Historiker und Biograf Benjamin Moser hat in seiner mit dem Pulitzer Preis 2020 ausgezeichneten Biografie schier Unmögliches geleistet, hat eine Fülle an Material und Details aus Archiven, Gesprächen und allen erdenklichen Informationsquellen mit scheinbarer Leichtigkeit ausgewertet und ist dabei dem Menschen und dem Phänomen Susan Sontag ganz nahegekommen, ihren Schattenseiten, ihrer intellektuellen Genialität wie ihrer überragenden öffentlichen Rolle. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Wenn die letzten Besucher den Rummel abends verlassen haben, das Tor zugesperrt und das Licht abgeschaltet wurde, kommen die Tiere des Waldes, um sich genauso zu vergnügen, wie am Tag die Menschen. Durch ein Loch im Zaun schlüpfen sie hinein, Strom an, und los gehts – auf Karussell und Achterbahn, zum Bällewerfen oder auf die Schiffsschaukel. Popcorn und Hot Dogs werden verkauft, alle amüsieren sich prächtig, bis die Dämmerung kommt.
Gerade in der Winterzeit, wenn die Natur pausiert, ist allein die Beschäftigung mit alten Früchten wie dem „Herbstprinz″, dem „Weißen Winterkalvill″, dem „Königlichen Kurzstiel″, der „Venusbrust″, der „Krachmandel″ oder dem „Gubener Spilling“ eine außerordentliche Freude. Die Gärtnerin und Übersetzerin (auch von Nigel Slaters Kochbüchern) Sofia Blind hat in ihrem mit vielen Bildtafeln wunderschön ausgestatteten Band alte Obstsorten mit ihren historischen Namen, ihrer Geschichte und ihren faszinierenden Besonderheiten anschaulich porträtiert. Anregungen zum Anbau, Tipps zum Erwerb historischer Früchte sowie Hausmacherrezepte für Marmeladen, Aufläufe und Desserts machen noch mehr Lust, sich auf die Suche nach gesunder geschmacklicher Vielfalt zu begeben. (Stefanie Hetze)
Allein das Buch in den Händen zu halten ist ein Genuss, da die vorgestellten Tiere auf den Einband geprägt sind, lassen sich ihre Umrisse ertasten. Und fürs Auge hat die Illustratorin Kat Menschik wirklich kongenial gesorgt und die Tiere auf schwarzem Hintergrund porträtiert, der ihre Farbigkeit und Vielfältigkeit umso mehr zum Leuchten bringt. Das Multitalent Mark Benecke bringt uns in seinen unterhaltsamen und gleichzeitig wissenschaftlich fundierten Texten Vertreter kurioser Spezies nahe, so neben Bekanntem wie Möpsen oder Glühwürmchen den „Rotbeinigen Schinkenkäfer“, „Betrunkene Elche“ oder „Kopffüßler“. Ihre Eigenarten und Vorlieben beschreibt er mit dem Vorhaben, „unsere Mitlebewesen ihr eigenes Ding machen zu lassen. Egal, ob und wie viele Arme und Beine sie haben.“
Sizilien ist alles gleichzeitig: Geschichte und Mythologie, Schönheit und Zerstörung, Antike und Moderne, Europa und Afrika, Tod und Vitalität. Die sizilianische Musikerin Etta Scollo, die früh ihre Heimat verließ, aber in ihrem Herzen und ihren Liedern diese besondere Insel mit ihren unzähligen Facetten und Widersprüchen in sich trägt, begibt sich auf Spurensuche quer durch die Orte und Regionen. Sie befragt viele Menschen, die anders als sie geblieben sind, Künstler*innen, Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen, Politiker*innen, auch Zufallsbekanntschaften. Alle eint, dass sie ihre Insel leidenschaftlich lieben, heftig unter den Missständen leiden und sich mit Nachdruck in ihre Ideen stürzen, ihr Sizilien zu erneuern. Dazu gibt es Scollos eigene Erinnerungen, literarische Texte, charakteristische Fotografien der Menschen, Landschaften, Häuser und Details, Scollos Liedtexte – und als Sahnehäubchen den Downloadlink oder in der Sonderausgabe die CD zum akustischen Mitreisen. Besser lässt sich die Insel momentan nicht erkunden! (Stefanie Hetze)
In der großbürgerlichen Villengegend Berlin – Schlachtensee fällt ein Haus komplett aus dem Rahmen ob seiner Schlichtheit und Schönheit: eine Bauhausikone entworfen von Peter Behrens. Dieses Haus gehörte seit 1934 dem jüdischen Schauspieler Fritz Wisten und seiner Frau Dorothea, ebenfalls einer Schauspielerin. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Nazigrößen und wenigen NS-Gegnern überlebten sie hier mit ihren Töchtern, ihrem schwulen jüdischen Untermieter Freddy Balthoff und anderen, denen sie halfen, Naziterror und Bombenangriffe und die Nachkriegszeit, in der sich in der deutschen Kulturlandschaft schnell wieder die alten Seilschaften durchsetzten.
Jippie, es gibt sie wieder! Ich kann die LP immer noch größtenteils auswendig, so oft habe ich sie damals als Kind gehört.
Adriana Altaras gehört zu den Autorinnen, denen es gelingt, schwere Themen mit sensibler Leichtigkeit zu behandeln. Die Ich-Erzählerin, die unverkennbar aus Adriana Altaras Biographie schöpft, freut sich auf ihr neues Regie-Projekt und das Versinken in Mozarts Welt der “Entführung aus dem Serail”. Auch wenn das heißt, die großen und kleinen Katastrophen des Theaterbetriebs abzufedern, ein Ensemble von 42 Exzentrikern zu bändigen und in weniger charmanten Theaterwohnungen schlecht
Reisen ist in diesen Zeiten schwierig, aber so eine Datscha vor der Stadt, ein Häuschen im Grünen, das wär‘ doch was… Das wissen sie auch in Moskau und Sankt Petersburg und zwar schon seit Beginn des 18. Jahrhunderts. Marina Rumjanzewa erzählt uns im ersten Teil dieses schön gestalteten Buches auf fesselnde und interessante Weise die Geschichte der Datscha von ihren Anfängen unter Peter dem Großen bis heute. Sie ist ein Stück russischer Kultur und als solche spielt sie auch in vielen Texten der russischen Literatur eine Rolle. In Erzählungen von Puschkin, Tschechow oder Tolstoi, von Michail Schischkin oder Tatjana Tolstaja tauchen wir im zweiten Teil des Bandes ein in die Welt der Datscha, in den ihr ganz eigenen Lebensstil fernab der strengen gesellschaftlichen Regeln der Stadt, in das kleine, standesübergreifende Glück abseits der großen Metropole, wo der Sommer zwischen Gartenfesten und Datscha-Romanzen endlos scheint. Der Datscha-Bilderbogen auf der Innenseite des Schutzumschlages ist bitte nicht zu übersehen, er rundet das Buch aufs Schönste ab. (Syme Sigmund)
Giangiacomo Feltrinelli, der berühmte Verleger, ist tot. Im Jahr 1972 wird sein lebloser Körper unter einem Hochspannungsmast in der Nähe von Mailand gefunden. Dieses viel diskutierte Ereignis wurde nie aufgeklärt.