Aus dem Englischen von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs, Folio Verlag 2020, 480 S., € 25,-, TB Heyne 2023, € 13,-
(Stand Februar 2024)
England zwischen 2010 und 2018. Eine Gruppe alter Freunde zwischen London und Birmingham, eher links orientierte Intellektuelle und ihre Familien, erleben und registrieren den schleichenden Wandel der Gesellschaft bis hin zum Brexit, die zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Verbittertheit der Middleclass, die „Old England“ verklärt, der „Political Correctness“ den Kampf ansagt und die Grenzen des „öffentlich sagbaren“ nach und nach immer weiter verschiebt. Verschiedenste Episoden, dem Leben der Protagonisten über die Jahre folgend und spannungsreich miteinander verwoben, lassen einen intensiven Eindruck von der Stimmung im Land entstehen. Dabei ist Coes durchaus unterhaltsam-ironischer Roman kein ausschließlich auf England zu beziehendes Buch, sondern zum Verständnis der in ganz Europa erfolgten und noch erfolgenden sozial-politischen Entwicklung unbedingt lesenswert. (Syme Sigmund)

Die Ich-Erzählerin dieses Romans verliert unvermittelt ihren engsten Freund und bekommt dessen achtzig Kilo schwere Dogge vermacht. Nun teilt die zurückgezogen lebende Autorin das kleine New Yorker Apartment und die Trauer mit diesem riesigen Tier. Während
Allein der Titel war 1953, als der Band in Italien erschien, eine Provokation, der Stadt Neapel, ihren Stolz abzuerkennen, lichtdurchflutet am schönen Meeresgolf zu liegen! Anna Maria Ortese wandte sich in ihren erzählerischen Reportagen den dunklen meerabgewandten Gassen zu, die stickig und drückend sind, und in denen die Menschen elendig am Rande des Existenzminimums hausen. Es sind bittere harte Geschichten von verlorenen Menschen und ihren unrealistischen Träumen, aus einer Stadt voll der Nervosität und Anspannung, in der sich die wundersamsten Begebenheiten und Obsessionen ereignen. Diesen spürt die Rückkehrerin Ortese in ihren Streifzügen durch Schatten und Licht nach. In einer hochkonzentrierten brillanten Sprache verdichtet sie das neapolitanische Nebeneinander von Armut und Leid, von Schönheit und Hoffnung zu einem literarischen Ereignis. Nicht umsonst inspirierte sie Fabrizia Ramondino und Elena Ferrante zu ihren Neapelromanen. Endlich ist sie in Deutschland zu entdecken! (Stefanie Hetze)
Emma kann es nicht fassen. Aus Dublin in die mecklenburgische Provinz hat es sie verschlagen, in das Dorf, in dem ihre Mutter aufgewachsen ist, zu den wortkargen deutschen Großeltern, die sie nicht kennt, in einen Ort, wo alles „dichtgemacht“ hat – der Konsum, der Kindergarten -und viele Häuser leer stehen. Sofort wieder zurück möchte sie, zu ihren Freundinnen, dem irischen Meer und der vertrauten Sprache, denn „Die englische Sprache bin ich. Deutsch spreche ich nur“. Aber das ist nicht so einfach, wenn man erst zwölf ist, wenn der irische Großvater zwar ihre Trauer spürt, aber nur leise sagt „I´m sorry luv. Ye know I can`t“ und wenn die kleine Schwester vor Wut, Trauer und Heimweh kein Wort mehr spricht und man sie gerade jetzt einfach nicht allein lassen kann. Levin, der Junge mit den Heavy Metal Shirts und der Melancholie im Blick, Levin, der einzige, der Emma zuhört, der hätte einen Plan, aber auch Levin hat seine eigenen Sorgen, und dann … dann schleichen sich die fremde Umgebung, die Ostsee und Levin klammheimlich doch in Emmas Herz.
Un libro per ammirare il mondo fuori da noi e apprezzarlo per come si presenta: vario, multiforme, un’alternarsi di regolarità e irregolarità che dà ritmo e sapore a tutto. Per un bambino il mercato è un gioco bellissimo dove usare bene gli occhi e fare scoperte. Le autrici ci accompagnano in un viaggio che assomiglia al catalogo del mondo. Un pezzo di realtà particolarmente variopinta della quale fanno parte voci, corpi, cose ed esseri umani. (Giulia Mirandola)
Simona nasce in una famiglia di operai e grazie ai sacrifici dei genitori riescono a studiare all’università. La sua tesi di laurea parla del treno ad alta velocità, al quale in Italia si lavora da anni. I minatori forano le montagne e Simona passa molto tempo a intervistarli, ascoltarli e conoscerli. Vengono dal sud, tossiscono in mezzo alla polvere dei cantieri eppure hanno sguardi fieri, combattivi, che fanno ripensare Simona alla sua origine, alla sua famiglia umile, eppure forte e dignitosa. Un’emozionante riflessione sul significato della lotta di classe. (Giulia Silvestri)
Die meisten von uns gehen gerade im Alltag durch vertraute Umgebungen, ohne wirklich zu schauen. Die praxiserfahrene Architekturhistorikerin Turit Fröbe legt mit ihrem Bestimmungsbuch für moderne Architektur gut strukturiertes Werkzeug vor, wie sich anhand von Fenstern, den „Augen der Architektur“, sowie dem Einsatz von Materialien, Formen und Farben Gebäude einschätzen lassen. Es macht enormen Spaß, mit dem Führer durch die Stadt zu laufen und gerade auch „hässliche Häuser“ eingehend anzusehen! (Stefanie Hetze)
Jede Stadt hat ihr eigenes Gesicht, geprägt nicht zuletzt durch die Dinge, die wir zwar wahrnehmen aber nicht bewusst sehen, wie Straßenschilder, Bürgersteige, Bushaltestellen, Poller oder Ampeln. Lampugnani, einer der international bedeutendsten Städtebautheoretiker, erzählt ihre (oft schon in der Antike beginnenden) Geschichten, sowie amüsante Anekdoten, anschaulich gemacht durch zahlreiche Fotos und Abbildungen. Ein Buch voller Überraschungen zum Stöbern, Staunen und Festlesen. (Syme Sigmund)
Unn ist neu in dem kleinen norwegischen Dorf, sie ist nach dem Tod ihrer Eltern zu ihrer Tante gezogen. Still ist sie, schließt sich den anderen Kindern nicht an, aber Siss fühlt sich stark zu ihr hingezogen. Als sich die Mädchen endlich allein treffen, ist sofort eine Seelenverwandtschaft da, die Sicherheit, dass diese Freundschaft für immer sein wird. Doch am nächsten Tag verschwindet Unn spurlos, verirrt sich in den Spalten eines gefrorenen Wasserfalls – des Eis-Schlosses – die Suche des ganzen Dorfes bleibt erfolglos. Siss erstarrt in Trauer, fühlt sich der gerade erst gewonnenen Freundin verpflichtet, zieht sich in sich zurück. Die anderen Kinder, die Dorfgemeinschaft und Siss Eltern akzeptieren sie, geben ihr Zeit, warten, wenden sich nicht ab. Veesas Prosa ist lyrisch, atmosphärisch und doch schlicht und glasklar. Selten wurden Einsamkeit und Trauer, der behutsame Umgang mit der Trauernden und die schrittweise Rückkehr ins Leben so intensiv, so innig und so feinfühlig beschrieben wie in diesem schmalen Roman von 1963, der nun von Hinrich Schmidt-Henkel hervorragend neu übersetzt wurde. (Syme Sigmund)
Anfang der Neunziger – nichts geht mehr in diesem öden Teil Frankreichs. Die Hochöfen sind abgestellt, die Fabriken geschlossen, die Arbeiter entlassen, die Häuschen und Wohnungen der Menschen eng und provisorisch. Unter diesen miesen Bedingungen wachsen Anthony, Hacine und ihre Cliquen heran. Auf keinen Fall wollen sie eine so erbärmliche Existenz wie ihre Eltern führen. Sie wollen was vom Leben, eine schnelle Maschine, Alkohol, Drogen, Sex. Dass sich das alles nicht legal verwirklichen lässt, nehmen sie in Kauf. Anthony hat es ausgerechnet auf Steph abgesehen, die bessergestellte Tochter des Mercedeshändlers, Hacine steigt tief in den Drogenhandel ein. Das kann alles nicht gutgehen. Mathieu, von Haus aus Soziologe, geht in seinem fulminanten Roman fast unaushaltbar nah an seine Protagonisten heran, seine direkte Sprache bringt es auf den Punkt. So sehr man es sich auch wünscht, unter diesen Bedingungen gibt es kein Entrinnen. Ein großer Wurf. (Stefanie Hetze)