Aus dem Italienischen von Maja Pflug, Diogenes 2019, 528 S., € 24,-, Diogenes TB € 13,-
(Destino, Rizzoli 2018, ca. € 17,50)
(Stand März 2021)
Borgo di Dentro, eine kleine Stadt des Piemont an der Grenze zu Ligurien. Man schreibt das Jahr 1900, Anita und Giulia sind 19, beste Freundinnen und arbeiten beide seit ihrer Kindheit in der Spinnerei. Giulia ist seit langem mit Pietro verlobt. Als sie diesen zusammen mit Anita überrascht, flieht sie allein über Genua nach New York. Was wie ein konventioneller Liebesroman beginnt, entwickelt sich zu einem packend geschriebenen und bestens recherchierten Panorama von 50 Jahren norditalienischer Geschichte, wobei das Schicksal der daheim gebliebenen dem der Auswanderer gegenübergestellt wird. Streiks, Ausbeutung, die Weltkriege, der Faschismus und die Partisanenkämpfe prägen mit all ihrer Brutalität das Leben von Anita, Pietro und ihrer Familie, während Giulia in Amerika zu Wohlstand gelangt. Raffaella Romagnolo gelingt das Kunststück, historische Fakten so lebendig zu schildern, so berührend und mitreißend, ohne dabei in Kitsch abzugleiten, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann, um am Schluss wie aus einem guten Film daraus emporzutauchen. (Syme Sigmund)

Frankreich, 1915. Thérèse lebt mit ihrem Sohn Georges in einem Dorf in der Provence. Ihr Mann ist im Krieg gefallen und die Einsamkeit sowie das stete unerfüllte sexuelle Begehren setzen ihr zu. Als der junge, hübsche, deutsche Kriegsgefangene Otto auftaucht, beginnt sie mit ihm eine Affäre. George, voller Eifersucht und Misstrauen, entfernt sich innerlich immer stärker von der einst so geliebten Mutter. Als sie schwanger wird und die Gerüchte im Dorf lauter werden, steuert Thérèse auf eine Katastrophe zu. Aufgrund der unzweideutigen Beschreibung weiblicher Sexualität löste der Text bei seinem Erscheinen 1931 einen Skandal aus. Poetisch, psychologisch feinfühlig und seiner Zeit weit voraus beschreibt de Richaud das Innenleben und die Zerrissenheit Thérèses und ihres Sohnes. Die junge Übersetzerin Sophie Nieder hat den Text mit hervorragendem Sprachgefühl erstmals ins Deutsche übertragen. Für Camus war es der Roman, der ihn nach eigener Aussage inspirierte, Schriftsteller zu werden. Eine herausragende Entdeckung. (Syme Sigmund)
Kalabrien der 60-er Jahre. Im Dorf Africo Nuovo leben vor allem Frauen, Alte und Kinder. Die Männer sind emigriert, nach Mailand oder nach Wolfsburg. Nur die Mafiosi haben in dem kargen Land ihr Auskommen. Nicola und seine Freunde sehen im Schulbesuch keinen Sinn, hängen in der Bar rum und rutschen nach und nach in die Kleinkriminalität ab – auch um ihren hart arbeitenden Müttern etwas zustecken zu können, denn die fernen Männer schicken Geld nur sporadisch, wenn überhaupt. Als eines Tages Papula auftaucht, ein junger Rückkehrer aus Deutschland, mit revolutionären Ideen im Kopf, scheint plötzlich alles möglich. Die ausgebeuteten Frauen proben den Aufstand und die Jungen träumen für kurze Zeit von einer Zukunft für den Ort und für sich selbst. Doch gegen die mafiösen Strukturen und korrupte Politiker ist es ein ungleicher Kampf.
Knirps hat genug davon, mit dem langweiligen Puppentheater seiner Eltern durch die Lande zu ziehen, und so macht er sich in einer finsteren Gewitternacht auf durch den Bangewald, um Knappe des gefährlichen Raubritters Rodrigo Raubein zu werden, denn Angst – Angst kennt er nicht. So beginnt eine von Michael Ende mit viel Sprachwitz begonnene und von Wieland Freund mit sensibler Hand und voll sprühender Phantasie fabelhaft zu Ende geführte, abenteuerliche Geschichte, in der nichts ist, wie es scheint, und ein schlauer Papagei, eine furchtlose Prinzessin, ein melancholischer König und ein fieser Magier eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Ach ja, ein Drache sowie einige genervte Sumpfdruden haben auch ihren Teil an den Geschehnissen, mehr wird aber nicht verraten! Ein fantastisches, überaus witziges Vorlesevergnügen. (Syme Sigmund)
Maria Stepanova entstammt einer weit verzweigten jüdisch-russischen Familie, deren Angehörige versucht haben, unauffällig zu leben und ohne groß Spuren zu hinterlassen den Verfolgungen und dem Terror durch Diktatur, Stalinismus und Antisemitismus zu entgehen. Diese Menschen haben kaum Dinge hinterlassen, es gibt nur relativ wenige Fotos, Dokumente und Objekte, die Stepanova hinzuziehen kann, um sich ihrer Vorfahren zu erinnern und sie aus dem Nichts des Vergessens herauszuholen. Immer wieder täuscht das Gedächtnis, erweisen sich übliche Versuche der Aneignung von Familiengeschichte wie das Besuchen von Orten als trügerisch. Das ist die Ausgangslage für dieses abenteuerliche ungemein bereichernde Projekt der Erzählung einer Familiengeschichte, das sich allen Klassifizierungen entzieht und seine Leserinnen und Leser einlädt, mitzugehen bei all den Umwegen, Hinweisen und Anspielungen, auf die die Autorin bei ihrer Recherche stößt und die sie einbezieht in ihren großen inneren Dialog mit ihren Toten. Es ist sehr anregend, sich auf Stepanovas Reise einzulassen. (Stefanie Hetze)
Ein Großteil dessen, was von der Menschheit geschaffen wurde, ist uns schon verloren gegangen. Judith Schalansky greift einzelnes heraus und spürt ihm nach. In einer Mischung aus Essays, historischen Berichten und Erzählungen, die mal näher, mal entfernt assoziativ ihren Gegenstand umkreisen, berichtet sie von der versunkenen Insel Tuanaki, einem verschollenen Film, den Liebesliedern der Sappho oder auch dem Palast der Republik. Jeder Text verfügt über einen neuen, dem jeweiligen Thema angepassten Erzählton, mal Nature Writing, mal moderne Erzählung, oder Sachtext, mal poetisch, mal prosaisch oder verspielt – doch nie zufällig, immer überzeugend stimmig und voller Überraschungen. Dass das Buch auch wundervoll und sorgfältigst gestaltet ist – vom Drucksatz bis zu den eingefügten, je nach Lichteinfall mal sicht- mal unsichtbaren Bildseiten braucht bei dieser mehrfach für ihre Buchgestaltungen preisgekrönten Autorin kaum noch erwähnt zu werden. Ein besonderes Kleinod, mit Muße und bedacht zu genießen. (Syme Sigmund)
Mit diesem Opus Magnum zeichnet der Autor die Geschichte dieses überdimensionierten Gebäudes und der ihrer prominenten Bewohner nach. Als Elitebolschewisten zogen die Funktionäre 1931 in das komfortable Haus ein und gewöhnten sich und ihre Familien schnell an den dort gebotenen spießbürgerlichen Lebenstil. Als es zu den Säuberungen unter Stalin kam, war es für die Regierung ein leichtes, im Gebäudekomplex Verhaftungen und Hinrichtungen durchzuführen. Slezkine verfolgt die Biografien diverser Einzelschicksale, erzählt von ihrem ideologischen Irrglauben und lässt die literarischen Zeugnisse der Zeit einfliessen. Da kann man so richtig eintauchen. (Stefanie Hetze)
Eine Entdeckung aus dem Jahre 1914! In ihrem charmant-frechen Tagebuch schreibt die 14jährige Protagonistin, ein mit wirklich allen Wassern gewaschener Backfisch aus gutem Haus, von ihren amourösen Spaziergängen und Erlebnissen im Berliner Westen. Zum Glück retten sie ihr Freiheitsdrang und ihre Berliner Schnauze aus manch einer brenzligen Situation mit Malern aus dem Grunewald, Heiratsschwindlern und anderen übergriffigen Herren. Heute ist dieses frühe Sittenbild in all seiner Unmittelbarkeit ein großer Spaß. (Stefanie Hetze)
Eine opulent bebilderte, faszinierende Reise durch 40.000 Jahre Glaubens- und Gesellschaftsgeschichte anhand zahlreicher Artefakte, vom Ulmer Löwenmenschen aus Elfenbein über griechische Vasen und Reliquienschreine. Kein Buch über Religion, sondern ein überzeugender Versuch zu verstehen, warum der Glaube, seine Mythen, Narrative und Rituale für Gemeinschaften so wichtig und identitätsstiftend sind und die irdischen Beziehungen untereinander prägen. (Syme Sigmund)
Ein Meister seines Fachs muss er gewesen sein, mehr ist über den Erschaffer von Philipp Bloms Geige nicht bekannt. Doch die Frage lässt ihn nicht los – wer war der unbekannte Geigenbauer? Stammte er aus Süddeutschland? Ging er noch als Kind nach Venedig um dort sein Handwerk zu lernen? Blom nimmt uns mit ins frühe 18. Jahrhundert und erzählt spannungsreich und unterhaltsam vom Leben der Handwerker und den europaweiten Handels- und Migrationsrouten jener Zeit. (Syme Sigmund)