Aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Berlin Verlag 2020, 352 S., € 22,-, TB Piper 2021, € 12,-
(La ragazza con la Leica, Guanda 2019, ca. € 17,50)
(Stand Oktober 2021)
Das „Mädchen mit der Leica“ ist die Antifaschistin und Reporterin Gerda Taro, eine intelligente mutige Frau, deren Geschichte bis vor wenigen Jahren unbekannt war. Als Lebensgefährtin des berühmten Fotografen und Kriegsreporters Robert Capa stand Gerda Taro lange in seinem Schatten. In Stuttgart geboren, nach Leipzig und Berlin gezogen, aus dem Nazi-Regime nach Paris geflüchtet, wurde die erste Kriegsfotografin der Welt im Spanischen Bürgerkrieg mit nur 26 Jahren von einem Panzer zu Tode gequetscht.
Auf den Seiten dieses biografischen Romans wird ihr Leben aus drei Perspektiven beleuchtet. Aus den Aussagen dreier Menschen, die ihr in unterschiedlichen Momenten ihres Lebens nahe standen, entsteht das kraftvolle Bild einer Frau, die ihre ganze Existenz der Freiheit widmete. Aus Helena Janeczeks Sinn für Details und ihrer Leidenschaft für besondere biografische Momente ist ein starker, kaleidoskopischer Roman entstanden, ihr bester bisher. Ein Roman voller Gefühle, der von der Nähe zwischen Menschen, von Träumern, Verrückten und Verzweifelten erzählt, von Lebensfreude und Mut, Erinnerung, Leichtigkeit und Werten. (Giulia Silvestri)

England zwischen 2010 und 2018. Eine Gruppe alter Freunde zwischen London und Birmingham, eher links orientierte Intellektuelle und ihre Familien, erleben und registrieren den schleichenden Wandel der Gesellschaft bis hin zum Brexit, die zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Verbittertheit der Middleclass, die „Old England“ verklärt, der „Political Correctness“ den Kampf ansagt und die Grenzen des „öffentlich sagbaren“ nach und nach immer weiter verschiebt. Verschiedenste Episoden, dem Leben der Protagonisten über die Jahre folgend und spannungsreich miteinander verwoben, lassen einen intensiven Eindruck von der Stimmung im Land entstehen. Dabei ist Coes durchaus unterhaltsam-ironischer Roman kein ausschließlich auf England zu beziehendes Buch, sondern zum Verständnis der in ganz Europa erfolgten und noch erfolgenden sozial-politischen Entwicklung unbedingt lesenswert. (Syme Sigmund)
Per la prima volta il magazine firmato Iperborea racconta una città europea, invece di un paese del mondo. L’eccezione si deve al fatto che la città in questione è Berlino e che nel 2019 la capitale tedesca festeggia il trentennale dalla caduta del Muro. Il volume è composto da sedici saggi brevi perlopiù inediti, firmati da autori e autrici quali Cees Nooteboom, Peter Schneider, Christine Kensche, Annett Gröschner, Vincenzo Latronico; un reportage fotografico del fotografogiornalista pluripremiato Mattia Vacca; illustrazioni di Francesca Aena e infografiche di Pietro Buffa. Ne esce un ritratto vicino alla realtà delle cose, convincente perchè non nasconde criticità e non annega nella nostalgia, ma prova a fare i conti con quello che non è più e non è ancora. (Giulia Mirandola)
Un romanzo autobiografico e ibrido che racconta di un tempo ormai lontano, i primi anni 80, sullo sfondo di una Roma onirica e arcana. Emanuele lavora in un cineclub e una sera incontra il fotografo Arturo Patten, che lo introduce al mondo dell’arte nelle sue molteplici forme e lo spinge a riflettere sul senso di realtà e illusioni: consigliato agli appassionati di storia, arte, psicologia e letteratura „strana“. (Giulia Silvestri)
Die meisten von uns gehen gerade im Alltag durch vertraute Umgebungen, ohne wirklich zu schauen. Die praxiserfahrene Architekturhistorikerin Turit Fröbe legt mit ihrem Bestimmungsbuch für moderne Architektur gut strukturiertes Werkzeug vor, wie sich anhand von Fenstern, den „Augen der Architektur“, sowie dem Einsatz von Materialien, Formen und Farben Gebäude einschätzen lassen. Es macht enormen Spaß, mit dem Führer durch die Stadt zu laufen und gerade auch „hässliche Häuser“ eingehend anzusehen! (Stefanie Hetze)
Die französische Schriftstellerin und Analytikerin Marie Darrieussecq hat die deutsche Malerin Paula Modersohn-Becker, hierzulande längst eine Ikone, erst spät für sich entdeckt. Schreibend hat sie eine Modersohn-Becker-Ausstellung in Paris, 110 Jahre nach deren letztem Aufenthalt dort, mit vorbereitet. In der Künstlerin, die zwischen dem Dorf Worpswede und der Großstadt Paris pendelte, die sich als erste Frau selbst nackt und schwanger malte, die ihre Arbeit als Künstlerin ins Zentrum ihres sehr kurzen Lebens stellte, hat die Autorin ihr Gegenüber gefunden. Auf knappen, aber durch eine tiefe Recherche verdichteten, intensiven 110 Seiten liest sie deren Briefe, Tagebücher und vor allem ihre Bilder und erzählt den schwierigen Kampf der Malerin um wirkliche Eigenständigkeit als Künstlerin und als Frau. Ein großartiges Kleinod. (Stefanie Hetze)
Per chi è la notte? Il babbo di Francesco conosceva la risposta e non è più tornato dal bosco, lo hanno preso gli streghi, creature spaventose che si aggirano tra gli alberi. È il 1943 e la seconda guerra mondiale sta per entrare nella la sua fase più sanguinosa: in questo contesto Francesco sta diventando grande. Un romanzo di formazione tenero e coraggioso, intriso di elementi onirici e credenze popolari, che a tratti suona come il racconto di un nonno, uno di quelli che hanno visto la guerra. Un debutto imperdibile! (Giulia Silvestri)
Berlin, Anfang der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Es sind die Jahre der Weltwirtschaftskrise, der Massenarbeitslosigkeit, der Heere von Bettlern, Kriegsversehrten und Verzweifelten in den Straßen der schillernden, lärmenden, rasanten Großstadt. Einigen von ihnen folgt der Roman über vierundzwanzig Stunden, um sie am Ende in einem explosiven Finale aufeinandertreffen zu lassen. Es sind Menschen, die ihre Illusionen, ihre Träume oder sogar ihren Verstand verloren haben, Frauen, die sich aus Not prostituieren, ein Arbeitsloser, der sich mit seinem Schicksal noch nicht abfinden will, ein Kriegsblinder voller Wut.
Hawk, ein Wachmann in einem leerstehenden Krankenhaus, ohne Bindung und ohne Gefühle. Nur sein roter Alfa Romeo bedeutet ihm alles, und nun muss er es ertragen, dass ihn jemand abfackelt. Schlimmer geht aber immer, denn dieser Jemand hat auch seiner Wohnung den Garaus gemacht. Dabei hatte Hawk sich nach einer gescheiterten Liebe zur Kneipenwirtin Lu und Jahren im Knast in der Provinz sicher gefühlt, glaubte er seiner Vergangenheit entkommen zu sein. Allein um seine Haut zu retten, muss er den Verfolger finden. Mit einem geklauten Krankenwagen fährt er zurück in die Stadt, in den Kiez und startet an den alten Orten. Diese haben sich in der langen Zeit natürlich radikal verändert. Hawk hat Schwierigkeiten sich zu orientieren und überhaupt bei etwas Vertrautem anzusetzen. Diese Schieflage bei der Suche weitet sich vom Ausfinden und Ergreifen seines Verfolgers unmerklich auf die Vorgeschichte und damit seine eigene Vergangenheit aus. Schicht um Schicht enthüllt die Autorin Details seiner Kindheit und Herkunft, die der erst einmal abgedroschenen Gangster-Loser-Geschichte einen rasanten Drive geben, seinen Furor erklären und dem Titel des Romans Bedeutung verleihen. (Stefanie Hetze)
Florida in den frühen Sechzigern. Elwood, der in ärmlichen Verhältnissen bei seiner Großmutter aufwächst, ist ein guter strebsamer Schüler. Sein größter Schatz ist eine Schallplatte mit Reden Martin Luther Kings, dessen Worte er verinnerlicht hat. In der messerscharf getrennten Welt der Südstaaten hat er als schwarzer Schüler Glück angesichts der Aussicht, bald auf ein College für Afroamerikaner gehen zu dürfen. Dann gerät er zufällig in ein gestohlenes Auto, wird festgesetzt und landet in einer Besserungsanstalt. Dort sind die Regeln unberechenbar, es herrschen willkürliche Repression, Folter und Missbrauch über die ausgelieferten jugendlichen Insassen. Viele von ihnen überleben diese „Schule“, die sich nach außen regelkonform gibt, nicht. Elwood versucht, auch dank Martin Luther King, sich nicht unterkriegen zu lassen.