Das Leben der Natalia Ginzburg. Aus dem Italienischen von Stefanie Römer. btb Verlag 2020, 640 S., € 24,-
(La corsara. Ritratto di Natalia Ginzburg. Neri Pozza 2018, ca. € 26,50)
(Stand März 2021)
Die Schriftstellerin Natalia Ginzburg ist die bedeutendste Minimalistin der italienischen Literatur. In ihren Romanen, Erzählungen und Texten ist jedes Wort mit Bedacht gesetzt, erbarmungslos, aber gleichzeitig mit viel Ironie enthüllt sie menschliche Schwächen, die Verstrickungen in Familien, die Abgründe zwischen Frau und Mann. Ihre Bücher sind moderne Klassiker der Weltliteratur, Inspiration gerade für Autorinnen weltweit.
Doch was ist das Material, aus dem sie schöpfte? Wer war diese italienische Schriftstellerin, Übersetzerin, Lektorin, Journalistin, Politikerin, Mutter? Die gerade ins Deutsche übersetzte Biografie „Die Freibeuterin“ von Sandra Petrignani taucht tief in Ginzburgs wechselvolles Leben ein. Sie spannt den Bogen von ihrer Kindheit als ein bisschen übersehene Tochter in einer bürgerlichen jüdischen Familie über ihre Ehe mit Leone Ginzburg, dem charismatischen Intellektuellen und Mitbegründers des Einaudi Verlags, der von den Nazis zu Tode gefoltert wurde, ihren schmerzhaften schwierigen Neuanfang nach dem Krieg, die Bedeutung als weiblicher Schriftsteller bis zur Anerkennung als eine der ganz Großen des italienischen Geistes- und Kulturlebens.
Mit ihrem faszinierend breit angelegten Verfahren, eine Fülle von Beschreibungen, Zitaten, Quellen, literarischen Verweisen, von Gesprächen mit lebenden Zeitzeug*innen, von Ortsbesichtigungen, Assoziationen und Fragen zu verweben, ist Sandra Petrignani ein beeindruckendes Porträt Natalia Ginzburgs gelungen und regt noch einmal mehr an, Ginzburg selbst zu lesen! (Stefanie Hetze) Leseprobe

Luftpiraten leben in Luftlöchern (unterluftig miteinander verbunden), sind grauhäutig, immer schlecht gelaunt und stets streitlustig (schon mal überlegt, wo Blitz und Donner herrühren? Na also). Dafür gibt es sogar eine Schule, mit Streitunterricht und Brüllwettbewerb. Luftpiratenlehrer Adiaba ist da selbstverständlich Experte, doch eines Tages liegt ein Baby vor seiner Tür: Zwolle. Eine Katastrophe! Denn Zwolle ist ein Weißer Luftpirat, lieb, nett, freundlich – und verboten! Adiaba bringt es nicht übers Herz (was für ein ungewohntes Gefühl!) ihn anzuzeigen. Als er dafür verhaftet und verbannt wird, macht Zwolle sich mit Franka, dem unerschrockensten Luftpiratenmädchen weit und breit, Kaspar, einem wandelbaren Luftikus, Theo Rättich, einem furchtbar gelehrten Luftpiraten, sowie Charley Gottchen, der nur als Stimme existiert, auf, ihn zu befreien. Ein spannender Roman für alle ab 9 und zum Vorlesen, ein mitreißendes Feuerwerk sprachlicher Fantasie. (Syme Sigmund)
Die Aufmachung ist schon sehr fein und das hat mich als Blickfang gereizt. Dann das Thema: „Die Atemlehrerin“. Und dann der Untertitel: „Wie Carola Spitz aus Berlin floh und die Achtsamkeit nach New York mitnahm“. Der Verfasser, mir bisher unbekannt: Christoph Ribbat. Der Inhalt beschreibt ineinander verschränkt die Biographie einer Berliner Jüdin, die es geschafft hat, nach der Flucht aus Berlin in Holland ihren Mann aus den Händen der Nazis zu befreien und mit ihm schließlich in New York zu landen, um dort eine neue Existenz aufzubauen. Am Central Park, mit dem Lift in die zehnte oder elfte Etage in ihr helles, freies Studio, in dem sie Unterricht gab, über viele Jahrzehnte. Parallel wird die Geschichte der Gymnastik-Bewegung erzählt, aus der auch der Atem-Kult hervorging. All das Aufregende und für mich Neue wird sachlich und ruhig und doch mit viel Empathie erzählt, basierend auf gründlicher Recherche. Schön, dass auch Fotos aus dem Leben dieser tüchtigen und selbständigen Frau enthalten sind. Neben all den vielen Frauen-Biographien, von denen jede einzelne wichtig und notwendig ist, gelingt dieser Biographie etwas Außergewöhnliches: Zeitgeschichte mit persönlichem Schicksal ruhig und trotzdem sehr engagiert zu verbinden. Ein Gewinn und ich wünsche dem Buch viele Leser und Leserinnen. (Lisette Nichtweiss)
Rita lebt mit ihrer Mutter direkt am Pichelssee, einer Ausbuchtung der Havel im Westen Berlins. Gut haben sie es, findet Rita, mit ihrer eigenen Bootsschule so direkt am Wasser, und außerdem hat sie bald Geburtstag, wird zehn und kann ihre Feier mit Segelregatta und riesiger Marzipantorte kaum erwarten. Da passt es gar nicht, dass ihre Mutter plötzlich mit einem Mann auftaucht, in den sie augenscheinlich auch noch verliebt ist, und der seine drei unausstehlichen Söhne mitbringt. Denen gefällt es so gut am Pichelssee, dass sie die Sommerferien über gleich bei ihnen bleiben wollen. Das kann Rita alles gar nicht akzeptieren, und so schmiedet sie Pläne, wie sie die drei Nervbolzen wieder los wird, und den Mutter-Stefan gleich mit dazu. Wenn doch ihre beste Freundin Leonie endlich aus dem Urlaub zurück wäre, um ihr beizustehen.
Dieses Buch ist wie ein guter Kuchen – eine harmonierende Mischung aus Rezepten, dazu passenden Geschichten und hinreißenden Illustrationen, verschmolzen zu einem gelungenen Ganzen. Maira Kalman schreibt und bebildert Momente, in denen ein Kuchen genau das richtige ist, und schwelgt dabei auch in Erinnerungen an ihre Kindheit in Tel Aviv. Da gibt es den Schokoladenkuchen eines unbeschwerten Kindheitssommers, den Kuchen für gemeinsames Pläneschmieden, den trostspendenden Kuchen für ein gebrochenes Herz oder die üppige Torte, um die sich gute Freunde versammeln. Und das Beste: Die Rezepte sind leicht nachzubacken und liefern wunderbare Ergebnisse. Kein Tag mehr ohne Kuchen, her mit dem Kuchen! (Syme Sigmund)
Das „Mädchen mit der Leica“ ist die Antifaschistin und Reporterin Gerda Taro, eine intelligente mutige Frau, deren Geschichte bis vor wenigen Jahren unbekannt war. Als Lebensgefährtin des berühmten Fotografen und Kriegsreporters Robert Capa stand Gerda Taro lange in seinem Schatten. In Stuttgart geboren, nach Leipzig und Berlin gezogen, aus dem Nazi-Regime nach Paris geflüchtet, wurde die erste Kriegsfotografin der Welt im Spanischen Bürgerkrieg mit nur 26 Jahren von einem Panzer zu Tode gequetscht.
England zwischen 2010 und 2018. Eine Gruppe alter Freunde zwischen London und Birmingham, eher links orientierte Intellektuelle und ihre Familien, erleben und registrieren den schleichenden Wandel der Gesellschaft bis hin zum Brexit, die zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Verbittertheit der Middleclass, die „Old England“ verklärt, der „Political Correctness“ den Kampf ansagt und die Grenzen des „öffentlich sagbaren“ nach und nach immer weiter verschiebt. Verschiedenste Episoden, dem Leben der Protagonisten über die Jahre folgend und spannungsreich miteinander verwoben, lassen einen intensiven Eindruck von der Stimmung im Land entstehen. Dabei ist Coes durchaus unterhaltsam-ironischer Roman kein ausschließlich auf England zu beziehendes Buch, sondern zum Verständnis der in ganz Europa erfolgten und noch erfolgenden sozial-politischen Entwicklung unbedingt lesenswert. (Syme Sigmund)
In einer Dünenlandschaft, in doppelseitigen bläulich gehaltenen Tableaus, vergnügt sich ein knallorange leuchtender Fuchs damit, die schönen Seevögel zu jagen, im angrenzenden Wald viele verschiedene Tiere zu erschnuppern und zwei lilafarbige Schmetterlinge so über die Dünen zu verfolgen, dass er ganz weit fliegt und mit einem großen Plumps auf dem Sand aufschlägt. Platt auf dem Rücken liegend fängt der kleine Fuchs an zu träumen. Kleine farbige Zeichnungen und zunehmend Worte erzählen von seiner glücklichen Kindheit, den Fuchseltern, Spielen mit den Geschwistern, Entdecken der Sinne und der Welt, aber auch, wie er lernt Mäuse zu fressen und ihm selbst Schlimmes passiert. In der zwischen phantastischem Traum und anschaulicher Realität changierenden Geschichte kommt auch ein kleiner Mensch ins Spiel. Aber das sollen sich Kinder und Erwachsene in diesem hinreißenden Bilder-& Vorlesebuch selber ansehen und weiterspinnen. (Stefanie Hetze)
Die Ich-Erzählerin dieses Romans verliert unvermittelt ihren engsten Freund und bekommt dessen achtzig Kilo schwere Dogge vermacht. Nun teilt die zurückgezogen lebende Autorin das kleine New Yorker Apartment und die Trauer mit diesem riesigen Tier. Während
Allein der Titel war 1953, als der Band in Italien erschien, eine Provokation, der Stadt Neapel, ihren Stolz abzuerkennen, lichtdurchflutet am schönen Meeresgolf zu liegen! Anna Maria Ortese wandte sich in ihren erzählerischen Reportagen den dunklen meerabgewandten Gassen zu, die stickig und drückend sind, und in denen die Menschen elendig am Rande des Existenzminimums hausen. Es sind bittere harte Geschichten von verlorenen Menschen und ihren unrealistischen Träumen, aus einer Stadt voll der Nervosität und Anspannung, in der sich die wundersamsten Begebenheiten und Obsessionen ereignen. Diesen spürt die Rückkehrerin Ortese in ihren Streifzügen durch Schatten und Licht nach. In einer hochkonzentrierten brillanten Sprache verdichtet sie das neapolitanische Nebeneinander von Armut und Leid, von Schönheit und Hoffnung zu einem literarischen Ereignis. Nicht umsonst inspirierte sie Fabrizia Ramondino und Elena Ferrante zu ihren Neapelromanen. Endlich ist sie in Deutschland zu entdecken! (Stefanie Hetze)