Beltz Verlag 2022,218 S., € 13,95, TB 2022, € 8,-, ab 11
(Stand Februar 2024)
Jo ist richtig gut beim Fußball, deshalb findet vor allem ihr ehrgeiziger Vater, dass die Mädchenmannschaft sie nicht mehr richtig fördert. In den besten Verein der Stadt soll sie wechseln und mit den Jungs trainieren. Jo findet die Idee schon ok, auch weil sie ja mal Profifußballerin werden will. Als aber die Jungs in der neuen Mannschaft sie nicht ernst nehmen und mobben, als die Freundinnen der alten Mannschaft sich verraten fühlen und sie meiden, ist sie gar nicht mehr sicher, dass der Wechsel eine so gute Idee war. Ihre Selbstsicherheit schwindet auch, so dass ihr im Spiel früher undenkbare Fehler unterlaufen, und vor allem der arrogante Star bei den Jungs macht ihr jedes Training zur Hölle. Wie Jo unerwartete Unterstützung auf verschiedenen Seiten findet und sich schließlich doch noch alles zum Guten wendet, ist spannend und temporeich erzählt.
Ein authentisches Buch über Geschlechterstereotype, Mobbing und Rollenzwänge sowie vor allem über ein starkes Mädchen, das seinen Traum verwirklicht, gegen allen persönlichen und gesellschaftlichen Widerstand, denn „das Ziel ist das Ziel“. (Syme Sigmund) Leseprobe

Sando ist in einen jungen Mann verliebt, den er Fuchs nennt. Der Fuchs, ein mysteriöser Typ, hat ihn jedoch verlassen. Er ist einfach verschwunden, keiner weiß wohin. Noch während Sando ihm nachhängt, meldet sich seine Schwester: Auch ihre Mutter ist verschwunden. Sie hat eine rätselhafte Nachricht bei ihrem Vater hinterlassen: „Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut“. Was nun? Die zwei Geschwister machen sich auf die Suche. Damit startet eine Fahrt in die Vergangenheit, in der die damals noch junge Mutter mit ihren zwei Kindern nach West-Berlin gezogen war, um ihre Träume zu erfüllen. In ruhigem Tempo und mit leiser Stimme erzählt Lena Müller die Geschichte einer Frau, die Mitte der Achtziger für ihre Unabhängigkeit kämpfte, als es so viel bequemer gewesen wäre, in der kleinbürgerlichen Sicherheit einer klassischen Kleinfamilie zu bleiben. Sie erzählt von Einsamkeit und Verlust und schildert dabei die vielschichtigen Gefühle, die entstehen, wenn eine Person sich entfernt, von den Dynamiken zwischen Geschwistern und von der Kraft geteilter Erfahrungen. Ist es möglich, über starke Emotionen zu schreiben und dabei nie laut zu werden? Anscheinend schon, dieser kompakte literarische Genuss beweist es. (Giulia Silvestri)
„… oder wie ich mir in Sizilien einen uralten Cinquecento kaufte und einfach nach Hause fuhr“ verrät der Untertitel das Projekt. Der Journalist Marco Maurer erfüllte sich seinen Traum, mit einer Giardiniera, einem verlängerten Cinquecento aus den Sechzigern, gemächlich durch Italien gen Norden zu fahren. Auf der Suche nach „L’Italia di una volta“ lernt er frühere Besitzer seines Bauernautos kennen, das sich mit kulinarischen Köstlichkeiten wie Öl, Pasta und Safran füllt, je mehr er Menschen trifft, die diese mit Leidenschaft erzeugen, verarbeiten und verspeisen. In ihren Küchen darf er, gelernter Molkereifachmann, zuschauen, mitmachen, mitessen und sich ihre Geschichten anhören. Der Wert, der hier gutem Essen und herzlicher Gastfreundschaft zugemessen wird, erinnert ihn an seine eigene Großmutter, die in Bayern auf dem Dorf ein Café führte und nach ähnlichen Maximen wie seine italienischen Gesprächspartner lebte. So entwickelt sich die vermeintlich nostalgische Reise zu einem Ankommen im Hier und Jetzt. Die eindrucksvollen Fotografien seines Kompagnons Daniel Etter und die göttlichen meist von den Nonnas überlieferten Familienrezepte erhöhen das Vergnügen und lassen uns genussvoll mitreisen! (Stefanie Hetze)
Einen Umschlag hat es meines Wissens bei Klett Kinderbuch noch nie gegeben. Aber natürlich soll diese Hülle das Buch nicht einfach schützen, sondern sie ist eine explizite Einladung, abgenommen zu werden, um hinter die Oberfläche zu schauen und da lässt sich so manches entdecken, was sich hinter der Kleidung verbirgt. Alle Menschen haben einen Körper, jeder ist einzigartig, hat seine Geschichte, verändert sich, löst in einem die unterschiedlichsten Gefühle aus. Kinder finden in diesem ABC – Kompendium klare Antworten auf Fragen aller Art rund um Körper und Gefühle. Erdenklich vieles wird erfrischend unverkrampft an- und ausgesprochen: Zum Beispiel Nackt sein, Selbstzweifel, Gemeinheiten, Haar und Haut, Transgender, Berührung … Nichts wird tabuisiert, alles wird unbefangen erklärt, behutsam betont die erfahrene Sexualpädagogin Katharina von der Gathen aber dabei, dass Kinder selbst einschätzen können, was sie möchten. Genauso die lustig-übertriebenen, dann aber auch wieder zarten Cartoons und Schautafeln der sich wieder selbst übertreffenden Illustratorin Anke Kuhl nehmen Kinder und ihre Empfindungen zum Körper wirklich ernst. (Stefanie Hetze)
Was für ein Prachtband, im großformatigen klassischen Albumformat und dazu farbsatt! Drinnen im Haus vergnügen sich Emil und Ente entspannt mit Büchern und Spielzeug, während sich draußen im tropisch anmutenden Garten furchterregende bewaffnete Gestalten leise anschleichen. In ihrer Skurrilität wirken sie auch wieder sympathisch und sind vielleicht ganz anders, als es den Anschein hat. Und dann gibt es einen lauten Knall, ein BOOM, das im Buch explosiv aufpoppt, das Emil und Ente aufscheucht und die Ordnung im Haus durcheinanderbringt und Koordinaten wie Groß und Klein, Schwer und Leicht außer Gefecht setzt. Nichts ist mehr so, wie es scheint, Türen, Fenster tun sich auf – Kinder wie Erwachsene können das Geschehen sortieren, Dinge zuordnen, zählen, Licht ins Chaos bringen, eigene Geschichten erfinden und weiterspinnen. Eine üppige phantastische Welt hat ATAK da gezaubert und zitiert: Kinderbücher, Comic- und Filmfiguren, Kostüme, Uniformen, üppige Pflanzen, Tiere, interaktive Aufklappelemente … ein Kosmos der Fülle, Formen und Farben, der Riesenspaß macht. (Stefanie Hetze)
„Unglaubliche Geschichten aus der Welt der Flüsse und Meere“ verspricht der Untertitel dieses so kurzweiligen wie interessanten Buches. Bill François ist seit seiner Kindheit vom Meer und seinen Bewohnern fasziniert. In plaudernd-anekdotenhaftem Ton erzählt er von Fischen, Mollusken und Krustentieren und vor allem von ihren vielfältigen Weisen zu kommunizieren. Denn unter der Wasseroberfläche wird musiziert, geblitzt, geblendet und gestänkert, was das Zeug hält. So erfahren wir von Muschelmusik und der Kinderstube der Kraken, vom einsamsten Wal der Welt, den vereinten Jagdstrategien von Muräne und Barsch sowie die Herkunft der Legende des goldenen Vlies‘. Wir lernen, warum die Sardine sich unsichtbar machen kann und weshalb die Nonnengänse im Mittelalter als Meeresfrucht galten. François nimmt uns mit auf Zanderjagd im Pariser Untergrund, und berichtet von der erstaunlichen Kooperation und Kommunikation australischer Fischer mit einer Gruppe Killerwalen. Dabei spart er die verheerenden Auswirkungen des industriellen Fischfangs nicht aus.
Unwiderstehlich, das Cover, auf dem die Farben und Formen wie in einem üppigen Blumenbeet leuchten und zu einem wunderschönen Ganzen verschmelzen, wie in einem phantastischen Garten, den die Schriftstellerin Jamaica Kincaid im Geiste vor sich sieht, vom sie aber auch nach vielen Jahren intensiver Gartenarbeit immer noch nicht genau weiß, wie er aussehen soll. Er liegt in Vermont, wo sich die Jahreszeiten stark unterscheiden und Kincaid in den Schneewintern, die alles überdecken, extrem leidet, die ihr aber gleichzeitig Raum geben, um ausgiebigst in Pflanzkatalogen zu stöbern und große Bestellungen auszulösen. Da ist eine leidenschaftliche Gärtnerin am Werk, die nicht nur von ihren gärtnerischen Versuchen, den Überraschungen, dem Scheitern, ihren Erfolgen und der Schönheit der Pflanzen erzählt. Als Schriftstellerin, als Schwarze, die aus Antigua stammt, hinterfragt sie bei berühmten Gärten, Pflanzen und Gärtner:innen, über die sie liest und die sie besucht, allerdings auch die Geschichte, die dahinter steht und die oft eine der kolonialistischen Aneignung ist. Da werden komplexe weltumspannende Zusammenhänge deutlich, während es gleichzeitig um sehr persönliche „kleine” beglückende Gartenmomente geht. (Stefanie Hetze)
Schnuff ist Igels allerbester Freund. „Sie spielten. Sie stellten sich Sachen vor. Sie träumten“ – immer zusammen, bis ein heftiger Sturm, Schnuff weit über den Fluss weht, und das Igelmädchen sich mutig auf den Weg macht, ihren verlorenen Plüschhund wiederzufinden. Dabei begegnen ihr jede Menge Tiere, die ihr hilfreich zur Seite stehen. Ein großes Abenteuer, das in seiner einfachen, aber keinesfalls simplen Sprache spannend und warmherzig zugleich von Freundschaft(en) erzählt. Manchmal hat man einfach die Qual der Wahl – und hier fällt sie wirklich nicht leicht, denn das Buch enthält nun mal Lauren Castillos entzückende Illustrationen. Doch Katharina Thalbach hat den Text wiederum so liebevoll und abwechslungsreich eingesprochen, dass wir einfach beides wärmstens empfehlen. (Jana Kühn)
Saša Stanišićs Sohn ist schlichtweg maßlos zu beneiden! Zu dieser Einschätzung gelangt man nach der Lektüre dieses so wunderbar quirligen Buches. Wer bekommt schon so überbordend turbulente Geschichten erzählt? Und das mal eben so beim Zähneputzen, beim Wandern und vorm Einschlafen. Jede der Kurz- und Kürzestgeschichten des Deutschen Buchpreisträgers 2019 beginnt mit dem Ruf nach einem Taxi, der berühmte Vater ist nun einmal viel unterwegs auf Lesereise. Das Fahrziel ist dann aber eigentlich gar nicht so wichtig ist – vielmehr der Weg und wem man begegnet und was passiert – und das Papa wieder heimkommt. Auf jeden Fall ist hier jede Menge los, und mit Katja Spitzers Illustrationen sind Stanišićs kleine Riesen, traurige Giraffen und Gurkenampeln aufs Schönste knallig in Szene setzt. (Jana Kühn)
Mit acht Jahren kam Dmitrij Kapitelman mit seiner Familie nach Deutschland. Mittlerweile 25-jährig beschließt er, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, doch dafür braucht er eine „Apostille seiner Geburtsurkunde“, ein Dokument, das er nur in Kiew bekommen kann.