Stewart O’Nan: Henry persönlich

Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Gunkel, Rowohlt 2019, 480 S., € 24,-

O`Nan Henry persönlich_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergHenry und Emily (schon bekannt aus anderen Büchern des Autors) sind ein älteres pensioniertes Ehepaar aus Pittsburgh der amerikanischen Mittelklasse. Erzählt wird ein Jahr ihres Lebens aus der Sicht von Henry, die alltäglichen Verrichtungen, die Besuche der Kinder und Enkel, die Zeit im Sommerhaus am See. Das alles ist weder besonders außergewöhnlich noch besonders interessant. Was besonders ist, an diesem Buch, ist die Kunst des Autors, dieses Leben so packend zu beschreiben, dass keine Langeweile aufkommt, man folgt gespannt der Gleichförmigkeit ereignisloser Tage, möchte immer weiter lesen, bei Henry sein, mit ihm in seiner Werkstatt hantieren, mit ihm Einkaufen fahren, mit ihm vor dem Kamin einschlafen während die Enkel um ihn herum wuseln und die tiefe Verbundenheit, die ihn nach 48 Jahren Ehe mit Emily verbindet, spüren. Ein filigran feines Portrait eines alten Mannes, ein Buch, das entschleunigt und glücklich macht. (Syme Sigmund)
Leseprobe

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Juliane Streich (Hg.): These Girls. Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte

Nachwort von Kerstin Grether, Ventil Verlag 2019, 344 S., € 20,-

these_girls_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergVon Édith Piaf bis Beyonce, von Aretha Franklin bis Françoise Cactus, von Lesley Gore bis Annie Lennox, Britta und M.I.A.: Vielen sind dabei, alle sind ikonisch und haben eine Geschichte zu erzählen. Mehrere Journalist*innen, Musiker*innen und Fans haben Beiträge über ihre Lieblingskünstlerinnen der unterschiedlichsten Musikgenres zusammengestellt und ein zärtliches, aufregendes Buch ist entstanden. Eine Musikenzyklopädie der besonderen Art, in der Biografien, Interviews und persönliche Betrachtungen nebeneinander stehen. Respekt und Gleichberechtigung, Frauen-Empowerment und Herausforderungen, Liebe und Sexualität, aber vor allem Musik und ihre unbestreitbare Kraft: Dies alles und noch viel mehr wird in mehr als 100 Texten beschrieben.
Eine interessante, erfreuliche Lektüre, die wie eine ermutigende Zeitreise durch die Pop-Geschichte ist. Nicht nur für Liebhaber*innen! (Giulia Silvestri)

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Tsitsi Dangarembga: Aufbrechen

Aus dem Englischen von Ilija Trojanow, Orlanda Verlag 2019, 280 S., € 22,-

Dangarembga_Tsitsi_Aufbrechen_Dante_Connection_DanteperleIm noch kolonialen Rhodesien wächst Tambu in den sechziger Jahren auf dem Land unter schwierigen Bedingungen auf. Sie muss früh die Schule verlassen, weil das Geld fehlt und Mädchen sowieso nur lernen sollen, das Feld zu bestellen und den Haushalt zu führen. Tambu kämpft aber für ihre Bildung. Ihr älterer Bruder, der in die Missionsschule geht, sabotiert all ihre Pläne. Erst als er stirbt darf Tambu endlich weiter die Schule besuchen.  Sie betritt nun eine neue reiche Welt, in der es Besteck, Wasserhähne und Bücher gibt, und lebt in der Familie ihres Onkels, dem Schuldirektor und traditionell-rigorosem Patriarchen. Ihm müssen sich alle beugen, auch ihre Tante, eine Akademikerin und ihre in England aufgewachsene Cousine. Tambu fährt ganz gut mit ihrer Strategie der strebsam-dankbaren Verwandten. Während sie sogar einen der zwei (!) Plätze für Afrikanerinnen der besten Weißenschule des Landes erreicht, zerbricht ihre Cousine am patriarchal-kolonialem System. Der Weg zur Freiheit ist noch weit.
1991 erstmals bei Rowohlt in der Reihe neue frau erschienen, ist der Klassiker der Schwarzen feministischen Literatur endlich wieder erhältlich! (Stefanie Hetze)

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Judith Burger: Roberta verliebt

Illustrationen Ulrike Möltgen. Gerstenberg Verlag 2019, 200 S. durchgehend illustriert, € 13,-, ab 10

U_6016_1A_ROBERTA_VERLIEBT.IND13Knall auf Fall verändert sich für Roberta alles. Nichts ist mehr so für die Elfjährige, wie es bis gerade eben war. Sie hat sich verliebt in den neuen hübschen Jungen im Zeichenkurs. Nein, Felix findet sie nicht einfach „süß“, da ist viel mehr, er ist überall in ihr, sie denkt ständig an ihn und  träumt von ihm. Wird er ihre Gefühle erwidern? Ihre Mutter tut sich schwer mit ihren extremen Gefühlszuständen, zum Glück gibt es Hedi, eine ehemalige Opernsängerin, der sie sich anvertrauen kann. Mit großem Einfühlungsvermögen, aus der Ichperspektive und mit unerwarteten Wendungen kunstvoll von Judith Burger erzählt, können wir Robertas Versuche, sich Felix zu nähern, hautnah mitverfolgen. Nicht zuletzt durch die großformatigen Tuschezeichnungen, in denen Ulrike Möltgen grandios mit Perspektiven spielt. Roberta lernt zu begreifen, dass viele andere Dinge, nicht nur ihre eigenen Gefühle, eine Rolle spielen. Bis zur letzten Seite bleibt es dabei aber richtig spannend. Erwachsene sollten Kindern dieses großartige Buch ruhig zutrauen. (Stefanie Hetze)

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Jérôme Ferrari: Nach seinem Bilde

Aus dem Französischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2019, 208 S., € 20,-

FerrariAntonia, eine junge Fotografin, verunglückt auf dem Weg in ihr korsisches Heimatdorf tödlich.
Ihr Onkel, ein Priester, hält die Totenmesse. Im Laufe der Begräbnis-Liturgie – deren einzelne Stationen auch das Buch in Kapitel strukturieren – erinnert er sich an seine Nichte, die sich als junges Mädchen in einen militanten Kämpfer der korsischen Unabhängigkeitsbewegung FLNC verliebt und später als Kriegsfotografin nach Bosnien geht.
Anhand der fiktionalen Fotografien seiner Protagonistin zeichnet Ferrari die Lebensgeschichte Antonias nach, für die es irgendwann nur noch zwei Kategorien der Fotografie gibt, jene, die nicht hätte existieren dürfen, da sie die unerträgliche Brutalität der Welt zeigt, und solche, die so banal ist, dass sie nicht verdient zu existieren, aber auch die Geschichte der FLNC und der Kriegsfotografie als Dokument des Todes und der Gewalt, bis mit den Drohnen „der Tod verblasst und sich im Raum einer virtuellen Welt aufhebt“. Dem Autor ist ein philosophisch-literarisches Kleinod über die Abgründe des Menschlichen gelungen, ein Text, der den Leser mit dichter Atmosphäre und sprachlicher Brillanz zu fesseln vermag. (Syme Sigmund)

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Susan Kreller: Elektrische Fische

Carlsen 2019, 192 S., € 15,-, ab 12

krellerEmma kann es nicht fassen. Aus Dublin in die mecklenburgische Provinz hat es sie verschlagen, in das Dorf, in dem ihre Mutter aufgewachsen ist, zu den wortkargen deutschen Großeltern, die sie nicht kennt, in einen Ort, wo alles „dichtgemacht“ hat – der Konsum, der Kindergarten -und viele Häuser leer stehen. Sofort wieder zurück möchte sie, zu ihren Freundinnen, dem irischen Meer und der irischen Sprache, denn „Die englische Sprache bin ich. Deutsch spreche ich nur“. Aber das ist nicht so einfach, wenn man erst zwölf ist, wenn der irische Großvater zwar ihre Trauer spürt, aber nur leise sagt „I´m sorry luv. Ye know I can`t“ und wenn die kleine Schwester vor Wut, Trauer und Heimweh kein Wort mehr spricht und man sie gerade jetzt einfach nicht allein lassen kann. Levin, der Junge mit den Heavy Metal Shirts und der Melancholie im Blick, Levin, der einzige, der Emma zuhört, der hätte einen Plan, aber auch Levin hat seine eigenen Sorgen, und dann … dann schleichen sich die fremde Umgebung, die Ostsee und Levin klammheimlich doch in Emmas Herz.
Susan Kreller schreibt mit viel Empathie, wundervollem Sprachwitz und fern jeglicher Betulichkeit von der mühevollen und schmerzhaften Zeit, die eine, ja, die jede Entwurzelung mit sich bringt.
Ein einfühlsames Buch über Heimweh, Heimatlosigkeit und die vielen Facetten des Fremdseins, des Ankommens in einer anderen Kultur. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Turit Fröbe: Alles nur Fassade?

mit 500 farbigen Abb., Dumont 2018, 176 S., € 20,-

Fröbe_Turit_Alles_nur_Fassade_Dante_ConnectionDie meisten von uns gehen gerade im Alltag durch vertraute Umgebungen, ohne wirklich zu schauen. Die praxiserfahrene Architekturhistorikerin Turit Fröbe legt mit ihrem Bestimmungsbuch für moderne Architektur gut strukturiertes Werkzeug vor, wie sich anhand von Fenstern, den „Augen der Architektur“, sowie dem Einsatz von Materialien, Formen und Farben Gebäude einschätzen lassen. Es macht enormen Spaß, mit dem Führer durch die Stadt zu laufen und gerade auch „hässliche Häuser“ eingehend anzusehen! Eine tolle Ergänzung für die tägliche Sehschulung ist Fröbes „Abrisskalender 2020″ (Dumont € 18,-) (sh) Blick in den Kalender

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Asbjørnsen / Moe: Die Puppe im Grase. Norwegische Märchen

Aus dem Norwegischen von Friedrich Bresemann, illustriert von Kat Menschik, Galiani 2019, 80 S., € 18,-

Norwegische Märchen_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergDäumling, Aschenbrödel, die kenn ich doch – denkt man. Doch Däumerling ist hier ein freches Kind, mit dem es kein gutes Ende nimmt, Aschenbrödel ein Junge auf Brautsuche und statt zwölf wilden Schwänen begegnen wir zwölf wilden Enten. Vertraut und doch fremd sind uns diese Märchen voller Lügenwettbewerbe, gläserner Berge, Prinzessinnen und in die Welt ziehenden Söhnen, die Asbjørnsen und Moe angeregt durch die Arbeit der Gebrüder Grimm im 19. Jahrhundert in ihrer Heimat Norwegen gesammelt und aufgezeichnet haben. Dank der wundervollen Illustrationen von Kat Menschik ein wahres Kleinod voller Überraschungen. (sy) Leseprobe

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Vittorio Magnago Lampugnani: Bedeutsame Belanglosigkeiten

Kleine Dinge im Stadtraum, Wagenbach 2019, Großformat, 192 S., € 30,-

Lampugnani Bedeutsame Belanglosigkeiten_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergJede Stadt hat ihr eigenes Gesicht, geprägt nicht zuletzt durch die Dinge, die wir zwar wahrnehmen aber nicht bewusst sehen, wie Straßenschilder, Bürgersteige, Bushaltestellen, Poller oder Ampeln. Lampugnani, einer der international bedeutendsten Städtebautheoretiker, erzählt ihre (oft schon in der Antike beginnenden) Geschichten, sowie amüsante Anekdoten, anschaulich gemacht durch zahlreiche Fotos und Abbildungen. Ein Buch voller Überraschungen zum Stöbern, Staunen und Festlesen. (sy)

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John Ruskin: Grundlagen des Zeichnens in drei Briefen für Anfänger

Aus dem Englischen von Helmut Moysich u. e. Nachwort von Wolfgang Kemp, Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung 2019, 272 S., € 25,-

ruskin_John_Grundlagen_des_Zeichnens_Danteperle_Dante_ConnectionIn den Zeiten des elektronischen Overkills ist es eine entspannende Wohltat, Bleistift und Feder (!) in die Hand zu nehmen und akribisch Linien zu üben, gleichmäßig Farbe aufzutragen und sich Schritt für Schritt, Ruskin schreibt von einer Stunde täglich über sechs Monate lang, den Basistechniken des Zeichnens zu widmen. Nicht auf Show und Wirkung kommt es ihm an, sondern auf die Wahrnehmung und die Schulung des Auges. Die regelmäßige künstlerische Praxis kann laut Ruskin regelrecht eine „drawing cure“ zur Belebung von Seele und Geist werden. In England seit dem ersten Erscheinen 1857 ein populärer vielaufgelegter Klassiker, lädt die (nach 100 Jahren) neue deutsche Übersetzung in feinster schönster Gestaltung ein, sich den Basistechniken des Zeichnens zu widmen. (sh)

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