Antonio Ruiz-Camacho: Denn sie sterben jung

Stories. Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass, Beck 2018, 205 S., € 19,95

Ruiz-Camacho denn sie sterben jung_DanteConnection_DanteperleDer wohlhabende José Victoriano wird in Mexico City entführt und für seine Kinder und Enkel ist plötzlich nichts mehr wie zuvor. Als nach und nach Pakete mit verschiedenen Körperteilen des Großvaters eintreffen, verlassen sie in Panik und überstürzt das Land. In acht lose miteinander verknüpften Geschichten, scharfen und gleichzeitig sensiblen Momentaufnahmen, erzählt Antonio Ruiz-Camacho aus Sicht unterschiedlicher Familienmitglieder vom Leben in Madrid, Austin Texas oder Palo Alto, vom Gefühl des plötzlichen Verlusts jeglicher Sicherheit und sozialen Halts. Da ist der junge Vater, der es nicht schafft, seinem neugeborenen Sohn in die Augen zu sehen, da sind die jugendlichen Enkel, gestrandet in einem heruntergekommenen Appartement in New York, die ihr altes Leben vermissen oder die geheime Geliebte, die nicht weiß, warum der Vater ihres sechsjährigen Sohnes einfach nicht mehr bei ihr auftaucht und wie sie diesem das erklären soll. Aus den verschiedenen Puzzleteilen  entsteht ein eindrucksvolles, authentisches und höchst spannungsvolles Bild des Zerfalls einer Familie und der verhängnisvollen Auswirkungen der immer mächtiger werdenden Drogenmafia in Mexiko, die ein ganzes Land zu zerstören droht. (Syme Sigmund)

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Maxim Biller: Sechs Koffer

Kiepenheuer & Witsch 2018, 198 S., € 19,-

Biller_Maxim_Sechs_Koffer_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungEin schmales handliches Buch über eine Familie und ein Geheimnis, das es in sich hat! Der Großvater, der denunziert und 1960 in der Sowjetunion hingerichtet wurde, fiel offensichtlich dem Verrat eines Mitglieds seiner eigenen Familie zum Opfer. Jede dieser sechs Personen hätte gute Gründe gehabt, es gewesen sein zu können, aber dann auch wieder gar nicht. Gewiss ist nichts in dieser jüdischen Familie, die  nach Prag und später nach Deutschland fliehen musste und danach quer in der Welt verstreut war, immer neue Sprachen und Anpassungs- und Überlebensstrategien im Gepäck.  Dass ihre Koffer nicht zu schwer werden, dafür hat Maxim Biller gesorgt. Mit großer Virtuosität und scheinbar mühelos gibt er seinen Personen Raum, hält die Widersprüche lebendig und macht dazu neugierig auf die Perspektive und das Buch seiner Schwester Elena Lappin: „In welcher Sprache träume ich?“. (Wer noch tiefer in den billerschen Familienkosmos eintauchen mag, dem seien die Bücher ihrer Mutter Rada Biller empfohlen.)  (Stefanie Hetze)

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Valija Zinck: Drachenerwachen

Illustriert von Annabelle von Sperber. Fischer KJB Verlag 2018,  320 S., € 14,-, ab 10

Zinck_Drachenerwachen_DanteConnection_DanteperleJanka und Johann hatten noch nie viel mit ihrer Nachbarin Frau Tossilo zu tun, denn eigentlich ist die Dame ziemlich unfreundlich. Das ändert sich schlagartig als sie per Zufall zur Drachenmutter wird … denn ja, mitten in Berlin schlüpft ein Drachenbaby. Es wächst mächtig heran, bringt die drei Nachbarn einander näher und ihr Leben vor allem gehörig durcheinander. Was mit dem humorvollen Charme einer Sams-Geschichte beginnt, entwickelt sich schnell zum großen Abenteuer: Ein internationaler Energiekonzern hatte mit dem Drachen große Pläne und fordert ihn deshalb um jeden Preis zurück. Valija Zinck sprüht mit spannenden Erzählideen wie ein Drache mit Feuer. Alltägliche, fantastische und futuristische Elemente verwebt sie zu einer temporeichen Geschichte. Als unterschiedliche Charaktere entworfen und bestens auf Augenhöhe vereint, kämpfen die Geschwister um die Rettung ihres besonderen Freundes. Und zwischen den Zeilen liest man so einerseits facettenreich von großer Zuneigung, anderseits von der Unermesslichkeit menschlicher Gier. Fortsetzung folgt im Frühjahr 2019 … (Jana Kühn)

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Frida Nilsson: Ich und Jagger gegen den Rest der Welt

Illustriert von Ulf K. Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger, Gerstenberg Verlag 2018,  180 S., € 14,95, ab 9 

U_5904_1A_ICH_UND_JAGGER.IND13Ob in jenem Sommer alles so passiert ist oder doch nur geträumt? Mit dieser Frage startet ein unzuverlässiger Erzähler seine Geschichte, einer der zahlreichen Geniestreiche der schwedischen Autorin. Sie lässt Bengt erzählen, einen Achteinhalbjährigen mit Übergewicht und ohne Freunde. Seine Eltern wünschten, er hätte welche und wäre ein normales Kind wie die anderen im Haus. Aber von denen wird ihm regelmäßig übel mitgespielt. Bis ihn eines Tages Jagger aus einer solchen verzwickten Situation rettet. Jagger: ein obdachloser Hund, der spricht und der verspielt sein kann wie ein Kind, aber auch durchtrieben, grob und eifersüchtig – eine so fantastische wie schmerzlich lebensnahe Figur. Das Leben auf der Straße hat ihn geprägt. Er weiß sich zu wehren und das soll nun auch Bengt. Er soll sich an allen, die gemein zu ihm waren, rächen. Jagger stachelt den Jungen regelrecht an, wobei so manches, was spaßig und abenteuerlich beginnt, in Schieflage gerät. Die Scheinheiligkeit der Erwachsenen, die nur halbherzig versuchen, zwischen den Kindern zu schlichten, führt Nilsson dabei genauso vor, wie Fragen, deren Beantwortung ihr vielschichtiger und fordernder Roman für Kinder und Erwachsene verweigert.  Wie wehrt man sich, ohne zu verletzen? Fragen wie diese stellen sich und bleiben offen für Gespräche nach einer intensiven Lektüre. (Jana Kühn)  

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Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe

Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat, Hanser Verlag 2018, 224 S., € 21,-

LempiDer junge Bauer Viljami kehrt Ende des Zweiten Weltkriegs nach Hause ins finnische Lappland zurück. Er ist voller Verzweiflung, denn er weiß, dass seine geliebte Frau Lempi ihn nicht erwartet – sie ist tot. Fast wie von Sinnen gibt er sich den Erinnerungen an ihr gemeinsames Glück hin, das nur einen Sommer währte. Doch Elli, die Magd, und Sisko, Lempis Zwillingsschwester, erzählen jeweils von einer ganz anderen Frau und von ihrer eigenen Sicht auf die Geschichte. Wer war Lempi wirklich? Liebevolle Ehefrau, falsche Schlange oder lebenshungrig-naive Kaufmannstochter? Und ist sie wirklich tot oder zusammen mit einem der abziehenden deutschen Soldaten verschwunden, den neugeborenen Sohn zurücklassend? Nach und nach entfaltet sich ein vielschichtiges, ja brüchiges Bild der jungen Frau und ihres Lebens, eingebettet in die Wirren des Krieges, voll emotionaler Wucht und stiller Momente, eindringlich, tragisch und poetisch. (Syme Sigmund)

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Wanda Marasco: Am Hügel von Capodimonte

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, Zsolnay Verlag 2018, 240 S., € 22,- (La compagnia delle anime finte, Neri Pozza 2017, € 22,50)

Marasco Am Hügel Danteperle Danteconnection Am Totenbett ihrer Mutter erinnert sich Rosa an deren Leben. Vincenzina, aus einer armen, kinderreichen Familie auf dem Land, verliebt sich in den großbürgerlichen Rafele. Gegen den Willen seiner Familie heiraten sie und ziehen in das ärmliche Viertel am Hügel von Capodimonte in Neapel. Hier wächst Rosa auf, vertraut mit der Armut, die bei vielen zu innerer Härte führt. Als Rafele an Krebs erkrankt, verschuldet sich Vincenzina zunächst, um die Medikamente zu bezahlen, und wird nach seinem Tod selbst zur Geldverleiherin. Rosa begleitet sie in die ärmlichen Behausungen ihrer Schuldner, da sie die Schule besucht und rechnen kann. Eindrucksvoll sind die Beschreibungen des harten Lebens im Viertel und seiner Bewohner. Selten wurde Neapel, diese Stadt zwischen Paradies und Hölle, so eindrucksvoll und frei von jedem Klischee beschrieben. Annette Kopetzki hat die höchst poetische Prosa Wanda Marascos mit viel Sprachgefühl übertragen. Familiengeschichte, indivi­duelle Schick­sale und das Portrait einer Stadt verweben sich hier zu einer faszinierenden Lektüre. (Syme Sigmund)

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Antonia Michaelis: Tankstellenchips

Oetinger 2018, 368 S., € 18,-, ab 14

Michaelis Tankstellenchips Danteperle DanteconnectionShayan, 18, beobachtet einen Mord in einem Ferienhaus. Beim Versuch, dem Opfer noch zu helfen, hinterlässt er aus Versehen seine Fingerabdrücke, und zu Hause liegt auch noch ein ungeöffneter Brief, wahrscheinlich der Abschiebebescheid, denn Shayan kommt aus dem Iran und hatte Asyl beantragt. Zusammen mit Davy (8 Jahre, aus einem Heim entwischt) haut er ab, auf der Flucht vor der Polizei und den wahren Mördern. So beginnt ein rasant-skurriler Roadtrip, von der Ostsee über Berlin und den Rhein bis nach Bayern, erzählt von Shayan selbst, dem Deutschland, seine Eigenheiten und seine Sprache noch reichlich viele Rätsel aufgeben, und in dem Kühe, Kaninchen, Wurstgulasch und das Mädchen Lotta keine unwesentliche Rolle spielen. Dass die jungen Leser nebenher nicht nur viel über den Iran und die Situation der dort lebenden Jugendlichen erfahren, sondern auch Deutschland mit anderen Augen zu sehen lernen, ist ein schöner Nebeneffekt dieses höchst komischen und doch viel Ernsthaftes enthaltenden Romans. (Syme Sigmund)

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Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie

Verlag Klaus Wagenbach 2018, 176 S., € 17,99

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Harr Katō ist nun Rentner, aber so richtig kommt er mit seiner neuen Rolle nicht zurecht. Seine Frau fühlt sich gestört und scheucht ihn aus dem Haus, doch das ziellose Herumspazieren liegt ihm nicht und er versinkt in Selbstmitleid. Da trifft er auf die junge Mie, welche ihm von ihrer Agentur berichtet. Bei ihr kann man Schauspieler als „echte“ Verwandte buchen, die „Familie spielen“. Braucht es den reichen Onkel aus Amerika für eine Hochzeit, die trauernde Tochter für eine Beerdigung oder die Verlobte, um die Eltern zufrieden zu stellen? Alles kein Problem. Herr Katō lässt sich engagieren, schlüpft von nun an in die verschiedensten Rollen, wird Opa, Exmann oder Firmenchef, und beginnt auch sein Leben – und seine Frau – wieder mit anderen Augen zu sehen. Milena Flašar hat ein einfühlsames Buch über das Altern geschrieben und über die Schwierigkeit, mit der Leere des Rentnerlebens klar zu kommen – mal nachdenklich und melancholisch, mal mit leichter Ironie, doch immer voller Empathie und Wärme. Die passende Lektüre für sonnige Wiesen oder auch verregnete Sofanachmittage. (Syme Sigmund)

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Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien

Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, Liebeskind Verlag 2018, 448 S., € 24,-

McInnerey_KetzereienDass Maureen Phelan ihren Sohn um Hilfe bittet, scheint erst einmal eine Selbstverständlichkeit. Bei der Tatsache, dass ihr Problem eine Leiche auf dem Küchenfußboden ist, sieht das schon anders aus. Sohn Jimmy – aka J.P. DER Gangsterboss der Stadt Cork – reagiert zwar verärgert, weiß aber dennoch sofort Rat. Was keiner von beiden auch nur ahnen kann ist, wie folgenreich sich die Entsorgungsaktion nicht nur auf ihrer beider Leben auswirken wird. Eine fatale Kettenreaktion! Geschickt entwickelt McInerney eine ganze Parade vom Leben hart erprobter Protagonisten und verknüpft diese zu einer Millieustudie des heutigen, krisengebeutelten Irlands: jugendliche Dealer, berauschte Liebespaare und Alkoholiker-Eltern, Prostituierte, Priester und Frömmler. Dabei liest sich der Debütroman keinesfalls bedrückend, denn McInerney erzählt ungemein abwechslungs- und temporeich, brutal wie einfühlsam, schwarzhumorig und bitterböse. Ein Sozialstudien-Lovestory-Krimi-Knaller, den man kaum aus der Hand legen kann! (Jana Kühn) Leseprobe

Thomas Engelhardt & Monika Osberghaus: Im Gefängnis

Illustriert von Susann Hesselbarth, Klett Kinderbuch Verlag, 92 S., € 14,-, ab 8

186-5_Im_Gefängnis-U1.inddKrimigeschichten haben in jedem Alter ihre Fans. Es zählt wohl mit zum beliebtesten Lesevergnügen, die Lösung eines Verbrechens zu verfolgen. Im besten Fall landen die Verbrecher im Gefängnis. So weit, so gut. Aber was passiert dann? Wie sieht es dort aus? Wie lebt es sich im Gefängnis? Diesen Fragen sind Monika Osberghaus und Thomas Engelhardt in monatelangen Recherchen und Interviews nachgegangen. Ein erzählendes Sachbuch ist entstanden. Erzählend, denn es geht einerseits um Sina, ihre Mutter und besonders ihren Vater, der einen Raubüberfall begangen hat und dafür einsitzen muss. Abwechselnd werden ihre Sicht auf die Dinge, ihre Gefühle, die großen Nöte wie die kleinen Freuden geschildert. Andererseits ein Sachbuch, denn immer wieder gesellt sich zur besonderen Familiengeschichte eine Faktenebene, die anschaulich und nichts beschönigend, dennoch kindgerecht den Weg vom Verbrechen, über das Gerichtsverfahren, die Gefängnisjahre und die Wiedereingliederung beschreibt. Diese Kombination ist nicht nur ausgesprochen klug gewählt, sondern auch bestens gelungen, denn das Thema ist sachlich wie emotional genau und detailreich ausgeleuchtet. (Jana Kühn)

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