Nadia Terranova: Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand

Aus dem Italienischen von Esther Hansen, Aufbau Verlag 2020, 256 S., € 20,-
(Addio fantasmi, Einaudi 2018, € 21.80)

Terranova_Nadia_Der_Tag_an_dem_mein_Vater_aufstand_und_verschwand_Danteperle_dante_ConnectionIda fährt aus Rom und einer schwierigen Ehe nach Sizilien in ihre Heimatstadt Messina zurück. Ihre Mutter hat Unterstützung angefordert. Die vollgestopfte Wohnung, in der Ida aufgewachsen ist, soll aufgelöst werden. Dreiundzwanzig Jahre zuvor hat ihr Vater diese Wohnung verlassen, nach einer schweren Depression ist er eines Tages einfach verschwunden. Sein weiteres Schicksal blieb ungeklärt. Mutter und Tochter haben diesen tragischen Verlust nie verarbeitet. Zwischen ihnen herrschte Schweigen, gegenüber der Außenwelt wahrten sie eine unverbindliche Freundlichkeit, retteten sie sich in das Erfüllen von Pflichten. Nun heißt es, alles auszusortieren und die heruntergekommene Wohnung für einen Verkauf aufzuhübschen. Während die Mutter Idas konkretes Zupacken vorwurfsvoll einfordert, verliert die Tochter sich in ihrem unverändert gebliebenen Kinderzimmer, in alten Fotoalben und Erinnerungen an den Vater, übernehmen die Gespenster der Vergangenheit.
Schonungslos geht die Erzählerin mit dem, was geschehen ist, aber auch mit ihrem gegenwärtigen Leben ins Gericht. Präzise und empathisch beschreibt Nadia Terranova einen unfassbaren Schmerz, der sich eigentlich nicht in Worten ausdrücken lässt. Beeindruckend, wie es ihr und ihrer Übersetzerin Esther Hansen gelingt, die Intensität und Intimität, die feinen Nuancen widerstrebender Gefühle und Erinnerungsfetzen fein auszuloten und so vielleicht eigene Gespenster zu wecken? (Giulia Silvestri und Stefanie Hetze)

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Zora Neale Hurston: Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven

Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven. Aus dem amerikanischen Englisch von Hans-Ulrich Möhring, Penguin Verlag 2020, 224 S., € 20,-

Hurston_Zora_Neale_Barracoon_Danteperle_Dante_Connection„Dies ist die Lebensgeschichte von Cudjo Lewis, von ihm selbst erzählt.“ So führt die Autorin ihr erschütterndes Zeitdokument ein. Cudjo Lewis, eigentlich Oluale Kossola, wurde 1860 mit dem letzten Sklavenschiff vom heutigen Benin nach Nordamerika deportiert. Als Zora Neale Hurston ihn 1927 in Alabama besucht und befragt, ist er weit über 80 und damit der letzte bekannte Überlebende des Sklavenhandels. Er spricht über seine Jugend, die Gefangennahme, über seine Zeit als Versklavter in Alabama, seine Freilassung und seine anschließende Suche nach den eigenen Wurzeln und einer Identität in den rassistischen USA.
Der Text fand über 90 Jahre keinen Verleger und wurde erst 2018 in den USA veröffentlicht. Sprache und Inhalt waren zu ungeschminkt, zu hart für die Zeit. Dieses dunkle Kapitel der Geschichte bleibt von absoluter Relevanz, ebenso die authentische Schreibweise seiner großartigen Autorin. Mit dem detaillierten Anhang voller vertiefender Erläuterungen ist dieses Buch für alle, die sich der Vergangenheit stellen wollen. Deborah G. Plants im Nachwort: „Wir müssen diese Geschichte bejahen, denn sie ist, wie James Baldwin erkannte, »in allem, was wir tun, buchstäblich gegenwärtig«, und wenn wir uns ihrer nicht bewusst sind, übt sie eine tyrannische Macht über uns aus“. (Giulia Silvestri)

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Ann Petry: The Street

Die Straße. Aus dem amerikanischen Englisch von Uta Strätling. Mit einem Nachwort von Tayeri Jones, Nagel & Kimche 2020, 364 S., € 24,-

Petry_Ann_The_Street_Danteperle_Dante_ConnectionHarlem in den 1940er Jahren, in der windumtosten 116th Street schaut sich Lutie Johnson in einem heruntergekommenen Haus, in dem Schwarze wohnen dürfen, eine überteuerte Wohnung an. Wie in einem Noir lässt das nichts Gutes ahnen. Lutie ist eine junge Frau, die etwas ganz Durchschnittliches will, einfach ein anständiges zufriedenes Leben führen. Dafür ist sie bereit, große Kompromisse einzugehen. So hat sie lange weit entfernt von New York, ihrem Mann und ihrem Kind als Hausangestellte bei einer Weißen gelebt. Das hat ihre Ehe nicht verkraftet und nun ist sie bereit, für sich und ihren Sohn zu kämpfen, koste es, was es wolle – typisch amerikanisch eben. Doch ist sie nicht nur eine Frau, die alle Formen des Sexismus erfährt, die rassistische Gesellschaft torpediert all ihre Anstrengungen, die Situation für sich und ihren Sohn zu verbessern. Minutiös und ergreifend schildert die Autorin in ihrem Debüt, das 1946 riesiges Aufsehen in den USA erregte, wie sich die verschiedenen Formen der Ausgrenzungen miteinander verzahnen, wie letztendlich alle Bewohner*innen dieser Straße ihrem sozialen Status nicht entkommen können, so sehr man vor allem Lutie einen Ausweg wünschte. Das hat leider nicht an Aktualität verloren. Dieser berührende Roman brennt sich richtig in einem ein. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Susanna Mattiangeli & Vessela Nikolova: Ein Strandtag

Aus dem Italienischen von Lucia Zamolo, Bohem Press 2020, 36 S., € 15,-, ab 3 (In spiaggia, Topipittori 2018, € 23,-)

Mattiangeli_susanna_Vessela_Nikolova_Ein_ Strandtag_Dannteperle_Dante_ConnectionFür viele Menschen ist das Meer schlicht und einfach und immer ein Sehnsuchtsort. Und erst recht jetzt, nach so langer Zeit, da wir nicht hindurften. Für alle, die noch nicht wissen, ob und wie das wohl klappt in diesem Jahr mit Sommer, Sonne & Strandurlaub, hätten wir hier eine wunderschöne Lösung zwischen zwei Buchdeckeln: ein Bilderbuch, mit dem wir uns das Meer mit allem Drum und Dran – ob in Vorfreude oder Melancholie – direkt nach Hause holen können. In Ein Strandtag riecht es förmlich nach Salzwasser und Sonnenmilch, so detailgenau und liebevoll haben die beiden Italienerinnen die Atmosphäre zwischen Sonnenschirmen und Sandburgen eingefangen. In zarten Farbstiftzeichnungen und einer Erzählperspektive, die ganz den Blick eines Kindes inne hat, ist dies unser Dante-Bilderbuch des Sommers. (Jana Kühn) Blick ins Buch

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Antonia Michaelis: Die Mühlenkinder – Prinzessin Jorunn und der Wassertroll

Oetinger 2020, 144 S., € 12,-, ab 8

Mühlenkinder„Wenn der Wind aus Nordosten weht, erwacht die Mühle.“ – die alte Mühle, in der Liv, und ihre drei Schwestern wohnen. Wenn der Wind richtig steht, drehen sich die Flügel wieder, wird sie zu einem magischen Ort, an dem alles passieren kann. Eines Morgens wachen die Mädchen in einem Schloss auf, sie sind Prinzessinnen, ihr Vater der König. Doch am Bach verschwindet plötzlich die kleinste von ihnen, Jorunn, und so beginnt eine aufregende Reise, um die Schwester aus den Fängen des Wassertrolls zu befreien, die sie zu sprechenden Schwänen und eisigen Schatten führt, auf der sie trügerischen Illusionen entkommen müssen und überraschende Hilfe von unerwarteter Seite erhalten.
Antonia Michaelis entführt in eine märchenhafte Welt und verzaubert durch ihre bildmächtige, von Phantasie sprühende Sprache. Dabei sind alle Charaktere äußerst lebendig gezeichnet und bieten durch ihre Verschiedenheit Identifikationspotential für die unterschiedlichsten Leser*innen. Ein magisches, hochspannendes Abenteuer der Extraklasse, von Claudia Carls ganz wunderbar illustriert. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Elizabeth Gilbert: City Of Girls

Aus dem amerikanischen Englisch von Britt Somann-Jung, S. Fischer Verlag 2020, 496 S., € 16,99

Gilbert_Elizabeth_City_Of_Girls_Danteperle_Dante_ConnectionAls ich dieses Buch fertiggelesen hatte, wollte ich unbedingt mehr davon. Plötzlich verstand ich, wie manche Bücher zu Weltbestsellern  werden. Zugänglich, voller spannender Charaktere, mit einem vielschichtigen Inhalt und einer Handlung, die von der ersten bis zur letzten Seite überzeugt… Dies alles und noch mehr hat City Of Girls.
Erzählt wird die Lebensgeschichte von Vivian, die 2010 über neunzig ist und seit 1940 in New York lebt. Die Stadt hat ihre Existenz tief geprägt: Sie begleitet die Leser*innen auf eine Zeitreise durch unglaubliche, turbulente Ereignisse, die so präzis und leidenschaftlich dargestellt sind, als ob sie wirklich stattgefunden hätten. Vivian ist ganz jung aus der Provinz nach New York geschickt worden und entdeckt eine neue Welt: Die des Theaters, dank ihrer Tante Peg, die einen kleinen Saal leitet und ihr einen  Job als Kostümbildnerin anbietet. Theater heißt Glamour, wildes Nachtleben, Schauspielerinnen und Gangster, Cocktails und Jazz. So fängt diese Geschichte an, und viel ist dann noch zu erleben…
Eine leichte, dennoch tiefgehende und vielseitige Lektüre, die auf eine ganz besondere Art und Weise amüsiert. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Karin Schumacher: Füchse – Ein Portrait

Matthes & Seitz 2020, Reihe Naturkunden, 159 S., mit zahlreichen Abbildungen, € 20,-

Füchse„Der Fuchs ist immer mehr als er selbst“ lautet einer der Schlüsselsätze dieses schmalen Buches. Karin Schumacher hat den Rotpelz in diesem neuen Band der kleinen und feinen, von Judith Schalansky herausgegebenen und gestalteten Naturkundenreihe aus den verschiedensten Blickwinkeln unter die Lupe genommen und plaudert unterhaltsam sowie fundiert sowohl vom Leben dieses uns mittlerweile auch in der Stadt häufig begegnenden und doch so undurchschaubaren Tieres, als auch von dem Bild, das wir Menschen uns von ihm im Laufe der Jahrhunderte gemacht haben. Sie steigt mit einer Jägerin zur Fuchsbeobachtung auf einen Hochsitz, besucht eine der wenigen noch existierenden Pelzwerkstätten, erzählt von der schon im Neolithikum betriebenen Fuchsjagd und von der Bedeutung des Pelzes im Wandel der Zeiten, berichtet von Japanischen Fuchsgeistern, dem Fuchs bei Aesop und Goethe sowie in der Kinderliteratur und untersucht das relativ neue Phänomen des Stadtfuchses. Ein ausgesprochen interessanter natur- und kulturgeschichtlicher Streifzug auf den Spuren dieses geschmeidigen, mal bewunderten, mal misstrauisch beäugten „Hundes mit Katzensoftware“. (Syme Sigmund)

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Wilma Stockenström: Der siebte Sinn ist der Schlaf

Aus der aus dem Afrikaans übersetzten englischen Fassung von J. M. Coetzee übertragen von Renate Stendhal, Wagenbach 2020, 160 S., € 18,-

StockenströmEine Frau unbestimmten Alters lebt allein in einem hohlen Baobabbaum im Veld, dem Plateau im Inland Südafrikas. Die in der Nähe lebenden „Kleinen Menschen“ – wahrscheinlich Mitglieder des San-Volks, die sich durch eine recht helle Hautfarbe und eine geringe Körpergröße auszeichnen- meiden sie, versorgen sie jedoch auch mit Lebensmitteln. Wie aus der Zeit gefallen versucht sie sich und die Zeit zu fassen, kreist um ihren Aufenthaltsort, ihre Seele, verliert sich in Träumen und im Schlaf. In Episoden, welche die chronologische Zeit aufheben, erzählt sie uns ihr Leben. Als Kind mit Gewalt aus ihrem Dorf entführt, als Sklavin verkauft, hat sie unter drei „Herren“ gelebt, die sie alle auch als Sexualobjekt missbrauchten und ihre Kinder früh weiterverkauften, bis ein „Fremder“ sie als Geliebte mitnimmt auf eine aussichtslose Expedition ins Inland, auf der Suche nach einer nie erreichten mythischen Stadt, und sie allein zurückbleibt.
Ein hochpoetischer Roman von größter Erzählkunst und schwebender Präzision, der uns in eine sowohl wirklichkeitspralle als auch magische Welt entführt und verzaubert zurücklässt. Jetzt ist das erstmals 1987 auf Deutsch erschienene Buch in der wunderschön gestalteten Quartheft-Reihe von Wagenbach endlich wieder erhältlich. (Syme Sigmund)

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Abbas Khider: Der Palast der Miserablen

Hanser 2020, 320 S., € 23,-

Khider PalastDie für heute geplante Lesung mit Abbas Khider kann wegen der Coronakrise leider nicht stattfinden. Wir hoffen sehr, sie ist nur aufgeschoben und empfehlen so oder so, nein – in jedem Fall und unbedingt seinen neuen Roman zu lesen. Khider führt diesmal wieder in sein Geburtsland, den Irak und in die Zeit des Wirtschaftsembargos. Familie Hussein verlässt den besonders gebeutelten Süden des Landes und versucht in Bagdad einen Neuanfang aus dem Nichts. Findig und voller Einfallsreichtum bauen sie eine Hütte in den wachsenden Slums am Stadtrand der Hauptstadt. Kein Unglück, keine Beschwernis – und davon gibt es zahlreiche – scheinen den Lebensmut der Familie brechen zu können. Im Mittelpunkt steht der heranwachsende Shams, der bald schon eine große Liebe zu Büchern entwickelt, die zu jener Zeit aber auch große Gefahren birgt. Auf zwei sich abwechselnden Ebenen lässt Khider den mittlerweile jungen Mann erzählen: in anschaulichen Rückblenden vom Alltag im Blechviertel und ganz unmittelbar aus dem Gefängnis, in das ihn seine Bücherliebe schließlich bringt. Gerade diese Unmittelbarkeit, die Direktheit des Erzählens bis ins noch so schmerzhafte Detail haben es in sich und lassen ahnen, was es heißt, ein Gefangener zu sein. (Jana Kühn)  Leseprobe

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Mies van Hout: Von 1 bis 10

Aus dem Niederländischen von Maria Werner, Aracari Verlag 2020, 10 S. , stabile Pappseiten, € 13,-, ab 1

Hout_Mies_van_Von_1_bis_10_Danteperle_Dante_connectionDie Bilderbuchkünstlerin Mies van Hout ist bekannt für ihr geniales Buch über Gefühle Heute bin ich. Ihr neu aufgelegtes Bilderbuch für die Allerkleinsten hat ähnliche Qualitäten. Ein freundlich lächelndes giftgrün-dunkelgrünes Krokodil auf leuchtendem Pink macht schon gleich Lust, das großformatige Pappbuch mit den altersgerechten abgerundeten Ecken aufzuschlagen. Jede Doppelseite leuchtet in einer anderen tief brillanten Farbe. Und schon kann es losgehen mit dem Entdecken und Zählen von Körperteilen, von Farben und kleinen Details. Vergnügliche lustige Tiere laden die Kinder ein, sie anzuschauen, sie zu berühren und immer wieder viel Spaß mit ihnen und dem Zählen zu haben. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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