Mit Illustrationen von Jim Avignon, übersetzt von Caroline Vollmann, Edition Büchergilde 2013, 296 S., € 24,95
(Stand März 2021)
Wer unsere Plauderstunde mit dem Berliner Pop-Art-Künstler Jim Avignon zur 16. Langen Buchnacht in der Oranienstraße verpasst hat, dem sei hier nun noch einmal ganz offiziell dieser Klassiker der französischen Gesellschaftsliteratur aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert wärmstens ans Herz gelegt – zum Selberlesen oder auch als wunderschönes Geschenk. In all den Genrebeschreibungen Guy de Maupassants der damaligen Pariser Noblesse, Salon- und Künstlerwelt ist dieser Roman nämlich vor allem eine zeitlos anmutende, gänzlich unmoralistische Geschichte über die Liebe, das Alter und das Reifen wie Altern der Liebe im endlosen Prozess des Infragestellens der eigenen Person und des Anderen. Maupassant überrascht mit seinen wertfreien Beobachtungen, die das sensible Porträt und Psychogramm einer sich immer dramatischer zuspitzenden ménage à trois zwischen der Gräfin Any de Guilleroy, ihrem geheimen Geliebten, dem Maler Olivier Bertin, und Anys Tochter Anette bilden. Mit den famosen Illustrationen von Jim Avignon erhält der Text darüberhinaus eine komplett neue und obendrein beglückende Ebene, welche die Zeitlosigkeit des Textes wunderbar hervorhebt. (Jana Kühn) Leseprobe

Muldental – der kleine Ort Muldental ist nirgens und doch überall in der heutigen sächsischen Provinz. Die zehn Geschichten dieses Buches handeln alle – irgendwie – von Menschen aus Muldental, Menschen, die im Leben nicht das bekommen haben, was sie sich erhofft hatten, nicht weiter wissen, mit dem Leben nicht zurecht kommen. Sie handeln von dem Mann, der erst die Arbeit und dann seine Frau verliert und schließlich vor dem Supermarkt als Alkoholiker endet oder von den jungen, gut ausgebildeten Müttern, denen die Prostitution als eine machbare Option erscheint, um der finanziellen Misere zu entkommen. Sie handeln von den Abgehängten, den “Wendeverlierern”, den Gescheiterten und Verzweifelten. Nein, wohlfühlen kann man sich nicht bei der Lektüre, das soll man auch nicht. Die Protagonisten kämpfen, wollen nicht untergehen, auch wenn sie eigentlich schon 10 Meter unter der Wasseroberfläche schwimmen, trotzen stoisch den Verhältnissen – oder haben längst aufgegeben. Daniela Krien überzeugt dabei mit einer kargen, unsentimentalen Sprache, die nachwirkt. Ein starkes Buch über die Randfiguren unserer Gesellschaft, nicht leicht zu verdauen, aber unbedingt lesenswert. (Syme Sigmund)
Ifemelu und Obinze verlieben sich noch während ihrer Schulzeit in Lagos. Eine überraschende Entschlossenheit füreinander verbindet das selbstbewusst kluge Mädchen mit dem etwas draufgängerisch beliebten Jungen. Die lähmende Perspektivlosigkeit in Nigeria lässt Ifemelu schließlich ihre Heimat verlassen: sie studiert in den USA. Jahre später verlässt auch Obinze das Land und lebt illegal in London. Einfühlsam und bewegend begleitet Adichie ihre Protagonisten auf den sehr unterschiedlichen Lebenswegen. Ifemelu schreibt einen Aufsehen erregenden und kritischen Blogg zum Thema als Schwarze in den USA zu leben und den damit einhergehenden alltäglichen Rassismus. Obinze erfährt viel Demütigung, wird abgeschoben und steigt final zu einem erfolgreichen Geschäftsmann in Nigeria auf. Nach vielen Jahren treffen die beiden in Lagos wieder aufeinander, und alles und nichts ist, wie es vorher war. Ein politisches, ein anregend nachdenkliches, auch ein romantisches, vor allem ein mitreißendes Buch! (Jana Kühn)
Dem Fisch, dem wir heute meist nur traurig in einem Brötchen oder einer Konserve begegnen, ist der neue Band der Naturkunden gewidmet: dem Hering. Der Autor, auf Rügen aufgewachsen und ehemals Maschinist auf Fischerkuttern, porträtiert den kleinen Fisch, der einst Geschichte machte. Heringe galten als Silber des Meeres, entschieden über Reich und Arm in der Wirtschaft Nordeuropas, machten mit ihren Lauten, den „Heringsfürzen“, Politik. Doch Teschke wendet sich vielen weiteren Aspekten des Herings zu, Fakten wie seine Schwarm-intelligenz, aber auch den vielen Mythen, die sich um ihn ranken. So schön, wie das silbergraue Buch mit seinen ausgewählten Abbildungen gestaltet und ausgestattet ist, müssen in vorindustrieller Fischereizeit die kilometerbreiten und langen Heringsschwärme gewesen sein, die, wenn die Sonne auf sie fiel, das Meer zum Leuchten brachten. (Stefanie Hetze)
Katja Petrowskaja macht sich auf die Suche nach Ihren jüdischen Vorfahren, forscht in Österreich, Polen und der Ukraine nach Spuren von Rosa, Ozjel, Anna oder eben Esther und stößt dabei stets an die Grenzen dessen, was noch erfahrbar ist, wenn es die Menschen, die man hätte fragen können nicht mehr gibt, wenn nur “Erinnerungsfetzen, zweifelhafte Notizen und Dokumente in fernen Archiven” bleiben. Die 1970 in Kiew geborene und aufgewachsene Autorin fühlt sich “der Geschichte ausgeliefert”, folgt Hypothesen, fragt nach, verzweifelt an den Tücken der Internet-Suchmaschine und arroganten Telefonistinnen, stößt auf immer neue Versionen der gleichen Geschichte, verirrt sich in Archiven, gibt nicht auf, macht überraschende Entdeckungen und spinnt so nach und nach ein Gewebe aus Geschichten, in denen sich Gegenwart und Vergangenheit überlagern und vernetzen, in denen das Deutsch von Petrowskaja dank ihres gleichsam frischen Blicks auf diese Sprache neu und hoch literarisch-poetische Glücksmomente fern aller literarischen Konventionen zaubert und man am Ende des Buches auf viel mehr von dieser ganz besonderen Autorin hofft, die für ein Kapitel aus “Vielleicht Esther” verdientermaßen den Ingeborg-Bachmann-Preis 2013 gewonnen hat. (Syme Sigmund)
Ein überraschendes Wechselspiel zwischen den USA und Afrika, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Gut und Böse ist in einem rasanten neuen Krimi zu entdecken: In einer amerikanischen Provinzstadt wird eine junge blonde Weiße tot auf den Stufen eines Hauses gefunden. Tatverdächtig ist ein kenianischer schwarzer Professor, ein Held im Kampf gegen den Völkermord in Ruanda und Aushängeschild für eine Menschenrechtsstiftung. Ermittler ist der Afroamerikaner Ishmael, der schnell erkennt, dass er mit der Lösung des Falls nur in Nairobi weiterkommt. Ishmael, der noch nie im Land seiner Vorfahren gewesen war und in Nairobi als Amerikaner als reicher weißer Mann gilt, dringt zusammen mit seinem kenianischen Kollegen tief ein in ein schmutziges Geflecht aus Gewalt, Intrigen und Korruption. Er entdeckt die kriminellen Machenschaften hinter der Hilfsorganisation, die einträglich vom schlechten Gewissen der Welt lebt, hört dort aber bei weitem nicht auf zu ermitteln. Was Nairobi Heat so außerordentlich macht, ist, wie Mukoma wa Ngugi immer wieder gesellschaftliche und moralische Gewissheiten umstößt und trotz aller Gewalt und allen Elends einen Eindruck von Lebendigkeit hinterlässt, der Lust macht auf mehr spannende Literatur aus dem urbanen Afrika. Hoffentlich wird die Fortsetzung Black Star Nairobi bald in Deutschland erhältlich sein! (Stefanie Hetze)
Edmund de Waal („Der Hase mit den Bernsteinaugen“) hat jetzt einen Roman seiner Großmutter Elisabeth herausgegeben, einer hochgebildeten, aber zeitlebens unveröffentlichten Autorin aus der Ephrussifamilie, die aus Wien vertrieben und enteignet wurde.
Nach “Das Phantom des Alexander Wolf” liegt nun der 1930 erschienene, stark autobiographisch gefärbte Debutroman Gasdanows erstmals auf deutsch vor. Die Liebe zu Claire, die der Autor nach zehn Jahren Trennung im Pariser Exil wiedertrifft, bildet die Rahmenhandlung zur Beschreibung einer Kindheit und Jugend im vorrevolutionären Russland. Der junge Kolja empfindet das Leben als sinnlose Abfolge von Ereignissen und Begegnungen, er tut sich schwer, Erlebnis- und Gedankenwelt, innere und äußere Existenz zu trennen. Der Wunsch seine “eigenartige Taubheit” zu überwinden lässt ihn auf Seiten der weißen Armee in den Krieg ziehen und schließlich auf der Flucht vor den siegreichen Bolschewiki nach Frankreich emigrieren. Kunstvoll erzählt, mit einer – von Rosemarie Tietze wunderbar übersetzten – Sprache großer Tiefe und poetischer Intensität, entfaltet sich dem Leser die illusionslose Sicht auf eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. (Syme Sigmund)
Ein Architekt kommt von der Straße ab, seine Tochter stirbt. Doch war da nicht ein Wagen, der sie gestreift hat? Ein Banker sieht seine Ehe auseinanderbrechen und verliebt sich in die – vielleicht – falsche Frau, ein ungarisches Roma-Mädchen, das im Ausland Geld für die Familie verdient und die Kontrolle über ihr Handeln verliert. Ein Schüler plant einen Amoklauf. Wie Billardkugeln stoßen die Schicksale der Figuren in Jan Costin Wagners „Tages des letzten Schnees“ aneinander, und durch den Aufprall kommt es für alle anders als geplant, den Ermittler Kimmo Joentaa eingeschlossen. Erst nach und nach, mit dem Tauwetter, formt sich die Erkenntnis über das, was passiert und nicht mehr zu ändern ist. Ein Buch über Liebe und Verlust, das man nicht mehr beiseite legen will, geschrieben in einem ruhigen Ton, der in den Bann zieht. (Judith Krieg)
Pariser Bürgerliche. Keiner sticht heraus. Yasmina Rezas neuer Roman hat viele Protagonisten, die in einem Erzählreigen kurzer Episoden aufeinander treffen, auseinander gehen und immer wieder zusammen finden. Sie sind miteinander verwandt, sie sind befreundet, sie kennen sich nur vom Sehen oder über drei Ecken. Sie lieben und vertrauen einander, betrügen und langweilen sich trotzdem. Sie haben es geschafft, sind beruflich erfolgreich – und immer wieder einsam in all ihrer Verbundenheit. Vielleicht mag man den einen oder die andere lieber. Vertraut und bekannt kommt einem so manches vor – denn nichts Menschliches ist Reza fremd. Sehr genau schaut sie hin und jede noch so kleine Gefühlsregung leuchtet sie schonungslos aus. Das ist manchmal bitter, macht aber auch jede Menge Spaß – denn die kleinen und großen Dramen des Alltags werden mit Rezas erzählerischer Distanz und Ironie herrlich vorgeführt. (Jana Kühn)