Mit einem Nachwort von Daniel Schreiber. Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow, dtv 2018, 221 S. , € 20,-, dtv TB € 11,90
(Stand März 2021)
Was für ein Buch! Die 19jährige Tish und der drei Jahre ältere Fonny sind leidenschaftlich ineinander verliebt. Beide kommen aus Harlem, kennen einander seit ihrer Kindheit, haben Großes vor. Tish erwartet ein Baby und Fonny möchte Künstler werden. Als sie tatsächlich einen Speicher zum Leben und Arbeiten mieten können und ihr Glück so nahe scheint, kommt es zur Katastrophe. Fonny wird zu Unrecht als Vergewaltiger inhaftiert, für ihn beginnt das Inferno, für Tish mit dem Baby im Bauch fühlt es sich wie „die Sahara“ an. Täglich besucht sie ihn im Knast, versucht ihn aufzubauen und ihn gleichzeitig neben ihrer Arbeit in einem Kaufhaus aus dem Gefängnis herauszuholen. Doch das rassistische System schlägt gnadenlos zu. Dabei kämpfen ihre Familie und Fonnys Vater mit all ihren – knappen – Mitteln für den Unschuldigen.
Wut und Zärtlichkeit sind die beiden Pole dieses so beeindruckenden Romans, der im Rhythmus des Blues die vielen Facetten der Beziehung des jungen schwarzen Liebespaars mit der für sie brutalen Wirklichkeit konfrontiert und der auch dank der wunderbaren Übersetzung Miriam Mandelkows ergreift und zornig macht und ganz große Literatur ist! (Stefanie Hetze) Leseprobe

Italien ist seit jeher von unendlichen Strömen Reisender von Nord nach Süd beschrieben worden, das Land scheint komplett auserzählt zu sein. Was für eine Überraschung ist es dann, mit dem vor kurzem übersetzten Buch des Reiseschriftstellers Paolo Rumiz eine der letzten unbekannten Terrains Italiens zu entdecken! Mit wechselnden Begleitern und unterschiedlichen Booten ist er
Als Antons alleinerziehende Mama pünktlich zum Ferienbeginn ihre Arbeit verliert, stehen die Zeichen erst einmal schlecht für eine tolle Reise, so wie die von denen andere Kinder in den letzten Schultagen immer wieder erzählt haben. Doch der Sommer wird gegen alle Regeln und mit einfachsten Mitteln trotzdem unvergesslich. Not macht eben erfinderisch und so zeltet die kleine Familie plus Meerschwein mitten im Wald auf einer malerischen Lichtung. Das Ferienleben im Wald ist irgendwie herrlich unaufgeregt, trotzdem nie langweilig dank phantasievoller Spielideen. Und mit den Kindern vom nahen Campingplatz bahnen sich für Anton überraschende Freundschaften an. Nele Palmtags Illustrationen fangen mit liebevollen Details perfekt die unspektakulär schöne Ferienstimmung ein. Ein ausgesprochen feinfühlig und mit leisem Humor erzähltes, ganz besonderes Campingabenteuer! (
Tina ist mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester Bea zum ersten Mal allein in Urlaub, nachdem der Vater die Familie verlassen hat. Träge und heiß sind die Tage im Sommer auf Pantelleria, der Insel vulkanischen Ursprungs zwischen Sizilien und Afrika. Das Mädchen – zwischen Kindheit und Jugend schwebend, noch nach Quallen fischend und kurzhaarig auf Fremde wie ein Junge wirkend – beobachtet die Zufallsgemeinschaft, die sich um das kleine Lokal in der Bucht versammelt hat: der attraktive Wirt Andrè, der Korse Stefano mit seiner französischen Freundin Parì, der alkoholsüchtige Kanadier Charles. Doch die Fröhlichkeit der Erwachsenen täuscht, ihre jeweilige Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln, die Spannungen wachsen parallel zur Nervosität wegen der Quallenplage, die ein erfrischendes Bad, und der Intensität des Mistrals, der ein Anlegen der Fähre verhindert. Allen entgeht, dass Tina sich immer mehr verliert zwischen der Sehnsucht nach dem Vater und dem Wunsch, als sie selbst wahrgenommen zu werden. Alessio Torino hat ein veritables Kammerspiel vorgelegt, voller Leerstellen und Andeutungen, ohne ein Wort zu viel, ist es dem Leser überlassen, die Hintergründe zu interpretieren. Eine empfehlenswerte Sommerlektüre voller Abgründe. (Syme Sigmund)
Verflixt- Finn fährt alleine mit dem Zug von seinem Vater zu seiner Mutter nach Berlin und dann wird ihm ausgerechnet sein Rucksack geklaut. Das musste der komische Typ, der ihn vollgequatscht hatte, gewesen sein. Jetzt hat er weder eine Fahrkarte noch Geld noch ein Handy. Statt ihm zu helfen, schmeißt ihn der mehr als unfreundliche Schaffner in Oranienburg aus dem Zug und übergibt ihn der Polizei. Auch die hört ihm nicht richtig zu, wieder kommt von der Erwachsenenseite keine Spur Hilfe. Zum Glück trifft er auf Jola, die auch in die „Tzitti“, also Berlin, will und ein bisschen Geld, vor allem aber jede Menge Mut und Ideen hat.
USA, Mitte der 50er Jahre: Der Vater des Afroamerikaners Atticus ist verschwunden. Atticus, sein Onkel und eine Kindheitsfreundin begeben sich auf der Suche nach ihm auf einen Roadtrip durch die feindlich-rassistischen Staaten. Als sie an einen mysteriösen Ort gelangen, erleben sie unvorstellbare Schreckensrituale, die sich auf ihr Leben und das ihrer Familie auswirken. Horror steht im Vordergrund der Handlung. Trotz übernatürlicher Elemente wie schwarzer Magie, die diese Geschichte bevölkern, sind die wahren Schrecken, um die es Matt Ruff geht, die Ungerechtigkeiten der „Jim-Crow-Ära“. Der blinde Rassismus, der wie ein wildes Feuer durch die USA wütete, beweist wieder einmal, dass es nicht die Geister sind, die man fürchten muss, sondern die Menschen selbst.
Die Protagonistin dieses Debütromans ist Anfang 20, studiert und führt mit einem Geliebten plus einem Liebhaber ein intensives Liebesleben. Das klingt durchschnittlich für dieses Alter, wären da nicht Erinnerungssplitter an eine andere Welt früher im Nordirak, als die Eltern und alles ganz anders gewesen waren. Heute lebt Sanaa zusammen mit ihrer depressiven Mutter, einem kaum anwesenden Vater und einer pubertierenden Schwester beengt in einer westdeutschen überwiegend von Migranten bewohnten Hochhaussiedlung. Wie in einem kleinen Dorf wird keine Gelegenheit ausgelassen, zu tratschen, zu kontrollieren und zu intrigieren. Auch Sanaa, die auf jeden Fall ihr Doppelleben hinkriegen will, mischt im wahrsten Sinne des Wortes kräftig mit: durch Marihuanabeigaben in die Zigaretten für Tante und Nachbarinnen!
Hund Samson und Kater Roberto sind bettelarm und hungrig. Als Samson eine Pension am Meer erbt, machen sich die beiden Freunde auf, dort ihr Glück zu versuchen. Was sie erwartet ist eine Bruchbude, in der es spuken soll, doch voller Elan und Ideen machen sie sich ans Werk und können bald die ersten Gäste begrüßen.
Eine Frau fährt wenige Monate nach dem Tod ihres Gefährten nach Italien in einen kleinen abgelegenen Ort in der Nähe Roms. Es ist Winter, kalt und leer. In langen Erkundungsgängen schaut sich die Erzählerin das genau an, was sie vorfindet: das Dorf, die Gassen, die wenigen Menschen, die Hügel, den Friedhof. Immer weiter vertieft sie sich in das sie umgebende Gelände. Erinnerungen werden wach an zahlreiche Italienreisen mit dem auch verstorbenen Vater, einem leidenschaftlichen Kenner der etruskischen Kultur, Liebhaber italienischer Mosaiken und Landschaften. Viel seines detaillierten Wissens hatte er an seine Tochter weitergegeben. Immer weiter dehnt die Autorin ihren Radius aus, unternimmt Ausflüge, streift einige Zeit durch die vom Wasser bestimmte, sich ständig verändernde Lagunenlandschaft des Podeltas und fächert so ein Italien fern der Klischees auf. Natürlich ist es ein Buch der Trauer angesichts des Verlusts, aber dank Esther Kinskys präzisem Blick und ihrer ungemein reichen Sprache eine außerordentliche Leseerfahrung und nicht zuletzt ein wunderbares Buch über ein Italien, wie es wirklich ist. Hain hat den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 erhalten!! (Stefanie Hetze)