Pier Paolo Pasolini: Der Zorn

Aus dem Italienischen von Anna Giannessi und Jo Frank, Illustrationen von Guglielmo Manenti, mit einem Nachwort von Ricardo Domeneck, Verlagshaus Berlin 2020, 132 S., € 24,90
(La rabbia, Cineteca di Bologna 2009, ca. € 35,-, difficile reperibilità)

(Stand März 2021)

Pasolini_Pier_Paolo_Der_Zorn_Danteperle_Dante_ConnectionDer Dokumentarfilm La Rabbia erschien 1963. In Form eines poetischen Essays kommentiert Pasolini mehrere Ereignisse der Zeit, die im Film mit Ausschnitten aus internationalen Wochenschauen gezeigt werden: den Kolonialismus, den Weg Algeriens zur Unabhängigkeit, die Krönung von Elizabeth II, die Wahlen verschiedener Päpste, den Tod von Marilyn Monroe, die Revolutionen in Ungarn und in Kuba, die Entwicklung der Konsumgesellschaft im westlichen Teil der Welt. Starke Gefühle wie Entfremdung, Unmut und Angst spiegeln sich in seinen kommentierenden Ausführungen.
Pasolinis poetischen Kommentare, die in dieser 2-sprachigen Ausgabe nachzulesen sind, haben immer noch eine unbestreitbare Kraft: Seine Wörter, die damals zu einem Skandal führten, bilden den Stoff für tiefgehendes Nachdenken über die Menschheit, Gesellschaft, Politik und Geschichte. Dieses elegante Büchlein, von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet als eines der schönsten deutschen Bücher, ist der perfekte Begleiter für alle Leser*innen, die Pasolini wieder- oder neu entdecken möchten. Überall kann man über die Bedeutung der Texte eines der wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts nachdenken und ungemein viel daraus ziehen. (Giulia Silvestri) Blick ins Buch

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Graham Swift: Da sind wir

Aus dem Englischen von Susanne Höbel, dtv 2020, 160 S., € 20,-, TB 2021, € 11,-

(Stand September 2021)

Swift_Graham_Da_sind_wir_danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungDas Cover, ein stark vergrößerter Papagei, zieht einen vielleicht nicht gleich an, doch dieser schmale Roman hat es in sich. Wir befinden uns auf unsicherem Boden, dem meerumtosten Pier von Brighton, Ende der Fünfzigerjahre, als nach dem harten Krieg, noch vor dem Fernsehzeitalter die Menschen im Varietétheater rasche Zerstreuung suchten. Jack, der Conférencier, liebt Evie, die hinreißende Assistentin und Verlobte seines Freundes, des Zauberers Ronnie. Während Ronnie als Pablo auf der Bühne versessen an der perfekten, nie dagewesenen Illusion arbeitet, hat Jack, der sich in den Zuschauerraum stiehlt, nur Augen für die schöne Evie. Der Autor Swift lässt dieses hochexplosive Dreieck nicht einfach befreiend auseinanderknallen, stattdessen lässt er Ronnie spurlos wie den Papagei (!) aus seiner Show verschwinden. Auch in den fünfzig Ehejahren von Jack und Evie taucht er nicht mehr auf, hat quasi mit seinem eigenen Verschwinden die höchste Stufe der Illusionskunst erreicht. Dabei würden wir doch wie bei einem Zauberer so gerne ganz viel von ihm wissen. Magisch hält Graham Swift diese Spannung in der Schwebe. Eine absolute Empfehlung. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Mary MacLane: Ich erwarte die Ankunft des Teufels

Aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Nachwort von Ann Cotten, Reclam 2020, 206 S., € 18,-

(Stand März 2021)

MacLane1901 ist Mary MacLane 19 Jahre jung und lebt in einer kleinen Bergbaustadt in Montana. Von der ersten Seite an springt der in Tagebuchform verfasste Text uns an, leidenschaftlich, ungestüm, mit jugendlicher Überheblichkeit und doch reflektiert spricht hier eine Frau, die an den Konventionen, der Bigotterie und Verlogenheit ihrer Zeit und der Provinz leidet, sich unverstanden und einsam fühlt und doch weiß, dass sie zu mehr bestimmt ist. Verzweifeln möchte sie an der Begrenztheit der Möglichkeiten, die ihr das Leben bietet, sie weiß „Ich kann fühlen“ – „Ich bin ein Genie“ schreit sie heraus, und bietet uns einen Blick in ihr Innerstes, das nur darauf wartet, leben und lieben zu dürfen, in einer sehnsuchtsvoll-poetischen, hoch rhythmischen, kraftvollen Sprache, die uns mitreißt wie ein Sog, aus dem wir erst mit der letzten Seite wieder auftauchen.
Mary MacLane sorgte mit der Veröffentlichung des Buches für einen Skandal. Sie verließ die Provinz, lebte offen bisexuell und war eine frühe Feministin. Hier dürfen wir den Anfängen ihrer Selbstfindung beiwohnen, einer Frau die noch bei ihrer Familie wohnt und doch schon sicher ist „Ich bin ausgesprochen originell, von Geburt an“. (Syme Sigmund)

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Ulla Lenze: Der Empfänger

Klett-Cotta 2020, 302 S., € 22,-, TB dtv 2022, € 12,-

(Stand Januar 2022)

Lenze_Ulla_Der_Empfänger_Dante_connection_DanteperleJosef Klein ist 22, als er 1925 mit einer Winterfahrkarte der dritten Klasse nach Amerika auswandert. Sein Bruder musste wegen eines Unfalls in Deutschland bleiben. Klein hat weder einen festen Plan, noch einen übertriebenen Ehrgeiz, er ist vielmehr froh, dem gewalttätigen Vater entronnen zu sein und ein paar Jahre später ist er mit einem unaufgeregten Job in einer Druckerei zufrieden, genießt das Leben und Treiben seines Harlemer Viertels, richtet sich eine eigene Funkstation ein und lässt die Welt der Amateurfunker zu sich in die kleine Wohnung kommen. Aber er kann dem Weltgeschehen nicht gänzlich ausweichen, das New York der 1930 ist ein politisch zutiefst zerrissenes Land. Josef Klein bekommt einen unscheinbaren Auftrag “unter Deutschen” und verfängt sich, zunächst ohne es zu ahnen, in die Spionagetätigkeit des Naziregimes.
Ulla Lenzes historischer Roman beleuchtet ein bislang wenig erschlossenes Kapitel der deutsch-amerikanischen Geschichte. Inspiriert wurde die Autorin durch die wahre Geschichte ihres Großonkels. Spannend zu lesen ist der Roman nicht zuletzt durch die antiheldische Komponente der Figur Kleins. Seine Beweggründe und Handlungen bleiben zuweilen rätselhaft und machen sie damit doch umso glaubwürdiger. Es kostet ihn unglaublich viel Kraft und Mut, seinen für ihn anfänglich harmlosen Fehler zu korrigieren und es wird nur zu deutlich, wie leicht man den Kurs unter manipulativem Druck verlieren kann. (Franziska Kramer)

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Sasha Filipenko: Rote Kreuze

Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer, Diogenes 2020, 288 S., € 22,-, TB 2021, € 12,-

(Stand November 2021)

rote-kreuze-9783257610109Der junge, in der Trauer um seine früh verstorbene Frau gefangene Alexander zieht nach Minsk und trifft auf seine 91-jährige neue Nachbarin, die ihm zunächst gehörig auf die Nerven geht, ihn dann aber mit der Erzählung ihres Lebens in den Bann schlägt. Tatjana Alexejewna arbeitete ab den 30er Jahren als Fremdsprachensekretärin für das NKID, das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten, in Moskau. Als ihr Mann im zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft gerät und sie seinen Namen auf einer geheimen Liste entdeckt, die sie übersetzen soll, ist ihr klar, dass dies ihr und sein Verhängnis sein kann, denn Kriegsgefangene galten als Volksverräter, ebenso ihre Angehörigen. In ihrer Not trifft sie eine folgenschwere Entscheidung…
Sasha Filipenko hat die in Genf archivierte Korrespondenz zwischen dem Internationalen Roten Kreuz und der Sowjetregierung während des Zweiten Weltkriegs eingesehen und teils als Originaltexte, teils als Handlungsgrundlage in den Roman eingearbeitet. Dabei ist ihm ein gut lesbares und historisch fundiertes Stück Literatur gelungen, über die Zeit des stalinistischen Terrors und die Schicksale derer, die in seine Mühlen gerieten, über Unterdrückung und Erinnerungskultur. (Syme Sigmund)

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Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

S. Fischer Verlag 2020, 352 S., € 21,-, TB 2022, € 13,-

(Stand September 2022)

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Die Icherzählerin ist Mitte dreißig und hat oft viel Angst. Als Schwarze in Deutschland hat sie Schlimmes erlebt. Ihre Mutter war zu DDR-Zeiten Punk und tut sich schwer mit dem Leben. Ihr Vater verließ die Familie sehr früh und ging zurück nach Angola. Ihr Zwillingsbruder hat sein Leben beendet. Die Großmutter, zu der sie als einzige Angehörige den Kontakt hält, steht weit rechts. Glück erlebt die namenlose Protagonistin in Städten wie Berlin und New York oder in Ländern wie Marokko und Vietnam, vor allem aber durch die Menschen, für die sie sich selbst entscheidet.
In einem der originellsten Debuts der letzten Zeit schreibt Olivia Wenzel über Herkunft, Diskriminierung, Privilegien, die Suche nach Stabilität, Identität und Beziehungen. Dafür hat sie ein außergewöhnliches Format gewählt. Der erste und der dritte Teil des Romans besteht aus Dialogen zwischen einer fragenden Stimme und der Protagonistin, während im mittleren Teil Assoziationen, Bilder und Erinnerungen fein miteinander verwebt werden. So entsteht ein vielstimmiger Raum, in dem die Autorin uns auf eine rasante und überraschende Serpentinenfahrt einlädt. (Giulia Silvestri)

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Juri Andruchowytsch: Die Lieblinge der Justiz

Parahistorischer Roman in achteinhalb Kapiteln. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr, Suhrkamp Verlag 2020, 299 S., € 23,-

(Stand März 2021)

AndruchowytschDie Lieblinge der Justiz – das sind Mörder, Verbrecher und ihre Verbrechen. Das sind ein dichtender Räuber des 17. Jahrhunderts, ein verliebter stalinistischer Killer-Spion oder ein kommunistischer Revolutionär. Das sind aber auch ein Krämer, der einen Magier um ewige Jugend bittet, ein betrügerischer Mönch, der mit dem Teufel paktiert oder ein unglückseliger Bauer, der so abstoßende Züge trägt, dass ihm jede Untat zugetraut wird. Juri Andruchowytsch erzählt von ihnen, ihren Taten und wie ihnen der Prozess gemacht wird, berichtet von Liebe, Mord und Verrat, vermischt Fakten mit Fiktion und präsentiert ganz nebenbei ein sowohl haarsträubendes als auch (überraschenderweise) ironisch-amüsantes Panorama von 400 Jahren ukrainischer Geschichte. Die mal leicht-kuriosen, mal bitterernsten und schwer erträglichen Geschichten, in denen sowohl die Tragik der Delinquenz, die Frage nach Sinn und Unsinn von Strafe und die Verbrechen der jeweils herrschenden Justiz selbst in den Fokus rücken als auch die über die Jahrhunderte immer gleiche blutrünstige Sensationslust der Massen und ihre unausrottbaren Vorurteile bloßgestellt werden, halten auch der heutigen Gesellschaft den Spiegel vor und erinnern daran, nichts unhinterfragt zu lassen. (Syme Sigmund) Leseprobe

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James Baldwin: Giovannis Zimmer

Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow, mit einem Nachwort von Sasha  Salzmann. dtv 2020, 208 S., € 20,-, TB neu März 2024, € 12,-

(Stand März 2024)

„Giovannis Zimmer“ ist das vierte Buch von James Baldwins das in einer Neuübersetzung erscheint. Und wieder ein Buch wie ein Schlag in die Seele, der tief in die Unzulänglichkeiten und Begrenzungen menschlichen Daseins blicken lässt. David, ein junger homosexueller weißer Amerikaner auf Europareise in Paris, beginnt eine heftige Liebesaffäre mit dem jungen, lebensgierigen Giovanni. In kurzen Wochen genießen sie ihre Liebe, ihre Körper und nähern sich auch intellektuell an. Vor den Anfeindungen ihrer Umwelt schützen sie sich, soweit dies in einer offen homophoben Gesellschaft möglich ist. Als Davids Verlobte Hella aus Spanien zurückkehrt, wendet sich dieser von Giovanni ab und stürzt ihn in tiefe Verzweiflung.
Baldwin beschreibt die berührende Liebesgeschichte zwischen den beiden jungen Männern schnörkellos und ohne rührseligen Kitsch. Fast zwangsläufig führt Davids Trennung von Giovanni direkt in eine Katastrophe. Wie in seinen anderen Büchern greift Baldwin wieder ein Thema auf, das den Blick auf Unterdrückung und Gewalt lenkt. Die Geschichte weist aber weit über die Ursachen der gesellschaftlichen Gewalt hinaus. Sie legt offen, welche Verheerungen die Homophobie in den Opfern selbst anrichtet und diese zu Tätern werden lässt. David kann zu seiner wahren Natur nicht stehen, zu groß ist die Angst vor der gesellschaftlichen Ächtung. Damit stürzt er alle Menschen, die ihm etwas bedeuten, in Verzweiflung. Stehst du nicht zu dir, deiner Natur, deiner Liebe, stehen am Ende Unglück und Vernichtung. Ein überzeugendes Plädoyer dafür, sich zu erkennen und zu akzeptieren, egal wie feindlich deine Umwelt ist. Ein Meisterwerk – freuen wir uns auf weitere Neuauflagen! (Torsten Sigmund) Leseprobe

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Raimund Petschner: Kurze Entfernung aus dem Gespräch

PalmArtPress 2019, 187 S., € 24,-

(Stand März 2021)

FRONTCOVER_25.10.18_FINAL.inddIn einer unveröffentlichten Miniatur über das Verfassen von Miniaturen schreibt Petschner: „Im dickleibigen Entwicklungsroman des Lebens tauchen magische Kürzestkapitel auf, magisch und zugleich alltagsweltgesättigt, weltzustandsbewußt.“ Miniaturen gehen von Kleinbeobachtungen aus, von dem, was Auge und Ohr im Vorbeigehen einsammeln und im Kopf irgendwo so verstauen, daß es eines Tages den Verfasser, die Verfasserin zu einem kurzen Text anstößt. Zur Miniatur wird dieser Text, wenn Beschreiben und Nachdenken auseinander hervorwachsen, ja ineins fallen. In einer Petschnerschen Miniatur etwa erinnert sich nach Jahrzehnten ein Mann, wie er als Kind die Mutter eines Mitschülers in einem elenden Bach baden sah, eine „munter sich selbst bespritzende (…) Frau, wenngleich darunter – nicht darüber – etwas wie eine Maske saß : heilloser Schmerz, gefrorener Gram.“ Am Ende, nach weiteren wenigen Zeilen der Beschreibung, heißt es schließlich, in dem Elfjährigen habe bald danach ein leiser Verdacht zu arbeiten begonnen, „es seien die Mütter etwas unglaublich anderes als kleine praktische Nutzfahrzeuge“. Dieses Nachdenken über das erinnerte Bild in Gestalt wiederum eines Bildes hat Frank Heibert in einer tell-Besprechung des Buches seinerseits bildhaft beschrieben als „schwingende Bewegung vom Alltagsdetail zur existenziellen Unendlichkeit (und zurück)“. Beeindruckend ist die Leichtigkeit, mit der man als Leserin/Leser dieser schwingenden Bewegung folgen kann – vermutlich wegen des rhythmus- und spannungsreichen Satzflusses. Man wird von ihm gleichsam an die Hand genommen und durch den stark verdichteten Stoff geführt, der bildreich ist bis in die Wortfindungen hinein: „Plastikleerguttraurigkeit“, „Zauberkoinzidenzen“, „Cleanizismus“, „ein dunkles Stimmenschiff“, „im Ruckelrasewagen Welt“. Miniaturen sind Einzeltexte, und sie sind zugleich „Kürzestkapitel“ eines Ganzen. Die Ganzheit, ja Geschlossenheit von Kurze Entfernung aus dem Gespräch garantieren wiederkehrende Themen und Motive und nicht minder Petschners Blick und sein Stil. Großverlage schrecken vor der Publikation von Kurz- und Kürzestprosa zurück, weil das Lesepublikum Romane verlange. Catharine Nicely, die Verlegerin der deutsch-englischsprachigen PalmArtPress, engagiert sich für alle Arten von „minimals“ und praktiziert mit ihrem Kunst und Literatur verflechtenden Verlag möglicherweise generell etwas ähnliches wie Petschner mit seinen Miniaturen: die Feier des Mosaiks, die Aufforderung an den Leser/die Leserin, mit den Leerräumen zwischen den Steinen zu hantieren. Petschner selbst schreibt in einer seiner Miniaturen über das vermeintliche Zurückschrecken vor kurzen Formen des vermeintlich romanfixierten Publikums: „Man fürchtet das Elend der Zerstreuung und erlebt, lässt man sich auf das Kleinstückige ein, oft nur eine Stärkung der bogenschlagenden und gestaltbildenden Kräfte.“ (Eveline Passet) Leseprobe

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Johannes V. Jensen: Himmerlandsgeschichten

Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg, mit einem Nachwort von Reinhard Kaiser-Mühlecker. Guggolz Verlag 2020, 235 S., € 22,-

(Stand März 2021)

HimmerlandsgeeschichtenIm Übergang vom bäuerlich geprägten Leben zur Industriegesellschaft sind die Geschichten aus der Region Himmerland im nördlichen Dänemark zeitlich angesiedelt. Menschen, die ihrer einfachen und harten Arbeit in der Landwirtschaft nachgehen, ohne die Frage nach Sinn oder Gerechtigkeit ihres Daseins zu stellen, werden in den sehr unterschiedlichen und doch auch wieder den gleichen Motiven nachspürenden Erzählungen dargestellt. Alles ist hinreichend begründet durch den christlichen Glauben und die überlieferten Verhältnisse. Jensen lenkt den Blick auf den einzelnen Menschen. Da ist der „stille Mogens“, der, seinen Mitmenschen gleich, das Sprechen für weitgehend überflüssig hält. Als er sich in ein junges Mädchen verliebt, stürzt ihn seine Sprachlosigkeit erst in Hilflosigkeit, dann in Missbrauch und Brandstiftung, um am Ende zum Retter und Helden zu werden, der vierzig Jahre glücklich verheiratet sein wird. Die Geschichte um „Andreas Olufsen“ beschreibt das genaue Gegenteil. Der Mann, der aus der dörflichen Enge ausbricht, die Welt bereist, um, zurückgekehrt, Lebensfreude und Genuss ins Dorf zu bringen. Die Abneigung der Mitmenschen ihm und seiner Lebensfreude gegenüber treibt ihn tief in religiöse Zweifel, die er durch Gründung einer Sekte überwindet. Unglücklich und verspottet stirbt er einsam.
Jensen gilt bis heute als einer der wichtigsten dänischen Schriftsteller. 1944 erhielt er den Literaturnobelpreis, Thomas Mann bewunderte ihn. Die hier versammelten Geschichten und der bereits 2017 erschienen Band „Himmerlandsvolk“ verdeutlichen, dass sein Ruhm begründet ist. Nun heisst es, ihn auch bei uns wiederzuentdecken. (Torsten Sigmund) Leseprobe

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