Antonia Michaelis: Tankstellenchips

Oetinger 2018, 368 S., € 18,-, ab 14
(Stand März 2021)

Michaelis Tankstellenchips Danteperle DanteconnectionShayan, 18, beobachtet einen Mord in einem Ferienhaus. Beim Versuch, dem Opfer noch zu helfen, hinterlässt er aus Versehen seine Fingerabdrücke, und zu Hause liegt auch noch ein ungeöffneter Brief, wahrscheinlich der Abschiebebescheid, denn Shayan kommt aus dem Iran und hatte Asyl beantragt. Zusammen mit Davy (8 Jahre, aus einem Heim entwischt) haut er ab, auf der Flucht vor der Polizei und den wahren Mördern. So beginnt ein rasant-skurriler Roadtrip, von der Ostsee über Berlin und den Rhein bis nach Bayern, erzählt von Shayan selbst, dem Deutschland, seine Eigenheiten und seine Sprache noch reichlich viele Rätsel aufgeben, und in dem Kühe, Kaninchen, Wurstgulasch und das Mädchen Lotta keine unwesentliche Rolle spielen. Dass die jungen Leser nebenher nicht nur viel über den Iran und die Situation der dort lebenden Jugendlichen erfahren, sondern auch Deutschland mit anderen Augen zu sehen lernen, ist ein schöner Nebeneffekt dieses höchst komischen und doch viel Ernsthaftes enthaltenden Romans. (Syme Sigmund)

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Lucy Fricke: Töchter

Rowohlt 2018, 240 S., € 20,-, TB 2019, € 12,-

(Stand September 2022)

Fricke Töchter_Danteperle_DanteConnectionBetty – Mitte Vierzig, nie angekommen im Leben, eher immer noch Jugendliche kurz vor dem Absturz als gestandene Frau -zögert nicht lang, als ihre Uraltfreundin Martha sie bittet, sie zu begleiten – ihr todkranker Vater will in die Schweiz gefahren werden, er hat einen Termin, übermorgen, Sterbehilfeinstitut. Zu dritt brechen sie auf, doch nichts bleibt, wie es scheint und auch Betty hat einen Vater im emotionalen Gepäck, einen italienischer Stiefvater, der einzige, den sie je liebte und der verschwand, als sie zehn Jahre alt war. Wie es weiter geht in Italien und schließlich in Griechenland mit dieser rasanten Road-Novel voller überraschender Wendungen, in der viel geraucht und noch mehr getrunken wird und beide Väter noch so einiges zu melden haben, erzählt Lucy Fricke mit herrlich trockenem Humor und viel  geistreicher Ironie. Ein höchst amüsantes Buch, bei dem am Schluss – doch, das auch – die Träne im Augenwinkel steht. (Syme Sigmund)

Leseprobe

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Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung

Dumont 2018, 237 S., € 22,-, Dumont TB € 11,-

(Stand April 2021)

Taha_Karosh_Beschreibung_einer_Krabbenwanderung_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleDie Protagonistin dieses Debütromans ist Anfang 20, studiert und führt mit einem Geliebten plus einem Liebhaber ein intensives Liebesleben. Das klingt durchschnittlich für dieses Alter, wären da nicht Erinnerungssplitter an eine andere Welt früher im Nordirak, als die Eltern und alles ganz anders gewesen waren. Heute lebt Sanaa zusammen mit ihrer depressiven Mutter, einem kaum anwesenden Vater und einer pubertierenden Schwester beengt in einer westdeutschen überwiegend von Migranten bewohnten Hochhaussiedlung. Wie in einem kleinen Dorf wird keine Gelegenheit ausgelassen,  zu tratschen, zu kontrollieren und zu intrigieren. Auch Sanaa, die auf jeden Fall ihr Doppelleben hinkriegen will, mischt im wahrsten Sinne des Wortes kräftig mit: durch Marihuanabeigaben in die Zigaretten für Tante und Nachbarinnen!
Mit viel Verve, Timing und einer Sprache voller sinnlicher Bilder gibt uns Karosh Taha tiefen Einblick in die zerrissenen Alltags- und Gefühlswelten ihrer Protagonistin und ihres Umfelds. Selten ist in der deutschen Literatur so vom Leben Dazwischen geschrieben worden. (Stefanie Hetze)  Leseprobe

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Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn

Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit, (Piper Verlag 2018), 158 S., Piper TB € 11,-

(Stand April 2021)

Woodson_Jacqueline_Ein_anderes_Brooklyn_Danteperle_Dante_connection_BuchhandlungNach der Beerdigung ihres Vaters trifft die Anthropologin August, die weltweit forscht, in der New Yorker U-Bahn zufällig ihre Jugendfreundin Sylvia. Die beiden waren zusammen mit Angela und Gigi im Brooklyn der Siebziger engste Freundinnen gewesen.  Statt sich nach über 20 Jahren auszutauschen, steigt sie nach kurzer Begrüßung vorzeitig aus, fängt aber an, sich an früher zu erinnern. Wie es ihr, ihren Freundinnen erging, ihre Träume, Hoffnungen und Realitäten unter unterschiedlich schwierigen Startbedingungen. Die vielen Ereignisse aus ihrer Teenagerzeit, alltägliche und dramatische, verdichtet sie in ihrem Roman in  intensiven Momentaufnahmen, die eindrucksvoll ein Panorama auffächern, wie es war, als afroamerikanisches Mädchen aufzuwachsen und erwachsen zu werden.
In den USA ist Jacqueline Woodson hochgelobt als Autorin bekannt, die gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit schreibt. 2018 wird sie mit dem „Nobelpreis für Kinderliteratur“, dem Astrid-Lindgren-Preis ausgezeichnet werden, hierzulande kann sie nun endlich zumindest als Erwachsenenautorin entdeckt werden! (Stefanie Hetze)

Leseprobe

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https://www.jacquelinewoodson.com/

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Hanser Verlag 2018, 480 S., € 26,-, TB dtv 2019, € 12,90
(Stand April 2021)

Geiger Drachenwand_Danteperle_DanteConnectionSchützend und gleichzeitig bedrohlich überragt die Drachenwand – eine hohe Felsflanke – den kleinen Ort Mondsee in den österreichischen Alpen. Hierher kommt Veit – ein junger Mann Anfang zwanzig – nachdem er 1944 in Russland  verwundet wurde. Und hier – in der Abgeschiedenheit, unter alten Nazis, die ihm übelnehmen, dass er nicht an der Front ist, in der Freundschaft mit dem „Brasilianer“, den seine Aufrichtigkeit immer wieder in Schwierigkeiten bringt, und vor allem in der Liebe zu Margot – wird ihm klar, dass er es schaffen muss zu überleben und dass der Krieg, in den er als Schüler hineingestolpert ist, nur Unheil bringt.  Arno Geiger hat einen beeindruckenden Antikriegsroman geschrieben, in dem die Atmosphäre im Land kurz vor Kriegsende lebendig wird und in dem das Grauen – neben Veit kommen über Briefe auch Margots Mutter aus dem bombenzerstörten Darmstadt und der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer zu Wort – aber auch die Hoffnung in all ihren Facetten greifbar sind. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Alain Mabanckou: Die Lichter von Pointe-Noire

Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind 2017, 272 S. mit 20 SW-Fotografien,  € 20,-

(Stand April 2021)

Mabonckou_Alain_Die_Lichter_von_Pointe-Noire_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleErstmals nach über 20 Jahren und dem beinahe ebenso lang verdrängten Tod seiner Mutter kehrt Alain Mabanckou in sein Heimatland zurück. Gleich auf den ersten Seiten seiner Memoiren schreibt er sich das schwierige komplexe Verhältnis zu seiner Mutter von der Seele, einer erst alleinerziehenden und später verheirateten Marktfrau, der eine Cousine Schlimmstes prophezeit hatte.
Nun kehrt er als berühmter Autor und Gast des Institut Français in seine Heimatstadt Ponte-Noire zurück und begegnet seiner überaus weit verzweigten Verwandtschaft. Sie feiern ihn, haben aber auch beträchtliche Ansprüche an ihn. Er trifft jede Menge Leute, kommt quer durch die Stadt, hört und registriert die unterschiedlichsten Geschichten, Meinungen und Glaubensvorstellungen.  Vieles, auf was er heute stößt, stimmt überhaupt nicht mehr mit seinen Erinnerungen überein, anderes dann wieder ganz unverhofft. In die Textpassagen streut er alte Fotos von früher und aktuelle Aufnahmen ein, was die Wechselseitigkeit vom Erinnerten und dem Heutigen aufs Lebendigste verstärkt. Berührendes, Persönliches kontrastiert er in seinem Buch kunstvoll mit zufälligen Begebenheiten und würzt es mit viel Humor. (Stefanie Hetze)

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Gaël Faye: Kleines Land

Aus dem Französischen von Brigitte Große und Andrea Alvermann. (Piper Verlag 2017), 223 S., Piper TB € 11,-
(Stand April 2021)

Faye_Gael_Kleines_Land_Dante_Connection_BuchhandlungMit seinen Freunden Mangos klauen, auf ihrer Straße spielen, sich von der Nachbarin Madame Economopoulos Bücher zu leihen, vom Chauffeur zur Schule gefahren zu werden – so idyllisch könnte es für den Jungen Gaby ewig weitergehen. Doch seine unbeschwerte Kindheit im privilegierten Viertel Bujumburas, der Hauptstadt des kleinen Lands Burundi, erfährt jähe Risse. Die Ehe seiner jungen Eltern, der Vater ein brünetter kleiner Franzose, die Mutter eine große schöne Afrikanerin, scheitert. Seine Mutter zieht aus. Sie, die verfolgt aus Ruanda geflohen ist und deren Familie unter Massakern und Heimatlosigkeit litt, geht zurück und zerbricht. Auch in Gabys Welt ist längst der brutale Bürgerkrieg angekommen, ist gar nichts mehr wie vorher, muss auch er fliehen.

Als fremd gebliebener Erwachsener in Frankreich bleibt ihm die Sehnsucht nach seiner Heimat, hat er keine Antworten auf die Ursachen für Scheitern, Hass und Gewalt und begibt sich auf Erinnerungssuche. Entstanden ist dieser dichte eindringliche Roman. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Elvira Dones: Hana

Aus dem Italienischen von Adrian Giacomelli. Mit einem Nachwort von Ismail Kadare. Ink Press 2016, 252 S., € 19,00
(Vergine giurata, Feltrinelli 2016, ca. € 14,-)

(Stand April 2021)

In den Bergen im Norden Albaniens herrscht auch in kommunistischen Zeiten eine archaische Welt, in der die Geschlechterrollen fest zementiert sind. Für Frauen gibt es gar keinen Bewegungsraum. Nur wenn sie Jungfrau sind und ganz ihrem Geschlecht entsagen, können sie übertreten und als Mann lebend männliche Rechte erwerben. So bestimmt es das Gewohnheitsrecht Kanun.
Um für ihren schwerkranken Onkel Medikamente aus der Stadt besorgen zu können und einer Verheiratung zu entgehen, bleibt der jungen Hana keine andere Wahl, als einen Schwur abzuleisten und äußerlich zu einem Mann zu werden. Blitzschnell verwandelt sie sich in den fluchenden, trinkenden LKW-Fahrer Mark, der sich vor allem und jedem abschottet. Die literatur- und männerliebende Hana bleibt tief in ihrem Inneren verborgen. Erst viele Jahre später kann Mark über den Umweg des amerikanischen Exils versuchen, wieder zu Hana zu werden, das bedeutet zu einem begehrenden und begehrten komplexen Menschen. Das gestaltet sich alles andere als leicht. Um so erstaunlicher, wie mühelos und bravourös die Autorin diesen Prozess mit ihrem im Original auf Italienisch geschriebenen Roman beschreibt. Ein großes Lesevergnügen, das sehr zum Nachdenken über Gender anregt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Paolo Cognetti: Fontane Numero 1. Ein Sommer im Gebirge

Edition Blau. Belletristik im Rotpunktverlag 2017. Aus dem Italienischen von Barbara Sauser, 144 S., € 20,-
(Il ragazzo selvatico. Quaderno di montagna. Terre de mezzo 2017, ca. € 22,-)
(Stand April 2021)

Cognetti_Paolo_Fontane_°_1_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleUm eine Schaffens- und Lebenskrise in Mailand hinter sich zu lassen,  mietet sich der dreißigjährige Autor Paolo Cognetti Ende April in einer einsamen Berghütte in 2000 Metern Höhe ein, in der er fernab der Zivilisation einen ganzen langen Sommer allein verbringen will. Im Gepäck hat er Bücher anderer weltverdrossener Autoren und die Hoffnung, selbst wieder schreiben zu können. Als Stadtmensch, zu dessen glücklichster Erinnerung Kindheits- und Jugendsommer im Gebirge gehören, möchte er das Freiheitsgefühl von früher wiederfinden. Doch steht er sich erst einmal selbst im Weg, tun Schnee, Kälte, Nebel, die Höhe ihr übriges. Ganz langsam akklimatisiert er sich, erkundet er die Umgebung und lernt er Hirten kennen, mit denen er sich auf eine vorsichtige schöne Weise anfreundet. Und zum Glück kehrt auch Cognettis verlorengeglaubte feine Sprache zurück.  (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern

Aufbau Verlag 2017, 309 S., TB 2018, € 12,-
(Stand April 2021)

Grjasnowa Gott ist nicht schüchtern_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergAmal ist jung, aus reichem Hause und steht am Beginn einer vielversprechenden Schauspielerkarriere. Hammoudi hat sein Medizinstudium in Paris mit Auszeichnung abgeschlossen und ist nur nach Syrien zurückgekehrt, um seinen Pass verlängern zu lassen. Beide werden durch den Beginn des Krieges aus ihrem Leben gerissen. Amal sympathisiert mit den Protesten gegen das Regime und nimmt in Damaskus an Demonstrationen teil. Dadurch gerät sie ins Visier des Geheimdienstes. Nach Verhaftung und Folter entkommt sie nach Beirut. Hammoudi überraschen die beginnenden Kämpfe in seiner Heimatstadt im Osten Syriens. Er versucht unter improvisierten Bedingungen so vielen Verletzten wie möglich als Chirurg das Leben zu retten und sieht tausende sterben. Die Machtübernahme des IS zwingt auch ihn zur Flucht. Olga Grjasnowa verschont den Leser nicht, erzählt in nüchtern klarer Weise von Folter, Flucht und Krieg und führt uns vor Augen, was wir zu gern verdrängen. Ein wichtiges Buch, das unter die Haut geht. (Syme Sigmund) Leseprobe

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