Fischer, TB 2012
Dieses Buch ist leider nicht mehr lieferbar.
(Stand März 2021)
Wir haben keine Angst … aber eigentlich doch. Und zwar so ziemlich vor allem. Davor den perfekten Augenblick zu verpassen um dem Leben genau die Richtung zu geben, wie es werden soll. Davor den pefekten Lebenspartner zu verpassen. Davor in der Öffentlichkeit ein falsches Bild von uns zu verbreiten, weshalb wir tagtäglich Facebook checken um zu schauen, was der Rest der Welt an die Pinnwände postest. Davor unsere Eltern zu enttäuschen. Oder einfach davor erwachsen zu werden.
Anna und Bastian, deren Lebensläufe nicht unterschiedlicher sein könnten, der eine Dauerstudent, die andere erfolgreiche Junior Assistent in einer Werbeagentur, sind Nina Pauers Protagonisten, an denen sie die Probleme einer ganzen Generation treffend und auf wundervoll witzige, humorreiche Art und Weise analysiert. Und was macht man mit solch einer Generation, die sich nicht zu helfen weiß? Richtig, man schickt sie zum Therapeuten. Ich hätte mich am Ende dieses Buches gern selbst zum Therapeuten geschickt, denn hilfe lieber Gott, sind wir denn wirklich so unglaublich verkorkst kompliziert? Ein Buch voller herrlicher Wiedererkennungsmomente, wo man in einem Augenblick herzlich lacht und im anderen fast weinen möchte. Umbedingt Lesen!! (Rezension von Chantal Hochgräber)

Ein Romalager am Rand einer unbenannten Stadt, deren lärmender Autobahnring Menschen abzweigt in die urbane Abgeschiedenheit. Sie kommen aus der Slowakei, Rumänien, dem ehemaligen Jugoslawien. Was sie eint, ist die Ausgrenzung durch die Anderen jenseits der Autobahn. Sie bleiben unter sich, leben in Armut. Alkohol und Drogen, Gewalt und Kriminalität gehören zum Alltag. Betteln ist ein Beruf. Als eines Tages Branko im Camp auftaucht, kehrt sich die Gemeinschaft einhellig gegen ihn. Er wird zum Außenseiter der Peripherie. Einzig die Kinder akzeptieren den Fremden. Er weckt ihre Neugierde mit Geschichten um einen geheimnisvollen Zirkus.
Iris Hanika beschreibt Leben und Arbeitsalltag des phlegmatischen Archivars Hans Frambach am “Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung” und seiner platonischen Freundin Graziella. Diese Erzählebene durchsetzt sie mit geschichtswissenschaftlichen, philosophischen Zitaten und Leerseiten (sic!). Provozierend und zugespitzt in jedem Satz und Wortspiel hinterfragt sie, was übrig geblieben ist von deutscher Vergangenheitsbewältigung. Als junger Mann geradezu zerfressen von Schuld und Scham über die Shoah langweilt sich Frambach zunehmend in seiner Tätigkeit. So wie sich selbst Stolpersteine als großstädtisches “Inventar ” mit der Zeit abgelaufen haben, man keineswegs mehr stolpert auf gewohnten Wegen, so verliert auch für Frambach der Text eines jüdischen Lyrikers im stupiden Abtippen seine Eindringlichkeit, das Eigentliche. Keinesfalls jedoch ist der Roman als gewollter Schlussstrich oder gar Absolution zu verstehen, sondern vielmehr als eine Aufforderung zum Nachdenken über einen Umgang mit den Naziverbrechen jenseits institutionalisierter Gedächtniskultur. (Jana Kühn)
Eine nicht mehr junge Frau findet das, wonach sie so lange, immer und keinesfalls auf der Suche war, dass es ihr mehr als schwer fällt, sie anzunehmen: die Liebe. Sie hat sich eingerichtet in ihrem Alleinsein, das sie ehrlicher und lebbarer empfindet als all die zwischenmenschlichen Beziehungskatastrophen, die sie umzingeln. Und dann erwischt es sie doch. Und sie traut sich. Doch eines Tages ist der Mann verschwunden. Als Ich-Erzählerin berichet die Frau selbst aus ihrem Leben vor, mit und nach dem Mann. Schonungslos offen und genau bis ins kleinste emotionale Detail ist der Erzählton. Dabei wird es jedoch nie weinerlich, denn Sibylle Berg bleibt auch in ihrem neuesten Roman ihrem ganz eigenen und immer hart am Zynismus schrammenden Humor treu. (Jana Kühn)
Ein Gesellschaftsroman aus dem heutigen Israel – und noch viel mehr. Zwei Männer, die ohne sich zu kennen Seite für Seite aufeinander zu steuern, irgendwann (vor allem aus Eifersucht) rasen, bis sie schließlich in einem quasi kriminellen Finale aufeinander prallen. Und bis dahin haben wir das Buch kaum aus der Hand legen können. (Jana Kühn)
In der Identität des kurdischen Flüchtlings Bilal hat Fabrizio Gatti, ein Reporter von “L’espresso”, den Weg der illegalen Einreise nach Italien gesucht. In seinem erschütternden Bericht erzählt er von den unfassbaren Strapazen, Gefahren und Ungerechtigkeiten, die tagtäglich für Tausende von Flüchtlingen auf den Transitrouten von Afrika nach Europa Realität sind. Auch wenn die Lektüre von Bilal eine atemlose ist, bleibt das Buch weit davon entfernt ein Abenteuerroman zu sein. Stattdessen macht es auf die gravierenden Missstände nicht nur der italienischen, sondern der gesamteuropäischen Einwanderungspolitik aufmerksam. (Jana Kühn)
Neapel, Anfang der 50er Jahre. Hier wächst ein Waisenjunge auf, versorgt von Don Gaetano. Dieser lehrt ihn Zuhören, Geduld, Selbstbeherrschung – das Leben zu meistern. Die Geschichten Don Gaetanos, erzählen von den “Tagen der Freiheit”, den vier Tagen von Neapel im September 1943, als die Bevölkerung der Stadt sich gegen die deutsche Besatzung auflehnte und es schaffte, diese noch vor Eintreffen der Amerikaner zu vertreiben. Und diese Tage dem Vergessen zu entreißen ist auch das eigentliche Anliegen Erri de Lucas, der hier seiner Heimatstadt, ihrer Spontaneität und ihrer unverwechselbaren Anarchie ein Denkmal setzt. Gewalt und Freiheit, Glück und Tod liegen nah beieinander. Neapel als mythischer Ort fundamentaler Erfahrungen. (Syme Sigmund)
„Das Glück der Zikaden ist, dass sie stumme Weiber haben.“ Ein scheinbares Glück nur und ganz oberflächlich betrachtet. So wie im Leben von Großmutter, Mutter und Tochter, wo Glück auf eine zufriedenstellende Alltagspraxis reduziert ist und viel ge- und verschwiegen wird. Umso mehr freut man sich beim Lesen, wie wunderbar genau all dies beobachtet wird und reist gern durchs bewegte 20. Jahrhundert von Moskau, über Ost- und Westberlin bis nach Spanien. (Jana Kühn)