Renus Berbig: Die leise Luise

Illustriert von Anke Kuhl, Beltz & Gelberg 2017, 117 S., € 12,95, ab 6
(Stand März 2021)

Berbig_Die_leise_Luise_Danteperle_DanteConnectionLuise ist ein eher stilles Kind, was manchmal ziemlich doof ist – man überhört sie nämlich ganz leicht. Aber warum soll immer sie lauter sein? Wie wäre es, wenn die anderen mal besser hinhören? In vielen kleinen Geschichten aus Luises Alltag zeigt Renus Berbig, dass Luise dank jeder Menge blitzgescheiter Ideen und viel Einfühlungsvermögen sehr oft die genau richtige Lautstärke trifft: mucksmäuschenstill oder auch mal schreiend laut. So erleben ihre Freunde und Familie gerade wegen ihrer angeblichen „Leise-Schwäche“ ungeahnt tolle Sachen: eine fliegende Zeltstadt, ein Milchstraßenrennen oder eine Wohnzimmerinsel.  Mit viel Fingerspitzengefühl beleuchtet Renus Berbig die Verhältnisse zwischen Kindern und Erwachsenen und noch ganz andere wichtige Lebensfragen. Zusammen mit Anke Kuhls – wie immer – großartigen Illustrationen in Rot-Blau ist so eine sensible Schule des Leise-Seins und Genau-hin-Hörens entstanden. (Jana Kühn) Leseprobe

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Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol

Rowohlt 2017, 368 S., € 19,95, TB 2018, € 12,-
(Stand April 2021)

Wodin_Natascha_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleNatascha Wodin ist mit dem Schweigen aufgewachsen. 1956, als sich ihre Mutter wortlos ertränkt, ist sie noch ein Kind. Ein Kind, das sich völlig ausgegrenzt fühlt und fast nichts weiß von der Lebensgeschichte der Mutter, einer ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin. Weshalb sie in einer Barackensiedlung und am Rande der deutschen Gesellschaft lebten, hatte dem Mädchen niemand erklärt. Natürlich hat sie als Erwachsene immer wieder nach Spuren der Mutter gesucht, doch vergeblich. Als sie vor wenigen Jahren deren Daten in eine russische Suchmaschine eingibt, ahnt sie nicht, welch Schneeballeffekt ihr Eintrag nach sich ziehen wird und dass sich ihre Kindheitsträume von einer aristokratisch-künstlerischen Familie in Realität verwandeln werden. Schritt für Schritt zeichnet Wodin die Geschichte ihrer Familie und die ihrer Mutter nach. Sie musste die brutalen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts (Sowjetherrschaft, Stalinismus, Nationalsozialismus, Zwangsarbeit, Heimatlosigkeit) drastisch am eigenen Leib erleben und konnte nichts anderes als schweigen. Ihre Tochter gibt ihr und stellvertretend den vielen anderen Leidtragenden Sprache, eine Biografie und Würde zurück. Ein berührendes Buch, das nachwirkt. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

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Mohamed Amjahid: Allein unter Weißen

Hanser Berlin 2017, 192 S., € 16,00
(Stand April 2021)

HB Amjahid Unter Weissen_MR.inddMohamed Amjahid erzählt von der auch persönlichen Erfahrung als Nicht-Weißer in einer Gesellschaft dazu zu gehören und dennoch außen vor zu bleiben. In Deutschland geboren und aufgewachsen, geht er im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie nach Marokko. Für seine Eltern eine Rückkehr nach enttäuschenden, zähen Gastarbeiter-Jahren, für ihn ein Start in einem fremden Land. Zum Studium kehrt er nach Deutschland zurück und arbeitet alsbald als ausgezeichneter Journalist für renommierte Zeitungen. Mohamed Amjahid kennt so extreme Situationen der Wertschätzung wie der Diskriminierung – beides oft nah beieinander. In klaren Ansagen thematisiert er versteckten, aber alltäglichen Rassismus und führt der weißen Mehrheitsbevölkerung vor Augen, was es heißt privilegiert zu sein. Das gelingt ihm bei aller hartnäckigen Analyse gänzlich ohne Verbitterung, dafür mit einem offenen Blick nach vorn. „Unter Weißen“ ist ein höchst aktuelles, überaus wichtiges Buch. Es liest sich sowohl als Aufforderung zum kritischen Blick in den Spiegel als auch zum zugewandten Gespräch. (Jana Kühn) Leseprobe

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Davide Morosinotto: Mississippi-Bande

Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi, Thienemann 2017, 368 S., € 15,-, ab 10
(Il rinomato catalogo Walker & Dawn, Mondadori 2017, ca. € 15,50)
(Stand März 2021)

Morosinotto_Mississippi-Bande_Danteperle_DanteConnectionIm Jahre 1904 finden vier Kinder in den Sümpfen des Bayou drei Dollar. Ganz schön viel Geld! Als sie dafür heimlich beim Versandhaus Walker & Dawn eine Bestellung aufgeben, ahnen sie nicht, was sich noch alles in der Lieferung befinden wird – oder auch nicht. Mit dem Paket beginnt eine sagenhaft abenteuerliche Reise der Kinder bis nach Chicago. Wie das alles von statten geht, erzählen sie nacheinander mit sehr unterschiedlichem Fokus auf die Geschehnisse: Für den tollkühnen Te Trois ein riesiges Abenteuerspektakel, für den feinsinnigen Eddie eine Tour de Force voller Gefahren, für Julie eine harte Probe und für den stillen Tit eine Offenbarung. Davide Morosinotto geht in die Vollen! Sein Abenteueroman erzählt zugleich eine Kriminal- und Freundschaftsgeschichte, ist historischer Reisebericht und findet mit kritischem Blick, viel Witz und atemloser Spannung einen ganz eigenen Ton für die vier Erzählperspektiven der Kinder – und die aufwendige Gestaltung mit Kartenmaterial, Illustrationen und Fotografien macht das Buch zu einem echten Glücksfall! (Jana Kühn) Leseprobe

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Fatma Aydemir: Ellbogen

Hanser 2017, 272 S., € 20,00, TB dtv 2018, € 10,90
(Stand Mai 2023)

Aydemir_25441_MR1.inddDie junge Weddingerin Hazal Akgündüz wehrt sich. Sie will leben, lieben, frei sein. Ganz anders ihre Realität: keine Perspektive und zu Hause den konservativen Eltern Tee servieren müssen. Nur mit Tricksereien gelingt es ihr, ihren 18. Geburtstag mit Freundinnen zu verbringen. Gemeinsames Auftakeln und Wodkakippen und dann ab in den Club gestöckelt. Anders als die westlichen Ausländer dürfen sie nicht rein, alles ist versaut. Gedemütigt und betrunken wissen die jungen Frauen nicht wohin. Es kommt zu einer Begegnung mit einem blöden Jutebeutelträger, die so extrem eskaliert, dass Hazal in Istanbul, wo sie noch nie war, untertauchen muss.
Mit umwerfender Direktheit und Nuancenreichtum erzählt Fatma Aydemir von der Wut junger Deutschtürkinnen die ohne Chance auf eine eigene Lebensperspektive sich eben nicht ducken wollen. Großartig! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Thé Tjong-Khing: Kunst mit Torte

Moritz-Verlag 2017, 32 S., € 13,95, ab 4
(Stand März 2021)

Kunst torteEin Bild wird aus dem Museum gestohlen – klar, dass alle dem Dieb hinterher rennen. Rasant geht die wilde Hatz – direkt durch die Kunstgeschichte, und das im wahrsten Sinne! Denn die berühmten Bilder  werden hier nicht belehrend vorgestellt,  sondern sind direkt Kulisse für die Verfolgungsjagd. So rennen die Figuren durch van Goghs Kornfeld, flüchten vor Rousseaus Löwen auf einen Baum und schippern über Hokusais Welle. Und Thé wäre nicht Thé, wenn die Figuren nicht jede ihre eigene Geschichte hätten, die Bilder nicht ein Eigenleben entwickeln würden und es auf den wie immer liebevoll detailreich gestalteten Seiten nicht immer Neues zu entdecken gäbe. Ein Bilderbuch ohne Worte, das auch beim x-ten Durchblättern nie langweilig wird. (Syme Sigmund)

Blick ins Buch

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Naira Gelaschwili: Ich bin sie

Aus dem Georgischen von Lia Wittek, Verbrecher Verlag 2017, 169 S., € 22,00
(Stand April 2021)

CoverDie erste große Liebe ist immer ein Füllhorn neuer Gefühle, Gedanken und Erfahrungen. Aber das, was der 12jährigen Nia widerfährt, sprengt diesen geradezu abscheulich faden Gemeinplatz und in derart intensiv verdichteter Prosa hat man selten nur über dieses erste große Staunen des Herzens gelesen. Und Naira Gelaschwili lässt Nias Herz bei weitem nicht nur staunen: es windet sich, wimmert und vibriert, weiß nicht wohin und wie. Der junge Mann im Haus gegenüber bleibt dennoch unerreichbar fern. Man möchte dieses Mädchen in die Arme schließen … Ach Kind, es wird nicht einfacher, aber doch irgendwie leichter, mit der Zeit! In Zeiten der mächtig dicken Bücher ein beglückendes Kleinod und eine sehr lesenswerte Entdeckung aus dem Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. (Jana Kühn) Leseprobe

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Lauren Child: Bleibt der jetzt für immer?

Aus dem Englischen von Saskia Heintz, Hanser 2016, 32 S., € 14,-, ab 4
(Stand März 2021)

Child_25297_MR.inddElmore ist ein Einzelkind – und das findet er super! Es gibt nur seine Spielsachen, seine Lieblingsfilme und seine Geleebohnen am liebsten in Orange – und das soll auch so bleiben. Doch eines Tages ist da plötzlich ein Geschwisterkind, das alle scheinbar viel lieber mögen, das alles darf und das nur, weil es doch noch so klein ist. Und zurückgeben kann man es nicht, sagen Mama und Papa … Elmore ist ratlos,  traurig und auch ein bisschen wütend, doch dann eines Nachts wendet sich das Blatt. Liebevoll, humorvoll und mit den Kindern ganz auf Augenhöhe wird hier von den Sorgen und Nöten großer Geschwister erzählt – aber eben auch von dem ganz großen Glück! (Jana Kühn)

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Saphia Azzeddine: Bilqiss

Aus dem Französischen von Birgit Leib, Wagenbach 2016, 176 S., TB 2017, € 10,90
(Stand April 2021)

azzedine_bilqiss_danteperle_danteconnection Der jungen Witwe Bilqiss wird der Prozess gemacht. Nach dem Tod ihres Mannes war die alleinstehende junge Witwe schon lange ein Dorn im Auge der Dorfbevölkerung, doch nachdem sie statt des sturzbetrunkenen Muezzins zum Morgengebet ruft, trifft sie deren Hass mit voller Kraft. Statt um Gnade zu flehen, kontert die blitzgescheite und koran-feste Bilqiss jedoch ohne Anwalt und mit viel Biss den immer absurderen Vorwürfen, die angeblich allesamt auf der heiligen Schrift beruhen. Der wütende Mob fordert ihre Steinigung. Doch das Urteil zieht sich hin, denn der verhandelnde Richter kann sich Bilqiss‘ kluger Schlagfertigkeit kaum mehr entziehen. Derweil übertragen Smartphones den Prozessverlauf in die weite Welt, woraufhin eine junge Journalistin aus den USA anreist, um von DER Geschichte zu berichten. So ist der sehr lesenswerte Roman bei weitem nicht nur Islam-Kritik, sondern hält ebenso westlicher Arroganz den Spiegel vor. (Jana Kühn)

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Georgi Gospodinov: Physik der Schwermut

Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann, Droschl Literaturverlag 2014, 336 S., € 23,-, TB dtv 2016, € 10,90
(Stand März 2022)

georgi-gosponinov-physik-der-schwermut-berlin-kreuzberg-buchhandlung-dante-connectionWas ist dieses Buch? Erinnerung an eine Kindheit im Sozialismus der siebziger Jahre? Reise in die Tiefe der bulgarischen Geschichte? Buch über die Vergänglichkeit und den Versuch, Erinnerung zu bewahren? Es ist all dies und noch viel mehr. Gospodinov erzählt auf verschlungenen, labyrinthischen Wegen, voller Abschweifungen und Assoziationen und kehrt doch immer zu seinen zentralen Themen zurück. Absurdes und Einfaches vereinend erscheint die Melancholie immer dicht neben urkomisch skurrilen Gedanken und Seitenwegen. Hingerissen folgt man ihm als Leser, verzaubert von dem kühnen Versuch, auf experimentell-verspielte und absurd-witzige Weise alles zu vereinen, Bulgarien, die Quantenphysik, Zeitkapseln, den Minotaurus, die Erinnerungen seines Großvaters, eine einsame Kindheit im dunklen Souterrain … und damit ist noch lange nicht alles gesagt. (Syme Sigmund)

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