Zora Neale Hurston: Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven

Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven. Aus dem amerikanischen Englisch von Hans-Ulrich Möhring, Penguin Verlag 2020, 224 S., € 20,-

Hurston_Zora_Neale_Barracoon_Danteperle_Dante_Connection„Dies ist die Lebensgeschichte von Cudjo Lewis, von ihm selbst erzählt.“ So führt die Autorin ihr erschütterndes Zeitdokument ein. Cudjo Lewis, eigentlich Oluale Kossola, wurde 1860 mit dem letzten Sklavenschiff vom heutigen Benin nach Nordamerika deportiert. Als Zora Neale Hurston ihn 1927 in Alabama besucht und befragt, ist er weit über 80 und damit der letzte bekannte Überlebende des Sklavenhandels. Er spricht über seine Jugend, die Gefangennahme, über seine Zeit als Versklavter in Alabama, seine Freilassung und seine anschließende Suche nach den eigenen Wurzeln und einer Identität in den rassistischen USA.
Der Text fand über 90 Jahre keinen Verleger und wurde erst 2018 in den USA veröffentlicht. Sprache und Inhalt waren zu ungeschminkt, zu hart für die Zeit. Dieses dunkle Kapitel der Geschichte bleibt von absoluter Relevanz, ebenso die authentische Schreibweise seiner großartigen Autorin. Mit dem detaillierten Anhang voller vertiefender Erläuterungen ist dieses Buch für alle, die sich der Vergangenheit stellen wollen. Deborah G. Plants im Nachwort: „Wir müssen diese Geschichte bejahen, denn sie ist, wie James Baldwin erkannte, »in allem, was wir tun, buchstäblich gegenwärtig«, und wenn wir uns ihrer nicht bewusst sind, übt sie eine tyrannische Macht über uns aus“. (Giulia Silvestri)

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Ann Petry: The Street

Die Straße. Aus dem amerikanischen Englisch von Uta Strätling. Mit einem Nachwort von Tayeri Jones, Nagel & Kimche 2020, 364 S., € 24,-

Petry_Ann_The_Street_Danteperle_Dante_ConnectionHarlem in den 1940er Jahren, in der windumtosten 116th Street schaut sich Lutie Johnson in einem heruntergekommenen Haus, in dem Schwarze wohnen dürfen, eine überteuerte Wohnung an. Wie in einem Noir lässt das nichts Gutes ahnen. Lutie ist eine junge Frau, die etwas ganz Durchschnittliches will, einfach ein anständiges zufriedenes Leben führen. Dafür ist sie bereit, große Kompromisse einzugehen. So hat sie lange weit entfernt von New York, ihrem Mann und ihrem Kind als Hausangestellte bei einer Weißen gelebt. Das hat ihre Ehe nicht verkraftet und nun ist sie bereit, für sich und ihren Sohn zu kämpfen, koste es, was es wolle – typisch amerikanisch eben. Doch ist sie nicht nur eine Frau, die alle Formen des Sexismus erfährt, die rassistische Gesellschaft torpediert all ihre Anstrengungen, die Situation für sich und ihren Sohn zu verbessern. Minutiös und ergreifend schildert die Autorin in ihrem Debüt, das 1946 riesiges Aufsehen in den USA erregte, wie sich die verschiedenen Formen der Ausgrenzungen miteinander verzahnen, wie letztendlich alle Bewohner*innen dieser Straße ihrem sozialen Status nicht entkommen können, so sehr man vor allem Lutie einen Ausweg wünschte. Das hat leider nicht an Aktualität verloren. Dieser berührende Roman brennt sich richtig in einem ein. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Martin Muser: Kannawoniwasein! Manchmal kriegt man einfach die Krise

Carlsen Verlag 2020, 160 S., € 12,-, ab 10

Muser_Martin_Kannawoniwasein_Manchmal_kriegt_man_einfach_die_Krise_Danteperle_Dante_ConnectionEndlich ist es soweit. Finn hat Besuch von Jola, seiner abenteuerlustigen Freundin aus dem kleinen Dörfchen Vehlefanz. Eine Woche bleibt sie bei ihm in der, wie sie sagt, „Tzitti“. Sie will Berlin unsicher machen, möglichst viel Aufregendes erleben und Finn ist gerne dabei! So helfen sie einer ehemaligen alten Nachbarin, einen verlorenen Schatz wiederzufinden, machen bei einem Filmdreh mit und treffen auf alte Bekannte aus ihren früheren Abenteuern in Brandenburg und Polen. Zum Glück muss Finns Mutter überstürzt auf Dienstreise fahren und sie haben sturmfreie Bude. Doch anstatt somit richtig Party bei ihm Zuhause machen zu können, schließen sie sich aus. Ob es zur Party kommt und was weiter passiert, sei hier nicht verraten.
Auch im dritten Band der „Kannawoniwasein“-Reihe sprüht Martin Muser nur so vor inhaltlichen und sprachlichen Einfällen, spielt er mit Tabus, bettet er seine temporeiche Geschichte in einen Kontext vielfältiger Familien- und Lebensformen ein und nimmt die Gefühle seiner 12-jährigen Protagonist*innen ernst. Und als schönes Schmankerl lässt es sich mit dem Buch bestens durch Kreuzberg flanieren! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Karin Schumacher: Füchse – Ein Portrait

Matthes & Seitz 2020, Reihe Naturkunden, 159 S., mit zahlreichen Abbildungen, € 20,-

Füchse„Der Fuchs ist immer mehr als er selbst“ lautet einer der Schlüsselsätze dieses schmalen Buches. Karin Schumacher hat den Rotpelz in diesem neuen Band der kleinen und feinen, von Judith Schalansky herausgegebenen und gestalteten Naturkundenreihe aus den verschiedensten Blickwinkeln unter die Lupe genommen und plaudert unterhaltsam sowie fundiert sowohl vom Leben dieses uns mittlerweile auch in der Stadt häufig begegnenden und doch so undurchschaubaren Tieres, als auch von dem Bild, das wir Menschen uns von ihm im Laufe der Jahrhunderte gemacht haben. Sie steigt mit einer Jägerin zur Fuchsbeobachtung auf einen Hochsitz, besucht eine der wenigen noch existierenden Pelzwerkstätten, erzählt von der schon im Neolithikum betriebenen Fuchsjagd und von der Bedeutung des Pelzes im Wandel der Zeiten, berichtet von Japanischen Fuchsgeistern, dem Fuchs bei Aesop und Goethe sowie in der Kinderliteratur und untersucht das relativ neue Phänomen des Stadtfuchses. Ein ausgesprochen interessanter natur- und kulturgeschichtlicher Streifzug auf den Spuren dieses geschmeidigen, mal bewunderten, mal misstrauisch beäugten „Hundes mit Katzensoftware“. (Syme Sigmund)

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Nigel Slater: Greenfeast: Frühling/Sommer

Aus dem Englischen von Sofia Blind, mit Fotografien von Jonathan Lovekin, Dumont Verlag 2020, 336 S., € 28,-

Slater_Nigel_Greenfeast_Frühling_Sommer_Danteperle_Dante_ConnectionDer britische Kochbuchautor Nigel Slater konnte selbst in seinem Gemüsekochbuch Tender bislang schwerlich auf Fleisch in seinen Rezepten verzichten. Doch auch er hat sich gewandelt und anhand seiner täglichen Notizen zu den Gerichten, die er sich zubereitet, ein wunderbar alltagstaugliches Grünes Gelage-Kochbuch geschaffen. Alle Rezepte brauchen höchstens 30 Minuten, sie sind keine starren Anleitungen, sondern verlockende Vorschläge, etwas auszuprobieren, sich auch einmal ein Sandwich mit unterschiedlichem Gemüse zusammenzustellen. In seiner unnachahmlichen Art, auch seine eigene Sprache aromatisch zu würzen, erzählt Slater von seinen eigenen Vorlieben und Gewohnheiten, zum Beispiel reifes Sommergemüse wie Auberginen seidig weich zu backen und mit einer Basilikum-Pinienkernsauce auf einem Blätterteig zu einer knusprigen Tarte zu verwandeln und dies alles ganz einfach im Ofen. Das regt schon beim Lesen die Geschmackssinne an! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Marie Parakenings: Berliner Tiere

Ein kleiner Guide für Naturbanausen & Stadtkinder, Kulturverlag Kadmos 2019, 160 S., zahlreiche farbige Illustrationen und ein ausklappbares illustriertes Tierverzeichnis, € 19,90, für alle ab 6

Parakenings_Marie_Berliner_Tiere_Danteperle_Dante_ConnectionBerlin ist das Mekka für unzählige Tierarten, die Autorin geht von rund 20.000 unterschiedlichen Wildtierarten (!) aus, die die Parks, Gärten, Wälder, Seen und Straßenbäume der Stadt bevölkern. Für ihr Buch hat sie 91 Tiere ausgesucht, die sie jeweils mit einer großformatigen farbigen Illustration, Kurzinfos zu ihren Essgewohnheiten, ihrer Familie, Größe, etwaigen Lauten und vor allem mit einem Porträt, das sich explizit auf die Berliner Verhältnisse bezieht, vorstellt. Der Einstieg ist immer eine prägnante überraschende Zahl. 155 Tage zum Beispiel sind Bereiche des Tempelhofer Feldes für die Feldlerche gesperrt, die, eigentlich auf der Roten Liste, dort zur dichtesten Feldlerchenpopulation Deutschlands gehört. Oder für die Blattlaus sind die 254 Bäume „Unter den Linden“ das reine Schlaraffenland. Unterhaltsam und kenntnisreich werden die Tiere in ihrem Berliner Umfeld präsentiert. Viel gibt es da zu entdecken und zu erfahren in diesem hinreißend gestalteten Gesamtkunstwerk. Und wir haben seit neuestem das dazugehörige Berliner Tiere-Memospiel. (Stefanie Hetze)

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Liza Cody: Gimme More

Aus dem Englischen von Pieke Biermann, Argument Verlag 2020, 399 S., € 21,-

Cody_Liza_Gimme_More_Danteperle_Dante_ConnectionBirdie Walker ist eine in die Jahre gekommene Witwe, aber mit der richtigen Klamotte und entsprechender Haltung spielt sie alle locker an die Wand. Das hat sie auch bitter nötig, das Geld ist knapp und die Schulden hoch. Die haben ihr die korrupten Machenschaften der Musikindustrie eingebrockt, die sich an Jack, dem Superrockstar, auf ihre Kosten bereicherten. Von Jack, der  beim Brand seines Hauses ums Leben kam, soll es noch Bänder mit Songs und legendäre Filmaufnahmen geben. Das lockt nach 25 Jahren die Haie der Branche auf den Plan, die wie Birdie und Jack einmal klein und als Kumpel angefangen hatten…  Doch obwohl sie jede Menge hinterhältige Ränke schmieden, eine Birdie ist ihnen absolut gewachsen.
Dieser feministische Empowerment-Roman, der 2003 erstmalig auf Deutsch im Unionsverlag erschien, wurde jetzt in der Ariadne-Reihe wieder aufgelegt. Zum Glück. Pieke Biermann, die den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 für ihre funkensprühende Übersetzung von Oreo erhielt, zeigt auch in Gimme More ihre Kunst. Sie trifft Codys schnoddrigen Ton aufs Feinste. Viel Vergnügen bei der spannenden Lektüre! (Stefanie Hetze)

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Annika Leone & Bettina Johansson: Überall Popos

Aus dem Schwedischen von Monika Osberghaus, Klett Kinderbuch 2020, 32 S., € 14,-, ab 4

Ueberall_popos_U1U4.inddSamstag ist Schwimmbad-Tag für Mila, zusammen mit ihren Eltern. Am Ende dieses Tages wird sie sogar zum ersten Mal alleine ins große Becken springen (vor allem – das nur sei verraten – um ihrem Vater aus der Bredouille zu helfen), aber vorher geht es mit Mama in die Umkleide und unter die Dusche.
Diese eigentlich ganz gewöhnliche Alltags-Geschichte überzeugt durch ihre so bestechend simple wie schöne Normalität in Wort und Bild. Im Schwimmbad kann man nun mal jede Menge verschiedener Körper und Körperformen sehen und genauso wird es von dem überzeugenden Duo aus Schweden auch erzählt und gezeigt. Das ist lustig, ganz ohne auszulachen, und ermutigt, sich so zu zeigen und anzunehmen, wie man ist! (Jana Kühn) Blick ins Buch

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Delphine Perret: Björn und die weite Welt

Aus dem Französischen von Tobias Scheffel, Sauerländer 2020, 64 S., € 12,-, ab 4

Perret_dominique_Björn-und_die_weite_Welt_Danteperle_Dante_ConnectionManchmal ist weniger viel, viel Mehr!
Björn ist ein sympathischer Bär, der gerade aus seinem mehrmonatigen Winterschlaf erwacht ist, sich reckt, kurz wäscht und die Welt um sich herum inspiziert. Hat sich in der Zeit etwas verändert? Er trifft auf die Schildkröte und den Dachs, die auch Winterschlaf gehalten haben, spaziert mit ihnen durch den Wald. Björn stößt sich an einem Ast, es regnet Kirschblüten. Andere Tiere, die im Winter so manches erlebt haben, kommen dazu, Björn tritt willentlich gegen den Baum, damit es Blüten auf alle regnet. Dass es im Sommer weniger Kirschen geben wird, spielt im Moment keine Rolle.
Mit wenigen Worten und scheinbar ganz leicht hingezauberten Schwarz-Weiß-Skizzen auf dem schönen gelben Papier erzählt Dominique Perret von großen Entdeckungen und mehr oder weniger realen Ausflügen in die weitere Umgebung. Was passiert wohl, wenn die Tiere ein Handy finden oder der Bär mit seiner menschlichen Freundin in ein Schwimmbad geht? Viel Spaß beim Vorlesen ist garantiert mit dieser minimalistischen humorvollen Verehrung vorm großen Pu. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Graham Swift: Da sind wir

Aus dem Englischen von Susanne Höbel, dtv 2020, 160 S., € 20,-

Swift_Graham_Da_sind_wir_danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungDas Cover, ein stark vergrößerter Papagei, zieht einen vielleicht nicht gleich an, doch dieser schmale Roman hat es in sich. Wir befinden uns auf unsicherem Boden, dem meerumtosten Pier von Brighton, Ende der Fünfzigerjahre, als nach dem harten Krieg, noch vor dem Fernsehzeitalter die Menschen im Varietétheater rasche Zerstreuung suchten. Jack, der Conférencier, liebt Evie, die hinreißende Assistentin und Verlobte seines Freundes, des Zauberers Ronnie. Während Ronnie als Pablo auf der Bühne versessen an der perfekten, nie dagewesenen Illusion arbeitet, hat Jack, der sich in den Zuschauerraum stiehlt, nur Augen für die schöne Evie. Der Autor Swift lässt dieses hochexplosive Dreieck nicht einfach befreiend auseinanderknallen, stattdessen lässt er Ronnie spurlos wie den Papagei (!) aus seiner Show verschwinden. Auch in den fünfzig Ehejahren von Jack und Evie taucht er nicht mehr auf, hat quasi mit seinem eigenen Verschwinden die höchste Stufe der Illusionskunst erreicht. Dabei würden wir doch wie bei einem Zauberer so gerne ganz viel von ihm wissen. Magisch hält Graham Swift diese Spannung in der Schwebe. Eine absolute Empfehlung. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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