Edition Nautilus, 160 S., TB btb 2013, € 8,99
(Stand März 2021)

Der Roman ist einerseits ein reiches Sittengemälde des Irak in den 80iger und 90iger Jahren, die vor allem von der Baath-Diktatur und von den Kriegen gegen den Iran und Kuweit geprägt waren. Aber er ist auch ein ganz individuelles Porträt eines jungen Mannes, der anrührend, drastisch offen und immer wieder augenzwinkernd aus seiner Kindheit, aber auch aus der Zeit als politischer Häftling erzählt. Dabei geht einem Khiders Sprache unter die Haut, macht aber nie bleiern betroffen. (Jana Kühn)

In der Identität des kurdischen Flüchtlings Bilal hat Fabrizio Gatti, ein Reporter von “L’espresso”, den Weg der illegalen Einreise nach Italien gesucht. In seinem erschütternden Bericht erzählt er von den unfassbaren Strapazen, Gefahren und Ungerechtigkeiten, die tagtäglich für Tausende von Flüchtlingen auf den Transitrouten von Afrika nach Europa Realität sind. Auch wenn die Lektüre von Bilal eine atemlose ist, bleibt das Buch weit davon entfernt ein Abenteuerroman zu sein. Stattdessen macht es auf die gravierenden Missstände nicht nur der italienischen, sondern der gesamteuropäischen Einwanderungspolitik aufmerksam. (Jana Kühn)
Grossman erzählt die wunderschöne und schmerzliche Geschichte einer Familie, die zugleich ein Psychogramm einer vom Krieg und Terror traumatisierten Nation ist. Ora, deren Sohn sich freiwillig zu einem Militäreinsatz meldet, hofft, durch ihr Unerreichbarsein das Überbringen einer schlechten Nachricht verhindern zu können. Indem sie sein Leben mit all seinen Facetten und Besonderheiten erzählt, meint sie, ist ihr Sohn in Sicherheit. Der Zuhörer, der sich ihrer beschwörenden Flucht anschließt, ist ihre zweite große Liebe Avram, der nach Gefangenschaft und Folter keine Berührung mehr mit dem Leben wünscht. Ihn holt sie auf dieser Reise zurück ins Leben. Dadurch, dass Ora sich mit allen Mitteln dagegen wehrt, Opfer zu sein, ist dieses ein nicht nur sehr ergreifendes, sondern auch tröstliches Buch. (Franziska Kramer)
Was für ein Leben – mit jeder Seite wächst der Respekt für diesen so klugen und mutigen Mann, dessen Zeitzeugenbericht aus dem im 2. Weltkrieg besetzten Polen jahrzehntelang in Vergessenheit geraten war. Erst Claude Lanzmann erinnerte an Karskis Konfrontation der Alliierten mit der realen Existenz der Shoah. Sein Bericht ist bewegender Widerstandsroman auf höchstem literarischen Niveau und historischer Sachtext in einem. Sehr lesenswert! (Jana Kühn)
Hidde braucht “seinen” Keller. Hier hält er seine Insekten (eine stattliche Anzahl verschiedener Krabbler, Kriecher und Hüpfer, darunter eine Gottesanbeterin mit Namen Jackie Can), die er liebt und in zahlreichen Terrarien umsorgt. Aber Hiddes großer Bruder will den Keller auch – zum Schlagzeugüben, und zwar in 10 Tagen! Zwischen den beiden entbrennt ein Kampf, der mit immer härteren Mitteln geführt wird (von Hiddes Seite aus natürlich unter Zuhilfenahme seiner bedrohten Freunde). Aber es geht nicht nur um den Keller, es geht auch um ein Geheimnis, das nur die beiden Brüder teilen, und dessen Gewicht immer schwerer auf ihnen lastet. Ein gelungener Roman für Menschen ab 11, der die Balance hält zwischen Spannung, schräger Situationskomik und Tiefgang. Und über Insekten erfährt man auch eine ganze Menge kribbelig-krabbliger interessanter Dinge. (Syme Sigmund)
Wütend ist jeder mal. Und wütend kann man aus den verschiedensten Gründen werden, zum Beispiel aus Enttäuschung, aus verletztem Stolz oder auf sich selbst. So geht es auch den Tieren in diesem ganz besonderen, jedem ans Herz zu legenden Vorlesebuch. Sie sind wütend, oder wollen wissen, wie es ist, wütend zu werden oder wie man es schafft, es nicht mehr zu sein. Da gibt es starke Wut, kleinen Ärger, Zorn, Raserei. Und immer umschwebt die Geschichten auch eine leichte Melancholie, eine Öffnung zur Philosophie, zum Hinterfragen und zur reinen Poesie. Dazu tragen die hervorragende Übersetzung und die wunderbaren Illustrationen ihren Teil bei. Nein, das Buch selbst macht nicht wütend, es macht glücklich. Sehr, sehr glücklich, nachdenklich und auch etwas wehmütig. (Syme Sigmund)
“Das ist die Geschichte von Rosie Reveur, ihr Traumberuf war Ingenieur.” Und nach anfänglich heimlichen Bauvorhaben und so einigen technischen Fehlversuchen gelingt ihr, woran sie schon selbst nicht mehr recht glauben mochte: der Käsekopter. Kurz vor dem Absturz “ist er geflogen”, sagt Tante Rose – sie hat es genau gesehen! Sehr witzige Illustrationen, in denen es tausendundein schräges Detail zu entdecken gibt, sind mit urkomischen Reimen gepaart – das macht großen Spaß. Und außerdem ist es endlich einmal eine Geschichte, die die üblichen Berufe-Klischees und angestaubten Geschlechterrollen unverkrampft aushebelt! (Jana Kühn)
Die Geschwister Sulafa und Adham leben mit ihrer Familie in den palästinensischen Gebieten, wahrscheinlich im Westjordanland. Das alte Haus der Familie befindet sich von den israelischen Sperranlagen abgetrennt, hinter einer hohen grauen Mauer. Die ganze Familie sehnt sich nach dem verlassenen Zuhause. Sulafa vermisst besonders den Familiengarten mit seinen Orangenbäumen und den süßen Früchten. Adham beschließt seiner Schwester Orangen aus dem Garten zu holen. Sulafa, die nicht gut laufen kann, begleitet ihren Bruder auf seinem Weg in Gedanken und mit ihren Gedichten. Eine poetische Geschichte, der es gelingt, kindgrecht und phantasievoll von den alltäglichen Widrigkeiten in den palästinensichen Gebieten zu erzählen. (Jana Kühn)
„Angeben“ machen die 12jährigen Nadja und Karla nur manchmal im Freibad. Erst springt Nadja und beeindruckt die Leute und sofort nach ihr die unnahbare Karla, die ihr ganzes Leben in einen Sprung packt und wirklich alle Schweigen macht. Der Alltag der beiden Sportlerinnen im Leistungskader Turmspringen ist denkbar hart. Tägliches rigides Training, dazu die Schule, weite Wege, Wohnen im engen Plattenbau, familiärer Druck.
Ryan ist nach einem Selbstmordversuch noch mehr von der Welt abgeschnitten. Er lebt hinter der Glaswand und lässt keinen an sich ran, genauso wie er niemandem von seiner schlimmen Zeit erzählt. Doch eines Tages trifft er Nicki am Wasserfall. Sie scheint ihn zu verstehen und möchte alles über ihn und seinen Selbstmordversuch wissen. Doch wie weiß Ryan, dass er Nicki vertrauen kann?