Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

S. Fischer Verlag 2020, 352 S., € 21,-, TB 2022, € 13,-

(Stand September 2022)

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Die Icherzählerin ist Mitte dreißig und hat oft viel Angst. Als Schwarze in Deutschland hat sie Schlimmes erlebt. Ihre Mutter war zu DDR-Zeiten Punk und tut sich schwer mit dem Leben. Ihr Vater verließ die Familie sehr früh und ging zurück nach Angola. Ihr Zwillingsbruder hat sein Leben beendet. Die Großmutter, zu der sie als einzige Angehörige den Kontakt hält, steht weit rechts. Glück erlebt die namenlose Protagonistin in Städten wie Berlin und New York oder in Ländern wie Marokko und Vietnam, vor allem aber durch die Menschen, für die sie sich selbst entscheidet.
In einem der originellsten Debuts der letzten Zeit schreibt Olivia Wenzel über Herkunft, Diskriminierung, Privilegien, die Suche nach Stabilität, Identität und Beziehungen. Dafür hat sie ein außergewöhnliches Format gewählt. Der erste und der dritte Teil des Romans besteht aus Dialogen zwischen einer fragenden Stimme und der Protagonistin, während im mittleren Teil Assoziationen, Bilder und Erinnerungen fein miteinander verwebt werden. So entsteht ein vielstimmiger Raum, in dem die Autorin uns auf eine rasante und überraschende Serpentinenfahrt einlädt. (Giulia Silvestri)

Leseprobe

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Elisenda Roca & Rocio Bonilla: Meine Freunde, das Glück und ich

Aus dem Spanischen von Ursula Bachhausen, Ellermann Verlag 2020, 48 S., € 15,-, ab 3
(Stand März 2021)

meine freunde

Violetta und ihre Freund*innen dürfen bei den Vorbereitungen für ein Stadtteilfest helfen. Freudig machen sie sich auf, besorgen Girlanden, Blumen und was es sonst noch alles zur Verschönerung braucht. Dabei begegnen sie vielen ganz unterschiedlichen Nachbarn und ihren Kindern. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht Violettas, die als Kind mit Down-Syndrom gelesen werden kann – aber nicht muss. Ein Fest der Freundschaft und Vielfalt, so bunt wie das Leben, und ein Bilderbuch, wie es gern mehr geben darf. (Jana Kühn) Blick ins Buch

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James Baldwin: Giovannis Zimmer

Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow, mit einem Nachwort von Sasha  Salzmann. dtv 2020, 208 S., € 20,-, TB neu März 2024, € 12,-

(Stand März 2024)

„Giovannis Zimmer“ ist das vierte Buch von James Baldwins das in einer Neuübersetzung erscheint. Und wieder ein Buch wie ein Schlag in die Seele, der tief in die Unzulänglichkeiten und Begrenzungen menschlichen Daseins blicken lässt. David, ein junger homosexueller weißer Amerikaner auf Europareise in Paris, beginnt eine heftige Liebesaffäre mit dem jungen, lebensgierigen Giovanni. In kurzen Wochen genießen sie ihre Liebe, ihre Körper und nähern sich auch intellektuell an. Vor den Anfeindungen ihrer Umwelt schützen sie sich, soweit dies in einer offen homophoben Gesellschaft möglich ist. Als Davids Verlobte Hella aus Spanien zurückkehrt, wendet sich dieser von Giovanni ab und stürzt ihn in tiefe Verzweiflung.
Baldwin beschreibt die berührende Liebesgeschichte zwischen den beiden jungen Männern schnörkellos und ohne rührseligen Kitsch. Fast zwangsläufig führt Davids Trennung von Giovanni direkt in eine Katastrophe. Wie in seinen anderen Büchern greift Baldwin wieder ein Thema auf, das den Blick auf Unterdrückung und Gewalt lenkt. Die Geschichte weist aber weit über die Ursachen der gesellschaftlichen Gewalt hinaus. Sie legt offen, welche Verheerungen die Homophobie in den Opfern selbst anrichtet und diese zu Tätern werden lässt. David kann zu seiner wahren Natur nicht stehen, zu groß ist die Angst vor der gesellschaftlichen Ächtung. Damit stürzt er alle Menschen, die ihm etwas bedeuten, in Verzweiflung. Stehst du nicht zu dir, deiner Natur, deiner Liebe, stehen am Ende Unglück und Vernichtung. Ein überzeugendes Plädoyer dafür, sich zu erkennen und zu akzeptieren, egal wie feindlich deine Umwelt ist. Ein Meisterwerk – freuen wir uns auf weitere Neuauflagen! (Torsten Sigmund) Leseprobe

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Ayşe Bosse: Pembo

Halb und halb macht doppelt glücklich! Mit Illustrationen von Ceylan Beyoğlu. Carlsen 2020, 272 S., € 10,-, TB 2022, € 5,99, ab 9

(Stand September 2022)

PemboAyşe Bosse ist bisher eher als Autorin sehr berührender Bücher für Kinder und Jugendliche zum Thema Tod in Erscheinung getreten. Hier zeigt sie sich nun von einer ganz anderen Seite. Sensibel und mit viel Humor erzählt sie von Pembo, die aus einem türkischen Dorf am Meer nach Hamburg ziehen muss. Pembo ist damit gar nicht einverstanden, aber ihr türkischer Vater hat die Gelegenheit, das Geschäft seines verstorbenen Onkels zu übernehmen und ihre deutsche Mutter will nochmal studieren. Es geht nicht alles glatt mit diesen Elternplänen, doch Pembo weiß die Familienpleite auch mit Hilfe neuer Freunde zu verhindern. Ein modernes Großstadt-Märchen, das durch die zarten, ausdrucksstarken Tuschezeichnungen von Ceylan Beyoğlu sehr schön ergänzt wird. Und als Bonbon gibt es am Anfang jeden Kapitels einen Mini-Türkisch-Kurs. (Jana Kühn) Leseprobe

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Anna Taube: Dir gehört die Welt

Mit Illustrationen von Amanda Gulliver. arsEdition 2020, 40 S., Pappbuch, € 10,-, ab 1
(Stand März 2021)

Mädchen„Mädchen können alles sein“ lautet der Untertitel dieses ansprechend illustrierten und eingängig gereimten Kinderbuchs für die Allerkleinsten. Auf der ersten Seite sitzt die Mutter mit einem Baby auf dem Schoß und erzählt ihm, was es später mal alles werden kann. Die nächsten Seiten zeigen dann die vielen Möglichkeiten, die der Tochter offenstehen. Die Palette geht von Astronautin, Richterin und Baggerführerin bis zur Krankenschwester, Tierärztin, Balletttänzerin und vielem mehr. So werden Klischees sehr schön doppelt umgangen. Mädchen können alles sein, was sie sich erträumen, wenn sie an sich glauben und zusammenstehen, ist die Botschaft. Überzeugende Girlpower für starke Mädchen von Anfang an. (Syme Sigmund)

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Regina Porter: Die Reisenden

Aus dem amerikanischen Englisch von Tanja Handels, Fischer Verlag 2020, 384 S., € 22,-

(Stand März 2021)

porterJames Vincent und Agnes Miller wachsen unter völlig unterschiedlichen Bedingungen auf, er das Kind einer zerrütteten weißen Arbeiterfamilie aus Long Island, sie die behütete schwarze Tochter eines Dekans in Georgia. Die beiden werden sich nie begegnen, und doch sind ihre Geschichten miteinander verwoben, wird James Sohn die Tochter von Agnes heiraten. Virtuos wechselt Regina Porter zwischen unterschiedlichen Zeit- und Handlungsebenen und entwickelt nach und nach die Schicksale von drei Generationen der beiden weit verzweigten und sich doch vielfach kreuzenden Familien, erzählt von Liebe und Freundschaft, Verwandtschaft, Hoffnungen und Rassismus, spannt den Bogen von der Zeit der Bürgerrechtsbewegung über den Vietnamkrieg bis zur Regierungszeit Obamas, führt die Leser nach Los Angeles, New Hampshire, New York und Berlin und schafft es trotz dieses weiten Panoramas jede Figur lebendig werden zu lassen, so dass man bis zur letzten Seite nicht loslassen möchte, gefesselt von diesem  Kosmos voller Menschlichkeit. (Syme Sigmund)

Leseprobe

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Tsitsi Dangarembga: Aufbrechen

Aus dem Englischen von Ilija Trojanow, Orlanda Verlag 2019, 280 S., € 22,-, TB Fischer 2022, € 14,-

(Stand Oktober 2022)

Im noch kolonialen Rhodesien wächst Tambu in den sechziger Jahren auf dem Land unter schwierigen Bedingungen auf. Sie muss früh die Schule verlassen, weil das Geld fehlt und Mädchen sowieso nur lernen sollen, das Feld zu bestellen und den Haushalt zu führen. Tambu kämpft aber für ihre Bildung. Ihr älterer Bruder, der in die Missionsschule geht, sabotiert all ihre Pläne. Erst als er stirbt darf Tambu endlich weiter die Schule besuchen.  Sie betritt nun eine neue reiche Welt, in der es Besteck, Wasserhähne und Bücher gibt, und lebt in der Familie ihres Onkels, dem Schuldirektor und traditionell-rigorosem Patriarchen. Ihm müssen sich alle beugen, auch ihre Tante, eine Akademikerin und ihre in England aufgewachsene Cousine. Tambu fährt ganz gut mit ihrer Strategie der strebsam-dankbaren Verwandten. Während sie sogar einen der zwei (!) Plätze für Afrikanerinnen der besten Weißenschule des Landes erreicht, zerbricht ihre Cousine am patriarchal-kolonialem System. Der Weg zur Freiheit ist noch weit.
1991 erstmals bei Rowohlt in der Reihe neue frau erschienen, ist der Klassiker der Schwarzen feministischen Literatur endlich wieder erhältlich! (Stefanie Hetze)

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Fran Ross: OREO

Mit einem Nachwort von Max Czollek. Aus dem Amerikanischen von Pieke Biermann, dtv 2019, 289 S., € 22,-, dtv TB € 11,90

(Stand März 2021)

Ross_Fran_Oreo_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungChristine Clark, die nach dem dunklen Keks, der  eine helle Füllung hat, den Spitznamen „Oreo“ trägt, ist tough und superschlau und hat bereits als Mädchen eine unschlagbare Selbstverteidigungsmethode entwickelt. Ihre familiäre Situation ist komplex: Oreo wächst mit ihrem kleinen Bruder bei der schwarzen Großmutter auf, der schwarze Großvater ist verstummt, ihre Mutter arbeitet als Musikerin im ganzen Land, der weiße jüdische Vater hat sich komplett aus dem Staub gemacht. Ausgestattet mit einigen kryptischen Hinweisen  begibt sich Oreo, gerade 17, nach New York, um ihren Vater aufzuspüren.
Das ist die Gemengelage für einen atemberaubenden Roman, der jede Kategorisierung sprengt. Gender, Rassismus, Antisemitismus, Feminismus, die griechische Mythologie, Jiddisch, Mathematik … werden schräg und krass durcheinandergewirbelt. Das braucht beim Lesen ein wenig, bis man dabei ist, aber dann entwickelt OREO einen unwiderstehlichen Sog. In der deutschen Ausgabe ist das nicht zuletzt der Verdienst der Übersetzerin Pieke Biermann, die kunstvoll die vielen sprachlichen Ebenen des Romans  überträgt und interpretiert. 1974 in den USA ein Flop, ist OREO heute das Buch der Stunde. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Jessica Courtney-Tickle: Peter Tschaikowsky – Schwanensee

Aus dem Englischen von Birgit Franz, Prestel 2019, mit 10 kurzen Soundmodulen, 24 S., € 26,-, ab 5
(Stand Mai 2022)

Courtney-Tickle_Jessica_Schwanensee_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungDer Ballettklassiker als großformatiges traumhaftes Bilderbuch, hier mit einem glücklichen Ende. Zum Anschauen und zum Anhören der wichtigsten Schwanensee-Motive mit Hintergrundinformationen zum Ballett und zu Tschaikowsky, die anregen, die Musik ganz anzuhören und es sich anzusehen. Der Clou: Heldin und Held sind dunkelhäutig, auch die übrigen Figuren wie die „Schwäne“ sind sehr vielfältig gezeichnet. Endlich einmal spiegelt eine magisch-schöne Geschichte gleichzeitig die Realitäten. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Maria Teresa Andruetto & Martina Trach: Clara und der Mann im großen Haus

Ein Bilderbuch aus Argentinien. Aus dem Spanischen von Jochen Weber, Baobab Books 2019, 48 S., € 19,-, ab 6
(Stand März 2021)

Andruetto_Maria_Teresa_Clara_und_der_Mann_im_grossen_Haus_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungEine ungewöhnliche Geschichte aus der Vergangenheit in einem Bilderbuch mit außergewöhnlichem Format. Schon auf der ersten Doppelpanoramaseite wird klar: Clara lebt in ärmlichen Verhältnissen  in einer kleinen Hütte mit ein paar Hühnern.  Ihre Mutter wäscht per Hand mit Waschbrett, sie schickt ihre Tochter mit einem Korb voller Wäsche zu einem Mann, der allein in einem großen Haus lebt, es aber nie verlässt.  Den Lohn dafür findet Clara unter der Türmatte. Zwischen Fenster und Vorhang beäugen das Mädchen und der Mann einander, beginnen vorsichtig ein Gespräch. Irgendwann fragt er sie, ob sie lesen könne. Das kann sie, und ab dann liegt jedes Mal, wenn sie die Wäsche bringt, ein Buch an der Türschwelle. Aus diesen vorsichtigen Annäherungen zwischen dem direkten Kind und dem misstrauischen Erwachsenen entwickelt sich eine besondere Freundschaft, die beide voranbringt.  Maria Teresa Andruetto benötigt nur wenige Sätze für ihr eindrückliches Anliegen, Kindern mehr Selbständigkeit zuzutrauen. Durch die vielschichtigen Gestaltungsmittel der Illustratorin  Martina Trach erreicht diese wahre Geschichte aus Argentinien eine geradezu filmische Dynamik.  Zum Immerwiederanschauen! (Stefanie Hetze)

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