Dörlemann 2015, 220 S., € 22,00
(Stand März 2021)
Bukarest im flimmrig-heißen Sommer. Über allem liegt der intensive Geruch der Lindenblüten, die an den Schuhsohlen kleben. Victoria, nach Jahren in der Schweiz wieder zurück in Rumänien, erlebt als Angestellte einen Banküberfall. Freigestellt zur “Traumaverarbeitung” nutzt sie die freie Zeit, tief in ihre Kindheitserinnerungen einzutauchen und mit dem Heute zu vergleichen. Sie streift durch ihr altes Viertel in der Innenstadt, das das Zentrum der Nomenklatura, aber auch der Überbleibsel alter mondäner Familien ist. Wie in einem Palimpsest überlagern sich die Schichten von Vergangenheit und Gegenwart. Sie trifft Menschen von damals, Jugendfreunde, frühere Liebhaber, Nachbarn und hört ihre Geschichten, Lieder, Witze und was aus ihnen geworden ist. Treffpunkte sind Gartenlauben, Bars und zum Teil riesige dekadente Wohnungen. “Wie aus der Zeit gefallen” fühlt sich die Protagonistin, doch hinter der Folie dieser vielen scheinbar malerisch-skurrilen Begegnungen schlummert viel Brisanz, kriegt die Frage nach der Schuldlosigkeit aus dem Titel Bedeutung. Dana Grigorcea erhielt 2015 beim Bachmannwettbewerb den 3sat-Preis. (Stefanie Hetze)

Etan ist ein idealistischer Neurochirurg. Liat ist eine ambitionierte Polizistin. Die beiden sind verheiratet und haben zwei Kinder. Als Etan einen Korruptionsfall im Krankenhaus zur Anzeige bringen will, erhält er keine Rückendeckung und wird von Tel Aviv nach Beer Scheva, in die Wüste, versetzt. Während Liat sich gut einlebt, ist Etan nach dem Vorgefallenen labil. Eines Abends nutzt er seinen Jeep zum ersten Mal spontan für eine Wüstentour und überfährt dabei einen afrikanischen Immigranten. Etan erkennt, dass der Mann an seinen Verletzungen sterben wird und begeht Fahrerflucht. Doch er hat etwas am Tatort vergessen, und so steht am nächsten Tag die Frau des Toten vor ihm und erpresst ihn. Doch es geht ihr nicht um Geld, sondern um ärztliche Hilfe für illegale Einwanderer und aus dem Zwang wird nach und nach ein Doppelleben, das Etans Ehe und viele andere Gewissheiten ins Wanken bringt, nicht zuletzt, da seine Frau den Fahrerflucht-Fall zugeteilt bekommt. Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen hat ein faszinierendes, spannendes und vielschichtiges Buch mit überzeugenden Figuren geschrieben, das uns ganz nah heranführt an moralische Dilemmas und Abgründe, für die es keine einfachen Lösungen geben kann. (Judith Krieg)
Ghana, die chaotisch-quirlige Hauptstadt Accra in den Siebziger Jahren – hier leben exzentrisch-zerrissene Individuen, die ständig auf der Suche sind und zum großen Teil recht abstruse Träume haben. Da ist ein alter Mann, der Spenden für eine Dorfneugründung erbettelt, eine junge Frau, die fliegen kann, einer, der versucht Rennpferde als Ackergäule einzuschmuggeln… Sie alle zeichnen sich durch eine phantastische überreiche Gefühlswelt aus. Konkrete Dinge haben für sie selbstverständlich ein Eigenleben. Europäische Lesegewohnheiten sind da erst einmal irritiert. Aber taucht man erst einmal ein in diese verschlungenen surrealen Welten, die durch viel Gelächter immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt werden, lässt sich ein großes Leseabenteuer erleben. Lange vergriffen ist dieser virtuose Klassiker der afrikanischen Moderne jetzt endlich wieder zu entdecken. (Stefanie Hetze)
Nordfranzösische Provinz, Anfang der neunziger Jahre. Hier wächst Eddy auf, in einer Gesellschaft, die weder von bäuerlicher Tradition noch von städtischer Anonymität und Toleranz geprägt ist. Hier arbeitet man in der Fabrik oder im Supermarkt, die Abende vergehen in der Kneipe oder vor dem Fernseher und wichtig ist vor allem “ein echter Kerl” zu sein. Nur ist Eddy gerade das nicht. Von klein an bewegt er sich feminin, spricht in hoher Stimmlage – und ist damit ständiges Objekt der Scham seiner Eltern und der sadistischen Aggressivität seiner Mitschüler. Wie Eddy es schafft, aus dieser Hölle zu entkommen, beschreibt Louis (der hier in leicht verfremdeter Form seine erst 22 Jahre junge Autobiografie verfasst hat) in erstaunlich distanzierter Weise. Der sachlich-spröde Ton, mit dem er die verstörende Kindheit eines Schwulen erzählt, berührt zutiefst. (Syme Sigmund)
Sie leben in New York oder in Los Angeles, in Tel Aviv, Jerusalem oder Osteuropa. Man sieht es ihnen nicht an, doch die “unamerikanischen” Figuren dieser während des zweiten Weltkriegs, in den fünfziger Jahren oder auch in heutiger Zeit spielenden Erzählungen sind beherrscht von ihrer Vergangenheit. Sie können ihre jüdischen Wurzeln nicht abschütteln, die in Weißrussland oder der Ukraine liegen. Es sind Menschen, die nirgends wirklich heimisch sind und deren Leben mehr vom Schicksal als selbstbestimmt wirken. Dabei herrscht eine melancholische Grundstimmung vor, die Antopol versteht nicht ins Kitschige abgleiten zu lassen. Das – im ursprünglichen Wortsinn – anrührende Debut einer jungen Autorin, welche die Kunst beherrscht, mit wenigen Worten viel zu erzählen. Hoffentlich bald mehr davon. (Syme Sigmund)
Kansas, um 1870. Der junge Will Andrews trifft in Butcher´s Crossing ein, einer kleinen Stadt, nicht mehr als eine Ansammlung von Bretterbuden und Zelten. Von der Ostküste stammend hat er das Studium in Harward abgebrochen, auf der Such nach sich selbst in der reinen Natur. Der Ort lebt von der Büffeljagd, doch die Zeiten der riesigen Herden sind definitiv vorbei. Als der erfahrene Jäger Miller Andrews von einem Tal in Colorado erzählt, dessen Zugang nur er kennt und in dem es noch eine tausende Exemplare zählende Herde geben soll, finanziert der junge Mann den Treck dorthin und vier Männer brechen auf. Die ersehnte Natur setzt ihnen in all ihrer Härte zu, Hitze, Kälte, Durst, Hunger und Anstrengung bis zur totalen physischen Erschöpfung. Williams präsentiert uns ein veritables Wild-West-Setting, doch was er daraus macht ist reinste, die tiefsten Saiten in uns zum Klingen bringende Sprachkunst. Hier wird die Prärie, werden die Leiden der Jäger, ja selbst das Abschlachten der Büffel zu wahrer Poesie. Ein großer literarischer Wurf, 1960 erschienen und jetzt – endlich! möchte man ausrufen – zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. (Syme Sigmund)
Lydia Tschukoswkaja, enge Vertraute von Anna Achmatowa, deren Gedichte sie memorierte und vor dem Vergessen bewahrte, schrieb 1947 den Roman “Untertauchen”, der damals in der Sowjetunion nicht erscheinen durfte und dessen Veröffentlichung in den USA in den Siebzigern zu ihrem Ausschluss aus dem sowjetischen Schriftstellerverband führte. 1975 brachte ihn der Diogenes Verlag in der wunderbaren Übersetzung Swetlana Geiers heraus, er geriet hierzulande jedoch eher in Vergessenheit. Nun hat ihn der Dörlemann Verlag in einer zurückhaltend schönen Ausgabe neu verlegt. Eine bedeutende Autorin ist so zu entdecken, die undramatisch und unpathetisch von den Schrecken des Stalinismus erzählt, die auf Worte, auf die Sprache setzt, auf das, was überdauern wird.
Jim und Tommy waren Freunde, unzertrennlich wie nur Halbwüchsige es sein können. Jim, der Gymnasiast, wuchs wohlbehütet auf. Tommy hingegen, aus zerrütteten Verhältnissen stammend, vom Jugendamt dem gewalttätigen Vater entrissen und von seinen drei kleineren Geschwistern getrennt, arbeitete in der Sägemühle. Doch das Leben entfernt sie voneinander. Nun treffen sie sich nach über dreißig Jahren wieder. Tommy ist ein erfolgreicher, wohlhabender Geschäftsmann in unglücklicher Ehe, Jim ein Bibliothekar, seit einem Jahr wegen Depressionen krankgeschrieben. Beide sind an ihrem Leben gescheitert. Voller Lakonie, mit einer äußerst packenden, sparsamen Sprache beschreibt Petterson die Geschichte und die Jugendfreudschaft dieser beiden Männer, ihre existentielle Einsamkeit, ihre Wut, ihr ausweglos erscheinendes inneres Unglück, in einer Weise, die den Figuren doch voller Respekt begegnet und den Leser nachdenklich und betroffen zurück lässt. (Syme Sigmund)
Triest 1943: im Hafen wird ein schwerverletzter Mann gefunden und an Bord eines deutschen Schiffes gebracht. Als er aus dem Koma erwacht, hat er sein Sprachvermögen und sein Gedächtnis verloren. Einzige Anhaltspunkte für seine Identität sind ein finnischer Name auf dem Etikett seiner Jacke und Initialien auf einem Taschentuch. An Bord befindet sich ein exilierter finnischer Neurologe, der es zu seiner Berufung macht, den vermeintlichen Landsmann Schritt für Schritt wieder zurückzuführen, zur Sprachbeherrschung und ins Leben. So lernt „Sampo Karjalainen“ unter Mühen, wieder zu sprechen, und die Strukturen der Sprache, genauer gesagt des Finnischen, werden zum Versuch, die Welt und sich selbst zu begreifen. In den Kriegswirren reist er nach Helsinki, um sich dort „wiederzufinden“, doch alles kommt anders als gedacht. Diego Marani geht von zunächst bekannt erscheinenden Elementen aus, doch er macht etwas Neues daraus: einen Roman, der weniger von seiner Handlung lebt, sondern anhand der komplexen finnischen Sprache darüber nachdenkt, wie wir unseren Weg in die Welt bahnen, wie wir im Gespräch zu denen werden, die wir sind, wie Wörter uns formen, welche Schwierigkeiten und Bereicherungen mit dem Wechsel von einem Sprachkosmos – und damit einer Kultur – in den anderen einhergehen und wo wir möglicherweise an unsere Grenzen stoßen. Ein ungewöhnlicher, lesenswerter Roman. (Judith Krieg)
Die 10jährige Darling lebt mit ihrer Mutter in der Hüttensiedlung Paradise. Der Vater ist nach Südafrika ausgewandert, um Geld zu verdienen. Man hört nichts von ihm. Auch Geld kommt keines. So schlägt sich die Mutter allein durch. Darling verbringt viel Zeit bei ihrer frommen Großmutter mother of bones, vor allem aber ist sie viel auf sich allein gestellt – so wie auch ihre Freunde, mit denen sie durch die Straßen streicht. Rau ist die Sprache der Kinder genauso wie ihr Umgang miteinander, doch sie halten beharrlich aneinander fest, geben sich halt. Bis Darling als Teenagermädchen zur Tante in die USA geschickt wird. Sie soll es besser haben, es zu etwas bringen. Das Leben in der fremden großen Stadt mag anders sein, ist jedoch nicht weniger rau. Darling tut sich schwer mit dem Einleben, wohl weiß sie, dass es ein Zurück nicht geben wird. Simbabwe bleibt für lange Zeit eine Vorwahl im Display des Telefons. Ein großartiges Debüt, das den immer genauer schauenden Blick einer Heranwachsenden zwischen Zugehörigkeit und Fremdheit sprachlich beeindruckend einfängt. (Jana Kühn)