Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow, (Suhrkamp 2014), 261 S., Suhrkamp TB, € 10,-
(Stand März 2021)
Die 10jährige Darling lebt mit ihrer Mutter in der Hüttensiedlung Paradise. Der Vater ist nach Südafrika ausgewandert, um Geld zu verdienen. Man hört nichts von ihm. Auch Geld kommt keines. So schlägt sich die Mutter allein durch. Darling verbringt viel Zeit bei ihrer frommen Großmutter mother of bones, vor allem aber ist sie viel auf sich allein gestellt – so wie auch ihre Freunde, mit denen sie durch die Straßen streicht. Rau ist die Sprache der Kinder genauso wie ihr Umgang miteinander, doch sie halten beharrlich aneinander fest, geben sich halt. Bis Darling als Teenagermädchen zur Tante in die USA geschickt wird. Sie soll es besser haben, es zu etwas bringen. Das Leben in der fremden großen Stadt mag anders sein, ist jedoch nicht weniger rau. Darling tut sich schwer mit dem Einleben, wohl weiß sie, dass es ein Zurück nicht geben wird. Simbabwe bleibt für lange Zeit eine Vorwahl im Display des Telefons. Ein großartiges Debüt, das den immer genauer schauenden Blick einer Heranwachsenden zwischen Zugehörigkeit und Fremdheit sprachlich beeindruckend einfängt. (Jana Kühn) Leseprobe

Der Schriftsteller Jean erinnert sich viele Jahre später an seine Liebe zu Dannie im Paris der 60er Jahre, eine geheimnisvolle junge Frau mit zwielichtigen Bekanntschaften, die eines Tages plötzlich aus seinem Leben verschwindet. Erst in Gesprächen mit einem Kommissar, der ihn wegen eines unaufgeklärten Todesfalls verhört, erfährt er die Hintergründe und politischen Verwicklungen seiner damaligen Bekannten. Wie oft bei Modiano gerät der Leser in den Sog der Erinnerung, verschwinden die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, bis die Zeit stillzustehen scheint, wird das Eintauchen in die teils romantische, teils fast schmerzhaft melancholische Stimmung zum Rausch, der einen auch der eigenen Realität zu entrücken vermag. Der frischgekrönte Nobelpreisträger für Literatur zeigt sich hier auf der Höhe seines Könnens. (Syme Sigmund)
Es sind die noch friedlichen Endzwanziger oder Anfang 1930er Jahre vor dem Spanischen Bürgerkrieg. Eine Villa mit großem mediterranen Garten unweit des Meeres, die nur im Sommer von einem jungen Ehepaar aus der Jeunesse dorée, ihren Freunden und Dienstboten bewohnt wird. Der einzige, der bleibt, alles beobachtet und erinnert, ist der alte Gärtner, ein neugieriger Menschen- und Blumenfreund. Wenn die Herrschaften da sind, erspart er sich den Kinobesuch. Zuviel geschieht, tuen sich über die sechs Sommer lang Risse und Abgründe bei jeder einzelnen Gestalt auf. Jeder trägt eine komplizierte Liebesgeschichte mit sich herum. Schatten legen sich auch über den immer üppigeren Garten. Selbst das verführerische Meer, in dem anfangs ausgelassen gebadet wird, birgt eine Tragödie.
Eine bayrische Kleinstadt Mitte der 50er Jahre. Das Mädchen Elsa ist mit ihrem Vater aus Dresden hierhergezogen, doch Berge und Dialekt sind ihr fremd, die verstorbene Mutter und der weite Blick über die Elbe fehlen ihr. Die zarten Papierhüllen der noch besonderen Orangen mit ihrer bunten Welt aus exotischen Motiven und Fabelwesen verheißen eine fremde, weniger enge Welt. Leise bahnt sich Freundschaft an, die erste zarte Liebe – und der Flug in einem Heißluftballon führt wenigstens für ein paar Stunden über die Berge hinaus. Es ist ein feinfühliges Buch der leisen Töne, es passiert nicht viel und doch ist jedes Kapitel ein Kleinod an sprachlicher Eleganz, das uns eine Facette des vor uns sich entfaltenden Bildes schenkt und im Herzen des Lesers seine Spuren hinterlässt, fragil und federleicht wie Orangenpapiere. (Syme Sigmund)
Am Rande des äußersten nordöstlichen Zipfels Londons, da wo die Grenzen der Megastadt sich zerfasern und mit einer beginnenden Flußlandschaft vermischen, streift die Erzählerin in ausgedehnten ziellosen Spaziergängen umher. In dieser bizarr-schönen Halbwildnis entdeckt sie viel Verlassenes, Aufgegebenes, Angeschwemmtes. Sie betrachtet, fotografiert und erinnert. Ereignisse aus ihrer Kindheit tauchen auf. Wesentlich für die Einzelgängerin sind ihre Beobachtungen und Begegnungen mit ihren Nachbarn, den in ihrer Londoner Straße lebenden Einwanderern, aber auch prägende Erlebnisse an anderen Flüssen aus ihrer Vergangenheit. Wer sich auf Esther Kinskys mäanderndes Erzählen einlässt, auf ihre poetischen Beschreibungen des Marschlands, der Vögel, der Ziegel und all der anderen menschlichen Hinterlassenschaften, nimmt teil an einem zutiefst faszinierenden Lesespaziergang. (Stefanie Hetze)
Der Literaturstudent Ed Bendler hat den Boden unter den Füßen verloren: seine Freundin G. ist verunglückt, die Welt aus den Fugen. Kurzerhand lässt er sein bisheriges Leben in Halle hinter sich, sein Ziel: die Insel Hiddensee, in der DDR ein Ort für Aussteiger, Eigenbrötler, Idealisten und potentielle Republikflüchtige. Er findet dort Unterschlupf als Tellerwäscher im Gasthof Zum Klausner hoch über der Steilküste, der an eine rettende Festung erinnert und an ein Schiff mit illustrer Besatzung, vom ehemaligen Philosophiestudenten, genannt Rimbaud, bis hin zu Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, Sohn eines russischen Militärs und einer Zirkusartistin. Kruso, das eigentliche Kraftzentrum des Klausners, organisiert ein Netz von Unterkünften für die immer neuen Ankömmlinge, in seinen Augen Pilger und Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft, die er bis in den Fieberwahn hinein verteidigen wird, als sich mit dem Mauerfall alles ändert. Zwischen Ed und Kruso entwickelt sich eine besondere Freundschaft, die Eds Leben auf Hiddensee und darüber hinaus prägen wird und die um die Leerstellen und Verluste in ihrer beiden Leben kreist – Krusos Zwillingsschwester ist eines Tages über die Ostsee verschwunden. Der Lyriker Lutz Seiler hat einen sprachlich eindrucksvollen Roman geschrieben, eine eigenwillige Geschichte, die gleichzeitig zart ist und derb, leicht und traurig, versponnen und realistisch, und die eine besondere Version der Wendezeit erzählt. (Judith Krieg)
Der Titel “Die Chance” verharmlost die ausweglose Lage, in der sich das Mittelschichtsehepaar aus der Provinz befindet. Die Wirtschaftskrise hat Marion und Art wie Millionen anderer Amerikaner den Boden unter den Füßen weggezogen. Marion ist arbeitslos und der Statistiker Art hat seinen Job bei einer Versicherung verloren. Das überteuerte Haus können sie nicht länger abzahlen. Auch ihre Ehe ist am Ende. Da alles verloren scheint, setzen sie ihre Existenz auf eine einzige Karte und wiederholen ihre Hochzeitsreise zu den romantisch aufgeladenen Niagarafällen von vor 30 Jahren, als ihnen die Welt noch offen zu sein schien. Mit ihrem letzten über die Grenze geschmuggelten Geld mieten sie sich in einer Hochzeitssuite ein, spielen tags die Touristen und versuchen nachts im Casino die statistische Wahrscheinlichkeit ihres kompletten Ruins auszutricksen. Stewart O’Nan nähert sich ihrer Verzweiflung, aber auch ihrem über alle Differenzen langjährigen Vertrautsein in knappen verdichteten Szenen und Dialogen, von Thomas Gunkel elegant-subtil übersetzt. Vielleicht gibt es ja doch eine Chance? (Stefanie Hetze)
Andreas Egger kommt als Kind in das Dorf im Gebirge, zum Bauern Kranzstocker, dem Schwager seiner verstorbenen Mutter. Und er arbeitet von Kindesbeinen hart auf dem Hof, später am Ausbau der Seilbahnen. Er heiratet und verliert seine Frau bald, übersteht die Kriegsjahre in Russland und kehrt wieder zurück in die Berge. Dort erlebt er die Modernisierung, erkennt die Welt nicht immer wieder, aber verliert sich selbst nicht. Wie ein widerständiger Baum wird er von den Ereignissen des Lebens geformt. Robert Seethaler beherrscht die Kunst, Dinge einfach erscheinen zu lassen, er erzählt diese Geschichte in ruhigem Rhythmus und Ton, auch die traurigsten Ereignisse sind wie sie sind. Wie aus einem Stück Holz geschnitzt nimmt Andreas Egger klar, kantig und überzeugend vor den Augen der Leser Form an, man kommt ihm nahe, aber auch nicht zu nahe, stets behält er seine Würde. Ein Buch, das in Erinnerung bleibt, auch wegen seiner Naturbeschreibungen. (Judith Krieg)
Marja, Maurice, Graz, Koljansk… so lauten die schlicht-prägnanten Titel der vierzehn Erzählungen, die einzelne Menschen und Orte skizzieren. Es sind alles Begegnungen einer Ich-Erzählerin, offensichtlich einem Alter-Ego der Autorin, die sich mit unverstelltem Blick, Leidenschaft und Empathie auf neue unbekannte Situationen einläßt. Es zieht sie hin zu den entwurzelten nomadisierenden Menschen, deren rollendes “r” sie als fremd verrät, die es schwer haben in einem Europa der Umwälzungen einen Platz zu finden. Immer wieder finden sie aber auch flüchtige Momente des Glücks. Mit all ihren Sinnen und ihrem eigenen großen Erfahrungsschatz zwischen Orten, Kulturen und Sprachen notiert und verdichtet Ilma Rakusa diese Begegnungen und Augenblicke und läßt sie dann wieder weiterziehen. Unbedingt zu empfehlen. (Stefanie Hetze)
Anthime ist ein junger Mann aus der französischen Provinz. So wie für ihn ist an jenem Sonnabend im August 1914, einem strahlenden Sommertag, die Nachricht vom Kriegsbeginn für eine ganze Generation junger Männer zunächst nicht fassbar. Echenoz beschreibt in seiner gewohnt knappen, distanzierten Sprache die folgenden Jahre am Beispiel dieses einen Menschen über den die Geschichte hereinbricht, ihn in den Krieg und den Schützengraben wirft und ihn eines Armes beraubt, ohne dass er je die Zusammenhänge erfasst. Die Kluft zwischen dem Erleben des Individuums, das sich an den täglich neuen Herausforderungen des Überlebens abarbeitet, und den großen historischen Ereignissen lässt die Monstrosität des Kriegen offensichtlich werden. In diesem schmalen Band von nur 125 Seiten ist alles enthalten, um die grausame Sinnlosigkeit des Krieges zu offenbaren. Wer sich für die Ereignisse zwischen 1914 und 1918 interessert und sie zu verstehen versucht, sollte an diesem kleinen Meisterwerk nicht achtlos vorübergehen. (Syme Sigmund)