Aus dem Englischen von Simon Jakob, Dumont 2016, TB 2017, 512 S., € 12,-
(Stand April 2021)
Der junge Odidi Oganda wird 2007 während der auf die Wahlen folgenden Unruhen in Nairobi erschossen. Auf der Familienranch im Norden Kenias versammeln sich die Hinterbliebenen: Odidis Schwester Ajany, die seit Jahren in Brasilen lebt, der Vater Nyipir, ein ehemaliger Polizist, und die Mutter Akai-ma. Alle drei versuchen die Trauer auf ihre eigene Art zu verarbeiten und jeder muss sich schließlich den eigenen Gespenstern der bis in die Kolonialzeit reichenden Vergangenheit stellen, die unter einem Mantel des Schweigens verborgen lagen. Meisterlich, in mannigfaltigen Sprachregistern, die von einem “westlichen” Ton bis zu hypnotisch-gesanglich wirkenden Sprachrhythmen reichen, die an die afrikanische Erzähltradition angelehnt sind, entfaltet Owuor nach und nach die Familiengeschichte, in der keiner frei ist von Schuld und die eng mit der kenianischen Geschichte verwoben ist. Ein Roman, der den Leser in den Bann schlägt und die vielschichtigen Verhältnisse und die verschlungene Geschichte des Landes greifbar werden lässt. Nach diesem großen Erstlingswurf darf man hoffentlich auf mehr von dieser in ihrer Heimat schon preisgekrönten Autorin zu hoffen wagen. (Syme Sigmund)

Südafrika 1953, Emmanuel Cooper, der mit der Geliebten seines Chefs im Bett liegt, wird nachts zu einem unerquicklichen Einsatz beordert. Fernab der Stadt wurde ein schönes Zulumädchen, Tochter des mächtigen ansässigen Chiefs, im Gebirge nur mit langem Fußmarsch erreichbar, blumenbeschmückt und auf einer kostbaren Decke liegend, ermordet aufgefunden. Rätsel über Rätsel tun sich in diesem “Tal des Schweigens” auf. Die Zuluclans samt ihren Kriegern, die weißen Farmer, die sich als Afrikaaner und Buren befeinden, die Ärztin, die örtliche Polizei, sie alle mauern und sind Teil des starren absurden Apartheitssystems. Selbst Cooper, Repräsentant der mächtigen weißen Polizei, aber auch nicht “reinrassig”, und sein Assistent Shabalala, ein Zulu im Maßanzug, die sich bestens verstehen, müssen jede ihrer Handlungen an den schizophrenen Regeln des Regimes austarieren. Direkt nachvollziehbar zu machen, wie sich die Apartheit auf die minimalsten menschlichen Beziehungen auswirkte, ist neben dem sehr spannenden Plot Malla Nunns großer Verdienst. (Stefanie Hetze)
Nach fünfzehn Jahren New York reist der namenlose Erzähler mit Doppelstaatsangehörigkeit zurück nach Lagos, seinen Kindheitsort. Schon die erste Station seiner Heimreise im nigerianischen Konsulat in New York, wo er auf abstruse Verfahren zum Erreichen einer Passverlängerung trifft, konfrontiert ihn mit dem, was ihn erwartet: Korruption, Bestechlichkeit, eine unduchschaubare Bürokratie. Als er dann endlich “zu Hause” auf dem Flughafen landet, fühlt er einen kurzen Moment der Ekstase. Schnell wird sie jedoch abgelöst von Irritation und Entsetzen angesichts des Chaos, der allgegenwärtigen Schattenwirtschaft und Gewalt. Doch der Erzähler gibt nicht auf, trifft Verwandte und Freunde, sieht extremen Verfall und Vernachlässigung in Museen, Buchhandlungen und Plattenläden. Er fühlt sich vertraut, ist fasziniert, dann wieder abgestoßen und voller Wut. Nachts bei Lärm und Stromausfällen suchen ihn die Schatten seiner Vergangenheit heim. Er hatte sich damals aus Nigeria davongestohlen und versucht jetzt, Erinnerungsfetzen mit dem Moloch Gegenwart zusammenzubringen und sie in Geschichten zu verwandeln. Ihn dabei beim Lesen zu begleiten, macht den ungeheuren Reiz dieser Reiseerzählung aus. Und Coles zwischen Schönheit und Tristesse changierende Fotografien geben da noch eins drauf. (Stefanie Hetze)
Ghana, die chaotisch-quirlige Hauptstadt Accra in den Siebziger Jahren – hier leben exzentrisch-zerrissene Individuen, die ständig auf der Suche sind und zum großen Teil recht abstruse Träume haben. Da ist ein alter Mann, der Spenden für eine Dorfneugründung erbettelt, eine junge Frau, die fliegen kann, einer, der versucht Rennpferde als Ackergäule einzuschmuggeln… Sie alle zeichnen sich durch eine phantastische überreiche Gefühlswelt aus. Konkrete Dinge haben für sie selbstverständlich ein Eigenleben. Europäische Lesegewohnheiten sind da erst einmal irritiert. Aber taucht man erst einmal ein in diese verschlungenen surrealen Welten, die durch viel Gelächter immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt werden, lässt sich ein großes Leseabenteuer erleben. Lange vergriffen ist dieser virtuose Klassiker der afrikanischen Moderne jetzt endlich wieder zu entdecken. (Stefanie Hetze)
Dreißig Afrikaner, Frauen, Männer und Jugendliche, die aus dem Landesinneren Senegals stammen und noch nie das Meer gesehen haben, wollen nach Europa fliehen. Auf nur achzig Seiten erzählt Ndione ihre Geschichte, ihre Hoffnungen, Sehnsüchte und Ängste, aber auch die zu einem guten Teil von westlicher Wirtschaftspolitik verursachten Ursachen des Elends in dem westafrikanischen Land. Der Roman beschreibt schlicht und eindringlich das Schicksal von Millionen Menschen, die tagtäglich vor unseren Küsten um ihre Lebenschancen und ihr Überleben kämpfen, gibt ihnen Namen, Gesichter und individuelle Schicksale. Ein notwendiges Buch, das zum Verstandnis beiträgt und von jedem über 14 Jahren einschließlich des die wirtschaftspolitischen Hintergünde darlegenden Nachwortes gelesen weren sollte. (Syme Sigmund)
Die 10jährige Darling lebt mit ihrer Mutter in der Hüttensiedlung Paradise. Der Vater ist nach Südafrika ausgewandert, um Geld zu verdienen. Man hört nichts von ihm. Auch Geld kommt keines. So schlägt sich die Mutter allein durch. Darling verbringt viel Zeit bei ihrer frommen Großmutter mother of bones, vor allem aber ist sie viel auf sich allein gestellt – so wie auch ihre Freunde, mit denen sie durch die Straßen streicht. Rau ist die Sprache der Kinder genauso wie ihr Umgang miteinander, doch sie halten beharrlich aneinander fest, geben sich halt. Bis Darling als Teenagermädchen zur Tante in die USA geschickt wird. Sie soll es besser haben, es zu etwas bringen. Das Leben in der fremden großen Stadt mag anders sein, ist jedoch nicht weniger rau. Darling tut sich schwer mit dem Einleben, wohl weiß sie, dass es ein Zurück nicht geben wird. Simbabwe bleibt für lange Zeit eine Vorwahl im Display des Telefons. Ein großartiges Debüt, das den immer genauer schauenden Blick einer Heranwachsenden zwischen Zugehörigkeit und Fremdheit sprachlich beeindruckend einfängt. (Jana Kühn)
Ifemelu und Obinze verlieben sich noch während ihrer Schulzeit in Lagos. Eine überraschende Entschlossenheit füreinander verbindet das selbstbewusst kluge Mädchen mit dem etwas draufgängerisch beliebten Jungen. Die lähmende Perspektivlosigkeit in Nigeria lässt Ifemelu schließlich ihre Heimat verlassen: sie studiert in den USA. Jahre später verlässt auch Obinze das Land und lebt illegal in London. Einfühlsam und bewegend begleitet Adichie ihre Protagonisten auf den sehr unterschiedlichen Lebenswegen. Ifemelu schreibt einen Aufsehen erregenden und kritischen Blogg zum Thema als Schwarze in den USA zu leben und den damit einhergehenden alltäglichen Rassismus. Obinze erfährt viel Demütigung, wird abgeschoben und steigt final zu einem erfolgreichen Geschäftsmann in Nigeria auf. Nach vielen Jahren treffen die beiden in Lagos wieder aufeinander, und alles und nichts ist, wie es vorher war. Ein politisches, ein anregend nachdenkliches, auch ein romantisches, vor allem ein mitreißendes Buch! (Jana Kühn)
Ein überraschendes Wechselspiel zwischen den USA und Afrika, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Gut und Böse ist in einem rasanten neuen Krimi zu entdecken: In einer amerikanischen Provinzstadt wird eine junge blonde Weiße tot auf den Stufen eines Hauses gefunden. Tatverdächtig ist ein kenianischer schwarzer Professor, ein Held im Kampf gegen den Völkermord in Ruanda und Aushängeschild für eine Menschenrechtsstiftung. Ermittler ist der Afroamerikaner Ishmael, der schnell erkennt, dass er mit der Lösung des Falls nur in Nairobi weiterkommt. Ishmael, der noch nie im Land seiner Vorfahren gewesen war und in Nairobi als Amerikaner als reicher weißer Mann gilt, dringt zusammen mit seinem kenianischen Kollegen tief ein in ein schmutziges Geflecht aus Gewalt, Intrigen und Korruption. Er entdeckt die kriminellen Machenschaften hinter der Hilfsorganisation, die einträglich vom schlechten Gewissen der Welt lebt, hört dort aber bei weitem nicht auf zu ermitteln. Was Nairobi Heat so außerordentlich macht, ist, wie Mukoma wa Ngugi immer wieder gesellschaftliche und moralische Gewissheiten umstößt und trotz aller Gewalt und allen Elends einen Eindruck von Lebendigkeit hinterlässt, der Lust macht auf mehr spannende Literatur aus dem urbanen Afrika. Hoffentlich wird die Fortsetzung Black Star Nairobi bald in Deutschland erhältlich sein! (Stefanie Hetze)
In ihrem neuen Roman schreibt Zadie Smith über das Leben in London North-West, wo sie selbst aufgewachsen ist – der Stadtteil Kilburn, ein Arbeiterbezirk und ein Schmelztiegel der Kulturen. Vier Protagonisten wählt sie, die sich schon aus Kindertagen kennen, die befreundet waren oder sind und die sehr unterschiedliche Wege gewählt haben, “um etwas aus ihrem Leben zu machen”. Zadie Smith unterzieht sie einer Art Lebensinventur und Bestandsaufnahme – nun als gestandene Mittdreißiger. Wer sind sie? Oder vielmehr wie sind sie geworden? Für jeden Charakter findet sie eine eigene stimmige Erzählsprache. Sie experimentiert dafür stilistisch wie formal, und was anfangs etwas künstlich wirkt in all seiner sprachlichen Verdichtung, zieht einen immer stärker in den Bann. Ein Roman voller tragikomischer Momente, den man spätestens ab Seite 50 nicht mehr aus der Hand legen mag.
Xuela Claudette Richardson erzählt in hohem Alter ihr Leben, welches für sie gleichzeitig das Leben der Mutter ist, die bei ihrer Geburt starb, wie auch das Leben ihrer Kinder, gegen deren Leben sie selbst sich immer wieder entschieden hat. Das hochintelligente Mädchen wächst ohne Zuwendung auf der karibischen Insel Dominica auf, die geprägt ist von gesellschaftlichen, vor allem rassistischen Hierarchien. Liebe kennt und verspürt sie nur für sich selbst. In großer Distanz lebt sie zu den Menschen, die ihr begegnen. Und in ebensolcher sprachlichen Distanz und schonungslosen Klarheit reflektiert sie über die Lebensbedingungen in einer Welt, die vom Erbe der Kolonialzeit gezeichnet ist. Der Ton ist kühl wie sinnlich, verstörend und voller poetischer Eindringlichkeit, die immer wieder Lese- und Sinnpausen herausfordert.