Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Aus dem Englischen von Anette Grube, S. Fischer Verlag 2014, € 24,99, TB Ausgabe € 9,99

21-adichie_americanahIfemelu und Obinze verlieben sich noch während ihrer Schulzeit in Lagos. Eine überraschende Entschlossenheit füreinander verbindet das selbstbewusst kluge Mädchen mit dem etwas draufgängerisch beliebten Jungen. Die lähmende Perspektivlosigkeit in Nigeria lässt Ifemelu schließlich ihre Heimat verlassen: sie studiert in den USA. Jahre später verlässt auch Obinze das Land und lebt illegal in London. Einfühlsam und bewegend begleitet Adichie ihre Protagonisten auf den sehr unterschiedlichen Lebenswegen. Ifemelu schreibt einen Aufsehen erregenden und kritischen Blogg zum Thema als Schwarze in den USA zu leben und den damit einhergehenden alltäglichen Rassismus. Obinze erfährt viel Demütigung, wird abgeschoben und steigt final zu einem erfolgreichen Geschäftsmann in Nigeria auf. Nach vielen Jahren treffen die beiden in Lagos wieder aufeinander, und alles und nichts ist, wie es vorher war. Ein politisches, ein anregend nachdenkliches, auch ein romantisches, vor allem ein mitreißendes Buch! (Jana Kühn) Leseprobe

Daniel Woodrell: In Almas Augen

Aus dem Englischen von Peter Torberg, Liebeskind 2014, € 16,90, TB Ausgabe, € 9,99

40-woodrell_almasaugen“Wenn ich alles auspacke, was ich über die Explosion in der Arbor Dance Hall weiß, dann gibt es Lynchmorde von hier bis St.Louis.”, sagt Sheriff Adderly. Und nicht nur er schweigt lieber zur Tragödie des Sommers 1929, bei der 42 Menschen zu Tode kommen, viele schwer verletzt werden und ein ganzer Ort in stumme Trauer fällt. Wie zäher Nebel hängt das Schweigen über der kleinen Stadt. Nur Alma hört nicht auf unbequeme Fragen zu stellen. Sie hat ihre Schwester in den Flammen verloren und sucht jahrzehntelang nach den Schuldigen –  macht sich unbeliebt, verliert ihre Arbeit, ihre Söhne, wird eingewiesen und ausgegrenzt. Ihrem Enkel wird sie schließlich berichten, was sie weiß. Stück für Stück nur, aus vielen Perspektiven und mit jeder Seite fesselnder eröffnet Woodrell den Blick auf die wahren Geschehnisse. Dabei erzählt er in vielen kleinen, fast skizzenhaften Episoden ein großes amerikanisches Kleinstadtpanorama im Wandel des letzten Jahrhunderts. (Jana Kühn). Leseprobe

Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen

Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, Hanser 2014, € 17,90, TB Ausgabe € 9,99

Pariser Bürgerliche. Keiner sticht heraus. Yasmina Rezas neuer Roman hat viele Protagonisten, die in einem Erzählreigen kurzer Episoden aufeinander treffen, auseinander gehen und immer wieder zusammen finden. Sie sind miteinander verwandt, sie sind befreundet, sie kennen sich nur vom Sehen oder über drei Ecken. Sie lieben und vertrauen einander, betrügen und langweilen sich trotzdem. Sie haben es geschafft, sind beruflich erfolgreich – und immer wieder einsam in all ihrer Verbundenheit. Vielleicht mag man den einen oder die andere lieber. Vertraut und bekannt kommt einem so manches vor – denn nichts Menschliches ist Reza fremd. Sehr genau schaut sie hin und jede noch so kleine Gefühlsregung leuchtet sie schonungslos aus. Das ist manchmal bitter, macht aber auch jede Menge Spaß – denn die kleinen und großen Dramen des Alltags werden mit Rezas erzählerischer Distanz und Ironie herrlich vorgeführt. (Jana Kühn)

Zadie Smith: London NW

Aus dem Englischen von Tanja Handels, Kiepenheuer & Witsch 2014, € 22,99, TB Ausgabe € 9,99

london_nw_danteperle_dante_connectionIn ihrem neuen Roman schreibt Zadie Smith über das Leben in London North-West, wo sie selbst aufgewachsen ist –  der Stadtteil Kilburn, ein Arbeiterbezirk und ein Schmelztiegel der Kulturen. Vier Protagonisten wählt sie, die sich schon aus Kindertagen kennen, die befreundet waren oder sind und die sehr unterschiedliche Wege gewählt haben, “um etwas aus ihrem Leben zu machen”. Zadie Smith unterzieht sie einer Art Lebensinventur und Bestandsaufnahme  – nun als gestandene Mittdreißiger. Wer sind sie? Oder vielmehr wie sind sie geworden? Für jeden Charakter findet sie eine eigene stimmige Erzählsprache. Sie experimentiert dafür stilistisch wie formal, und was anfangs etwas künstlich wirkt in all seiner sprachlichen Verdichtung, zieht einen immer stärker in den Bann. Ein Roman voller tragikomischer Momente, den man spätestens ab Seite 50 nicht mehr aus der Hand legen mag.

Mohsin Hamid: So wirst du stinkreich im boomenden Asien

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld, Dumont 2013, € 18,99, tb dumont 2015, € 9,99

hamid-so-wirst-du-stinkreich-im-boomenden-asien_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzberg“Zieh in die Stadt”, “Verschaff dir Bildung”, “Verlieb dich nicht” – so lauten die ersten drei Kapitelnamen dieses wunderbaren Romans aus Pakistan, der einerseits Entwicklungsroman ist,der die Geschichte eines Jungen aus ärmlichsten Verhältnissen erzählt, der im Laufe seines Lebens tatsächlich stinkreich wird. Verpackt ist diese Geschichte andererseits, und wie die Kapitelnamen andeuten, im Gewand eines Selbsthilfebuches. Alles zielt hin zum Erfolg des großen Geldes und zwar um jeden Preis und mit allen Mitteln, heißt von Manipulation über Korruption bis hin zu Gewalt. Darüberhinaus liest sich der Roman als eine anrührende Liebesgeschichte und als Gesellschaftssatire über das heutige Pakistan. Und dank des turbulent tragikomischen Erzähltons jagt man mit dem Protagonisten durch ein ganzes Leben im boomenden Asien, in dem das Geld dann eben doch auch nicht alles ist. (Jana Kühn) Leseprobe

Ulrike Edschmid: Das Verschwinden des Philip S.

Suhrkamp 2013, € 15,95, tb suhrkamp 2014, € 8,00

edschmid-das-verschwinden-des-philip-s_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergÜber die 68er Bewegung und die RAF sind sicher schon mehrere Regalmeter verfasst worden – Romane, Biographien und Sachbücher. Dieses schmale Buch von Ulrike Edschmid sticht für Zeitzeugen und auch für jüngere Generationen aus der Menge hervor. Anrührend wie kenntnisreich erinnert sich eine Frau nach vierzig Jahren an eine ihrer wichtigsten Beziehungen, überhaupt wohl an eine der bedeutsamsten Phasen ihres Lebens. 1967 lernt sie Philip S. kennen. Schnell wird er ihr zum Vertrauten, zum Geliebten und Partner. Doch in der zunehmenden politischen Radikalisierung wird das Band zwischen beiden stetig dünner. Edschmids verdichtete Sprache zeichnet in wenigen Worten ein lebendiges Bild dieser Zeit, das in jeder Hinsicht unter die Haut geht. (Jana Kühn)

Ljudmila Ulitzkaja: Das grüne Zelt

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt, Hanser 2012, € 24,90, tb dtv 2014, € 12,90

Ulitzkaja_23987_MR.indd1953 in der Sowjetunion, Stalin ist gerade tot, es herrschen angespannte Verhältnisse – drei  12jährige Jungen, die völlig herausfallen  aus dem, was sein darf, haben das Glück, auf einen neuen Lehrer zu treffen, der ihre Leidenschaft für Literatur und Kunst mit langen Spaziergängen durch Moskau fördert. Das ist die Ausgangslage für Ljudmila Ulitzkajas fesselnden  Roman, in dem sie die Schicksale ihrer drei Protagonisten, die aus Liebe zu Literatur und Musik zu Dissidenten werden, über viele Jahrzehnte und in vielen Facetten  begleitet. Ein großartiges Porträt einer Gesellschaft in Unfreiheit zum Lesen an langen Winterabenden. (Stefanie Hetze)

Wolfgang Herrndorf: Tschick

Rowohlt, € 18; TB Rowohlt 2012, € 8,99

herndorf-tschick-115x188Die Mutter weg zur Entziehungskur, der Vater, ein Immobilienspekulant, mit der Geliebten auf Geschäftsreise. Das sind Maiks Sommerferien im äußersten Osten Berlins – bis Tschick, der Neue in seiner Klasse, mit einem geklauten Lada auftaucht. Die rasante Fahrt der zwei 14-Jährigen durch verlassene Teile Ostdeutschlands ist grandios erzählt. Man streitet sich fast, wer das Buch als nächster lesen darf!! (Franziska Kramer)