Sally Rooney: Gespräche mit Freunden

Aus dem Englischen von Zoë Beck, Luchterhand Literaturverlag 2019, 384 S., € 20,-

Gespraeche mit Freunden von Sally Rooney

Bobbi und Frances sind 21, studieren in Dublin, schreiben und performen zusammen Spoken-Word. Vor ein paar Jahren waren sie zusammen. Die Intensität dieser Zeit ist nie verschwunden. Sie sind wie die zwei Seiten einer Medaille. Redet die eine viel, schweigt die andere, schreibt die eine prägnante Texte, liest die andere sie mit charmanter Wut vor. Eines Abends begegnen sie einer bekannten Fotografin und Journalistin. Mit ihr und ihrem Mann beginnen sie eine Art ménage-à-quatre, die die Beziehung zwischen den zwei jungen Frauen zerstörerisch verändert.
Plötzlich werden bedeutende Fragen (früher ein gemeinsamer Scherz) wie „Was ist ein Freund? Was ist ein Gespräch?“, erweitert auf: „Was heißt es, verheiratet zu sein, wenn die Ehe offen gelebt wird? Was heißt es, zu lieben, wenn es sich auf mehrere Personen bezieht?“
Lange, realistische Dialoge und ironische Beschreibungen zeigen Rooneys Talent. Erstaunlich, wie unerschrocken sie die berührende Geschichte der leidenschaftlich-verzehrenden Intimität zwischen unterschiedlichen Menschen erzählt, die alle unter dem Druck der irischen Wirtschaftskrise nach 2008 und den kapitalistischen Herausforderungen stehen. „Gespräche mit Freunden“ ist ein Debüt. Es ist also nur der Anfang… (Giulia Silvestri)

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Saša Stanišić: Herkunft

Luchterhand Literaturverlag 2019, 360 S., € 22,-

Stanisic herkunftDanteConnection_Danteperle Was ist Herkunft, wo komme ich her? Nicht ein Geburtsort, eine Nation oder gar Nationalität. Herkunft – das sind Erinnerungen, Geschichten, Menschen. Die Großeltern, ein Dorf in den bosnischen Bergen, aus dem die Familie stammt, die Jungendfreunde an der ARAL-Tankstelle in der Hochhaussiedlung in Heidelberg, die erste Freundin, die Eltern, die in Deutschland nicht Fuß fassen, die Kindheit in Višegrad. Saša Stanišić flicht ein Netz aus Geschichten von vor und nach der Katastrophe des Krieges, der die Familie in die Fremde zwang und alle frühen Erinnerungsorte mit Gräuelnachrichten überschrieb, verwebt feinfühlig, flirrend, poetisch und doch klarsichtig und voller Witz Erinnerungen und Anekdoten, spricht von Sprache, Emigration, Scham und Ausgrenzung, von Zerrissenheit, Familie und Freundschaft. Kein „Zugehörigkeitskitsch“, sondern Zwischentöne.
Nachdenklich, erfüllt, berührt und auch heiter verfängt man sich und will immer noch mehr. Eine unbedingte Empfehlung! (Syme Sigmund) Leseprobe

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Terézia Mora: Das Ungeheuer

Luchterhand Literaturverlag 2013, € 22,99, TB Ausgabe, € 11,99

mora-ungeheuer_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergDarius Kopp, der Mora-Lesern schon bekannte, einfach gestrickte Gemüts- und Genussmensch, versinkt nach dem Selbstmord seiner Frau Flora in tiefer Trauer. Um nach einer geeigneten Grabstelle für die Asche seiner Frau zu suchen, macht er sich – zunächst von Floras ungarischer Herkunft und sodann vom Zufall geleitet – auf in Richtung Osteuropa, wo es ihn bis nach Georgien verschlägt. Diesem teils feinsinnig-melancholischen, teils komisch-absurden Roadmovie stellt Mora – parallel gedruckt – Aufzeichnungen Floras gegenüber, aus denen ihre schwere, von ihrem Mann nicht bemerkte Depression spricht. Damit erhält Kopps Reise eine weitere, tiefere Ebene, die uns in menschliche Abgründe schauen lässt. Moras sprachliche Kraft, ihr gekonntes Changieren zwischen verschiedenen Erzählperspektiven und ihr unverwechselbarer Ton machen das Buch zu einem großen, lange nachwirkenden Leseerlebnis. (Syme Falco)