Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

Aus dem Spanischen von Thomas Brovot, Suhrkamp 2020, 411 S., € 24,-

vargasDieses zwischen historischem Bericht und Roman changierende Buch berichtet davon, wie wirtschaftliche Interessen ein Land zerstören können. 1951 wurde in Guatemala Jacobo Árbenz mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Er setzte eine Landreform um, im Zuge derer die völlig verarmte indigene Bevölkerung Land zugesprochen bekam, das der Bananenkonzern Unitet Fruits (später Chiquita) brach liegen ließ. Zudem verlangte er vom Konzern Steuern und befürwortete die Gründung von Gewerkschaften. Mithilfe der CIA, welche die dreiste Lüge verbreitete, der Kommunismus habe in dem lateinamerikanischen Land einen Fuß in der Tür der USA, wurde Árbenz 1954 gestürzt und ein Militärregime beherrschte jahrzehntelang das Land, machte die Reform rückgängig und war für zahllose Morde, Entführungen und Folter verantwortlich. Vargas Llosa erzählt diese „Harten Jahr“, die Intrigen, welche zum Fall des demokratisch gewählten Präsidenten sowie zur Ermordung des zu „schwachen“ ersten Diktators führten, in spannungsvollen, kurzen Kapiteln, jeweils aus der Sicht der verschiedenen Akteure. Ein fast journalistischer Politthriller und ein Muss für alle, die sich für lateinamerikanische Geschichte interessieren. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Anke Kuhl: Manno! Alles genau so in echt passiert

Klett Kinderbuch 2020, 136 S. , € 16,-, ab 7 und für alle

Manno_U1U4.inddAnke Kuhls Illustrationen verleihen vielen Kinderbüchern anderer Autor*innen Witz, Doppelbödigkeit und Glanz. Mit ihren Kindheitserinnerungen Manno!, 18 Geschichten aus ihrem Schwestern- und Familienleben Ende der Siebzigerjahre, ist sie Autorin, Illustratorin und Grafikerin in einer Person und hat einen funkelnden komischen detailgenauen Comicband geschaffen: Übers Kindsein, Spielen, Streiten, über das Hin und Her von Gefühlen, Katastrophen und Glück, über Freundschaft, Alltag und die Lust zu lachen und herumzualbern. Gnadenlos genau schaut Anke Kuhl auf die Abgründe und Freuden des familiären Alltagslebens. Es macht riesigen Spaß, ihre Geschichten und Bilder immer wieder anzusehen, mit den eigenen Erlebnissen zu vergleichen, sich von ihrem Witz anstecken zu lassen. Schlichtergreifend ein ganz großer Wurf und für alle! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Ottessa Moshfegh: Heimweh nach einer anderen Welt.

Storys. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger, Liebeskind 2020, 336 S., € 22,-

Moshfeg Heimweh_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergDiese Sammlung enthält vierzehn Kurzgeschichten, die in Zeitschriften wie der »Paris Review« und dem »New Yorker« veröffentlichen wurden. Ein roter Faden verbindet sie: Alle Figuren möchten besser sein – symbolisch ist der Titel der ersten Geschichte, Ich bessere mich, in der ein Lehrer Beweise fälscht, sich in den Schultoiletten übergibt und Drogen nimmt. Die nächste handelt von dem distinguierten, mysteriösen Mr. Wu, der von dem pervertierten Besitzer einer Spielhalle besessen ist. Es folgen die Frau, die in Ferienhäusern wohnt, um sich mit billigen Drogen zu betäuben, der faule Junge, der nach Los Angeles zieht, um seinen Traum, Schauspieler zu werden, zu verwirklichen, das Mädchen, das sich für die Lippen seiner Vulva schämt, weil sie sie für zu groß hält.
Die Autorin erzählt schnell und konsequent. Ihr Schreiben ist geradeheraus, provokativ, packend, aber nicht übertrieben – leichterhand entwirrt sie diesen höchst originellen Wirbel aus Nihilismus, Mitgefühl, Betrügereien, Selbsttäuschungen, Tod und subtilem Humor. Ihr beinahe amüsierter Blick zeigt die Zerbrechlichkeit, die sich in den groteskesten und unwahrscheinlichsten Situationen des Lebens versteckt: Eine der interessantesten Anthologien von Kurzgeschichten der letzten Zeit. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Helen Wolff: Hintergrund für Liebe

Mit einem Essay von Marion Detjen, Weidle Verlag 2020, 216 S., € 20,-

Wolff_Helen_Hintergrund_für_Liebe_Danteperle_Dante_ConnectionScheinbar jagt ein Klischee das nächste: Eine junge mittellose attraktive Frau fährt mit einem älteren erfolgreichen wohlhabenden Mann in seinem Schlitten für ein paar Wochen nach Südfrankreich. Er lädt sie in Luxushotels ein, geht in Nizza mit ihr ins Casino, trifft als „Mann von Welt“ seine Entourage und schöne Frauen. Sie hatte sich diese Auszeit auch aus dem immer finsterer werdenden Deutschland, es sind die beginnenden Dreißigerjahre, ganz anders vorgestellt, von einem einfachen Häuschen zu zweit geträumt. Sie leidet, sein Egoismus kann ihre Liebe zu ihm jedoch nicht erschüttern und so macht sie einen entscheidenden Schritt, der diesen Roman auch für heutige Leser*innen sehr anziehend macht. Obwohl es ihr schwerfällt, verlässt sie ihn, sucht sich neue Menschen und ihr eigenes Traumhäuschen im Weinberg nah am Meer. Das alles entfaltet natürlich auch bei ihm eine starke Zugkraft . . .
Ihren um 1932 geschriebenen Roman hat Helen Wolff, die berühmte spätere Verlegerin, nie veröffentlicht, aber ihrem Sohn mit dem Kommentar „At my death, burn or throw away unread!“in einem Umschlag hinterlassen. Nun hat der Weidle Verlag ihn zu unserem Glück erstmals publiziert, angereichert mit einem Essay von Marion Detjen, die Zugang zu familieninternen Dokumenten hatte, und die die Hintergründe zu diesem Sommerliebesroman aufschlussreich und plastisch erzählt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale

Aus dem Schwedischen von Hanna Granz, Hanser 2020, 256 S., € 22,-

AaleDer Aal. Dabei denken die meisten an glipschig-schlangenartige Wesen, im Schlamm versteckt. Dass dieses Tier zum Objekt größter Faszination werden kann, ist mit diesem Buch garantiert. Svensson erzählt so lebendig von den lange Zeit vergeblichen Versuchen, das Geheimnis um seine Herkunft und Fortpflanzung zu lüften (die bei Aristoteles begannen und über Freud bis weit ins 20. Jahrhundert andauerten), von den vier Lebensphasen dieses Fisches, der in der fernen Sargassosee schlüpft, seinen Weg in unsere Gewässer findet und irgendwann an seinen Ursprungsort zurückkehrt, um zu laichen und zu sterben, von den Legenden und Mythen, die sich um ihn ranken sowie von den Erinnerungen an seinen Vater, der leidenschaftlicher Aalangler war, und der ihn als Kind zum Aalfischen an den nahegelegenen Fluss mitnahm, dass man aus dem Staunen nicht heraus kommt. Eine gelungene, sowohl unterhaltsame als auch interessante Mischung aus Memoir- und Sachbuch. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Anna Taube: Dir gehört die Welt

Mit Illustrationen von Amanda Gulliver. arsEdition 2020, 40 S., Pappbuch, € 10,-, ab 1

Mädchen„Mädchen können alles sein“ lautet der Untertitel dieses ansprechend illustrierten und eingängig gereimten Kinderbuchs für die Allerkleinsten. Auf der ersten Seite sitzt die Mutter mit einem Baby auf dem Schoß und erzählt ihm, was es später mal alles werden kann. Die nächsten Seiten zeigen dann die vielen Möglichkeiten, die der Tochter offenstehen. Die Palette geht von Astronautin, Richterin und Baggerführerin bis zur Krankenschwester, Tierärztin, Balletttänzerin und vielem mehr. So werden Klischees sehr schön doppelt umgangen. Mädchen könne alles sein, was sie sich erträumen, wenn sie an sich glauben und zusammenstehen, ist die Botschaft. Überzeugende Girlpower für starke Mädchen von Anfang an. (Syme Sigmund)

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Johannes V. Jensen: Himmerlandsgeschichten

Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg, mit einem Nachwort von Reinhard Kaiser-Mühlecker. Guggolz Verlag 2020, 235 S., € 22,-

HimmerlandsgeeschichtenIm Übergang vom bäuerlich geprägten Leben zur Industriegesellschaft sind die Geschichten aus der Region Himmerland im nördlichen Dänemark zeitlich angesiedelt. Menschen, die ihrer einfachen und harten Arbeit in der Landwirtschaft nachgehen, ohne die Frage nach Sinn oder Gerechtigkeit ihres Daseins zu stellen, werden in den sehr unterschiedlichen und doch auch wieder den gleichen Motiven nachspürenden Erzählungen dargestellt. Alles ist hinreichend begründet durch den christlichen Glauben und die überlieferten Verhältnisse. Jensen lenkt den Blick auf den einzelnen Menschen. Da ist „Der stille Mogens“, der, seinen Mitmenschen gleich, das Sprechen für weitgehend überflüssig hält. Als er sich in ein junges Mädchen verliebt, stürzt ihn seine Sprachlosigkeit, erst in Hilflosigkeit, dann in Missbrauch und Brandstiftung, nur um am Ende zum Retter und Held zu werden, der vierzig Jahre glücklich verheiratet sein wird. Die Geschichte um „Andreas Olufsen“ beschreibt das genaue Gegenteil. Der Mann, der aus der dörflichen Enge ausbricht, die Welt bereist, um zurückgekehrt, Lebensfreude und Genuss ins Dorf zu bringen. Die Abneigung der Mitmenschen ihm und seiner Lebensfreude gegenüber treibt ihn tief in religiöse Zweifel, die er durch Gründung einer Sekte überwindet. Unglücklich und verspottet stirbt er einsam.
Jensen gilt bis heute als einer der wichtigsten dänischen Schriftsteller. 1944 erhielt er den Literaturnobelpreis, Thomas Mann bewunderte ihn. Die hier versammelten Geschichten und der bereits 2017 erschienen Band „Himmerlandsvolk“ verdeutlicht, dass sein Ruhm begründet ist. Nun gilt es ihn wiederzuentdecken. (Torsten Sigmund) Leseprobe

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Sandra Petrignani: Die Freibeuterin

Das Leben der Natalia Ginzburg. Aus dem Italienischen von Stefanie Römer. btb Verlag 2020, 640 S., € 24,-(La corsara. Ritratto di Natalia Ginzburg. Neri Pozza 2018, € 26,50)

Petrignani FReibeuterin_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergDie Schriftstellerin Natalia Ginzburg ist die bedeutendste Minimalistin der italienischen Literatur. In ihren Romanen, Erzählungen und Texten ist jedes Wort mit Bedacht gesetzt, erbarmungslos, aber gleichzeitig mit viel Ironie enthüllt sie menschliche Schwächen, die Verstrickungen in Familien, die Abgründe zwischen Frau und Mann. Ihre Bücher sind moderne Klassiker der Weltliteratur, Inspiration gerade für Autorinnen weltweit.
Doch was ist das Material, aus dem sie schöpfte? Wer war diese italienische Schriftstellerin, Übersetzerin, Lektorin, Journalistin, Politikerin, Mutter? Die gerade ins Deutsche übersetzte Biografie „Die Freibeuterin“ von Sandra Petrignani taucht tief in Ginzburgs wechselvolles Leben ein. Sie spannt den Bogen von ihrer Kindheit als ein bisschen übersehene Tochter in einer bürgerlichen jüdischen Familie über ihre Ehe mit Leone Ginzburg, dem charismatischen Intellektuellen und Mitbegründers des Einaudi Verlags, der von den Nazis zu Tode gefoltert wurde, ihren schmerzhaften schwierigen Neuanfang nach dem Krieg, die Bedeutung als weiblicher Schriftsteller bis zur Anerkennung als eine der ganz Großen des italienischen Geistes- und Kulturlebens.
Mit ihrem faszinierend breit angelegten Verfahren, eine Fülle von Beschreibungen, Zitaten, Quellen, literarischen Verweisen, von Gesprächen mit lebenden Zeitzeug*innen, von Ortsbesichtigungen, Assoziationen und Fragen zu verweben, ist Sandra Petrignani ein beeindruckendes Porträt Natalia Ginzburgs gelungen und regt noch einmal mehr an, Ginzburg selbst zu lesen! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Markus Orths: Luftpiraten

Illustriert von Lena Winkel, Ueberreuter 2020, 256 S., € 14,95, ab 9

Orths Luftpiraten Danteperle Dante ConnectionLuftpiraten leben in Luftlöchern (unterluftig miteinander verbunden), sind grauhäutig, immer schlecht gelaunt und stets streitlustig (schon mal überlegt, wo Blitz und Donner herrühren? Na also). Dafür gibt es sogar eine Schule, mit Streitunterricht und Brüllwettbewerb. Luftpiratenlehrer Adiaba ist da selbstverständlich Experte, doch eines Tages liegt ein Baby vor seiner Tür: Zwolle. Eine Katastrophe! Denn Zwolle ist ein Weißer Luftpirat, lieb, nett, freundlich – und verboten! Adiaba bringt es nicht übers Herz (was für ein ungewohntes Gefühl!) ihn anzuzeigen.  Als er dafür verhaftet und verbannt wird, macht Zwolle sich mit Franka, dem unerschrockensten Luftpiratenmädchen weit und breit, Kaspar, einem wandelbaren Luftikus, Theo Rättich, einem furchtbar gelehrten Luftpiraten, sowie Charley Gottchen, der nur als Stimme existiert, auf, ihn zu befreien. Ein spannender Roman für alle ab 9 und zum Vorlesen, ein mitreißendes Feuerwerk sprachlicher Fantasie. (Syme Sigmund)

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Valentina Brüning: Kakao und Fischbrötchen

Illustriert von Maja Bohn. Tulipan Verlag 2020, 160 S., € 13,-, ab 9

Kakao_Fischbrötchen_VLBRita lebt mit ihrer Mutter direkt am Pichelssee, einer Ausbuchtung der Havel im Westen Berlins. Gut haben sie es, findet Rita, mit ihrer eigenen Bootsschule so direkt am Wasser, und außerdem hat sie bald Geburtstag, wird zehn und kann ihre Feier mit Segelregatta und riesiger Marzipantorte kaum erwarten. Da passt es gar nicht, dass ihre Mutter plötzlich mit einem Mann auftaucht, in den sie augenscheinlich auch noch verliebt ist, und der seine drei unausstehlichen Söhne mitbringt. Denen gefällt es so gut am Pichelssee, dass sie die Sommerferien über gleich bei ihnen bleiben wollen. Das kann Rita alles gar nicht akzeptieren, und so schmiedet sie Pläne, wie sie die drei Nervbolzen wieder los wird, und den Mutter-Stefan gleich mit dazu. Wenn doch ihre beste Freundin Leonie endlich aus dem Urlaub zurück wäre, um ihr beizustehen.
Valentina Brüning geht das Thema Patchwork-Familie mit Witz und Leichtigkeit an, und nimmt dabei Ritas Probleme und Sorgen durchaus ernst. Eine gelungene Mischung und ein vielversprechendes Debut. (Syme Sigmund) Leseprobe

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