Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum, (dtv 2017), 272 S., dtv TB € 11,90
(Stand April 2021)
Lassen Sie sich von dem (mir unerklärlichen) Titel dieses Buches – das im Original einfach „Young Man with a Horn“ heißt – nicht abschrecken. Es ist eine geniale Jazz-Balade und wie eine solche von „unangestrengtem Lyrismus und untrüglichem Rhythmusgefühl“ geprägt. Rick Martin – ein weißer Junge aus den Slums Los Angeles – lebt schon früh nur für die Musik. Er schwänzt die Schule und bringt sich in einem offenen Gemeinderaum selbst das Klavierspielen bei. Als er den Jazz entdeckt ist für ihn klar, dass er Trompete spielen muss. Er wird zu einem begnadeten Jazz-Trompeter, der für die Musik lebt, aber das Leben trotz seiner Erfolge nicht in den Griff bekommt und am Alkohol zugrunde geht. Dorothy Baker beschreibt den Werdegang eines Besessenen, inspiriert an der musikalischen Begabung und dem frühen Tod des Swing-Trompeters Bix Beiderbecke. Doch vor allem ist ihr 1938 erschienener Roman ein Song, der die Musik und die Atmosphäre jener Jahre wieder zum Klingen bringen vermag. (Syme Sigmund) Leseprobe

Ein Buch, das es in sich hat. Auf den ersten Blick ist der Plot, die Geschichte zweier Schwestern und Waisen, die nach dem 2. Weltkrieg aus Australien kommend in England ihr Glück machen wollen und auf verschiedene Männer treffen, alles andere als außergewöhnlich. Auch das Coverfoto der deutschen Erstübersetzung (!!) führt wie vieles an diesem Roman scheinbar auf die falsche Fährte. Natürlich werden die Liebes- und Ehegeschichten von Caro und Grace und die ihrer depressiv-aggressiven älteren Halbschwester Dora in einem großen Panorama über Jahrzehnte erzählt. Doch interessiert die Autorin eher das, was nicht gelebt werden kann, was sich hinter der Oberfläche verbirgt: „Bei Einbruch der Nacht würden die Schlagzeilen Verwüstung vermelden.“ Mit ihrem ersten Satz fasst Shirley Hazzard ihren atemberaubenden Roman im Grunde zusammen. Inspiriert von der titelgebenden, seltenen planetaren Konstellation erzeugt sie mit großer Kunst immer wieder neue Spannungsfelder zwischen ihren Figuren Sie rücken uns in ihren Widersprüchen und Gegensätzen sehr nah. Dazu kommt die glasklare Sprache mit ihren klugen Bildern und Anspielungen, die aus „Transit der Venus“ ein Meisterinnenwerk macht. In vielen Ländern längst ein moderner Klassiker, läßt er sich nun auch endlich hier entdecken und genießen. (Stefanie Hetze)
Mitten im pazifischen Ozean liegt ein Land, das nur aus Inseln besteht. Dort sind die Menschen trotz Einzug der Technologie tief mit ihren Traditionen verbunden, werden Krankheiten noch von Zauberern geheilt und Walfische mit einem Lied gerufen. Durch den Klimawandel riskiert Kiribati bald im Meer zu versinken. Die Bewohner leben dennoch wie seit jeher nach dem Rhythmus von Ebbe und Flut. Alice Piciocchi und Andrea Angeli sind nach Kiribati gereist und haben eine einzigartige Mischung aus Graphic Novel und anthropologischem Bericht in Form eines anspruchsvollen visuellen Tagebuchs geschaffen und die Geschichte eines verlorenen Paradieses erzählt. (Giulia Silvestri)
In seiner spanndenden Geschichte der Stadtarchitektur spannt Lampugnani einen Bogen von mittelalterlichen Stadtgründungen über Stadtplanungen in der Renaissance und dem Barock bis hin zu den Urbanisierungen in der Moderne. Die Architektur u.a. italienischer Stadtstaaten, der Neuordnung Roms im 16. Jahrhundert, von Paris, Lissabon, London, Barcelona, sizilianischen Städten, von Wien und Berlin (!) werden in ihren Besonderheiten kenntnisreichst dargelegt. Die meist großformatigen farbigen Bilder, Architekturfotos und Pläne laden überdies ein, sich mit Gewinn und Genuß der abendländischen Städtebaukunst zu widmen. (Stefanie Hetze)
Seit über 2000 Jahren haben Reisende aus vielen Ländern der Welt ihre Beobachtungen und Erlebnisse bei Deutschlandbesuchen notiert: von Cäsar über Montesquieu, Casanova, Virginia Woolf, Prinz Asserate bis zu Andy Warhol und Andrzej Stasiuk. Ihr Staunen, Erschaudern, ihre Irritationen und Begeisterung angesichts deutscher Sitten und Gebräuche und den Landschaften spiegeln sich in einer Fülle von Berichten, Briefen und Tagebüchern, die Rainer Wieland kenntnisreich einführt und begleitet. Die vielen, teils farbigen Abbildungen machen diesen opulenten Band zu einer richtigen Lese- und Augenweide! (Stefanie Hetze)
Erst im Alter von 17 lernt die Autorin ihren Großvater Robert Heber-Percy kennen, der, blendend aussehend, als junger Filou und Hedonist Furore machte und Lebensgefährte des deutlich älteren gebildeten Ästheten Lord Berners wurde. Was dann mit den beiden, ihrem Landsitz, ihren Bohème- und Upperclass-Freunden (wie Nancy Mitford, Gertrude Stein, Igor Strawinsky, Evelyn Waugh) passiert und wie die Großmutter der Autorin ins Spiel kommt, liest sich wie großes Kino und wird angereichert durch phantastisches Bildmaterial. Eine umwerfend dekadente Familien- und Gesellschaftsgeschichte. (Stefanie Hetze)
Erst seit wenigen Jahren ermöglichen die neuesten GPS-Technologien die erstaunlichen Wanderbewegungen von Tieren nachzuvollziehen und wirkliche Informationen zu erhalten über ihr Leben und das, was sie bedroht. Der Geograf James Cheshire und der Designer Oliver Uberti haben aus Millionen von Daten aus dem Tiertracking faszinierende und ästhetisch an Judith Schalanskys Atlas angelehnte Karten geschaffen, die einladen, sich mit den Wanderungen von Wölfen, Walen, Fasanen, Giraffen, Pythons, Ottern und vieler Tiere mehr zu befassen. Eine naturkundliche Augenweide und nicht nur für Familien bestens geeignet. (Stefanie Hetze)
Dieses schmale kleine Koch- und gastrosophische Geschichtsbuch fällt völlig aus dem Rahmen modischer Lifestylekochliteratur. Es ist das unaufdringliche Lebenswerk Alessandra De Respinis, die die venezianischen Cicchetti, das sind winzige Häppchen, die wie ein Gebäude aus verschiedenen Schichten und Aufbauten bestehen, zur Vollendung gebracht hat. Ihr Büchlein, das mit Federzeichnungen, Weinempfehlungen, einem Nachwort von Hanns-Josef Ortheil und nur zwei Fotos geschmückt ist, lädt ein, mit wenig Aufwand feine kleine Happen nachzubauen, Geschmackskombinationen auszuprobieren und sie dann mit anderen zu genießen. (Stefanie Hetze)
Was für ein Buch! Die leidenschaftliche Pädagogin, Leiterin des Marburger Kindheitsmuseums und Sammlerin deutsch-jüdischer Kinderbücher teilt in diesem dicken Hausbuch ihren reichen Erfahrungs- und Wissensschatz. Ganz große Themen wie Ich, Scham oder Lügen kombiniert sie mit scheinbar Nebensächlichem wie Karussell, Murmeln oder Gang und fächert so den unendlichen Kosmos Kindheit zum Immerwiederlesen und Anregenlassen auf. (Stefanie Hetze)