Eine Familiengeschichte in Briefen. Mit zahlreichen farbigen Abbildungen. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer, Zsolnay Verlag 2021, 192 S., € 26,-, TB dtv 2023, € 15,-
(Stand Juni 2023)
In Paris in der Rue de Monceau steht das Musee Camondo, ein Palais mit ausgesuchten Möbeln und Kunstschätzen aus dem französischen 18. Jahrhundert. Es war das Lebensprojekt des eingewanderten jüdischen Bankiers und Kunstsammlers Moïse de Camondo, sein Werk der Assimilation an ein neues Zuhause. 1936 vererbte er es dem französischen Staat zum Gedenken an seinen im 1. Weltkrieg getöteten Sohn. Während das Palais samt Inventar die NS-Vernichtungspolitik unbeschadet überstand, wurde die Familie ermordet.
Edmund de Waal, dessen Vorfahre in direkter Nachbarschaft lebte, hat wieder einen Solitär der Geschichtserzählung geschaffen. Ausgehend vom Gegenständlichen, dem, was unversehrt geblieben ist wie das große Familienarchiv und Geschichte verkörpert, die nie aufhört, erkundet er in fiktiven Briefen an Moïse die zerbrechliche Geschichte der Camondos. Die Wahl der Briefform, angereichert durch Fotografien, ist für den Spurensucher de Waal ideal, um ganz Persönliches, das gesellschaftliche Leben der Belle Époque, das komplexe Thema der Assimilation und Anerkennung, Antisemitismus, Kunst- und Kulturhistorisches, die Auslöschung durch die Shoa und die fundamentale Bedeutsamkeit des Erinnerns vielstimmig zu verbinden und zu reflektieren. Eine nachhaltig wirkende Lektüre. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Wer waren sie, die Riesen der Geistesgeschichte, die Universalgelehrten, jene, die sich für das gesamte Wissen ihrer Zeit interessierten? In einem Zusammenspiel von chronologischen historischen Abrissen und biografischen Portraits führt Peter Burke uns von der Antike, China und der islamischen Welt über Mittelalter, Renaissance und Aufklärung bis in die heutige Zeit. Wir erfahren, welche Voraussetzungen die meisten der „Genies“ mit sich brachten – z.B. finanzielle Unabhängigkeit und damit Zeit, aber auch eine spielerische, riesige Neugierde – und begeben uns damit auch auf eine Reise durch die Geschichte des Wissens. Gottfried Wilhelm Leibniz oder Leonardo da Vinci werden dabei ebenso erwähnt wie Hildegard von Bingen, Jürgen Habermas oder Susan Sontag. (Syme Sigmund)
Die britische Historikerin, die in ihrer Wahlheimat mit ihrem italienischen Mann ein brachliegendes Anwesen in der Toskana selbstlos in einen florierenden Landstrich verwandelte, ist eine berüchtigte klare und feinsinnige Beobachterin. In ihrem Tagebuch aus den Jahren 1039/40 fängt sie die um sich greifende große Verunsicherung und ihre Bemühungen ein, sich aus allen erdenklichen Quellen und durch den Nebel der Propaganda ein Bild der Lage zu verschaffen.
Der 1963 posthum veröffentlichte Roman Una questione privata wird heute als Fenoglios Meisterwerk und einer der besten italienischen Romane des 20. Jahrhunderts angesehen. Italo Calvino hat ihn sogar mit dem Orlando furioso verglichen. Der Vergleich mag weit hergeholt klingen, doch ist dieses Buch ein wahres literarisches Wunder.
Osterferien 1978, ein Dorf in der Eifel, nahe der Grenze zu Luxemburg. Die beiden zehnjährigen Mädchen Sanne und ihre beste Freundin Ulrike zieht es immer wieder zu ihrem Versteck, dem Hochsitz im Wald. Hier werden sie nicht gesehen, bekommen aber so allerhand mit. Nicht nur die Autos mit den heimlichen Liebespaaren, sondern auch die beiden fremden Frauen, die hier immer wieder auftauchen. Als die Freundinnen in einer Nacht direkt vor Sannes Haus einen Mord beobachten, sind sie die einzigen, die die dunkle Gestalt sehen, die sich sofort danach entfernt. Da ihnen keiner glaubt, müssen sie eben auf eigene Faust ermitteln.
Feierlich und mit großem medialen Getöse wurde am 28. Mai 2018 das Herzstück der ethnologischen Sammlungen Berlins in das baulich noch zu vollendende Humboldt Forum manövriert und buchstäblich eingemauert: Das weltweit einmalige Luf-Boot – ein hochseetaugliches, mit Rudern, Segeln und kostbaren Schnitzereien versehenes Holzboot, das von einer dem heutigen Papua-Neuginea vorgelagerten Inselgruppe stammt, ehemalige Kolonie Deutsch Neuginea. Von dort „gelangte“ es als das letzte seiner Art und aus den Händen nur noch weniger Inselbewoher:innen 1903/04 in den Besitz der Berliner Museen. Dass diesem Transport zum Jahreswechsel 1882/83 eine verheerende Strafexpedition der kaiserlichen Marine vorausgegangen war, wird der Öffentlichkeit jedoch verschwiegen. Diese so, so ähnlich, in jedem Fall brutale und tausendfach verübte Praxis beschreibt und belegt Götz Aly anschaulich anhand zahlreicher Verzeichnisse, Biografien und Briefe so genannter Abenteurer und Forscher. Mit seinen Veröffentlichungen zum Nationalsozialismus und der Shoah wurde Aly zu einem der bekanntesten deutschen Historiker. Das Thema mag also erst einmal ungewöhnlich für ihn wirken, doch zum einen gibt es für Aly in diesem Fall sogar familiären Bezug, zum anderen ist das Thema der Beutekunst hochaktuell und erneut eines, von dem man zu lange so genau gar nichts wissen wollte – aber hätte können. Denn die von ihm benutzten Quellen sind öffentlich zugänglich. Ein absolut lesenswertes Buch, das zornig macht und hoffentlich ein weiterer Stein des Anstoßes ist, endlich ehrliche Provenienzforschung zu betreiben, diese offen zu legen und bestenfalls Kunstwerke eben auch zurück zu erstatten. (Jana Kühn)
Was für ein Autor! Lange Zeit vergessen, ist Gasdanow nun dank des Hanser-Verlags endlich Werk für Werk auf Deutsch zu entdecken. Nach einer Reihe Romane hat die preisgekrönte Übersetzerin Rosemarie Tietze hier nun 9 Erzählungen ausgewählt, die zwischen 1927 und 1960 veröffentlicht wurden.
Unscheinbar kommt dieser schmale Band daher, sehr hübsch gestaltet, das raue Papier des Einbands liegt gut in der Hand – und unscheinbar beginnt auch der Text, ergeht sich der Icherzähler doch in Erinnerungen an seine Hochzeitsreise Ende der dreißiger Jahre, in denen ein überdimensionierter Schrankkoffer zu skurrilen, harmlos-amüsanten Szenen Anlass bietet.
Zwischen Prosa und Poesie, durch abwechselnde Erzählzeiten, wird die Geschichte des Partisans Jakob Bergant-Berk erzählt. Berk, der Hauptcharakter und Ich-Erzähler, offensichtlich ein Alter-Ego des Autors, beteiligt sich an der Widerstandsbewegung gegen die Unmenschlichkeit der Invasoren. Es sind die Jahre des slowenischen Partisanenkrieges gegen die italienische und deutsche Okkupation, des Widerstandes in den Bergen, dessen Motto lautet: „Es ist sehr wichtig, auf den Hügel zu kommen“. Berk erträgt die harte Disziplin, die schrecklichen Qualen, weil er glaubt, dass nur so menschliche Lebensbedingungen wiederhergestellt werden können. Dreißig Jahre nach dem Kriegsende wird die Erinnerung an dieses tragische Erlebnis durch eine zufällige Begegnung mit einem ehemaligen Wehrmachtsoffizier wiedererweckt.
Ein Anruf reißt die Bosnierin Sara aus ihrem beschaulichen Dubliner Leben mit Freund und Avocadopflanze, in dem ein Nudist in der Nachbarschaft der Aufreger ist. 12 Jahre war Funkstille zwischen ihnen und nun verlangt ihre Kindheitsfreundin Lejla urplötzlich, dass sie sofort einfliegen müsse, um sie nach Wien zu fahren! Gnadenlos setzt Lejla ihr Lockmittel ein, ihren Bruder Armin, Saras heimliche Liebe, der im Krieg verschwunden war, und für den Saras Vater, serbischer Polizeikommandant damals keinen Finger rührte. Schon sind wir mittendrin in den Verwerfungen, die Nationalismus, Ethnien, Sexismus, Nepotismus … und der Krieg beförderten. Die Traumata dieser Zeit lassen sich, auch wenn Sara es woanders versucht hat, nicht abschütteln. Ohne Rücksicht auf Verluste führt Lejla ihr ihre Narben vor, nimmt Sara seltsame Dunkelheit in den Landschaften wahr. Während die ungleichen Freundinnen durch einen kaputten Balkan hin zu einem steril-sauberen Österreich fahren, tauchen als Coming-Of-Age-Geschichte vielschichtige Erinnerungen an Früher auf, an all die Risse, Schatten und Verletzungen, aber auch an ihr vitales Aufbegehren gegen die Verhältnisse.