Kiepenheuer & Witsch 2013, € 19,99, 432 S., TB btb 2014, € 10,-
(Stand März 2021)
Dreizehn Kurzgeschichten, die Episoden aus dem Leben der unterschiedlichsten Personen erzählen. Doch in jeder Geschichte taucht auch immer wieder die gleiche Person auf: Xane Molin. Sie begegnet uns in vielen Facetten als 14-jährige beste Freundin, als für einen Mann attraktive junge Frau, als eigenwillige Mieterin, als Patientin, als nervende Stiefmutter oder als selbstsichere Chefin. Aus all diesen Blickwinkeln setzt sich nach und nach auch die Geschichte ihres Lebens zusammen. Ein immer fragmentarisch bleibendes, oft widersprüchliches Bild, das sich jedoch sowohl mit den Jahren als auch mit jeder neuen Erzählung verändert und vervollständigt. Eine faszinierende Lektüre, die uns gleichzeitig mit der Frage konfrontiert “Wer sind wir eigentlich?” Was ist maßgeblicher – wie die anderen uns sehen oder wie wir uns selbst wahrnehmen? (Syme Sigmund)

Perlen haben es in sich … In der englischen Provinz Ende der Zwanzigerjahre verliebt sich die unsichere achtzehnjährige Harriet in den gleichaltrigen selbstbezogenen Vesey, der von einer Karriere als Schriftsteller träumt und als drittklassiger Schauspieler endet. Unter Mühen realisiert Harriet, dass sie nicht auf Vesey zählen kann und heiratet einen älteren, langweiligen Mittelschichtsmann, mit dem ein vorhersehbarer Ehealltag beginnt. Viele Jahre und eine Tochter später taucht Vesey wieder in Harriets provinziellem Leben auf und rüttelt wie ein starker Erdstoß mehr als an der gesättigten Oberfläche.
Eine Kleinstadt der 50er Jahre an einem tiefschwarzen See in den Rocky Mountains und zwei Mädchen, die von ihrer Mutter bei der Großmutter zurückgelassen werden. Als auch diese stirbt, übernimmt ihre Tante Sylvie den Haushalt, eine unkonventionelle Vagabundin, unter deren Führung die Natur von außen immer mehr in das Haus vorzudringen scheint. Während Lucille sich nach Normalität sehnt, fühlt Ruth sich zu Sylvie hingezogen und versinkt immer mehr in deren Welt.
Er ist hochintelligent, besitzt einen unwiderstehlichen Charme, das Gesicht eines Engels,ein feines Gespür für das, was die Menschen von Ihm erwarten, und – er hat keine Moral. Gut und Böse haben für ihn keine Bedeutung, Freundschaften und Vertrauen opfert er skrupellos dem eigenen Vorteil, er ist ein Hochstapler, Fälscher und Lügner. Der charismatische Andras Fülöp alias Ernst-Thälmann Koch alias Joel Spazierer erzählt sein Leben, berichtet von Betrug, Mord und Verrat – und wird dem Leser trotz allem nicht unsympathisch. Ein an Fabulierlust überbordendes Buch, das von Ungarn über Wien und Ostberlin bis nach Russland und Mexiko führt und den Leser trotz seiner Länge mit Lust auf mehr zurücklässt. (Syme Sigmund)
Aus der Fülle besonderer, schön gestalteter Kochbücher ragt Tender – Gemüse des englischen Starkochs Nigel Slater absolut heraus. Slater baut in seinem kleinen Garten selbst Gemüse an und erzählt hier von seinen Erfahrungen, die einem beim Kaufen und Auswählen von Gemüse sehr zugutekommen. Mit ansteckender Leidenschaft und außerordentlicher Kenntnis stellt er viele Gemüsesorten von Auberginen bis Zwiebeln vor, beschreibt ihre Besonderheiten, den Anbau, ihre Verwendung in der Küche, was dazu passt, und dann kommen die wunderbaren leicht nachzukochenden Rezepte, für die man auch nicht viele Zutaten braucht. Unsere neue Bibel zum Kochen für jeden Tag und natürlich für besondere Anlässe. (Stefanie Hetze)
Dicke Romane haben es mitunter nicht leicht. John Lanchester aber hat in diesem klugen und unterhaltsamen Buch ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama entworfen, das den Leser leichtfüßig von der ersten bis zur letzten Seite gefangen nimmt. Der Autor führt uns in den Mikrokosmos einer Reihenhaussiedlung der Londoner Pepys Road zur Zeit der Finanzkrise 2007/2008 ein. Dort hat sich der klassische Wandel der Gentrifizierung vollzogen: Die Immobilienpreise sind exorbitant gestiegen, die Bewohner sind reich, oder wären es, wenn sie ihr Haus verkauften. Die sehr unterschiedlichen Charaktere – da sind der Citybanker mit konsumsüchtiger Frau, der frisch in London angekommene 17-jährige Fußballstar aus dem Senegal, die sterbende Witwe, der pakistanische Kioskbetreiber, oder die Dienstleister wie das ungarische Kindermädchen und der polnische Handwerker – werden ereignisreich vom Leben und von der Krise geschüttelt. Neben ihren spezifischen Sorgen geht es um Geld, Ambition, Status, Lieben und Sterben. Und die Bewohner eint ein Problem: Sie werden von mysteriöser Post mit beunruhigender Botschaft belästigt: „Wir wollen das was ihr habt“. Aber es ist nicht dieses Spannungsmittel, sondern die stringente Eleganz und Empathie, mit der es Lanchester gelingt, den Leser für jedes Einzelschicksal seiner Figuren einzunehmen. (Franziska Kramer)
Leanne Shapton hat als junges Mädchen mit dem Schwimmtraining begonnen, “ziemlich schnell” war sie, sagt sie, jedoch nicht schnell genug, um sich dann wie erhofft tatsächlich für Olympia zu qualifizieren. Damit endet ihre Schwimmkarriere. Das Bahnenziehen wird sie aber nie sein lassen können. Nach den harten Traingseinheiten und Entbehrungen ihrer Teenagerzeit entdeckt sie andere Seiten des Wassers, lernt Baden gehen und die architektonische Schönheit von Schwimmbädern kennen. All das erzählt sie ohne Chronologie und im Präsens, unterfüttert die Texte mit ihren Zeichnungen von Schwimmbädern, Fotografien von Badeanzügen, Objekten, die mit ins Wasser gehören. Was dieses ausgesprochen schön gestaltete Buch nicht alles ist: eine (Sportler)Biografie, ein Bildband, ein Fotobuch, ein Buch über Wasser, Körperbeherrschung und natürlich über das Schwimmen.(Jana Kühn)
Blau ist das Licht an den langen Sommerabenden des Nordens. Wenn diese Zeit endet, spürt man, der Sommer ist bald vorbei. Joan Didions Adoptivtochter Quintana starb mit nur 39 Jahren, kurz nach dem Tod von Didions Mann. Sie ist nun allein, alt, selbst zerbrechlich und ohne Hoffnung. In diesem Buch schreibt sie an gegen den Tod, gegen die Verzweiflung, in klaren präzisen Worten frei von jeder Rührseligkeit, in Sätzen, die lange haften bleiben. Es ist kein Erinnerungsbuch, sondern ein radikales Buch über den Umgang mit der Leere, die unverhofft kommt und der sie begegnen will, ohne “zu jammern”. (Syme Sigmund)
Nigerianerinnen und Nigerianer, mehr oder weniger freiwillig in die USA eingewandert, Daheimgebliebene, Rückkehrer, Lebende, Tote, Frauen, Männer, Kinder… sind die Protagonisten dieser zwölf mitreißenden Geschichten. Ein besseres Leben wollen sie, treffen aber auf die vielfältigen „Heimsuchungen“ unserer postkolonialen Welt mit ihren tief eingegrabenen kulturellen und sozialen Gegensätzen. Wie sie auf des Messers Scheide balancieren, welche Verletzungen sie dabei erleiden, aber auch welche vitale Energie sie entfalten, breitet Chimamanda Ngozi Adichie in einem großen Erzählkosmos aus. Eine unbedingte Empfehlung. (Stefanie Hetze)
Russische Zeitgeschichte in der Ära von Stalin bis Breschnew mit einem wirtschaftlichen Fokus, wirkt erst einmal nicht unbedingt wie der Stoff für einen Pageturner – Spufford meistert dies jedoch hervorragend. Der Autor mäandert durch die Zeitgeschichte und vermittelt glaubhaft den enthusiastischen Glauben an einen möglichen Sozialismus, aber auch die Gründe für sein Scheitern. Spuffords Protagonisten sind namhafte Politiker, Schriftsteller, Wissenschaftler, aber auch Studenten, Arbeiter und Bauern. Was für Entbehrung und Leid diese Zeit im Einzelschicksal bedeutet haben mag, beginnt man während der Lektüre zu verstehen. Fest steht, dass selten so viel Wissen um politische Zeitgeschichte, Wissenschaft und Kultur so fesselnd aufgeschrieben worden ist. Fakten und Fiktion mischen sich dabei trickreich. Und wer es dann doch noch ganz genau wissen möchte, kann sich im Anhang anhand von umfangreichen Quellen bestens informieren. Brillant! (Jana Kühn)