Rowohlt 2017, 368 S., € 19,95, TB 2018, € 12,-
(Stand April 2021)
Natascha Wodin ist mit dem Schweigen aufgewachsen. 1956, als sich ihre Mutter wortlos ertränkt, ist sie noch ein Kind. Ein Kind, das sich völlig ausgegrenzt fühlt und fast nichts weiß von der Lebensgeschichte der Mutter, einer ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin. Weshalb sie in einer Barackensiedlung und am Rande der deutschen Gesellschaft lebten, hatte dem Mädchen niemand erklärt. Natürlich hat sie als Erwachsene immer wieder nach Spuren der Mutter gesucht, doch vergeblich. Als sie vor wenigen Jahren deren Daten in eine russische Suchmaschine eingibt, ahnt sie nicht, welch Schneeballeffekt ihr Eintrag nach sich ziehen wird und dass sich ihre Kindheitsträume von einer aristokratisch-künstlerischen Familie in Realität verwandeln werden. Schritt für Schritt zeichnet Wodin die Geschichte ihrer Familie und die ihrer Mutter nach. Sie musste die brutalen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts (Sowjetherrschaft, Stalinismus, Nationalsozialismus, Zwangsarbeit, Heimatlosigkeit) drastisch am eigenen Leib erleben und konnte nichts anderes als schweigen. Ihre Tochter gibt ihr und stellvertretend den vielen anderen Leidtragenden Sprache, eine Biografie und Würde zurück. Ein berührendes Buch, das nachwirkt. (Stefanie Hetze)

Mohamed Amjahid erzählt von der auch persönlichen Erfahrung als Nicht-Weißer in einer Gesellschaft dazu zu gehören und dennoch außen vor zu bleiben. In Deutschland geboren und aufgewachsen, geht er im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie nach Marokko. Für seine Eltern eine Rückkehr nach enttäuschenden, zähen Gastarbeiter-Jahren, für ihn ein Start in einem fremden Land. Zum Studium kehrt er nach Deutschland zurück und arbeitet alsbald als ausgezeichneter Journalist für renommierte Zeitungen. Mohamed Amjahid kennt so extreme Situationen der Wertschätzung wie der Diskriminierung – beides oft nah beieinander. In klaren Ansagen thematisiert er versteckten, aber alltäglichen Rassismus und führt der weißen Mehrheitsbevölkerung vor Augen, was es heißt privilegiert zu sein. Das gelingt ihm bei aller hartnäckigen Analyse gänzlich ohne Verbitterung, dafür mit einem offenen Blick nach vorn. „Unter Weißen“ ist ein höchst aktuelles, überaus wichtiges Buch. Es liest sich sowohl als Aufforderung zum kritischen Blick in den Spiegel als auch zum zugewandten Gespräch. (Jana Kühn) 

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Wir laden ein zu einem vormittäglichen Plausch mit Britta Jürgs, einer der ganz wichtigen Stimmen der unabhängigen Bücherwelt – nicht nur, aber auch in Berlin. Sie ist Verlegerin des
Im Jahre 1904 finden vier Kinder in den Sümpfen des Bayou drei Dollar. Ganz schön viel Geld! Als sie dafür heimlich beim Versandhaus Walker & Dawn eine Bestellung aufgeben, ahnen sie nicht, was sich noch alles in der Lieferung befinden wird – oder auch nicht. Mit dem Paket beginnt eine sagenhaft abenteuerliche Reise der Kinder bis nach Chicago. Wie das alles von statten geht, erzählen sie nacheinander mit sehr unterschiedlichem Fokus auf die Geschehnisse: Für den tollkühnen Te Trois ein riesiges Abenteuerspektakel, für den feinsinnigen Eddie eine Tour de Force voller Gefahren, für Julie eine harte Probe und für den stillen Tit eine Offenbarung. Davide Morosinotto geht in die Vollen! Sein Abenteueroman erzählt zugleich eine Kriminal- und Freundschaftsgeschichte, ist historischer Reisebericht und findet mit kritischem Blick, viel Witz und atemloser Spannung einen ganz eigenen Ton für die vier Erzählperspektiven der Kinder – und die aufwendige Gestaltung mit Kartenmaterial, Illustrationen und Fotografien macht das Buch zu einem echten Glücksfall! (Jana Kühn)
Die junge Weddingerin Hazal Akgündüz wehrt sich. Sie will leben, lieben, frei sein. Ganz anders ihre Realität: keine Perspektive und zu Hause den konservativen Eltern Tee servieren müssen. Nur mit Tricksereien gelingt es ihr, ihren 18. Geburtstag mit Freundinnen zu verbringen. Gemeinsames Auftakeln und Wodkakippen und dann ab in den Club gestöckelt. Anders als die westlichen Ausländer dürfen sie nicht rein, alles ist versaut. Gedemütigt und betrunken wissen die jungen Frauen nicht wohin. Es kommt zu einer Begegnung mit einem blöden Jutebeutelträger, die so extrem eskaliert, dass Hazal in Istanbul, wo sie noch nie war, untertauchen muss.