Kathleen Collins: Nur einmal. Storys

Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg. Mit einem Nachwort von Daniel Kampa und Cornelia Künne, Kampa Verlag 2018, 188 S., € 20,-

Collins_Nur_einmal_DanteConnection_DanteperleEine Aufbruchsstimmung ließ im New York der frühen Sechziger Jahre vieles möglich erscheinen: Bürgerrechte, Selbständigkeit und  Aussichten auf mehr Freiheit und Erfolg, bis dato undenkbar für junge schwarze Frauen. Auch glückliche Liebesbeziehungen zwischen Schwarzen und Weißen schienen auf einmal realistisch.  In diesem aufregenden Klima der Hoffnungen und Erwartungen siedelt Kathleen Collins ihre Geschichten an. Mit an ihrer Filmausbildung geschulten rasanten Perspektivwechseln, Schnitten und schnellen Dialogen kommt sie in ihren Storys sofort auf den Punkt, ist mittendrin im Leben und in den Gefühlen ihrer meist schwarzen Protagonistinnen. Ganz fein lotet sie die Spannungsverhältnisse zwischen Herkunft, Geschlecht und Hautfarbe aus und ist damit ihrer Zeit weit voraus.  Als afroamerikanische intellektuelle Künstlerin und Aktivistin hat Kathleen Collins erfahren müssen, wie die eigenen Vorhaben und Träume zerplatzten. Zum Glück für uns haben ihre unveröffentlichten Erzählungen  in einer Kiste überlebt und sind nun in all ihrer Brisanz und Unmittelbarkeit für uns zu entdecken. (Stefanie Hetze)

Film über Kathleen Collins

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Andrea Scrima: Wie viele Tage

Aus dem Amerikanischen von Barbara Jung, Droschl Verlag 2018, 188 S., € 23,-

Scrima_Wie_viel_Tage_Danteperle_DanteConnectionDie Eisenbahnstraße und die Fidicinstraße in den Achtziger und Neunziger Jahren hier in Berlin-Kreuzberg und auf der anderen Seite des Atlantiks die Bedford Avenue, Kent Avenue und Ninth Street in New York  und Brooklyn bilden die Koordinaten, um die sich das Leben der amerikanischen bildenden Künstlerin Andrea Scrima dreht. Sie pendelt zwischen Wohnungen und Kontinenten und versucht, in diesen vielen Dazwischensituationen  ihren Alltag als Künstlerin, als Tochter, als Freundin und als Liebende zu  leben. Das ist nicht ohne. Nicht nur Gegenstände aus ihrer Vergangenheit, die sich nur mit viel Aufwand über den Atlantik verschiffen lassen, auch scheinbar belanglose Fundstücke, die sie in ihrem Kreuzberger Umfeld entdeckt und verwandelt, lösen Erinnerungen und Assoziationen aus. Diese verdichtet sie zu wunderbaren literarischen  Miniaturen, die um die großen Fragen nach Identität und Zugehörigkeit, nach Weggehen und Ankommen kreisen und gleichzeitig konkret das Lebensgefühl einer Künstlerin mit all seinen Widrigkeiten abbilden. (Stefanie Hetze)

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James Baldwin: Beale Street Blues

Mit einem Nachwort von Daniel Schreiber. Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow, dtv 2018, 221 S. , € 20,-

Baldwin_James_Beale_Street_Blues_Danteperle_Buchhandlung_Dante_ConnectionWas für ein Buch! Die 19jährige Tish und der drei Jahre ältere Fonny sind leidenschaftlich ineinander verliebt. Beide kommen aus Harlem, kennen einander seit ihrer Kindheit, haben Großes vor. Tish erwartet ein Baby und Fonny möchte Künstler werden. Als sie tatsächlich einen Speicher zum Leben und Arbeiten mieten können und ihr Glück so nahe scheint, kommt es zur Katastrophe. Fonny wird zu Unrecht als Vergewaltiger inhaftiert, für ihn beginnt das Inferno, für Tish mit dem Baby im Bauch fühlt es sich wie „die Sahara“ an. Täglich besucht sie ihn im Knast, versucht ihn aufzubauen und ihn gleichzeitig neben ihrer Arbeit in einem Kaufhaus aus dem Gefängnis herauszuholen. Doch das rassistische System schlägt gnadenlos zu. Dabei kämpfen ihre Familie und Fonnys Vater mit all ihren – knappen – Mitteln für den Unschuldigen.
Wut und Zärtlichkeit sind die beiden Pole dieses so beeindruckenden Romans, der im Rhythmus des Blues die vielen Facetten der  Beziehung des jungen schwarzen Liebespaars mit der für sie brutalen Wirklichkeit konfrontiert und der auch dank der wunderbaren Übersetzung Miriam Mandelkows ergreift und zornig macht und ganz große Literatur ist! (Stefanie Hetze)

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Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn

Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit, Piper Verlag 2018, 158 S., € 20,-

Woodson_Jacqueline_Ein_anderes_Brooklyn_Danteperle_Dante_connection_BuchhandlungNach der Beerdigung ihres Vaters trifft die Anthropologin August, die weltweit forscht, in der New Yorker U-Bahn zufällig ihre Jugendfreundin Sylvia. Die beiden waren zusammen mit Angela und Gigi im Brooklyn der Siebziger engste Freundinnen gewesen.  Statt sich nach über 20 Jahren auszutauschen, steigt sie nach kurzer Begrüßung vorzeitig aus, fängt aber an, sich an früher zu erinnern. Wie es ihr, ihren Freundinnen erging, ihre Träume, Hoffnungen und Realitäten unter unterschiedlich schwierigen Startbedingungen. Die vielen Ereignisse aus ihrer Teenagerzeit, alltägliche und dramatische, verdichtet sie in ihrem Roman in  intensiven Momentaufnahmen, die eindrucksvoll ein Panorama auffächern, wie es war, als afroamerikanisches Mädchen aufzuwachsen und erwachsen zu werden.
In den USA ist Jacqueline Woodson hochgelobt als Autorin bekannt, die gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit schreibt. 2018 wird sie mit dem „Nobelpreis für Kinderliteratur“, dem Astrid-Lindgren-Preis ausgezeichnet werden, hierzulande kann sie nun endlich zumindest als Erwachsenenautorin entdeckt werden! (Stefanie Hetze)

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https://www.jacquelinewoodson.com/

Hari Kunzru: White Tears

Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner, Liebeskind 2017, 352 Seiten, € 22,-

Kunzru_White_Tears_Danteperle_DanteConnectionZwei ungleiche Freunde – Seth ein stiller Soundtüftler und Carter, ein auffallender Lebemann und Musiksammler – mischen mit ihren ungewöhnlichen Retrosounds die New Yorker Musikszene auf. Doch mitten im erfolgreichen Aufstieg wird ein unbedachter Scherz zum Auslöser ihres unaufhaltsamen Falls. Alles beginnt mit einem Soundschnipsel, den der nerdige Seth zufällig in einem New Yorker Park aufnimmt. Ein kratziger Bluessound, der von Carter so lange digital bearbeitet wird, bis er wie ein Original aus den 1920ern klingt. Schnell wird sich noch der Künstlername Charlie Shaw dafür ausgedacht und schon ist ein Coup in der Sammlerszene gelandet, denn einen solchen Sänger hat es scheinbar wirklich gegeben. Wenig später wird Carter nachts fast zu Tode geprügelt. Ein gefährliches Spiel hat begonnen, das für den Leser ähnlich schwer zu durchschauen ist wie für Seth, der zunehmend den Bezug zur Realität verliert. Das ist kurzfristig verwirrend, denn Hari Kunzru wechselt nun vom konzisen Erzählton, der die New Yorker Künstler-Boheme seziert in einen fast mystischen Sound, der schwindelerregend zwischen Erzählern und Zeiten wandelt. Der fast unerträgliche Erzählsog endet furios in Jackson Mississippi und spannt damit nicht nur meisterhaft einen Bogen von Nord nach Süd, sondern verhandelt vor allem ein tragisches Kapitel der Musikgeschichte eingebettet in Rassismus und kulturelle Aneignung.  (Jana Kühn)

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Dorothy Baker: Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft

Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum, dtv 2017, 272 S., € 20,-

Baker Ich mag mich irren_Danteperle_Dante_ConnectionLassen Sie sich von dem (mir unerklärlichen) Titel dieses Buches – das im Original einfach „Young Man with a Horn“ heißt – nicht abschrecken. Es ist eine geniale Jazz-Balade und wie eine solche von „unangestrengtem Lyrismus und untrüglichem Rhythmusgefühl“ geprägt. Rick Martin -ein weißer Junge aus den Slums Los Angeles -lebt schon früh nur für die Musik. Er schwänzt die Schule und bringt sich in einem offenen Gemeinderaum selbst das Klavierspielen bei. Als er den Jazz entdeckt ist für ihn klar, dass er Trompete spielen muss. Er wird zu einem begnadeten Jazz-Trompeter, der für die Musik lebt, aber das Leben trotz seiner Erfolge nicht in den Griff bekommt und am Alkohol zugrunde geht.  Dorothy Baker beschreibt den Werdegang eines Besessenen, inspiriert an der musikalischen Begabung und dem frühen Tod des Swing-Trompeters Bix Beiderbecke. Doch vor allem ist ihr 1938 erschienener Roman ein Song, der die Musik und die Atmosphäre jener Jahre wieder zum Klingen bringen vermag. (Syme Sigmund)
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Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness

Das Leben der Nica Rothschild, aus dem Englischen von Hainer Kober, Berlin Verlag 2013, € 19,99.

rothschild_jazz-baroness_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergSeit einigen Jahren gibt es einen Schatz für Fans: „Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche“ mit Polaroidfotos und Kurzinterviews aller Jazzgrößen aus dem New York der 50er und 60er, gehoben von Pannonica de Koenigswarter. Wer war aber diese Adlige, Millionenerbin aus Europa, die mit Bentley im Pelzmantel in die kleinen Clubs fuhr, zahlreiche Musiker unterstützte, die Thelonious Monk liebte, in deren Hotelsuite Charlie Parker starb…?

Nica, eine geborene Rothschild, aufgewachsen in unvorstellbarem Reichtum in einer der mächtigsten Familien der Welt, sollte sich als Tochter an das enge Rollenbild für die Frauen der Rothschilds anpassen und innerhalb der Familie heiraten. Ihre Rebellion dagegen, ihre Kompromisse und wie ihre große Liebe zum Jazz und seinen Protagonisten sie zu einem radikal anderen Leben führten, zeichnet ihre Großnichte Hannah Rothschild in dieser beeindruckenden Zeitgeschcihte und Biografie nach. (Stefanie Hetze)

Teju Cole: Open City

Aus dem amerikanischen Englisch von Christine Richter-Nilsson, Suhrkamp 2012, € 22,95, TB Suhrkamp 2013, € 10,99.

cole-open-city_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergManhattan, einige Jahre nach 9/11. Julius, ein gebildeter junger Psychiater nigerianisch-deutscher Herkunft, läuft in jeder freien Minute durch die pulsierenden Straßen New Yorks. Er lässt sich kreuz und quer treiben, beobachtet, betrachtet, kommt an allen möglichen Orten mit den unterschiedlichsten Bewohnern der Metropole in Kontakt, debattiert und philosophiert mit ihnen. Ihre Geschichten und Wahrnehmung verzahnt er mit seinen eigenen Erfahrungen als schwarzer Einwanderer in den USA, mit seiner Kindheit in Nigeria, seinen Lektüren, seiner Vorliebe für klassische Musik.
Mit jeder neuen Begegnung schält Teju Cole, Kunsthistoriker und Straßenfotograf, wie in einem Palimpsest eine weitere Facette aus den vielen Schichten New Yorker Realitäten heraus und stößt dabei auf die drängenden Fragen unserer Gegenwart. Das ist ungemein anregend erzählt in der besten Tradition kosmopolitischer Flaneure. (Stefanie Hetze)

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Mo Willems: Noch ein Knuffelhase

Gerstenberg 2014, € 13,95, ab 4

willems-noch-ein-knuffelhase_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergEin besonderer Tag: Trixie kann es kaum erwarten, ihren Kitafreundinnen und Freunden ihr neues Kuscheltier vorzustellen. Nur welch herbe Enttäuschung: Sonja hat auch einen Plüschhasen dabei, der wie ihrer aussieht! Die beiden Mädchen streiten so lange, bis ihre Hasen eingesammelt werden. Von dem, was dann passiert, sei hier nichts verraten, außer dass sich ihre Väter mächtig ins Zeug legen müssen. Für seine Geschichte aus dem familiären Alltag hat Mo Willems eine eigene visuelle Sprache entwickelt. Hintergrund bilden Schwarz-Weiß-Fotos von Brooklyn, im Vordergrund sind – mit Tusche gezeichnet und koloriert – Trixie und Sonja mit ihren Familien, die  unterschiedlichen Kinder und Menschen in der Kita und auf den Straßen der Stadt zu sehen. Da gibt es in diesem Graphic Novel-Bilderbuch neben der spannenden und anrührenden Geschichte viel Unterschiedliches zu entdecken, ein großer Spaß! (Stefanie Hetze)