Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen

Aus dem Italienischen von Babara Kleiner, Wagenbach Verlag 2020, 265 S., € 23,-
(Un giorno verrà, Bompiani 2019, ca € 21,80)

 

Camintio_Giulia_ein_Tag-wird_kommen_Danteperle_Dante_ConnectionGroßes Kino gleich zu Beginn: Nicola zielt vor Angst triefend mit einem Gewehr auf seinen geliebten älteren Bruder Lupo,  der keine Miene verzieht. „Der Große Krieg war auch bis hierher in diese Hügel gekommen…“ in diesen Ort armer Schlucker in den Marken. Nicola überwindet sich, schießt und rettet Lupo vor der Einberufung.
Zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten in dieser Bäckerfamilie, in der der Vater brutal herrscht und die als „Zuchtstute“ mißbrauchte Mutter entkräftet dahinvegetiert. Lupo, der Vitale, sympathisiert mit den Partisanen, rebelliert gegen den verhassten Vater und beschützt seinen Bruder, wo immer er kann.  Nicola mit dem „Prinzengesicht“ fällt heraus aus dieser Familie. Er liest, ist zart und zu nichts zu gebrauchen.
Ein Geheimnis steht zwischen den Brüdern, das sich peu à peu entschlüsselt. Die politischen und sozialen Verhältnisse (Erster Weltkrieg, Faschismus, Armut, Kirche, Widerstand dagegen) wirken sich vehement auf ihre Familie aus. Meisterlich und facettenreich verbindet Giulia Caminito die große Geschichte Italiens mit einem individuellen familiären Drama. Verblüffende Twists, das Mitwirken historischer Persönlichkeiten und eine ungemein plastische Sprache, perfekt übersetzt, machen  diesen Roman zu einem einmaligen Lesegenuss. (Stefanie Hetze)

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André de Richaud: Der Schmerz

Dörlemann 2019, aus dem Französischen von Sophie Nieder, 224 S., € 20,-

Frankreich, 1915. Thérèse lebt mit ihrem Sohn Georges in einem Dorf in der Provence. Ihr Mann ist im Krieg gefallen und die Einsamkeit sowie das stete unerfüllte sexuelle Begehren setzen ihr zu. Als der junge, hübsche, deutsche Kriegsgefangene Otto auftaucht, beginnt sie mit ihm eine Affäre. George, voller Eifersucht und Misstrauen, entfernt sich innerlich immer stärker von der einst so geliebten Mutter. Als sie schwanger wird und die Gerüchte im Dorf lauter werden, steuert Thérèse auf eine Katastrophe zu. Aufgrund der unzweideutigen Beschreibung weiblicher Sexualität löste der Text bei seinem Erscheinen 1931 einen Skandal aus. Poetisch, psychologisch feinfühlig und seiner Zeit weit voraus beschreibt de Richaud das Innenleben und die Zerrissenheit Thérèses und ihres Sohnes. Die junge Übersetzerin Sophie Nieder hat den Text mit hervorragendem Sprachgefühl erstmals ins Deutsche übertragen. Für Camus war es der Roman, der ihn nach eigener Aussage inspirierte, Schriftsteller zu werden. Eine herausragende Entdeckung. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Jean Echenoz: 14

Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Hanser Berlin 2014, € 14,90. Taschenbuch für € 8,99.

Echenoz_24500_MR1.inddAnthime ist ein junger Mann aus der französischen Provinz. So wie für ihn ist an jenem Sonnabend im August 1914, einem strahlenden Sommertag, die Nachricht vom Kriegsbeginn für eine ganze Generation junger Männer  zunächst nicht fassbar. Echenoz beschreibt in seiner gewohnt knappen, distanzierten Sprache die folgenden Jahre am Beispiel dieses einen Menschen über den die Geschichte hereinbricht, ihn in den Krieg und den Schützengraben wirft und ihn eines Armes beraubt, ohne dass er je die Zusammenhänge erfasst. Die Kluft zwischen dem Erleben des Individuums, das sich an den täglich neuen Herausforderungen des Überlebens abarbeitet, und den großen historischen Ereignissen lässt die Monstrosität des Kriegen offensichtlich werden. In diesem schmalen Band von nur 125 Seiten ist alles enthalten, um die grausame Sinnlosigkeit des Krieges zu offenbaren. Wer sich für die Ereignisse zwischen 1914 und 1918 interessert und sie zu verstehen versucht, sollte an diesem kleinen Meisterwerk nicht achtlos vorübergehen. (Syme Falco) Leseprobe