Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke, S. Fischer Verlag 2012, 304 S., € 19,99, TB € 13,-
(Stand März 2021)
Nigerianerinnen und Nigerianer, mehr oder weniger freiwillig in die USA eingewandert, Daheimgebliebene, Rückkehrer, Lebende, Tote, Frauen, Männer, Kinder… sind die Protagonisten dieser zwölf mitreißenden Geschichten. Ein besseres Leben wollen sie, treffen aber auf die vielfältigen „Heimsuchungen“ unserer postkolonialen Welt mit ihren tief eingegrabenen kulturellen und sozialen Gegensätzen. Wie sie auf des Messers Scheide balancieren, welche Verletzungen sie dabei erleiden, aber auch welche vitale Energie sie entfalten, breitet Chimamanda Ngozi Adichie in einem großen Erzählkosmos aus. Eine unbedingte Empfehlung. (Stefanie Hetze)

Elsa, die erfolgreiche Psychologin, und Martti, der bekannte Maler, sind seit Jahrzehnten glücklich verheiratet. Als Elsa erfährt, dass sie todkrank ist, pflegt die gesamte Familie sie gemeinsam. Doch die Enkelin Anna holt ein altes Kleid aus dem Schrank und bringt damit die Erinnerung an ein früheres Kindermädchen zurück, eine Frau, die Martti einmal geliebt hat und die verschwunden ist. In Annas Vorstellung wird sie nun wieder lebendig: Was ist passiert, damals, in den 60er-Jahren, als die Welt im Aufruhr und Aufbruch war und die Menschen trotzdem ihre ganz persönlichen Liebesgeschichten erlebt haben? Ein Buch über Liebe in ihren verschiedenen Formen, über Familie, über Festhalten und Loslassen, Schuld und Verzeihen. Riika Pulkkinen traut sich, dick aufzutragen und trifft dennoch den richtigen Ton. Dabei spielen die Bilder, die Natur und das Licht Skandinaviens keine unwesentliche Rolle … Genau die richtige Lektüre für einen lauen Sommerabend, schön und melancholisch zugleich. (Judith Krieg)
In einer existentiellen Krise, verschärft durch erheblichen Schlafmangel, findet die argentinische Journalistin Marìa Sonia Cristoff nur Trost im Zoo. Das Betrachten der Tiere im Halbschlaf und das Sinnieren über ihre Lebensbedingungen und Eigenheiten regen die Autorin zu scharfsinnigen Reflexionen über uns Menschen und unser Verhältnis zu Tieren an. Es wäre aber kein Berenbergbuch, wenn es nicht darüber hinausginge und seinen Lesern nebenbei nicht noch mehr erzählte von Buenos Aires, Australien, vom Leben auf dem Land… (Stefanie Hetze)
Annette Pehnt erzählt von der problematischen Beziehung, die Großmutter, Mutter und Tochter einer Familie zueinander entwickelt haben. Sie belauern und umarmen sich, fühlen sich erdrückt, drohen mit Liebesentzug und rächen sich an der nächsten Generation.
Nur zwei Jahre lang war Dr. Dora Lux in den 50ern die Geschichtslehrerin Hilde Schramms, der Tochter des NS-Kriegsverbrechers Albert Speer. Der Herkunft nach Jüdin, äußerlich alt und unscheinbar, aber außerordentlich gebildet, vorurteilsfrei und eigenständig, vermittelte sie ihren Schülerinnen einen nachhaltigen Sinn für Aufklärung und Humanität. Wer war Dr. Dora Lux? Wie konnte sie eine der ersten Abiturientinnen und Studentinnen Deutschlands werden? Weitere Dinge tun, die eigentlich unvorstellbar bzw. verboten waren, wie als Ehefrau und Mutter zu unterrichten? Mitte der 30er noch aufklärerische Artikel publizieren? In Berlin den NS-Terror überleben?
Es lohnt sich, ihn wieder zu entdecken, den großen Flaneur von Paris und seine zeitlos schönen schwarz-weiß Fotografien sowohl des Alltagslebens der kleinen Leute als auch berühmter Persönlichkeiten von Picasso bis Juliette Binoche. (Syme Sigmund)
Alice Bhatti lebt und arbeitet als Krankenschwester in Karachi. Als Frau und Christin hat sie doppelt Anfeindungen auszustehen, doch gelingt ihr dies ausgesprochen mutig und in jedweder Hinsicht: schlagfertig. An ihrem Arbeitsplatz, dem Herz Jesu Krankenhaus, verliebt sie sich quasi wider willen in einen Polizeispitzel: Teddy Butt ist Muslim, Bodybuilder und vor allem ein großes und gefährliches Kind. Dass dies nicht gut gehen kann, scheint absehbar. Doch was und wie alles von statten geht, ist derartig aberwitzig, temporeich und tragikomisch erzählt, dass dieses Buch nur unbedingt empfohlen werden muss! (Jana Kühn)
Eine Seefahrt dreier Kinder Anfang der 1950er Jahre von Ceylon, heute Sri Lanka, über den Golf von Aden und das Rote Meer durch den Suezkanal nach England. Eine Reise aus der Kindheit in der tropischen kolonialen Welt ins kalte Ungewisse des Erwachsenenwerdens. Die drei Jungen, die jeden Tag etwas Verbotenes tun wollen, erforschen nicht nur kreativ die Geheimnisse ihrer Außenseiterkollegen am Katzentisch, sondern ebenso die aller anderen an Bord. Da gibt es von vielen schillernden Persönlichkeiten und abenteuerlichen Geschichten aus vergangenen Welten zu lesen, aber der große Erzähler Ondaatje geht weiter und schreibt auch von dem Leben danach im Exil. Ein wunderbarer Roman, unbedingt lesen. (Stefanie Hetze)
Joanna Bator gelingt es in diesem Buch den ganzen Kosmos der polnischen Plattenbau-Provinz von den Nachkriegsjahren bis in die achziger Jahre hinen wieder lebendig werden zu lassen. Anhand den Lebensgeschichten mehrerer Generationen einer Familie – aber mit Fokus auf die selbstbewusste Enkelin Dominika – enthüllt die Autorin schonungslos und mit ironischem Unterton diese ihr bestens vertraute teils skurrile, teils heimelige, teils trostlose und zutiefst spießige Welt. Ein großartiges Lesevergnügen und ein interessanter Blick in eine uns mittlerweile doch sehr ferne Realität. (Syme Sigmund)