Aus dem Französischen von Rainer Moritz, Dörlemann Verlag 2015, 260 S., € 20,-
(Stand März 2021)
Brugnon ist Erbe eines großen Familienunternehmens. Impulsiv und unbeherrscht regiert er despotisch in seinem kleinen Reich, schont dabei aber auch sich selber nicht. Die Liebe zu einer jungen Angestellten, die ihn kaltblütig ausnutzt, führt in die Krise bis zur Katastrophe. Pierre Bost, ein Meister der psychologischen Studie und der Gesellschaftsanalyse, zeichnete hier schon 1928 das äußerst aktuell anmutende Bild der Midlifecrisis eines sich bis an die Grenzen des Burnouts verausgabenden Geschäftsmannes, eines Workaholics, ständig in Eile und das Telefon kaum je aus der Hand legend. Sich selbst überschätzend, von einer späten Leidenschaft hinweggerissen und alle Ratschläge in den Wind schlagend schlittert er unerbittlich in den totalen finanziellen und persönlichen Ruin. (Syme Sigmund) Leseprobe

Der abgeklärte Lambert Strether soll den jungen Erben Chad Newsome aus dem schlimmen Sündenpfuhl Paris und den Armen einer unmoralischen Frau heim in die anständige amerikanische Provinz holen. Natürlich geraten seine Vorstellungen und Prinzipien ins Wanken. Meisterlich, wie Henry James das Vor, Zurück und Seitwärts der Gefühlswelten seines Protagonisten orchestriert. Großartig übersetzt, mit Nachwort, Anmerkungen, zwei Lesebändchen und handschmeichelndem Dünndruckpapier. Festtägliches Lesevergnügen garantiert!
Ein Füllhorn: Hunderte Frauen, Künstlerinnen, Unbekannte, Prominente, Junge und Ältere, Weisse, Schwarze… äussern sich über das, was sie tragen, wie sie sich sehen und was sie mit ihrer Kleidung verbinden. Fragebögen, Foto- und Textcollagen, Gespräche, Selbstauskünfte sowie Abbildungen von Kleider-, Socken-, Brillen…sammlungen wechseln einander ab und ergeben ein vielstimmiges anregendes Bild. Es macht großen Spaß, in diesem Schatz zu stöbern!
In diesem prachtvollen Buch wird die barocke Tradition der neapolitanischen Krippenkultur mit einer Vielzahl von Fotografien gefeiert. Autoren wie Erri de Luca und der renommierte Neapelkenner Dieter Richter beleuchten die vielen Facetten neapolitanischer Weihnachtsbräuche. Im Gegensatz zu den nördlichen “Alberisti”, die sich um den Tannenbaum scharen, inszenieren am Vesuv die “Presepisti” Weihnachten mit einem opulenten und innigen Figurentheater. Berührend schön.
Schmetterlingsjäger, Wortkünstler, Weltenerschaffer – Lila Azam Zanganeh heftet sich in „Der Zauberer“ an die Fersen Vladimir Nabokovs, legt Fährten hinein in sein Werk und in sein Leben, spürt Motiven und Mustern, Prägungen und unterirdischen Verbindungslinien nach. Kindheit in verzauberten russischen Gärten, erste Lieben, Vera Nabokov, Flucht, Exil, Berlin, Amerika. Die ersten Gedichte, die auf Russisch geschriebenen Romane, die großen englischen Werke. Das sind einige der äußeren Stationen. Doch mit ihren genau gesetzten Mosaikstücken umkreist die Autorin etwas, das letztlich nicht greifbar ist: den Kern des Schreibens und des Lesens, das Eigenleben und die eigene Zeit der Fiktion, deren Gewebe aus geschärftem Bewusstsein und Sprachspiel. Ein ungewöhnlicher Abenteuerbericht und eine echte Liebeserklärung, die teilweise in ihrer Begeisterung dick aufträgt, aber ebenso leise Töne findet, und auf jeden Fall mitreißt und überzeugt. Und Lust macht, Nabokov wieder zu lesen oder neu zu entdecken. (Judith Krieg) 
Als tragisch bezeichnete die Antike Situationen, in denen die unausweichliche Notwendigkeit besteht, so zu handeln, dass etwas Verhängnisvolles passiert. Ralf Rothamanns Buch ist in diesem klassischen Sinn ein tragischer Roman. Er versucht, das Kriegstrauma des eigenen Vaters aufzuarbeiten, der mit 17 zusammen mit seinem besten Freund Fiete noch 1944 zwangsrekrutiert und an die Front geschickt wurde. Als Fiete desertiert und gefasst wird, wird Walter ins Erschießungskommando beordert und steht vor der Entscheidung, abzudrücken oder selbst erschossen zu werden. Sein Vater hat nie über seine Erlebnisse gesprochen. Rothmann beschreibt die Schrecken des Krieges mit einer beklemmend dichten, schockierend direkten und gleichzeitig hochpoetischen Sprache. Er hat einen großartigen Antikriegsroman geschrieben, der unter die Haut geht und noch lange nach der Lektüre im Leser Spuren hinterlässt. (Syme Sigmund)
Eine Wiederentdeckung und Neuübersetzung des Romans aus dem Jahr 1962, der klassisch beginnt: Cassandra fährt zur Hochzeit ihrer eineiigen Zwillingsschwester Judith nach Hause. Doch schon ihre Stopps zum Trinken machen klar, dass sie sich alles andere als freut. Um jeden Preis will sie diese Eheschließung verhindern, schließlich ist Judith auf dem Weg, eine berühmte Musikerin zu werden und gehört vor allem ihr allein. Auf der isolierten Ranch erwarten sie nur Judith, der Vater und die Großmutter, ihre Mutter, eine Schriftstellerin, lebt nicht mehr. Kompromisslosigkeit und sich selbst ganz und gar treu zu bleiben, zeichnet diese elitäre Familie aus. Widersprüche umgehen sie mit Rückzug. Mit der Ankunft Cassandras und später des Bräutigams platzt das heikle familiäre Gleichgewicht, nimmt Fahrt auf und steigert sich dank der Kunst Dorothy Bakers zu einem großen existentiellen Drama. Carson McCullers schrieb: “. . .einfach brillant.” Dem ist nichts hinzuzufügen. (Stefanie Hetze)
Schauplatz dieses Romans ist die Budapester Großwäscherei Phönix. Hier schuften jede Menge Menschen tagaus tagein inmitten von Dämpfen, Chemikalien und kochendem heißem Wasser. Sie heizen, färben, waschen, bügeln was das Zeug hält und entfernen mit hohem physischem Einsatz all die dreckigen Hinterlassenschaften der wohlhabenderen Gesellschaft. „Gedankt“ wird ihnen mit Hungerlöhnen und prekären Arbeitsverhältnissen. Kein Wunder tun sie es ihrem Arbeitgeber, dem Wäschereibesitzer Taube, selbst ein Aufsteiger, nach und tricksen einander nach Leibeskräften aus. Was jetzt wie ein Sozialdrama aus der Arbeitswelt klingt, erhält durch die bildmächtige kraftvolle Sprache Gelléris, der tief in die Gefühlswelten und Ängste seiner Protagonisten eindringt, einen ungeheuren Sog, sozusagen einen literarischen Schleudergang, rasant übersetzt von Timea Tankó. Andor Endre Gelléri veröffentlichte „Die Großwäscherei“ 1931 im Alter von nur 24 Jahren. Ein Trüffelfund des Guggolz-Verlags. (Stefanie Hetze)
Neun Geschichten von neun Männern erzählt uns Serij Zhadan, Männern mit verlebtem Aussehen und alten Narben, mit Trainingsanzügen und Lackschuhen, die sich nach Liebe sehnen, große Träume hegen und meist nur bei Sex und Alkohol landen. Doch eigentlich erzählt Zhadan in all diesen Geschichten vor allem von seiner Heimatstadt Charkiv, die auf Hügeln zwischen zwei Flüssen liegt. Es ist eine verfallende, melancholische Welt, die uns hier begegnet, voll maroder Technik, billiger Gaststätten und Staub aufwirbelnder Winde. Die Protagonisten bewegen sich zwischen verlassenen Lagerhallen, und roten Ziegelmauern über denen ein tiefhängender Mond sein bleiches Licht verströmt. Und all dies wird mit einer so poetischen Sprache erzählt, dass man oft inne hält, ein bestimmtes Bild auf sich wirken zu lassen, bis der Schlussteil ganz zu Lyrik wird, die das Vorhergegangene ergänzt und den Leser vollends in den Bann der spröden, schönen Sprache schlägt. (Syme Sigmund)