Olivia Manning: Abschied von der Unschuld

Aus dem Englischen von Susann Urban, Büchergilde 2013, 272 S., € 22,95

(Stand März 2021)

Jerusalem, 1945 kurz vorm Ende des Zweiten Weltkriegs der vierzehnjährige Felix kommt nach dem Tod seiner Mutter bei  einer weitentfernten bigotten Verwandten unter. Statt dem elternlosen Jungen Wärme und Halt zu geben, interessiert sich Miss Bohun rein für die pekuniären Aspekte seines Aufenthalts. Kalt und gierig nimmt sie auch ihre anderen  Pensionsgäste aus, allesamt Flüchtlinge und Versprengte, die versuchen, das was von ihrem Leben übriggeblieben ist,  beieinander zu halten. Dem Jungen bleibt als Halt nur eine Siamkatze. Dann zieht eine faszinierende junge Witwe ein, die Miss Bohun Paroli bietet und in die Felix sich verliebt.
Völlig unsentimental lotet Olivia Manning die feinen Nuancen  des Gefühlslebens eines Heranwachsenden in einer  Atmosphäre des komplett Provisorischen aus. Wahrlich eine Entdeckung aus lija Trojanows „Weltlese. Lesereisen ins Unbekannte“! (Stefanie Hetze)

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David Wagner: Mauer Park

Verbrecher Verlag 2013, 240 S., € 14,-

(Stand März 2021)

wagner_mauerpark_danteperle_danteconnectionIn Berlin ist immer was los, ständig im Wandel, alles. War man einige Zeit nicht mehr in einer Gegend, findet sich bei einer zufälligen Rückkehr so mancher Stein nicht mehr auf dem anderen, sind Lokale und Geschäfte umgezogen oder gar ganz verschwunden. Und manche Orte bleiben, wie sie waren, zumindest auf den ersten Blick. Diesem Phänomen ist David Wagner in seinem Buch auf der Spur. Um die Jahrtausendwende war er in der Stadt unterwegs und beschrieb, was er sah. Vom Alexanderplatz über die Deutsche Oper nach Moabit und an die Lohmühlen Wagenburg. Hotspots und auch verschwiegene Orte tauchten in seinen knappen Texten auf. Im letzten Jahr hat er diese Orte wieder besucht und seine alten Texte entsprechend kommentiert. Entstanden ist ein sehr persönliches Buch der Veränderungen – empfehlenswert für alle (Nicht)Berliner.

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Maike Albath: Rom, Träume. Moravia, Pasolini, Gadda und die Zeit der Dolce Vita

Berenberg Verlag 2013, 304 S., € 25,-

(Stand März 2021)

albath-rom-traeume_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergRom durchlebte nach dem Ende des 2. Weltkriegs nicht nur einen Wiederaufbau, sondern in den 1950er und 1960er Jahren einen regelrechten urbanen Aufbruch. Die Stadt vergrößerte sich immens in ihrer Fläche und ihrer Einwohnerzahl. In dieser Stimmung des Neuanfangs wurde sie zum Magneten für Kulturschaffende aus Literatur, Film, Kunst und Philosophie, die die Atmosphäre der Stadt und die Ära der Dolce Vita prägten. Anhand biographischer Skizzen einiger der wichtigsten Protagonisten, wie Moravia, Pasolini und Gadda, beschreibt Maike Albath diese Phase der Umbrüche. Immer wieder kommen Zeitzeugen zu Wort. Was dabei entsteht ist viel mehr als eine gängige Stadtgeschichte oder Künstlerbiographie – eher ein Stück italienischer Kulturgeschichte, ein Füllhorn an Daten, Fakten, Episoden und Anekdoten, das durch den gekonnten Stil der Autorin ein wahrer Lesegenuss wird. (Jana Kühn) Leseprobe

Wie viele Regalmeter mag Maike Albath in ihren Recherchen zur Stadtgeschichte und den Biographien der einzelnen Autoren wohl durchmessen haben für dieses feinste Destillat in Buchform?

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Jérôme Ferrari: Balco Atlantico

Aus dem Französischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2013, 210 S., € 19,95
(Stand März 2021)

ferrari-balco-atlantico_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergDer korsische Nationalist Stéphane Campana stirbt duch zwei Kugeln, die aus nächster Nähe auf ihn abgefeuert werden. Raffiniert verschachtelte Erzählungen und Erinnerungen unterschiedlicher Dorfbewohner entfalten nach und nach die Geschichte des Toten und damit verbunden die gewalttätige Geschichte des korsischen Nationalismus zwischen 1985 und 2000. Parallel dazu erfahren wir das Schicksal eines marokkanischen Geschwisterpaares, das seine Heimat voller Hoffnung verlässt und in dem korsischen Dorf vergeblich versucht, den Glauben an ein mögliches Glück nicht zu verlieren.
Teils Krimi, teils Liebesgeschichte, ist der Roman vor allem ein ergreifendes Kaleidoskop menschlicher Sehnsüchte, Selbstzweifel und Ängste sowie der erschreckenden Gefühlskälte selbstherrlicher politischer Extremisten. Ferrari entfaltet auf nur 160 Seiten einen Kosmos aus Sätzen, die noch lange haften bleiben. (Syme Sigmund)

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Mohsin Hamid: So wirst du stinkreich im boomenden Asien

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld, (Dumont 2013), 224 S., Dumont TB 2015, € 9,99

(Stand März 2021)

hamid-so-wirst-du-stinkreich-im-boomenden-asien_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzberg“Zieh in die Stadt”, “Verschaff dir Bildung”, “Verlieb dich nicht” – so lauten die ersten drei Kapitelnamen dieses wunderbaren Romans aus Pakistan, der einerseits Entwicklungsroman ist,der die Geschichte eines Jungen aus ärmlichsten Verhältnissen erzählt, der im Laufe seines Lebens tatsächlich stinkreich wird. Verpackt ist diese Geschichte andererseits, und wie die Kapitelnamen andeuten, im Gewand eines Selbsthilfebuches. Alles zielt hin zum Erfolg des großen Geldes und zwar um jeden Preis und mit allen Mitteln, heißt von Manipulation über Korruption bis hin zu Gewalt. Darüberhinaus liest sich der Roman als eine anrührende Liebesgeschichte und als Gesellschaftssatire über das heutige Pakistan. Und dank des turbulent tragikomischen Erzähltons jagt man mit dem Protagonisten durch ein ganzes Leben im boomenden Asien, in dem das Geld dann eben doch auch nicht alles ist. (Jana Kühn) Leseprobe

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Donald Ray Pollock: Knockemstiff

Aus dem Englischen von Peter Torberg, Verlagsbuchhandlung Liebeskind 2013, 256 S-, € 18,90, tb Heyne 2015, € 9,99

(Stand März 2021)

pollock-knockemstiff_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergKnockemstiff ist ein trostloses Kaff im US-Bundesstaat Ohio. Was für ein rauher Wind dort weht, versteht man bereits mit der ersten Erzählung, in der ein Vater seinem Sohn brutal vermittelt, wie wichtig es ist, mit aller Gewalt seinen Mann zu stehen. Mit den nachfolgenden Erzählungen entwickelt sich ein deutlicheres Bild der Kleinstadt und es schließt sich ein Kreis aus Drogen, Krankheiten, Armut, Missbrauch und immer wieder Gewalt. In aller Unerträglichkeit der Normalität, der alltäglichen Geschehnisse – das Schlimmste an Knockemstiff ist die Perspektivlosigkeit. Kein Licht am Ende des Tunnels, aus Knockemstiff kommt keiner raus – auch nicht die, die es versuchen. Und warum sollte man das dann gelesen haben? Weil Pollocks knochentrockene Sprache einen packt und nicht mehr loslässt. Knockemstiff legt man nicht zur Seite … (Jana Kühn)

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Silvia Bovenschen: Nur Mut

(Fischer Verlag 2013), 160 S., TB Fischer 2015, € 9,99

(Stand März 2021)

bovenschen-nur-mut_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergEine ungewöhnliche WG in einer großbürgerlichen Berliner Villa: vier alte Frauen, vier weibliche Biographien,  jede mit ihren eigenen  Marotten und ihren sehr speziellen Möglichkeiten, der Endlichkeit zu trotzen. Mit im Haus sind die polnische Haushälterin und die aufsässige 16jährige Enkelin der Besitzerin Charlotte samt liebes- und zahnwehkrankem Mitschüler. Ein Herrenbesuch, der Finanzberater Charlottes, wird erwartet und plötzlich laufen die Dinge völlig aus dem Ruder, verlieren die alten Frauen jede Contenance. Jetzt gibt es keinen Halt mehr und überhaupt kein Zurück!
Altsein und Sterben als Anarchie, von Silvia Bovenschen mit Verve, Witz  und großer Fabulierlust erzählt. (Stefanie Hetze)

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Eugen Ruge: Cabo de Gata

Rowohlt Verlag 2013, 208 S., € 19,95, Rowohlt TB 2014, € 10,99

(Stand März 2021)

ruge-cabo-de-gata_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergEin erfolgloser Schriftsteller, 40 Jahre alt, gerade geschieden und vom Vater in seinen künsterischen Ambitionen nicht ernst genommen, bricht alle Zelte ab und gerät – mehr aus Zufall – in den abgelegenen andalusischen Ort Cabo de Gata. Hier versucht er – weiterhin erfolglos – einen Roman zu schreiben und lässt sich ansonsten treiben, solange das Geld reicht. Die Dorfbewohner sind äußerst wortkarg, und so verbringt er seine Zeit meist allein mit ausgedehnten Spaziergängen am Strand und der Beobachtung seiner neuen Umgebung. Was so ereignisarm klingt, wird von Ruge in diesem wohl teilweise autobiografischen Kleinod, eher eine Novelle als ein Roman, mit einer solchen Leichtigkeit, schlichten Poesie und leiser Selbstironie beschrieben, dass man als Leser gern bei ihm verweilt und nach der Lektüre dem eigenen hektischen Großstadtalltag vielleicht auch mehr Gelassenheit entgegenbringt. (Syme Sigmund)

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Donatella di Pietrantonio: Meine Mutter ist ein Fluss

Aus dem Italienischen von Maja Pflug, Kunstmann 2013, 200 S.
Die deutsche Ausgabe ist leider nicht mehr lieferbar.
(Mia madre è un fiume, Editore Elliot 2010, ca. € 19,50)
(Stand März 2021)

di-pietrantonio-meine-mutter-ist-ein-fluss_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergEine Mutter, die von ihrem Kind in all ihrer Liebe und Aufmerksamkeit schmerzhaft vermisst wurde, erkrankt an Demenz. Für die erwachsene Tochter birgt dies die Gefahr nun gänzlich zu verlieren, was ohnehin eine Leerstelle war. Also beginnt sie der kranken Mutter das eigene Leben zu erzählen, durchdringt dies mit Episoden aus der nun anstehenden Pflege der gealterten Frau. Sie erinnert sie an Familienzwistigkeiten, Feldarbeit und Feste, wird buchstäblich zu ihrem Gedächtnis. Donatella di Pietrantonio gelingt dabei nicht nur ein gänzlich unsentimentales, dennoch liebevolles Porträt der eigenen Mutter, sondern sie schildert auch ein hartes Leben in einem archaisch geprägten, bäuerlichen Italien in den Abruzzen. Die Autorin meistert eindringlich den Spagat zwischen der Sehnsucht nach einer zugewandten Mutter und dem Verständnis für deren schwierige Lebenssituationen. Ein sensibles und leises Buch, nicht nur, aber auch für Italieninteressierte! (Jana Kühn) Leseprobe

Lo voglio ordinare!

Christian Schünemann, Jelena Volić: Kornblumenblau. Ein Fall für Milena Lukin

(Diogenes Verlag 2013), 368 S., Diogenes TB 2015, € 11,90

(Stand März 2021)

schuenemann-volic-kornblumenblau-diogenes_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergMilena Lukin, Serbin mit deutschem Pass und Habilitierende für internationales Strafrecht, trifft  bei ihren wissenschaftlichen Forschungen auf den vertuschten Mord an zwei jungen Soldaten und stößt in ein Wespennest von Gewalt und Korruption. Kontrastierend zu den üblen Machenschaften  von Politik, Militär und Justiz, die sich im – spannenden – Plot auftun, setzt das serbisch-deutsche Autorenduo die Figur der eigenwillig sympathischen  Protagonistin. Milena hat Sohn, Mutter und Katze zu versorgen in einem bizarr kaputten faszinierenden Belgrad. Der Krimi Kornblumenblau macht große Lust auf mehr. (Stefanie Hetze)

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