Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt, Hanser 2012, 592 S., € 24,90, tb dtv 2014, € 13,90
(Stand März 2021)
1953 in der Sowjetunion, Stalin ist gerade tot, es herrschen angespannte Verhältnisse – drei 12jährige Jungen, die völlig herausfallen aus dem, was sein darf, haben das Glück, auf einen neuen Lehrer zu treffen, der ihre Leidenschaft für Literatur und Kunst mit langen Spaziergängen durch Moskau fördert. Das ist die Ausgangslage für Ljudmila Ulitzkajas fesselnden Roman, in dem sie die Schicksale ihrer drei Protagonisten, die aus Liebe zu Literatur und Musik zu Dissidenten werden, über viele Jahrzehnte und in vielen Facetten begleitet. Ein großartiges Porträt einer Gesellschaft in Unfreiheit zum Lesen an langen Winterabenden. (Stefanie Hetze)

Das neue Alter Ego der Autorin ist Lola Bensky, eine dickliche junge Australierin, Tochter polnischer Auschwitzüberlebender, die per Zufall zur Musikjournalistin wird und die Rockgrößen der Sechziger interviewen darf. Um Mick Jagger, Janis Joplin, Jimi Hendrix und all die anderen zum Sprechen zu bringen, schafft sie einen intimen Raum, indem sie von sich, von den Ermordeten ihrer Familie, von ihren Gewichtsproblemen erzählt, was zu erstaunlichen Begegnungen mit den Stars führt. Auf ihre unnachahmliche Art ist Lily Brett ein berührender, zugleich äußerst unterhaltsamer Roman gelungen und nebenbei ein Dokument der Musikgeschichte. (Stefanie Hetze)
Von Anna Kaleris Großmutter ist kein Zeugnis geblieben, sie wurde 1945 in Masuren erschossen. Anhand des Wenigen, was sie in Erfahrung bringen konnte, spinnt Kaleri diese Geschichte über ihr kurzes Leben. Es ist die Geschichte einer zarten Liebe, doch in den finsteren Zeiten ist sie ein Verbrechen, denn der Geliebte ist Pole, und so steuern die beiden auf eine Katastrophe zu.
Reportagen von den Kriegsschauplätzen des 20. Jahrhunderts – vom Spanischen Bürgerkrieg über den Zweiten Weltkrieg bis zu den Kriegen in Vietnam und Nicaragua. Immer in nächster Nähe des Geschehens richtet Gellhorn ihr Augenmerk vor allem auf die Unmenschlichkeit des Krieges und die Leiden der Zivilbevölkerung und hält ihre radikal subjektiven, doch auf besten Informationen fußenden Eindrücke in einer nüchternen, mit klugem Witz getränkten, gut lesbaren Sprache fest.
Basierend auf der Recherche für einen Spielfilm über die Entwicklung des Sozialismus in der Ostslowakei, einer unterentwickelten, armen Region zwischen Polen, der Ukraine und Ungarn, führt uns dieser Debütroman, der kurz nach seiner Veröffentlichung 1963 verboten wurde und jetzt erstmals in deutscher Übersetzung erschienen ist, in die Abgründe des Menschlichen. Anhand des Schicksals von einzelnen – u.a. ein opportunistischer, krimineller Funktionär, ein Ingenieur, der an der monströsen Bürokratie verzweifelt oder ein ehemaliger Partisan, dessen menschlicher Idealismus irgendwann nicht mehr zeitgemäß ist – führt uns Klìma vor Augen, wie die sozialistische Utopie an der Selbstsucht und Machtbesessenheit des Einzelnen scheitert. In diesem Sinn – der Erfassung des menschlichen Wesens – hat der Roman etwas Allgemeingültiges und ist unbedingt lesenswert. (Syme Sigmund)
Russische Zeitgeschichte in der Ära von Stalin bis Breschnew mit einem wirtschaftlichen Fokus, wirkt erst einmal nicht unbedingt wie der Stoff für einen Pageturner – Spufford meistert dies jedoch hervorragend. Der Autor mäandert durch die Zeitgeschichte und vermittelt glaubhaft den enthusiastischen Glauben an einen möglichen Sozialismus, aber auch die Gründe für sein Scheitern. Spuffords Protagonisten sind namhafte Politiker, Schriftsteller, Wissenschaftler, aber auch Studenten, Arbeiter und Bauern. Was für Entbehrung und Leid diese Zeit im Einzelschicksal bedeutet haben mag, beginnt man während der Lektüre zu verstehen. Fest steht, dass selten so viel Wissen um politische Zeitgeschichte, Wissenschaft und Kultur so fesselnd aufgeschrieben worden ist. Fakten und Fiktion mischen sich dabei trickreich. Und wer es dann doch noch ganz genau wissen möchte, kann sich im Anhang anhand von umfangreichen Quellen bestens informieren. Brillant! (Jana Kühn)
Was, wenn ein wissensdurstiger Maler die Fotografie schon im 17. Jahrhundert erfunden hätte? Wäre seine Zeit reif dafür gewesen? Und würde heute jemand eine solche Entdeckung für bare Münze nehmen? Matthias Gatza erzählt die Geschichte des ersten Fotografen Silvius Schwarz und gleichzeitig die des erfolglosen Wissenschaftlers, der beweisen möchte, dass es Schwarz wirklich gegeben hat und die Leser an seinen Quellen teilhaben lässt. Eine Reise in die Zeit des Barock, in der die Künste und Wissenschaften neue Wege gingen. Außerdem eine Liebesgeschichte, denn zu den Quellen gehört ein passionierter Briefwechsel zwischen Schwarz und einer fortschrittlichen Dame. Und gleichzeitig ein Kriminalroman: Schwarz wird angeklagt, der Serienmörder zu sein, der die besten Sänger des Herzogtums zu seinen Opfern macht. Zwischen den historischen Episoden berichtet wiederum der Wissenschaftler von seiner Jagd nach Beweisen, auf der ebenfalls zahlreiche Frauen seinen Weg kreuzen … Geistreich, einfallsreich, doppelbödig – und vor allem eine sehr amüsante Lektüre. (Judith Krieg)
Nur zwei Jahre lang war Dr. Dora Lux in den 50ern die Geschichtslehrerin Hilde Schramms, der Tochter des NS-Kriegsverbrechers Albert Speer. Der Herkunft nach Jüdin, äußerlich alt und unscheinbar, aber außerordentlich gebildet, vorurteilsfrei und eigenständig, vermittelte sie ihren Schülerinnen einen nachhaltigen Sinn für Aufklärung und Humanität. Wer war Dr. Dora Lux? Wie konnte sie eine der ersten Abiturientinnen und Studentinnen Deutschlands werden? Weitere Dinge tun, die eigentlich unvorstellbar bzw. verboten waren, wie als Ehefrau und Mutter zu unterrichten? Mitte der 30er noch aufklärerische Artikel publizieren? In Berlin den NS-Terror überleben?