Aus dem Italienischen von Maja Pflug, Kunstmann 2013, 200 S.
Die deutsche Ausgabe ist leider nicht mehr lieferbar.
(Mia madre è un fiume, Editore Elliot 2010, ca. € 19,50)
(Stand März 2021)
Eine Mutter, die von ihrem Kind in all ihrer Liebe und Aufmerksamkeit schmerzhaft vermisst wurde, erkrankt an Demenz. Für die erwachsene Tochter birgt dies die Gefahr nun gänzlich zu verlieren, was ohnehin eine Leerstelle war. Also beginnt sie der kranken Mutter das eigene Leben zu erzählen, durchdringt dies mit Episoden aus der nun anstehenden Pflege der gealterten Frau. Sie erinnert sie an Familienzwistigkeiten, Feldarbeit und Feste, wird buchstäblich zu ihrem Gedächtnis. Donatella di Pietrantonio gelingt dabei nicht nur ein gänzlich unsentimentales, dennoch liebevolles Porträt der eigenen Mutter, sondern sie schildert auch ein hartes Leben in einem archaisch geprägten, bäuerlichen Italien in den Abruzzen. Die Autorin meistert eindringlich den Spagat zwischen der Sehnsucht nach einer zugewandten Mutter und dem Verständnis für deren schwierige Lebenssituationen. Ein sensibles und leises Buch, nicht nur, aber auch für Italieninteressierte! (Jana Kühn) Leseprobe

Familiengeschichte, Bildungsroman, Agententhriller und Science Fiction Story – dieses Buch ist alles auf einmal und – es funktioniert. Episodenhaft, poetisch und gekonnt zwischen den Genres changierend, ohne die Fäden zu verlieren oder zu verwirren, erfahren wir unter anderem einiges über eine russisch-deutsche Beziehung, die künstlerische Entwicklung von Sohn und Tochter von ihm aus erster Ehe, einen betagten russischen Poeten mit junger Ehefrau und den amerikanischen Lektor desselben, der in eine futuristische Agentenstory verwickelt ist. Es geht um Liebe, Familie und darum, ein Dichter zu sein, um Geburt und Sterben, Gleichgültigkeit und Nächstenliebe. Olga Martynowa spielt souverän und voller Witz mit Literatur und Sprache ohne abzustürzen. Das ist ein seltener Glücksfall. (Syme Sigmund)
Milena Lukin, Serbin mit deutschem Pass und Habilitierende für internationales Strafrecht, trifft bei ihren wissenschaftlichen Forschungen auf den vertuschten Mord an zwei jungen Soldaten und stößt in ein Wespennest von Gewalt und Korruption. Kontrastierend zu den üblen Machenschaften von Politik, Militär und Justiz, die sich im – spannenden – Plot auftun, setzt das serbisch-deutsche Autorenduo die Figur der eigenwillig sympathischen Protagonistin. Milena hat Sohn, Mutter und Katze zu versorgen in einem bizarr kaputten faszinierenden Belgrad. Der Krimi Kornblumenblau macht große Lust auf mehr. (Stefanie Hetze)
Palermo heute. Das ist nicht die Stadt der Klischees von Sonne, Meer, Fischmarkt, Mafia und bunten Süßspeisen. Es ist eine moderne Stadt, die auch geprägt ist durch die Zuwanderung von Menschen verschiedenster Nationen wie Rumänen, Tunesier oder Bangladescher. Der Ich-Erzähler lebt zwischen ihnen, mit ihnen, mit offenem Blick, ohne zu urteilen, und schafft es, mit anekdotenhaft kurzen Episoden das Bild eines Viertels zu zeichnen, in dem Ethnien mit den unterschiedlichsten Religionen, Sitten und Einstellungen miteinander auskommen, wobei er jeden als den Menschen mit all seinen Widersprüchlichkeiten betrachtet, der er ist. Mal ernst und sozialkritisch, mal witzig oder skurril ist dieses in leichtem Ton geschriebene Buch doch voller Tiefgang. Einen “Leitfaden für den zivilisierten Umgang miteinander in den großen Städten” nennt es der Großmeister der sizilianischen Literatur Andrea Camilleri. Dem kann man sich nur anschließen. (Syme Sigmund)
Die koloniale Plünderung als kollektives Trauma ist ein zentrales Motiv afrikanischer Literatur. Diesem Thema ist auch der Roman »Monnè. Schmach und Ärger«, der in diesem Frühjahr erstmalig in deutscher Übersetzung erschienen ist, gewidmet. Der ivorische Autor Ahmadou Kourouma (1927 – 2003) beschreibt darin die Kolonialgeschichte mit viel Ironie und ebenso kritischer Schärfe, wobei er so manches Vorurteil auf den Kopf stellt. Kourouma deutet die Geschichte grotesk um und vermittelt dennoch viel Wissen über dieselbe und die große Demütigung der Bevölkerung. Entstanden ist eine bitterböse, in seiner Sprache überaus vergnügliche und sehr lesenswerte Satire auf die französische Eroberung des afrikanischen Kontinents. (Jana Kühn)
Über die 68er Bewegung und die RAF sind sicher schon mehrere Regalmeter verfasst worden – Romane, Biographien und Sachbücher. Dieses schmale Buch von Ulrike Edschmid sticht für Zeitzeugen und auch für jüngere Generationen aus der Menge hervor. Anrührend wie kenntnisreich erinnert sich eine Frau nach vierzig Jahren an eine ihrer wichtigsten Beziehungen, überhaupt wohl an eine der bedeutsamsten Phasen ihres Lebens. 1967 lernt sie Philip S. kennen. Schnell wird er ihr zum Vertrauten, zum Geliebten und Partner. Doch in der zunehmenden politischen Radikalisierung wird das Band zwischen beiden stetig dünner. Edschmids verdichtete Sprache zeichnet in wenigen Worten ein lebendiges Bild dieser Zeit, das in jeder Hinsicht unter die Haut geht. (Jana Kühn)
1947 reiste der britisch-amerikanische Schriftsteller Christopher Isherwood zusammen mit dem Fotografen William Caskey per Schiff von New York nach Venezuela, um von dort aus eine sechsmonatige Fahrt durch Lateinamerika bis nach Buenos Aires zu unternehmen. Sie entdecken einen brodelnden Erdteil extremer Gegensätze, treffen auf unterschiedlichste Menschen und Lebenssituationen, auf gewaltige Natureindrücke und krasse Wetterphänomene. Offen, sensibel, aber auch kritisch registriert der überaus belesene Isherwood dies alles und nimmt seine Leser mit auf eine abenteuerliche Reise durch einen außergewöhnlichen Kontinent. Mit der erstmals deutschen Veröffentlichung (wunderbar übersetzt von Matthias Müller) ist dem Liebeskind Verlag eine kleine Sensation gelungen. (Stefanie Hetze)
Der aus dem Kongo stammende und in Frankreich lebende Autor versetzt seinen Roman in eine florierende Bar in Brazzaville, in der die Gäste seinen Protagonisten Zerbrochenes Glas mit ihren Lebensgeschichten bestürmen, die er, vom Wirt beauftragt, nun endlich aufschreiben soll. Und die Gäste erzählen ihm und wie! Als säße man direkt daneben, werden einem die oft tragikomischen Episoden atemlos und mit viel schwarzem Humor um die Ohren geknallt. Man lauscht bestürtzt, belustigt und trotz vielen Unglücks bestens unterhalten. So greift Mabanckou die orale Erzähltradition Afrikas auf und gibt ihr in rasantem Tempo gänzlich neue Facetten. (Jana Kühn)
Dreizehn Kurzgeschichten, die Episoden aus dem Leben der unterschiedlichsten Personen erzählen. Doch in jeder Geschichte taucht auch immer wieder die gleiche Person auf: Xane Molin. Sie begegnet uns in vielen Facetten als 14-jährige beste Freundin, als für einen Mann attraktive junge Frau, als eigenwillige Mieterin, als Patientin, als nervende Stiefmutter oder als selbstsichere Chefin. Aus all diesen Blickwinkeln setzt sich nach und nach auch die Geschichte ihres Lebens zusammen. Ein immer fragmentarisch bleibendes, oft widersprüchliches Bild, das sich jedoch sowohl mit den Jahren als auch mit jeder neuen Erzählung verändert und vervollständigt. Eine faszinierende Lektüre, die uns gleichzeitig mit der Frage konfrontiert “Wer sind wir eigentlich?” Was ist maßgeblicher – wie die anderen uns sehen oder wie wir uns selbst wahrnehmen? (Syme Sigmund)