Wie Glücklichsein von außen aussieht. Aus dem Englischen von Beate Schäfer, Hanser 2023, 352 S., € 19,-, ab 14
Allison ist von zu Hause abgehauen, sie hat es mit ihrem gewalttätigen Vater nicht mehr ausgehalten. Als sie sich im Schuppen der alten Marla versteckt, und diese sie für ihre Jugendfreundin Toffee hält, nimmt Allison diese Rolle an – zunächst nur, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Doch langsam spinnt sich ein zartes Band zwischen der dementen Frau und dem 15-jährigen Mädchen. Denn Allison/Toffee nimmt Marla ernst, gibt ihr wieder Glück und Zuneigung, die sie von ihrem kalten Sohn und der regelmäßig vorbeischauenden Sozialarbeiterin nicht bekommt. Und auch Marla hilft Allison auf ihre ganz eigene Art, wieder Halt und Zuversicht im Leben zu finden.
Sahrah Crossan hat diesen Roman in freien Versen geschrieben, die von Beate Schäfer mit großem Sprachgefühl ins Deutsche übertragen wurden. Dabei fließt der Text doch gut lesbar, lässt uns aber immer wieder innehalten, wie schwebend, gebannt von leiser Poesie. Ein ganz besonderes Buch, das berührt, ohne jemals auch nur in die Nähe von Kitsch zu geraten, und dem viele junge Leser zu wünschen sind. (Syme Sigmund) Leseprobe
Hörprobe, gelesen von Nina Hrdina

Dieses schmale Buch hat es in sich! Dabei ist die Handlung relativ unspektakulär. Zwei Mädchen in einem Kinderheim werden zu unzertrennlichen Komplizinnen, trotzen gemeinsam den dortigen Zumutungen und der Trennung von ihren Müttern. Als sich ihre Wege trennen, verlieren die einstigen Gefährtinnen einander aus den Augen. Bei zufälligen Begegnungen als Erwachsene können sie nicht an ihre Vergangenheit anknüpfen, sind sie einander mehr als fremd. Das Außergewöhnliche an dieser einzigen Erzählung Toni Morrisons ist, dass die Autorin schon auf der ersten Seite klarstellt, dass beide Mädchen eine unterschiedliche Hautfarbe haben, nur verrät sie nicht, wer von den beiden schwarz oder weiß ist. Das erzeugt bei der Lektüre große Irritationen, ertappt man sich immer wieder, dies an bestimmten Details herausfinden zu können. Aber warum eigentlich? Dieses geniale Spiel mit den Fallen und Klischees von Wahrnehmung tariert die Nobelpreisträgerin meisterlich aus. Sie hat diese geniale Erzählung bereits 1983 veröffentlicht. Vierzig Jahre später können wir sie nun endlich auf Deutsch lesen, angereichert durch Zadie Smiths erhellendes Nachwort. (Stefanie Hetze)
Bis vor kurzem war Magdalenas Lieblingsort einfach zwischen ihren beiden besten Freund*innen Sofia und Flip. Doch seit dem Sommer ist alles anders. Sofia möchte endlich einen Jungen küssen. Flip wiederum schminkt seine langen Wimpern und sonnt sich in begehrlichen Blicken. Außerdem hängen alle Coolen nur noch im Skaterpark an der Pipe ab, wo die immer gleichen Typen für ihre Tricks angehimmelt werden. All das langweilt Magdalena, dazugehören möchte sie trotzdem. Sie fühlt sich ständig dazwischen, immer mit dem Druck, sich für das eine oder andere entscheiden zu müssen. Auch in ihrer Familie, wo sie seit der Trennung der Eltern regelmäßig zwischen die Fronten gerät. Genau deshalb würde Magdalena am liebsten wie früher die Tage mit Sofia und Flip im Baumhaus verbringen. Doch in letzter Zeit tauschen die beiden ständig geheimnisvolle Blicke und wollen sowieso nur an die Pipe. Als dort eines Tages die Blaue mit struppigen Haaren und schrägen Klamotten auftaucht, werden die Karten neu gemischt. Lara Schützsack beschreibt Magdalenas widersprüchliche Gefühlswelt mit großem Wiedererkennungswert für junge Lesende und auch Eltern könnten von ihrem verständnisvollen Blick einiges lernen. Bereits ihr mehrfach ausgezeichneter Roman Sonne, Moon und Sterne leuchtete einfühlsam und leichtfüßig die Gefühlswelten von Heranwachsenden aus. Zwischentöne und Auslassungen verdichten auch die Erzählweise des neuen Buchs zu einer literarischen, ja poetischen Sprache, die viel Raum lässt für eigene Gedanken. (Jana Kühn)
England, zur Zeit des Corona-Lockdowns. Die Grundschullehrerin Anna versucht ihre Schüler online zu unterrichten, und schreibt nebenher Tagebuch. Als sie anlässlich eines Gerichtsprozesses, bei dem Freunde aus der Zeit, da sie mit einer Gruppe von Straßenkünstlern in den 80er Jahren gegen die der englischen Regierung protestierte, angeklagt sind, Buster in der Menge entdeckt und ihm folgt. Buster war damals ihr Freund – und ein V-Mann der Polizei, der sie alle verraten hat.
Das ist alles andere als ein Idyll, diese grüne schöne Insel voller Obstbäume im norwegischen Meer, wie gleich zu Beginn des Romans mit harten Szenen aus dem Inneren eines Schweinestalls unmissverständlich klar gemacht wird. Einer, der von außen kommt, ein traumatisierter Städter, versucht, an diesem Ort seinen Frieden zu finden. Planlos läuft er über die Insel, trifft auf diverse Bewohner:innen, die dem wirren Fremden eher kopfschüttelnd begegnen. Meisterlich, wie der Autor schon die ersten Irritationen, die sich bei den Menschen, ihren Familien und ihren Beziehungen auftun, ins Spiel bringt und unaufhörlich die Spirale der Ereignisse anzieht. Das hat Hitchcockqualität, geht aber weit darüber hinaus. Denn der zweite Mord betrifft im Prinzip alle. Wie Vesaas die Abgründe schildert, in die (wir) Menschen unglaublich schnell und bedenkenlos geraten können und was das für langfristige Folgen haben kann, ist atemberaubend. Und Hinrich Schmidt-Henkel hat in seiner Übersetzung dafür eine knappe zeitlose Sprache gefunden, die das Geschehen mühelos auf die Gegenwart überträgt. (Stefanie Hetze)
Maud Martha ist eine Frau mit einer zarten Seele und einem Sinn für das Schöne. Doch sie lebt in Chicagos South Side, wächst auf in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, und sie ist schwarz. So lernt das Mädchen, das Löwenzahn liebt, da es „tröstlich war, dass etwas, was gewöhnlich war, gleichzeitig eine Blume sein konnte“ früh, dass das Leben ihr nicht gibt, was sie sich wünscht.
In Zeiten gigantischer Supermärkte und Lieferservices nach Hause sind Orte, an denen Menschen sich treffen, um Lebensmittel direkt zu verkaufen und einzukaufen, für Kinder oft Terra incognita. Dieses großformatige wimmelige Sachbilderbuch, das neben zwei Märkten in Hamburg und München, berühmte Märkte, Basare und Hallen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten vorstellt, lädt Kinder und Erwachsene ein, sich mit allen Sinnen in das vielfältige Marktgeschehen zu stürzen. Jede Menge Lebensmittel gibt es zu entdecken, Rezepte regen zum Kochen und Ausprobieren neuer Gerichte und Gaumenfreuden ein. Ein paar Begriffe in den verschiedenen Sprachen lassen sich lernen, Preise für Obst, Snacks usw. einordnen, die verschiedensten Einkaufsgewohnheiten anschauen – kurzum ein pralles tolles Buch, in dem es viel zu entdecken gibt und Lust macht, selbst einmal einen Wochenmarkt zu besuchen und / oder in der Gruppe sich über die Märkte, die die Kinder kennen, auszutauschen. 
Henry Preston Standish ist ein Gentleman der alten Schule, stets elegant, sportlich und distinguiert. Und so erscheint ihm sein Fall von einem Ozeandampfer in den Pazifik zunächst als peinliches Missgeschick. „So etwas machte man nicht“. Nun treibt der junge, durchtrainierte Mann Stunde um Stunde im Wasser und macht sich Gedanken über seine Lage, sicher, dass dies eine äußerst erzählenswerte Anekdote aus seinem Leben sein wird. Doch an Bord wird sein Verschwinden lange, viel zu lange, nicht bemerkt, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.
In einer schon fortgeschrittenen Nacht, als sie mit einem alten Freund unterwegs ist, trifft Judith Hermann in einem Späti auf der Kastanienallee zufällig ihren ehemaligen Analytiker. Zum ersten Mal außerhalb des geschützten Raums seiner Praxis, als sie und ihr Freund in ein langes Müttergespräch eingetaucht waren. Diese zufällige surreale Begegnung, die die Autorin wie eine filmreife Szene beschreibt, lässt sie nicht los. Sie folgt ihrem Ex-Analytiker in eine Kneipe und nutzt das Aufeinandertreffen und all das, was es bei ihr an Erinnerungen und Reflexionen auslöst, zum Ausgangspunkt ihres Buches zum „Schweigen und Verschweigen im Schreiben“ und erschafft einen ganzen Kosmos aus ihrer ungewöhnlichen Kindheit und Jugend. Aus Familie und Freundschaften, Berlin und dem Land, Tagen und Nächten, Dingen und Ideen, Alltag und Literatur. Mit ihrer direkten verdichteten Sprache gelingt ihr bravourös der Spagat, sehr Privates zu erzählen und gleichzeitig darüber hinaus vom Lebensgefühl einer Frau in der Mitte des Lebens zu schreiben – und dies in ihrem unverwechselbaren tollen Sound! (Stefanie Hetze)