Rom und sein ewiger Fluss. Beck 2023, 319 S., € 28,-
Der Tiber schlängelt sich um das westliche Zentrum Roms, fristet aber reguliert neben den berühmten historischen Stätten und Gebäuden der Ewigen Stadt ein Schattendasein. Das könnte sich mit diesem Buch gehörig ändern, denn die seit langem in Rom lebende und recherchierende Autorin stellt den Fluss ins Zentrum und fördert Erstaunliches zutage. Dabei spannt sie den Bogen von der Mythologie über die enorm wichtige Funktion als Lebensader bis zum Schicksalsfluss. Die Stadt Rom mit ihrer 3000jährigen höchst wechselvollen Geschichte ist ohne den Tiber undenkbar. Ohne den Fluss, auf dem vom Meereshafen Ostia aus gigantische Mengen an Getreide, Marmor und Waren aller Art transportiert wurden, hätte Rom nie diese Bedeutung gehabt, hätten Imperatoren und Päpste nie ihre Macht derart ausbauen können. Anschaulich und voller Details schildert Schönau aber auch die Probleme, die das Gewässer verursachte. So werden die Abwässer Roms erst seit kurzem flächendeckend geklärt, haben die Menschen früher sein Wasser getrunken und wie Goethe und Pasolini darin gebadet. Ein beeindruckendes Porträt, angereichert mit Stadtplänen, Fotos und vielen Hintergrundinformationen. Eine echte Perle. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Edel und geheimnisvoll lockt der schöne Einband, ihn aufzuschlagen. Innen geht es gleich weiter mit grafischen Mustern und Symbolen, einem ausführlichen Inhaltsverzeichnis und grundlegenden Infos, die zu einer Reise durch die Regionen und Länder des vielseitigen Kontinents einladen. In Texten und Bildern werden historische Ereignisse, verschiedenste Kulturen, unterschiedlichste Menschen, Sprachen, Landschaften, Schlüsselfiguren und Vorbilder sowie regionale Besonderheiten spotlightartig vorgestellt. Da kommt ebenso Traditionelles zur Sprache wie die Verwendung modernster Technik. Kinder, Jugendliche und Erwachsene erfahren durch die konzentrierten Texte der simbabwischen Autorin und die coolen Bilder des nigerianischen Illustrators jede Menge Interessantes und Wissenswertes über diesen vielschichtigen vitalen Kontinent. Die Flaggen aller Länder, ein Glossar und Register runden dieses herausragende Sachbuch für die ganze Familie ab. (Stefanie Hetze)
Der 100. Band der von Judith Schalansky herausgegebenen Naturkunden ragt selbst unter den Titeln dieser besonderen Reihe heraus. Die preisgekrönte schottische Essayistin vollführt in ihrem Buch einen Spagat, denn sie entdeckt und beschreibt Naturphänomene, die es nach menschlichem Ermessen eigentlich nicht geben dürfte. Ihr Interesse gilt Orten und Landstrichen, die schwer durch Klimakrisen, Kriege und Katastrophen kontaminiert und eigentlich unbewohnbar sind. Meist mussten die Menschen sie von einem Moment auf den anderen räumen und ihre Häuser samt Inventar sich selbst überlassen. Leer und verfallen begannen diese zerstörten Landschaften und Gebäude ein neues Eigenleben, siedelten sich allmählich Gräser, Bäume, Wälder zwischen aufbrechendem Asbest und Beton an, kamen zuhauf Tiere in die menschenfreien Zonen. Ein Paradox entsteht weltweit in diesen verlassenen Gegenden, eine neue resiliente Artenvielfalt, die, so scheint es, mit Verseuchtem besser klarkommt als mit der menschlichen Existenz. Die auf ihren Erkundungsreisen beobachteten gleichzeitig faszinierenden wie irritierenden Vorkommnisse brechen herkömmliche Gedankenraster auf. Was für eine außergewöhnliche Reise! (Stefanie Hetze)
Was will uns eine Engländerin über Pasta erzählen, wird sich mancher fragen. Erstaunlich viel, kann man da nur antworten. Abgesehen davon, dass Rachel Roddy seit fast 20 Jahren in Italien lebt, hat sie die Kunst der Pastazubereitung wirklich zur Perfektion gebracht und lässt uns erfreulicherweise daran teilhaben. Nach Nudelsorten geordnet (denn ja, jede Nudelsoße verlangt nach der zu ihr passenden Nudelform) erhalten wir nicht nur hervorragende Rezepte mit vielen Insidertipps, sondern erfahren auch so einiges Interessantes über die Kulturgeschichte der Pasta und der verschiedenen Soßenzutaten. Dazu ist das Ganze noch äußerst unterhaltsam aber keineswegs anbiedernd geschrieben – also nix wie ran an die Töpfe! (Syme Sigmund)
Der englische Kunstkritiker, Kurator und Maler Roger Fry ist hierzulande nahezu unbekannt, was erklären mag, dass dem AvivA Verlag eine kleine feine Sensation gelungen ist: die deutsche Erstveröffentlichung eines Werks von Virginia Woolf! 1940 in England als ihr letztes Buch erschienen, liest sich das Porträt ihres guten Freundes aus dem legendären Bloomsbury Kreis frisch und lebendig wie ein Buch von heute. Formal eher unspektakulär, so schildert Woolf Frys Leben und Werdegang chronologisch, fächert sie die Facetten dieses leidenschaftlichen Kämpfers und Visionärs für die Moderne weit auf. Mit Respekt, intimster Kenntnis und Humor porträtiert sie den Freund, verwebt auf geniale Weise seine eigenen Briefe und Schriften mit ihren literarischen Schilderungen. Gleichzeitig überschreitet sie den engen Rahmen einer Biografie und konzentriert sich auf die gewaltigen kulturellen Umbrüche, die er mit zwei Ausstellungen auslöste, und die sich nachhaltig auf die Künste in England auswirkten, nicht zuletzt auf Virginia Woolfs eigenes Schreiben. Aber lesen Sie selbst. (Stefanie Hetze)
Ari fühlt sich am wohlsten, wenn sie auf ihrem Skateboard steht und das vertraute Rollgeräusch jede ihrer Bewegungen begleitet. Ganz schön ist es auch in dem etwas seltsamen Tech-Laden, den ihr alleinerziehender Vater Bob betreibt, und in dem ihre Freunde Jasin, Lou und Teddy gerne vorbeischauen. Doch eigentlich treffen sich immer alle im Skaterpark. Als einziges Mädchen, das nicht nur staunend am Rand sitzt, hat Ari dort ein festes Standing und den Ruf als verdammt coole Skaterin. In den Osterferien poppt plötzlich Tom in einem irren Tempo auf den Platz – und scheinbar ebenso in die Herzen aller Jugendlichen. Nur Ari zeigt sich wenig beeindruckt von seinem Style und seinen Skateboardtricks. Doch in nur zwei Wochen fegt es mehr als diese eine Gewissheit davon. Eva Rottmann erzählt davon mit viel Einfühlungsvermögen als Rückblick aus Aris Tagebuch. Ganz beiläufig werden dabei große und gesellschaftsrelevante Fragen zu beispielsweise Geschlechterrollen oder dem Umgang mit psychischen Krankheiten verhandelt. Dabei scheut Rottmann weder dialogstarke Jugendsprache noch Skaterslang und liest sich keine Spur anbiedernd, sondern glaubwürdig, zugewandt und enorm spannend obendrauf. (Jana Kühn) 
Maruša Krese war Lyrikerin, Autorin von Kurzgeschichten und Radiofeuilletons, alleinerziehende Mutter, Über-Lebenskünstlerin, weltoffene Kosmopolitin und Tochter hochdekorierter slowenischer Partisanen. In ihrem ersten Roman, den sie kurz vor ihrem Tod mit 62 Jahren veröffentlichte, verarbeitet sie, wie so oft in Debüts, ihre eigene Familiengeschichte. Dabei wählt sie jedoch einen Kunstgriff, der den Roman zu einem literarischen Juwel macht. Für ihre drei Hauptpersonen Mutter, Vater und sich selbst wählt sie drei Stimmen. Sie, Er, Ich. Mitten im extrem harten Partisanenkrieg erzählen abwechselnd Sie und Er ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. Nach dem Krieg im kommunistischen Jugoslawien, in dem Sie und Er erst einmal Karriere machen und hohe Preise dafür zahlen, kommt Ich mit der Wahrnehmung einer anderen freiheitsliebenden Generation hinzu, wechseln die drei Innenperspektiven auf die massiven politischen Umwälzungen einander ab. Das ist Geschichte von innen erzählt. Beeindruckend. (Stefanie Hetze)
Der Himmel über Berlin hat sich wieder aufgetan und einen Engel rausgelassen. Dieser Engel, Vanessa, arbeitet nachts in einer Kreuzberger Kneipe und verteilt tagsüber als Apothekenkurierin Drogen an die vom Leben Erschöpften. Von der ersten Seite an treibt das Metronom Tim Staffels durch die Geschichte. Vertraut der Rhythmus seiner kurzen dichten Sätze. Schon taucht Deniz auf, ein Streifenpolizist aus der Friesenstraße und mit ihm dessen parkinsonkranker Vater Markus. Es wird dauern, bis sich die Wege der beiden Protagonist*innen kreuzen und eine Liebesgeschichte entsteht, die so gar nichts mit ihren gegensätzlichen Lebenswelten zu tun hat. Ab und zu treiben kleine, dystopische Miniaturen durch das Bild und erinnern an etwas Bevorstehendes. Der Seismograph Staffel weiß, wo er bohren muss. Ein Tischtennisausflug zum Lietzensee, eine Frau mit Hund kreuzt den Weg. Zum Glück, denn mit wenigen Sätzen legt Staffel die Biographie dieser gebrochenen Charlottenburger Gestalt frei und mit ihr urbane Zeitgeschichte. Von diesen Synkopen gibt es unzählige. Je tiefer man hineingerät in den Sog dieser atemlosen Liebesgeschichte zweier Gestrandeter, desto mehr wartet man darauf. Und dann am Schluss dieses leise, schnelle, tiefschöne Finale. Manchmal ist es so einfach. (Kerstin Follenius)