Lauren Groff: Die weite Wildnis

Aus dem amerikanischen Englischen von  Stefanie Jacobs, Claassen 2023, 288 S., € 25,-

Es sind die ganz frühen, eiskalten Morgenstunden, als sich das Mädchen Lamentatio aus einem Fort englischer Siedler in Nordamerika davonschleicht. Vor ihr liegt nicht weniger als Die weite Wildnis mit all ihren Gefahren. Doch mehr noch als Dunkelheit, Kälte und Einsamkeit fürchtet das Mädchen die Menschen, vor denen sie flieht bzw. ihren oder gar ihre mit Sicherheit beauftragten Verfolger. Schlimmes muss ihr widerfahren sein, man ahnt es lange nur. Von nun an wechseln sich Mut und Entdeckerfreude ab mit Verzweiflung und Schmerz. Für Lamentatios Kampf ums Überleben findet Lauren Groff einen überaus packenden Erzählton, der ihre existenziellen Erfahrungen fast physisch erlebbar macht – selten habe ich so mit einer Protagonistin mitgefiebert. Lamentatios in Rückblenden erzählte Erinnerungen sowie ihre im wandernden Selbstgespräch immer kritischer gestellten Fragen an Gott und die Welt gehen jedoch weit über das Genre des Abenteuerromans hinaus. Lauren Groff schlägt meisterhaft einen Bogen zu gesellschaftlichen Themen und Debatten, die heute von größter Aktualität sind. Sie verknüpft Elemente des Nature Writing, des historischen, des feministischen, des politischen Schreibens zu einem schlicht umwerfenden Roman. (Jana Kühn) Leseprobe

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Anete Melece: Der stibitzte Schlaf

Aus dem Lettischen von Matthias Knoll, Verlag Antje Kunstmann 2023, 32 S., 16,- €, ab 3

Es ist Schlafenszeit. Papa liest Stella noch etwas vor, doch nach einer, zwei – nein neun (!) Geschichten ist Stella immer noch nicht müde. Da ruft Papa schnell mal beim Schlaflieferservice an. Der versichert jedoch, schon eine Portion Schlaf geliefert zu haben, ja, auch an die richtige Adresse. Wo ist der Schlaf gelandet? Papa und Stella suchen mithilfe der Detektive Nilpferd und Flamingo in der ganzen Wohnung nach ihm. Sie suchen in allen Zimmern, im Bad in der Badewanne, in der Küche auf dem Herd und im Flur – hat vielleicht der Staubsauger den Schlaf einfach weggesaugt? Am Ende stellt sich natürlich heraus, wer den Schlaf stibitzt hat, doch das wird hier nicht verraten.
In knalligen, mit Filzstift und Aquarellfarben gemalten Bildern, erzählt Anete Melece, die schon mit „Der Kiosk“ ihre Begabung unter Beweis gestellt hatte, diese Suche voll witziger Details, die nicht nur Kindern, sondern auch den hier bestimmt nicht einschlafenden Vorlesenden riesigen Spaß macht. (Syme Sigmund) Blick ins Buch

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Darja Serenko: Mädchen & Institutionen

Aus dem Russischen von Christiane Körner, mit Illustrationen von Xenia Chariyeva, Suhrkamp 2023, 191 S., € 23,-

Was ist das? Ein weißer Umschlag mit einer rein schwarzen typographischen Gestaltung, die die Sprengkraft dahinter nur in dem übergroßen Zeichen für „Und“ andeutet. Dass in Putins Russland ein einziges Icon Menschen ins Gefängnis bringen kann, davon erzählen diese Geschichten der jungen Autorin, Feministin und Antikriegs-Aktivistin Darja Serenko. Im ersten Teil des Bands erzählt sie in poetisch verdichteten Texten von Frauen, die in den patriarchal-autoritären Kulturinstitutionen Russlands herabgewürdigt als „Mädchen“ drangsaliert werden. Die Autorin, die „Hunderte“ von ihnen in Bibliotheken, Universitäten usw. befragt hat, erzählt ganz aus dem Inneren des totalitären Alltags, der von geradezu absurder repressiver Willkür geprägt ist. Wie sich dieses Leben zwischen Mitmachen und Entziehen für Frauen anfühlt, vermittelt sie bravourös. Die prägnanten Illustrationen intensivieren dieses Dilemma zusätzlich. Was die Konsequenz eines kleinen Aufbegehrens dagegen ist, wird im zweiten Teil des in Russland nicht veröffentlichten Gefängnistagebuchs deutlich spürbar. Serenko verschränkt hier dokumentarisches Schreiben, essayistische Reflexionen und träumerische Poesie und bewegt sich so eindrücklich zwischen Verzweiflung, Kampf und Hoffnung hin und her. Die Anmerkungen Christiane Körners erhellen viele uns hierzulande unverständlichen Anspielungen. Mittlerweile lebt die Autorin im Exil. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Stefanie Sargnagel: Iowa – Ein Ausflug nach Amerika

Mit korrigierenden Fußnoten von Christiane Rösinger. Rowohlt 2023, 304 S., € 22,-

Ein privates liberales College in einer amerikanischen Kleinstadt in the Middle of Nowhere hat die Autorin erstaunlicherweise eingeladen, die privilegierten Studierenden dort in Creative Writing zu unterrichten. Zur Verstärkung nimmt sie ihre Tourfreundin, die 30 Jahre ältere Künstlerin Christiane Rösinger mit, die auf dem Campus auch ein Konzert geben soll. Sie kommen in einem großen Haus der Uni mit nur einem Sofa und einem Fernsehsessel (die Coverabbildung!) unter, müssen sich miteinander sortieren und gleichzeitig dieses seltsame Amerika des Mittleren Westens erkunden. Teilweise zu Fuß, ein Unding, ziehen sie los, wenn sie sich denn endlich aus ihrer Bequemlichkeit und ihrer Künstlerinnen-WG aufgerafft haben. Lakonisch vergleicht Sargnagel ihre Beobachtungen und Erlebnisse vom bizarren Amerika mit ihren Bildern und Erwartungen im Kopf, die Rösinger immer wieder knochentrocken und lebenserfahren kommentiert. Dieser ständige Dialog der zwei Künstlerinnen, die an ganz unterschiedlichen Punkten im Leben stehen, macht den besonderen Reiz dieser Reiseerzählung aus, das gegenseitige Reden, Necken und Kritisieren von spöttisch bis liebevoll. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Rachel Ferguson: Die Brontës gingen zu Woolworths

Aus dem Englischen von Sabine Reinhardus, Nagel & Kimche 2023, 256 S., € 22,00

Englische Autorinnen der 1930er Jahre erleben gerade ein spektakuläres Comeback. Neben Wiederauflagen von Klassikerinnen wie Josephine Tey und Margaret Kennedy gibt es auch eine deutsche Erstveröffentlichung zu vermelden und dringend zu empfehlen. Rachel Fergusons „Die Brontës gingen zu Woolworths“ is very british indeed: skurril, unterhaltsam, tiefgründig und schwer aus der Hand zu legen.
Die Handlung ist schnell umrissen: Mrs. Carne und ihre drei Töchter haben nach dem Tod des Vaters einiges zu tun, um ihre Position in der Gesellschaft zu sichern. Zumal die Töchter recht genau wissen, was sie vom Leben wollen und das nicht unbedingt den sozialen Normen ihrer Zeit entspricht. Ihr Ausweg aus diesem Dilemma ist bestechend einfach und hinreißend komisch. Mangels realer Kontakte, erfinden sich die vier Frauen ein reges Sozialleben mit allerlei prominenter Besetzung, das sie in verteilten Rollen zu Hause zum Leben erwecken. Als plötzlich eine dieser fiktiven Begegnungen real wird, kommen die vier ins Straucheln.
Ferguson beherrscht dieses Spiel mit doppelten Böden, Täuschungen und haarfeinen Pointen meisterhaft. Sie erzählt mit ihren vier Protagonistinnen die Geschichte weiblicher Selbstermächtigung die im ganz privaten ihren Anfang nimmt und das mit einer Lust am Fabulieren, am Erzählen, das man unversehens inmitten großer Literatur steht, die ganz einfach Spaß macht.
Ferguson ist die perfekte Begleiterin für lange, winterliche Leseabende. Ein hinreißend böses und abgrundtief lustiges Buch über das Geschichtenerfinden und die schöpferische Kraft von Familie. (Kerstin Follenius)

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Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Rowohlt 2023, 480 S., € 26,-

G.W. Pabst, neben Lang, Murnau und Lubitsch einer der ganz großen Regisseure der Weimarer Republik, Entdecker von Greta Garbo, ging nach der Machtergreifung der Nazis in die USA, es gelang ihm aber nicht, in Hollywood Fuß zu fassen. Hier setzt Kehlmann ein, der das Leben Pabsts von diesem Moment an bis 1945 in einen packenden Roman verwandelt hat.
Pabst ging zurück nach Europa, nach Frankreich. Während eines Besuchs in Österreich bei seiner schwerkranken Mutter wird er vom Kriegsausbruch überrascht und kann das Land nicht mehr verlassen. Ihm, der aufgrund seiner sozialkritischen Filme der „rote Pabst“ genannt wurde, wird nun zu verstehen gegeben, dass er Filme zu drehen hat, eine Ablehnung hätte schwerwiegende Folgen für ihn und seine Familie. Der Regisseur fügt sich – in Kehlmanns Interpretation – nur widerwillig, doch wird er nach dem Krieg der Verstrickung beschuldigt, seine große Zeit ist definitiv vorbei.
Wie ist Kunst möglich unter einem totalitären Regime? Wie kann man integer bleiben, wenn der eigene Mut nicht zum Widerstand reicht? Ist korrumpierte Kunst noch Kunst? Zeitlose Fragen, die leider aktueller nicht sein könnten. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Mirjam Oldenhave: Jakob und der Berg der vergessenen Dinge

Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann, Coppenrath 2023, 208 S., € 16,-, ab 6

Jakob und sein Vater Ed haben einen unkonventionellen Lebensstil. Sie wohnen in einem kleinen Haus auf Rädern, das sie am liebsten da aufstellen, wo es ihnen gut gefällt und Platz dafür ist. Leider passt das vielen Leuten nicht, weshalb sie oft umziehen müssen. Zuletzt parken sie ihr mobiles Häuschen neben dem großen Plunderberg. So manche*r würde ihn Müllberg nennen, aber für den fantasievollen  Jakob ist es das Paradies! Der geschickte Junge findet hier jede Menge zwar ramponierte, auf jeden Fall aber noch gut brauchbare Dinge: ein Kanu, einen Kinderwagen, eine Kleiderpuppe. Vielleicht lässt sich der Motor einer Waschmaschine ausbauen? Doch dann führen viele verflixte Zufälle, vor allem aber die Vorurteile der Erwachsenen dazu, dass Jakobs Vater ins Gefängnis muss. Mirjam Oldenhave stellt ihrem Protagonisten eine nicht weniger smarte Freundin und zahlreiche, nicht nur charakterstarke Helfer zur Seite. Mit viel erzählerischem Geschick hat sie eine aufregende wie berührende, feinsinnige wie urkomische Geschichte erdacht, die in aller Beiläufigkeit große Themen wie Voreingenommenheiten oder das gängige Konsumverhalten in Frage stellt. Wie sich die cleveren Kids  mutig durch die Welt der Erwachsenen tricksen ist ein spannender Vorlesespaß für die ganze Familie. (Jana Kühn)

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Ethel Smyth: Paukenschläge aus dem Paradies. Erinnerungen

Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Heddi Feilhauer. Ebersbach & Simon 2023, 256 S., € 24,-

„Es sei sehr einfach in graziöser Weise mit dem Strom zu schwimmen, aber einer Gegenströmung zu trotzen erfordere etwas ganz anderes.“
Was das sein könnte, verrät uns Ethel Smyth in diesen autobiographischen Erinnerungen. Die junge Ethel wusste früh, dass sie etwas will – beim Spielen draußen eine Hose tragen, zum Beispiel. Als junge Erwachsene tritt sie in Hungerstreik, um dem Vater zu beweisen, dass es ihr Ernst ist mit der Musik. Als er zustimmt, geht es los, dieses stürmische, inspirierte und temperamentvolle Leben der Ethel Smyth. Sie verlässt die Heimat, wird Musikerin, Komponistin, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Sie trifft Brahms und Tschaikowsky, Kaiserin Eugenie und Queen Victoria, Emily Pankhurst und Virginia Woolf. Sie lebt in Dreiecksbeziehungen mit Männern und Frauen und beherrscht den Spagat zwischen Konventionen und ihrem Bruch aufs Feinste. Ein Beispiel: Mit dem Fahrrad besucht sie ihre Freundin Eugenie, die letzte Monarchin Frankreichs, in deren Residenz unweit des Familienanwesens der Smyths in Südengland. In den Büschen vor dem Palast wechselt sie schnell die Fahrradhose gegen standesgemäße Kleidung. Die Ex-Kaiserin erfährt es, lacht schallend und stellt ihr fortan ein Umkleidezimmer im Palast zur Verfügung. Temporeich, aufmüpfig und selbstbewusst erzählt – ein gar nicht mal so viktorianisches Vergnügen! (Kerstin Follenius)

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Maxim Biller: Mama Odessa

Kiepenheuer & Witsch 2023, 230 S., € 24,- 

Nach dem Tod der Mutter kreisen die Gedanken des Schriftsteller-Sohnes um ihre Familiengeschichte und ihr zurückgelassenes Leben in Odessa. Die Familie Grinbaum sah sich zur Emigration gezwungen, nachdem die politischen Aktivitäten des Vaters lebensbedrohlich wurden. Der Vater träumt von einer Zukunft in Israel, wo sie aber nie ankommen. Auch in ihrem neuen Wohnort im Hamburger Grindelviertel kommen sie – jeder auf seine Weise – nie wirklich an. Für die Mutter, die für längere Zeit vortäuscht, nur rudimentär deutsch zu sprechen, und die sich in den russischen Klassikern zu Hause fühlt, wird das Schreiben entlang der Familiengeschichte zum Zufluchtsort.
Die assoziative Gedankenreise des Erzählers ergänzt sein Erinnertes durch mütterliche Erzählungen und Briefe und lässt so ein facettenreiches Bild von historischen Ereignissen und Familienmythen entstehen, das auf wunderbare Weise nachdenklich macht. Immer präsent und atmosphärisch stark erzählt ist die vereinende Sehnsucht nach Odessa, nicht zuletzt durch den dort zurückgelassenen geliebten Großvater. Mit viel Melancholie und Wärme erzählt Biller, der erneut offenherzig mit Fiktion und Wirklichkeit spielt, von dem Schicksal der Juden in der Sowjetunion und einer eigensinnigen Mutter-Sohn Beziehung. (Franziska Kramer) Leseprobe

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Andreas Langer: Schneekinder

Ueberreuter 2023, 352 S., € 16,-, ab 11

Jorlands König führt Krieg. Lange schon sind alle Erwachsenen entweder an die Front oder zum Hilfsdienst geschickt worden. In abgelegenen Bergdörfern leben nur noch wenige Alte und Kinder. Als in einem Bergwerk eine Bodenspalte geöffnet wird, steigen von dort giftige schwarze Schwaden auf und plötzlich drängen riesige steinerne Gestalten donnernd nach draußen. Die erst halbwüchsigen Bergarbeiter fliehen in das nächstgelegene Dorf und schließen sich einem Tross aus vor allem Kindern und Jugendlichen an. Eher wider Willen wird die 14jährige Elin zur Anführerin der Flüchtenden auf ihren beschwerlichen, tief verschneiten Pfaden. Sehr atmosphärisch beschreibt Andreas Langer die unwegsamen Winterlandschaften und lässt sie bildstark an Islands unberührte Natur erinnern. Genauso spannend wie die zahlreichen gefährlichen Abenteuer der Schneekinder ist jedoch zu lesen, wie es Elin gelingt, die unterschiedlichen Charaktere sehr verschiedenen Alters immer wieder in der Gruppe zusammenzuhalten. Welche Wesenszüge kitzeln Ausnahmesituationen heraus? Wieviel Moral bleibt übrig, wenn der Hunger groß ist? Solcherart Fragen stellt Andreas Langer seinen jungen Protagonist*innen zwischen den Zeilen. Damit gelingt ihm ein vielschichtiges, packendes Abenteuer perfekt für lange Winterabende. (Jana Kühn) Leseprobe

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