David Wagner: Der vergessliche Riese

Rowohlt Verlag 2019, 269 S., € 22,-

Wagner vergessliche Riese_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergEin Vater wird dement und der Sohn muss ihm immer wieder die Situation oder die Vergangenheit erklären. Und so wie sich die familiäre Ordnung auflöst, löst sich auch die Bewertbarkeit und Gewichtung der Ereignisse auf. Da ihm nun die zweite Ehefrau kürzlich verstorben ist, ist seine wiederkehrende Sorge, dass er nur schwer auszuhalten sei. „Eigentlich ist es ganz angenehm mit dir. Oft sogar lustig“, antwortet der Sohn darauf mehrmals im Buch.
Es ist
dieser liebevolle, zugleich angenehm unheilige Umgang miteinander, der diesem schweren Thema die Dramatik nimmt. So ist man berührt, aber nicht erschlagen und findet sich neben der individuellen Vater-Sohn-Geschichte auch im wunderbar gezeichneten Kosmos einer Kindheit der Siebzigerjahre in der Bonner Republik wieder.
Demenzerkrankungen sind
wahre Zerreißproben: vor unseren Augen vollzieht sich ein unberechenbarer und unaufhaltsamer Prozess der Auflösung alles Vertrauten und des sensiblen Konstruktes unserer Erinnerungen. Bei David Wagner wird daraus aber etwas Tröstliches. „Wir passen auf dich auf“ sagt der Sohn zum Vater und die gemeinsame Anstrengung, sich zu erinnern  und immer wieder entstehende Lücken neu zu füllen schafft hier einen Raum, sich neu und anders zu begegnen. (Franziska Kramer)

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Lucy Fricke: Töchter

Rowohlt 2018, 240 S., € 20,-

Fricke Töchter_Danteperle_DanteConnectionBetty – Mitte Vierzig, nie angekommen im Leben, eher immer noch Jugendliche kurz vor dem Absturz als gestandene Frau -zögert nicht lang, als ihre Uraltfreundin Martha sie bittet, sie zu begleiten – ihr todkranker Vater will in die Schweiz gefahren werden, er hat einen Termin, übermorgen, Sterbehilfeinstitut. Zu dritt brechen sie auf, doch nichts bleibt, wie es scheint und auch Betty hat einen Vater im emotionalen Gepäck, einen italienischer Stiefvater, der einzige, den sie je liebte und der verschwand, als sie zehn Jahre alt war. Wie es weiter geht in Italien und schließlich in Griechenland mit dieser rasanten Road-Novel voller überraschender Wendungen, in der viel geraucht und noch mehr getrunken wird und beide Väter noch so einiges zu melden haben, erzählt Lucy Fricke mit herrlich trockenem Humor und viel  geistreicher Ironie. Ein höchst amüsantes Buch, bei dem am Schluss – doch, das auch – die Träne im Augenwinkel steht. (Syme Sigmund)

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Das bestelle ich!

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Suhrkamp 2015, € 19,95

36_rothmann_fruehlingAls tragisch bezeichnete die Antike Situationen, in denen die unausweichliche Notwendigkeit besteht, so zu handeln, dass etwas Verhängnisvolles passiert. Ralf Rothamanns Buch ist in diesem klassischen Sinn ein tragischer Roman. Er versucht, das Kriegstrauma des eigenen Vaters aufzuarbeiten, der mit 17 zusammen mit seinem besten Freund Fiete noch 1944 zwangsrekrutiert und an die Front geschickt wurde. Als Fiete desertiert und gefasst wird, wird Walter ins Erschießungskommando beordert und steht vor der Entscheidung, abzudrücken oder selbst erschossen zu werden. Sein Vater hat nie über seine Erlebnisse gesprochen. Rothmann beschreibt die Schrecken des Krieges mit einer beklemmend dichten, schockierend direkten und gleichzeitig hochpoetischen Sprache. Er hat einen großartigen Antikriegsroman geschrieben, der unter die Haut geht und noch lange nach der Lektüre im Leser Spuren hinterlässt. (Syme Sigmund) Leseprobe