Donnerstag, 9.5.

Prawda-HoppeEuropa verlassen – Lesung

Felicitas Hoppe liest aus ihrem Roman „Prawda: eine amerikanische Reise“

Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe auf Expedition in einem unbekannten Amerika: Zehntausend so komische wie hochpoetische Meilen reist Hoppe von Boston über San Francisco bis Los Angeles und zurück nach New York. Hellwach und hellsichtig begibt sie sich als literarischer Wirbelsturm auf die Spuren von Ilf und Petrow, zweier russischer Schriftsteller, die 80 Jahre vor ihr unterwegs waren und zu Kultfiguren wurden. Ob Hoppe mit ihnen die Ford-Werke und den ersten elektrischen Stuhl besichtigt, nebenbei den Zaun von Tom Sawyer streicht, in einem Tornado verschwindet oder im Auge des Sturms auf Quentin Tarantino persönlich trifft – „Prawda“ (russisch: Wahrheit) lässt die Leser Dinge sehen, wie sie über das unglaublichste Land der Erde noch nie geschrieben wurden: eine literarische Weltentdeckung.

Rahmenveranstaltung der Ausstellung Europa verlassen von  Jana Müller, Felicitas Hoppe und Alexej Meschtschanow.

wann? am Donnerstag, 9. Mai um 19 Uhr
wo? im Ausstellungsraum der IG Metall
Alte Jakobstraße 149, 10969 Berlin

 

Isabelle Lehn: Frühlingserwachen

S. Fischer Verlag  2019, 256 S., € 21,-

Lehn_Frühlingserwachen_Danteperle_DanteConnectionMit 37 verbringt man statistisch betrachtet die wohl glücklichste Zeit seines Lebens, heißt es in Isabelle Lehns zweitem Roman „Frühlingserwachen“. Ist das so?, fragt ihre Protagonistin zweifelnd und damit auch die Autorin selbst. Denn was Lehn hier vorlegt, ist ein literarisches Vexierspiel, indem sie um ihre vermeintlich eigene Identität kreist. Isabelle Lehn ist und lebt, worüber sie schreibt – oder eben auch nicht. Doch eigentlich geht es weniger darum wer sie ist, sondern um das was: Es geht darum Frau zu sein, Autorin, Freundin, Geliebte, vielleicht Mutter und es geht um Depressionen und Selbstzweifel, die wie die dunkle Rückseite der ganzen schönen Frühlingsgefühle aus dem Boden zu schießen scheinen. Das sind oft nicht unbedingt leichte Themen, doch werden sie derart klug, offen und selbstironisch erzählt, dass man die Autorin/Protagonistin gern durch Bars und Badezimmer, zu Lesungen und Therapiesitzungen und sogar in den Zoo begleitet. (Jana Kühn) Leseprobe

Das bestelle ich!

Frauen und Kleider. Was wir tragen, was wir sind

Hrsg. von Leanne Shapton, Sheila Heti & Heidi Julavits. Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeits & Britt Somann. Fischer 2015, € 24,99

33_frauen_und_kleiderEin Füllhorn: Hunderte Frauen, Künstlerinnen, Unbekannte, Prominente, Junge und Ältere, Weisse, Schwarze… äussern sich über das, was sie tragen, wie sie sich sehen und was sie mit ihrer Kleidung verbinden. Fragebögen, Foto- und Textcollagen, Gespräche, Selbstauskünfte sowie Abbildungen von Kleider-, Socken-, Brillen…sammlungen wechseln einander ab und ergeben ein vielstimmiges anregendes Bild. Es macht großen Spaß, in diesem Schatz zu stöbern!

Silvia Bovenschen: Sarahs Gesetz

S. Fischer 2015, € 19,99

23_bovenschen_sarah

Seit vier Jahrzehnten leben die Malerin Sarah Schumann und die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen in enger Verbundenheit, lange in räumlicher Distanz, seit die dreizehn Jahre  ältere Sarah Schumann einen Neuanfang in einer neuen gemeinsamen Wohnung anregte, zusammen in Berlin. Sarah Schumann kümmert sich um den Haushalt, ihr Gesetz gilt, ist jedoch nicht wirklich unumstößlich. Versprochen haben die beiden einander nichts, ihre Liebe ist von Respekt und Zwiesprache geprägt. Bovenschen porträtiert ihre eher wortkarge Freundin in ganz unterschiedlichen Miniaturen, befragt sie aus Anlaß des Buches, schreibt von sich selbst, von Schumanns Bildern, von den ungleichen Herkunftsfamilien, der extremen Kindheit der Älteren (Krieg, Flucht), von ihren Arbeiten und vor allem, wie sie einander begegnen. Dabei wahrt sie Diskretion, ist humorvoll und verknüpft das Porträt ihrer Freundin mit eigenen Erinnerungen und Erfahrungen. So entsteht ein berührendes Ensemble, das Einblick in die Vielfalt des Austauschs der beiden Frauen und ihrer Gedankenwelten gibt, aber auch das intellektuelle Klima vieler Jahre Bundesrepublik spiegelt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Aus dem Englischen von Anette Grube, S. Fischer Verlag 2014, € 24,99, TB Ausgabe € 9,99

21-adichie_americanahIfemelu und Obinze verlieben sich noch während ihrer Schulzeit in Lagos. Eine überraschende Entschlossenheit füreinander verbindet das selbstbewusst kluge Mädchen mit dem etwas draufgängerisch beliebten Jungen. Die lähmende Perspektivlosigkeit in Nigeria lässt Ifemelu schließlich ihre Heimat verlassen: sie studiert in den USA. Jahre später verlässt auch Obinze das Land und lebt illegal in London. Einfühlsam und bewegend begleitet Adichie ihre Protagonisten auf den sehr unterschiedlichen Lebenswegen. Ifemelu schreibt einen Aufsehen erregenden und kritischen Blogg zum Thema als Schwarze in den USA zu leben und den damit einhergehenden alltäglichen Rassismus. Obinze erfährt viel Demütigung, wird abgeschoben und steigt final zu einem erfolgreichen Geschäftsmann in Nigeria auf. Nach vielen Jahren treffen die beiden in Lagos wieder aufeinander, und alles und nichts ist, wie es vorher war. Ein politisches, ein anregend nachdenkliches, auch ein romantisches, vor allem ein mitreißendes Buch! (Jana Kühn) Leseprobe

J.M. Coetzee: Die Kindheit Jesu

S. Fischer Verlag 2013, € 21,99.

coetzee-kindheit-jesu_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergNein, es ist natürlich keine Heilandsbiographie oder Weihnachtsgeschichte, auch wenn der Roman voller biblischer Erzählbilder steckt. Wirklich auf den Punkt zu bringen, was genau Coetzee erzählt, ist schwierig – aber es begeistert! Ein Mann und ein Kind kommen als Bootsflüchtlinge in einem fremden Land an, das sie mit einer labyrinthischen Bürokratie, Spanisch-Sprachkursen und neuen Namen empfängt: Von nun an heißen sie Simon und David. Die Flüchtlinge, eine aktuelle Parallele? Ja bestimmt, doch ist die Geschichte in einer nicht näher benannten Zeit erzählt, in der die Menschen für Simon spürbar anders ticken. Sie lieben leidenschaftslos, sie philosophieren über das Sein des Stuhls und schildbürgern grandios, ohne ihr neues Leben im neuen Land zu hinterfragen. Wie zum Trotz liest Simon David aus dem Klassiker Don Quijote vor und findet schließlich eine neue Mutter für David – die kommt zum Sohn fast wie Maria zum Kinde, worauf die drei gemeinsam nach Novella aufbrechen. Dann doch eine Art heilige Familie? Ein Roadmovie ist es also auch? Ja und noch viel mehr! (Jana Kühn) Leseprobe