Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

Stories. Aus dem amerikanischen Englisch von Antje Rávic Strubel, Arche Literatur Verlag 2016, € 22,99

3_berlin_wasEine Entdeckung! Lucia Berlins in kleinen Auflagen erschienene Erzählungen waren in den USA aus dem Bewusstsein der litterarischen Öffentlichkeit verschwunden, sind nun triumphal wiederentdeckt und toll übersetzt. Im Prinzip erzählt die Autorin in den Stories ihr von krassen Gegensätzen geprägtes Leben, von desaströsen familären Beziehungen, Alkoholismus, Armut, Missbrauch, aber auch von Vitalität, Wiederaufstehen, der Kraft des Humors. Ihre Protagonistinnen sind wie sie Einzelkämpferinnen, alleinerziehende Mütter, die sich als Krankenschwestern, Lehrerinnen, Putzfrauen in den USA und Lateinamerika durchschlagen. Waschsalons, Notaufnahmen, Schnapsläden, der öffentliche Nahverkehr bilden die Settings für ihre Außenseitergeschichten. Was sie aber auszeichnet, ist ihre unmittelbare Sprache, die tiefen Verletztheiten ihrer Figuren nachspürt, dabei jedoch immer das Absurde, Unerwartete aufscheinen läßt. (Stefanie Hetze)
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Raija Siekkinen: Wie Liebe entsteht

Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat, mit einem Nachwort von David Wagner, Dörlemann 2014, € 16,90

Siekkinen-Leinen-US-uc.inddEs sind vor allem Frauen mittleren Alters, von denen die zehn kurzen Geschichten dieses schmalen, schön gestalteten Bands erzählen. Jede von ihnen befindet sich an einem Punkt ihres Lebens, der ein Weitermachen wie bisher unmöglich erscheinen lässt: der Tod eines geliebten Menschen, eine nicht enden wollende Renovierungen, ein Seitensprung. Es sind Geschiedene, Desillusionierte, innerlich Einsame, die uns in wie hingetupften skizzenartigen Szenen begegnen. Es passiert nicht viel, doch man taucht in den atmosphärisch dichten Erzählungen ein in Beschreibungen von Seelenlandschaften, die von der Sehnsucht nach einem Neuanfang, wahrer Liebe und Trost geprägt sind. Siekkinen schreibt Sätze die schlicht scheinen und doch voller versteckter Abgründe sind, die tief berühren und im Leser nachhallen. Für diesen in Finnland schon 1991 erschienenen Band wurde die Autorin für den Finlandia-Preis nominiert. In Finnland gilt die viel zu früh verstorbene Siekkinen, die Ingeborg Bachmann verehrte, heute als moderne Klassikerin. Nun ist sie endlich erstmals auf Deutsch erschienen. (Syme Falco) Leseprobe

Daniela Krien: Muldental

Graf Verlag 2014, € 18.00, Taschenbuch € 9,99

muldental_danteperle_dante_connectionMuldental – der kleine Ort Muldental ist nirgens und doch überall in der heutigen sächsischen Provinz. Die zehn Geschichten dieses Buches handeln alle  – irgendwie – von Menschen aus Muldental, Menschen, die im Leben nicht das bekommen haben, was sie sich erhofft hatten, nicht weiter wissen, mit dem Leben nicht zurecht kommen. Sie handeln von dem Mann, der erst die Arbeit und dann seineFrau verliert und schließlich vor dem Supermarkt als Alkoholiker endet oder von den jungen, gut ausgebildeten Müttern, denen die Prostitution als eine machbare Option erscheint, um der finanziellen Misere zu entkommen. Sie handeln von den Abgehängten, den “Wendeverlierern”, den Gescheiterten und Verzweifelten. Nein, wohlfühlen kann man sich nicht bei der Lektüre, das soll man auch nicht. Die Protagonisten kämpfen, wollen nicht untergehen, auch wenn sie eigentlich schon 10 Meter unter der Wasseroberfläche schwimmen, trotzen stoisch den Verhältnissen – oder haben längst aufgegeben. Daniela Krien überzeugt dabei mit einer kargen, unsentimentalen Sprache, die nachwirkt. Ein starkes Buch über die Randfiguren unserer Gesellschaft, nicht leicht zu verdauen aber unbedingt lesenswert. (Syme Falco) Leseprobe