Aus dem Amerikanischen von Alex Capus. Aufbau TB, 141 S., € 10,-
(Stand April 2021)
Dominic Molise ist 17 Jahre alt, klein, schüchtern, hat schiefe Zähne und ist italienischer Herkunft. Er lebt in einer kleinen Stadt in Colorado. Nichts an ihm ist besonders außer sein linker Arm, der einen großen Traum nährt: Dominic möchte nach Kalifornien gehen, um Baseball-Star zu werden. Schade, dass zwischen ihm und diesem Wunsch seine Eltern stehen, die sich Sorgen um seine Zukunft machen und ihn lieber als Mitarbeiter im Familienbetrieb sähen.
John Fante hat einen Bildungsroman vom Feinsten geschrieben, in dem Hoffnung, Enttäuschung, aber vor allem die Träume eines ganz normalen Jungens im Mittelpunkt stehen: Diese unspektakuläre Geschichte erzählt er in seinem üblichen leisen Ton, in einer Sprache, die einfach bedeutungsvoll wie wenige ist. 1933 ist ein kompakter, schneidender, zärtlicher Roman, der ein prächtiges Finale hat, und der einen wichtigen, zu oft vergessenen Autor in seiner besten Form zeigt. (Giulia Silvestri) Leseprobe

Es steht nicht gut um Privatdetektiv Joseph Weynberg, schwermütig und einsam ist er Alkohol und Drogen verfallen – seit kurzem dazu nicht nur diesen. Denn da gibt es die umwerfend schöne und geheimnisvolle Maude Anandin, die ein offensichtlich stinkreicher Senior von Weynberg beschatten lässt. Perfekte Zutaten für einen klassischen Noir? Weit gefehlt, denn Hendrik Otremba entwirft in seinem Debüt eine dystopische, irgendwie aus der Zeit gefallene Welt, die es in sich hat: die Menschen verroht, der Alltag kriminalisiert, Orte und Landschaften sind von Kriegen und Umweltkatastrophen verwüstet, es regnet sogar gefährlich giftig. Otremba schickt sein düsteres Paar vor gleich mehreren Verfolgern auf die Flucht quer durch verlassene Territorien. Dank überraschender Wendungen in einer literarischen Sprache, die wirklich das Genre knackt, folgt man den beiden atemlos auf ihrem gefährlichen Roadtrip … So mancher Musiker hat schon das Schreiben für sich entdeckt – aber bei Hendrik Otremba, dem Sänger der Post-Punkband Messer, kann man von einem echten Glücksfall sprechen. (Jana Kühn)
In einem England, in dem die Reichen die ersten Autos fahren, sich aber nur weibliches, da billiges Personal leisten, nutzen die Hausangestellte Jane und ihr Geliebter Paul, Sohn wohlhabender Eltern, die Gunst der Stunde. Am Mothering Sunday, dem Tag, an dem Dienstmädchen in ein paar freien Stunden ihre Mütter besuchen sollen und Pauls Eltern sich mit den Eltern seiner Verlobten treffen, verbringen die zwei ungleichen Geliebten erstmalig Zeit bei ihm zu Haus. In seinem Zimmer, in seinem Bett, die Fenster sind weit geöffnet. Der geschenkte Vormittag beschert den beiden Liebenden Momente auf Augenhöhe, die die inzwischen 90 Jahre alte und berühmt gewordene Schriftstellerin Jane als Gedanken- und Inspirationsquelle ihr Leben lang begleiten. Raffiniert verzahnt Graham Swift das folgende dramatische Geschehen mit Janes Schicksal, ihrem Innenleben und Entwicklungen in der englischen Klassengesellschaft, und dies auf wunderbar knappen 140 Seiten. (Stefanie Hetze)
1925 erschienen in der Beilage einer New Orleaner Zeitung kurze Prosastücke des bis dato nur als Lyriker hervorgetretenen 27-jährigen William Faulkner. Seine Protagonisten sind Fremde, Außenseiter – Bettler, Schmuggler, Kleinkriminelle oder Flickschuster. Alle eint die Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung und Würde, und Faulkner gelingt es mit seiner Mischung aus Umgangssprache und hoch poetischen Sätzen, in denen der Lyriker durchscheint, ihnen diese Würde zu geben. 1962 hat Arno Schmidt diese Texte mit fantastischem Sprachgefühl übersetzt. Die vorliegende Neuausgabe – in handlichem Kleinformat und im Schuber ausgesprochen ansprechend gestaltet – enthält zudem
Im London des Jahres 1870 sind Tischrücken und Séancen schwer in Mode. Das weiß auch der angesehene Physiker und Chemiker William Crookes, und so erklärt er sich bereit, das stadtbekannte Medium Florence Cook wissenschaftlich zu untersuchen. Sie lässt – selbst wie ein Paket verschnürt und gefesselt in einem Schrank hockend – Katie erscheinen, eine weiß gekleidete Piratenbraut aus dem 17. Jahrhundert. Nur dass die hochmodernen Vakuumkammern und Radiometer seines Labors nicht weiter helfen und Crookes innere und äußere Welt immer mehr aus den Fugen gerät. Christine Wunnicke ist eine höchst geistreiche und äußerst amüsante Satire gelungen, die auf realen Fakten beruht. Ein herrliches Lesevergnügen, von der ersten bis zur letzten Seite. (Syme Sigmund)
Sonntags treffen sich in Moses Aloettas schäbigem kleinen Zimmer „die Taugenichtse“, er, seine Freunde und Zufallsbekannten und reden über ihre Geldsorgen, Wohnungsprobleme und vor allem über den Rassismus, den sie, die schwarzen Einwanderer aus der Karibik tagtäglich im kalten abweisenden London erfahren. Unterschiedlich sind ihre Strategien, das zu überleben. Manche sind Meister, auf Pump zu leben, andere Kleinkriminelle, verzweifelte Taubenfänger und -esser, andere wieder versuchen sich als unwiderstehliche Verführer junger Engländerinnen oder nehmen die Widrigkeiten mit Witz und Ironie.
In einer US-amerikanischen Kleinstadt leben zwei verwitwete Nachbarn in den großen Häusern, die vor vielen Jahren einmal das Zuhause für ihre Familien waren – doch nun sind sie dort allein, oft genug einsam. Eines Tages geht die 70jährige Addie ausgesprochen mutig auf ihren Nachbarn Louis zu: Sie bittet ihn, die Nächte mit ihr zu verbringen, heißt, wenn die Einsamkeit am größten ist, die Lücke mit Gesprächen zu befüllen. Nur das. Louis akzeptiert und so liegen die beiden nun Nacht für Nacht beieinander und kommen einander zögerlich näher. Trotz der jahrzehntelangen nachbarschaftlichen Nähe wissen sie nur wenig voneinander und erzählen sich in aller Offenheit aus ihrem mit allen Höhen und Tiefen gelebten Leben mit Schicksalsschlägen, mit Fehlern, mit glücklichen Momenten auch. Dieses vorsichtige Kennenlernen beschreibt Kent Haruf unaufgeregt und sparsam fast, dennoch warmherzig, aber ohne zu verkitschen. Er erzählt von einer Chance auf reifes, selbstbestimmtes Glück, das aber an verbohrten Konventionen zu scheitern droht. Denn der Kleingeist der sowohl nahen Nachbarn als auch der fernen Verwandten stört sich an der „schamlosen“ Zweisamkeit. (Jana Kühn)
Ruggiero Miletti, Oberhaupt einer der mächtigsten Familien Italiens, ist entführt worden. Kommissar Zen merkt schnell, dass mehr dahinter steckt, als eine Tat sardischer Schafhirten, nur dass keiner – weder die Familie, noch die lokale Polizei – außer ihm ein Interesse daran hat, den Fall wirklich aufzuklären … Dies ist der 1988 erschienene erste Band einer äußerst spannenden und mit gut gezeichneten, vielschichtigen Charakteren ausgestatteten Krimireihe um Aurelio Zen, römischer Polizeikommissar mit venezianischen Wurzeln, die nun erfreulicherweise vom Unionsverlag neu aufgelegt wurde.