Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg

Suhrkamp 2013, TB € 8,99

lewitscharoff-blumenberg_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergEines Abends erscheint dem Philosophen Hans Blumenberg ein Löwe, dessen Anwesenheit von einem tieferen Zusammenhang aller Dinge zeugt. Vier seiner Studenten suchen noch nach einem solchen Zeichen, teils auf radikale Weise. Ein vielschichtiger Roman, heiter und ernst, der mit Motiven aus Leben und Werk des realen Blumenberg spielt, von der zeitlosen Suche nach Sinn erzählt und zugleich die 80er-Jahre zum Leben erweckt. In den Bann zieht die Sprache mit einer ganz eigenen Leuchtkraft. (Judith Krieg)

Miljenko Jergović: Wolga, Wolga

Nur noch als E-Book lieferbar, Schöffling und Co., € 10,99

jergovic-wolga-wolga_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergDer frühere kroatische Armeefahrer Dzelal Pljevljak ist vom Schicksal gebeutelt. Seine angebetete Tochter wurde Opfer eines Verbrechens und seine Frau beging Selbstmord. Trost findet er im islamischen Glauben und bei einer Familie, die er auf seiner allwöchentlichen Fahrt von Split nach Livno zum Freitagsgebet kennen lernt.  Ein tragischer Verkehrsunfall – zentrales Ereignis dieser in Rückblenden und aus kunstvoll wechselnden Erzählperspektiven erzählten Geschichte – gibt seinem Leben eine radikale Wendung. Jergović erweist sich hier einmal mehr als großartiger Erzähler mit überbordender Phantasie voll bitterer Komik, der die politisch-gesellschaftliche Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens und ein individuelles Schicksal auf überzeugende Weise miteinander zu verknüpfen weiss. (Syme Falco)

Robert Bober: Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen

Kunstmann 2011, aus dem Französischen von Tobias Scheffel, € 19,90

bober-wer-einmal-die-augen-oeffnet-kann-nicht-mehr-ruhig-schlafen_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergParis, Anfang der 60er. Bernard Appelbaum trifft zufällig Robert, seinen ehemaligen Betreuer in einer Ferienkolonie für jüdische Kinder. Robert, der für Truffaut arbeitet und mögliche Drehorte fotografiert, verschafft ihm eine kleine Statistenrolle in Truffauts Jules und Jim. Bernards Figur wird am Ende gestrichen, doch greift seine Zeit bei den Dreharbeiten tief in sein Leben ein.

Wie der Autor Robert Bober aus kleinen Momenten und Begebenheiten große weitreichende Geschichten vom Leben erzählt, ist sehr besonders und überaus lesenswert. Und ausserdem ist es eine wunderbare Hommage an das alte Paris! (Stefanie Hetze)

Jose E. Agualusa: Barroco tropical

Nur noch als E-Book lieferbar, Unionsverlag, € 12,99

agualusa-barroco-tropical_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergMörderische Verwicklungen der ranghöchsten Politiker in die obersten Etagen von Wirtschaft und Medien, gepaart mit obskuren Wunderheilern, Mythen und traurigem Fado. Das mag etwas viel klingen, aber genauso überbordend barock ist dieser Roman. Voller beeindruckender Charaktere, die dem Erzähler seine rasante wie magisch-poetische Geschichte immer wieder aus der Hand nehmen. Bartolomeu Falcato, der uns in ein Angola der nahen Zukunft führt, widerfahren innerhalb von 24 Stunden unerhörte Dinge, die in immer wieder funkelnd schönen Sätze auch viel Wissenswertes über das Land, seine Kultur und Geschichte vermitteln. (Jana Kühn)

Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Suhrkamp, TB 2012 € 9,99

stasiuk-hinter-der-blechwand_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergWenn ein Roman uns in die östlichen Randzonen Europas führt, dann ist dies mit großer Warscheinlichkeit Andrzej Stasiuks Werk, des großen Kenners dieser uns so nahen und doch so fremden Gegend. Der Ich-Erzähler Pawel lebt in einer der vielen “sterbenden Städte”, aus denen fortzieht, wer es sich leisten kann. Er lebt – selbst am Abgrund des Daseins balancierend – von den Resten der Zivilisation, die sich im Zuge der auch hier um sich greifenden Globalisierung immer mehr auflöst. Zusammen mit Wladek und einem klapperigen LKW verkauft er westliche Second-Hand-Kleidung in den Dörfern und Städten, die noch ärmer, noch heruntergekommener und noch grauer sind als seine Heimatstadt. Stasiuk führt uns ein in die Welt der Lebenskünstler und Verlierer, der Schwarzhändler und Zigeuner. Als die beiden mit Menschenschmugglern in Konflikt geraten, entwickelt sich die Geschichte zu einem spannenden Roadmovie, von dem Pawel, ein Protagonist mit Herz und letzten Idealen, mitgerissen wird. Eine harte Geschichte voller Menschlichkeit, die einen bis zur letzten Seite nicht los lässt, die noch lange nachwirkt. (Syme Falco)

Tendai Huchu: Der Friseur von Harare

Aus dem Englischen von Jutta Himmelreich, Peter Hammer Verlag 2011, € 19,90

huchu-der-friseur-von-harare_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergVimbai hat den Ruf, die beste Friseurin in ganz Harare zu sein. Darauf bauend geht sie selbstbewusst ihren Weg in der von Armut und Korruption geprägten Gesellschaft Simbabwes. Der Friseursalon ist Schmelztiegel von Alltäglichem aus allen Schichten, Schwarzmarkt und Politik. Als eines Tages Dumisani, ein neuer Kollege, Chefin wie Kundinnen nicht nur mit seinem Können um den Finger wickelt, wackelt ihr Stand. Doch kann auch sie sich seinem Charme nicht lang entziehen. Als der geheimnisvolle Kollege auch noch bei ihr einzieht, überschlagen sich die Ereignisse. Als Leser ahnt man es bald: Dumisani ist homosexuell. Temporeich und mit viel Witz erzählt die jedoch ahnungslose Vimbai ihre um dieses Tabuthema kreisende Geschichte. (Jana Kühn)

Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen

Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer, Zsolnay, € 26,-, TB dtv 2013 € 11,90

de-waal-der-hase-mit-den-bernsteinaugen_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergHinter einem sperrigen Titel, geschrieben von einem hierzulande bislang unbekannten Autor, dem englischen Keramikkünstler Edmund de Waal, verbirgt sich eines der faszinierendsten Bücher dieses Jahres. Ausgehend von kleinen Erbstücken, kostbaren japanischen Minaturschnitzereien (Netsuke) rekonstruiert de Waal die Geschichte seiner Familie, einer jüdischen Getreidehändler-, Bankiers- und Kunstsammlerfamilie im 19. und 20. Jahrhundert. Dabei spannt er einen Bogen von Paris, Wien, Odessa, Tokio nach London, erzählt vom kometenhaften Aufstieg, enormem Reichtum, Mäzenatentum, von Verfolgung, Enteignung und Vertreibung – und wie die Netsuke, die dank einer Hausangestellten als einziges von all den Besitztümern überlebt haben, zu ihrem Ursprung nach Tokio zurückkamen. Ganz ohne Nostalgie, aber präzise und einfühlsam gelingt de Waal eine ganz neue Form der Familienerzählung. Ganz nebenbei schreibt er auch eine weitläufige europäische Geschichte. Unbedingt lesen. (Stefanie Hetze)

Angelika Klüssendorf: Das Mädchen

Kiepenheuer & Witsch 2011, € 18,99; TB Fischer 2013, € 11,-

kluessendorf-das-maedchen_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergEin schmaler Band, ein großes Stück Literatur über ein Phänomen, das es laut realsozialistischer Propaganda so in der DDR hätte gar nicht geben dürfen: familiäre Verwahrlosung, Gewalt gegen Kinder, Alkoholismus. Namenlos bleibt das Mädchen, wie auch sein kleiner Bruder und erschütternd ist, was ihnen geschieht, wie sie aufwachsen müssen. Ohne Zuneigung, ohne Rückhalt, stattdessen voller Wut und Grausamkeiten. Wie das Mädchen daran krankt und dennoch wächst, ist absolut lesenswert! (STefanie Hetze)

Angelika Klüssendorf ist mit “Das Mädchen” für den Deutschen Buchpreis 2011 nominiert.

Boualem Sansal: Harraga

Aus dem Französischen von Riek Walther, Merlin Verlag 2011, € 22,90; TB € 15,80

sansal-harraga_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergZwei ganz ungewöhnliche Frauen stehen im Mittelpunkt dieses Romans aus Algerien. Lamia, eine Mittdreißigerin, Kinderärztin, alleinstehend, unabhängig, aber auch einsam und desillusioniert von vergeblichen Lebensmühen. Und die 16-jährige Cherifa, die eines Tages völlig überraschend in Lamias Leben platzt. Sie ist schwanger, offensichtlich verstoßen, aber nichtsdestotrotz voller Freiheitsdrang, Lebenslust und Freude, die einer Frau in ihrer Situation keinesfalls zusteht in einer islamischen Gesellschaft. Poetisch wie hochspannend erzählt Sansal aus dem Alltag algerischer Frauen. Lakonie und Dramatik wechseln einander ab – ein sprachlicher Hochgenuss! (Jana Kühn)

Boualem Sansal ist Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2011.

Michela Murgia: Accabadora

Aus dem Italienischen von Julika Brandestini, TB dtv 2011, € 8,90  (Originaltitel: Accabadora, Einaudi 2009, € 20,50)

murgia-accabadora_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzberg“Es gibt Orte, an denen die Wahrheit gleichbedeutend ist mit der Meinung der Mehrheit.” Maria ist die vierte Tochter einer verarmten Witwe und eine offensichtliche Belastung. So ist auch ihre Eigenwahrnehmung geprägt davon, unerwünscht zu sein. Als sie von der alleinstehenden, wohlhabenden alten Schneiderin aufgenommen wird, tuschelt das ganze Dorf. Es entsteht eine wundersame Gemeinschaft zwischen der wortkargen klugen Alten und dem Kind, das langsam eine Selbstverständlichkeit entwickelt. Doch ihre neue Zugehörigkeit wird von irritierenden Heimlichkeiten der Alten getrübt. Es scheinen Gesetze zu herrschen, nach denen Maria nicht fragen darf. Erst nach Jahren erfährt sie, was das ganze Dorf als offenes Geheimnis wahrte. Mit klarsichtiger und wunderbar unkitschiger Sprache erzählt die Autorin die Welt eines kleinen sardischen Dorfes in den 50er Jahren. Und sie erzählt davon, dass der Pakt der Generationen mehr sein kann als nur Pragmatismus. (Franziska Kramer)