Suhrkamp 2014, 484 S., € 22,95, Suhrkamp Taschenbuch, € 12,-
(Stand März 2021)
Der Literaturstudent Ed Bendler hat den Boden unter den Füßen verloren: seine Freundin G. ist verunglückt, die Welt aus den Fugen. Kurzerhand lässt er sein bisheriges Leben in Halle hinter sich, sein Ziel: die Insel Hiddensee, in der DDR ein Ort für Aussteiger, Eigenbrötler, Idealisten und potentielle Republikflüchtige. Er findet dort Unterschlupf als Tellerwäscher im Gasthof Zum Klausner hoch über der Steilküste, der an eine rettende Festung erinnert und an ein Schiff mit illustrer Besatzung, vom ehemaligen Philosophiestudenten, genannt Rimbaud, bis hin zu Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, Sohn eines russischen Militärs und einer Zirkusartistin. Kruso, das eigentliche Kraftzentrum des Klausners, organisiert ein Netz von Unterkünften für die immer neuen Ankömmlinge, in seinen Augen Pilger und Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft, die er bis in den Fieberwahn hinein verteidigen wird, als sich mit dem Mauerfall alles ändert. Zwischen Ed und Kruso entwickelt sich eine besondere Freundschaft, die Eds Leben auf Hiddensee und darüber hinaus prägen wird und die um die Leerstellen und Verluste in ihrer beiden Leben kreist – Krusos Zwillingsschwester ist eines Tages über die Ostsee verschwunden. Der Lyriker Lutz Seiler hat einen sprachlich eindrucksvollen Roman geschrieben, eine eigenwillige Geschichte, die gleichzeitig zart ist und derb, leicht und traurig, versponnen und realistisch, und die eine besondere Version der Wendezeit erzählt. (Judith Krieg) Leseprobe

Die Pfaueninsel war bei den preußischen Königen sehr beliebt. Schon Friedrich Wilhelm II nutzte sie als Liebesnest und sein Sohn widmete sich ihr intensiv, versammelte hier ein „Kuriositätenkabinett“ bestehend aus einer Manegerie fremdartiger Tiere (neben den Pfauen sprangen hier z.B. jahrelang auch Känguruhs über die Wiesen), fremdländischen Pflanzen – vor allem Palmen – und auch der damaligen Zeit fremd anmutenden Menschen. So lebten hier unter anderen ein Mann von den Sandwich-Inseln, ein „Riese“ von über zwei Metern Körpergröße – und Maria Dorothea Stackon, eine kleinwüchsige Frau, die 1812 mit sechs Jahren auf die Insel gebracht und diese ihr ganzes, achzig Jahre dauerndes Leben nur ein einziges Mal, für einen Tag verlassen wird. Hettche erzählt Maries Leben, das gezeichnet ist durch ihre „monströse“ Statur und manches Leid, aber auch von Liebe und Menschen, die hinter der „Zwergin“ die fragile, sensible Person zu sehen im Stande sind. Sie ist das „Schlossfräulein“ der Insel und ihr Leben wird begleitet und geprägt von den durch Friedrich Wilhelm III angeordneten Veränderungen. So erfährt der Leser anhand Maries Leben von der Arbeit Lennés, Fintelmanns und Schinkels, von den Tieren und Menschen der Insel und von der Entwicklung derselben vom königlichen Rückzugsort zur Touristenattraktion. Hettche erzählt mit so viel Einfühlungsvermögen und gleichzeitig so großem, detaillierten, geschichtstreuen Hintergrundwissen, dass man nach der fesselnden Lektüre nicht nur eine literarisch großartig geschriebene Lebensgeschichte sondern auch ein ausgesprochen interessantes Stück Kulturgeschichte aus der Hand legt. (Syme Sigmund)
Warum nur entscheidet Bolanle, Baba Segis vierte Frau zu werden? Ein Leben als Nr. 4 an der Seite eines alten und dickbäuchigen Stumpfkopfes? Der klugen, jungen Frau mit akademischer Ausbildung hatten reichlich andere Türen offen gestanden; warum also wählt sie diese? Hinter der Entscheidung steht ein tragisches Geheimnis, das Bolanle vor der Welt versteckt. Auch Baba Segis andere Ehefrauen hüten sich, so manches Detail ihres Lebens preis zu geben. Doch entsteht dadurch keinesfalls Verbundenheit zwischen den vier Frauen. Binnen kurzer Zeit wackelt der gesamte Hausfrieden Baba Segis Großfamilie. Bolanle wird als Bedrohung wahrgenommen und ist nach anfangs harmlosen, kleinen Anfeindungen immer tückischeren Intrigen und Angriffen ausgesetzt. Nur so viel sei verraten, alles fliegt auf und Baba Segi bald sein scheinbar großes Patriarchenleben um die Ohren. Immer wieder zutiefst anrührend und in bedrückend klarer Sprache, dennoch mit viel klugem Witz ist der Roman ein erhellendes Porträt des heutigen Nigerias, wo nicht nur die Geschlechterrollen zwischen Tradition und Moderne balancieren. (Jana Kühn)
Die Journalistin und Satirikerin Nadeshda Lochwizkaja alias Teffy (1872-1952) bricht 1918 zu einer Lesereise nach Kiew auf. „Jeder, der kann, geht in die Ukraine“, erklärt ihr Odessaer Impresario Guskin, denn in Wirklichkeit fliehen sie wie viele andere Aristokraten, Künstler und Bürger vor den Bolschewiki, und Teffy wird ihre Heimat nie wieder sehen. Es beginnt eine Reise durch das in Chaos und Schrecken versinkende Land, doch die Autorin beschreibt sie voller Komik, mit ausgesprochen viel Ironie und ohne jedes Selbstmitleid. So hält man mit diesem Buch sowohl ein äußert interessantes Stück aus dem innersten erlebter Geschichte als auch ein höchst amüsantes, mit großem Gespür für absurde Szenen und die Lächerlichkeit menschlicher Eitelkeiten geschriebenes literarisches Werk in den Händen. (Syme Sigmund)
Kolumbien 2009, der Jura-Professor Antonio stolpert über eine Zeitungs-Notiz, die vom verwaisten Zoo des ehemaligen Drogenbarons Pablo Escobar erzählt. Die Lektüre ruft einen Sog der Erinnerung wach, an seine Billard-Bekanntschaft mit Ricardo Laverde, an einen gemeinsamen Spaziergang in Bogotá, auf dem Laverde ermordet und der Erzähler selbst schwer verwundet wird. Erinnerung an seine Suche nach den Puzzlestücken der Vergangenheit, die ihn unter anderem zu abgestürzten Flugzeugen und zurück in die von Gewalt geprägten 80er und 90er Jahren führt, ihn aber auch auf eine Liebesgeschichte zwischen einer Amerikanerin und einem Kolumbianer stoßen lässt und auf Laverdes Tochter Maya. Nach und nach erschließen sich die Zusammenhänge, zugleich erkennt Antonio, wie sehr das Leben von Dingen bestimmt wird, die wir selbst nicht in der Hand haben. Ein sehr intensives Buch, spannend und nachdenklich zugleich, das eine bestimmte Zeit und Gesellschaft mit den persönlichsten Fragen verknüpft, mit einer starken Erzählstimme und Bildern, die immer wieder überraschen und uns einen neuen Blick auf die Dinge werfen lassen, die uns jeden Tag umgeben. (Judith Krieg)
Der Titel “Die Chance” verharmlost die ausweglose Lage, in der sich das Mittelschichtsehepaar aus der Provinz befindet. Die Wirtschaftskrise hat Marion und Art wie Millionen anderer Amerikaner den Boden unter den Füßen weggezogen. Marion ist arbeitslos und der Statistiker Art hat seinen Job bei einer Versicherung verloren. Das überteuerte Haus können sie nicht länger abzahlen. Auch ihre Ehe ist am Ende. Da alles verloren scheint, setzen sie ihre Existenz auf eine einzige Karte und wiederholen ihre Hochzeitsreise zu den romantisch aufgeladenen Niagarafällen von vor 30 Jahren, als ihnen die Welt noch offen zu sein schien. Mit ihrem letzten über die Grenze geschmuggelten Geld mieten sie sich in einer Hochzeitssuite ein, spielen tags die Touristen und versuchen nachts im Casino die statistische Wahrscheinlichkeit ihres kompletten Ruins auszutricksen. Stewart O’Nan nähert sich ihrer Verzweiflung, aber auch ihrem über alle Differenzen langjährigen Vertrautsein in knappen verdichteten Szenen und Dialogen, von Thomas Gunkel elegant-subtil übersetzt. Vielleicht gibt es ja doch eine Chance? (Stefanie Hetze)
Andreas Egger kommt als Kind in das Dorf im Gebirge, zum Bauern Kranzstocker, dem Schwager seiner verstorbenen Mutter. Und er arbeitet von Kindesbeinen hart auf dem Hof, später am Ausbau der Seilbahnen. Er heiratet und verliert seine Frau bald, übersteht die Kriegsjahre in Russland und kehrt wieder zurück in die Berge. Dort erlebt er die Modernisierung, erkennt die Welt nicht immer wieder, aber verliert sich selbst nicht. Wie ein widerständiger Baum wird er von den Ereignissen des Lebens geformt. Robert Seethaler beherrscht die Kunst, Dinge einfach erscheinen zu lassen, er erzählt diese Geschichte in ruhigem Rhythmus und Ton, auch die traurigsten Ereignisse sind wie sie sind. Wie aus einem Stück Holz geschnitzt nimmt Andreas Egger klar, kantig und überzeugend vor den Augen der Leser Form an, man kommt ihm nahe, aber auch nicht zu nahe, stets behält er seine Würde. Ein Buch, das in Erinnerung bleibt, auch wegen seiner Naturbeschreibungen. (Judith Krieg)
Als es Ende Mai 2013 in Istanbul zu Protesten gegen den geplanten Abriss des an den Taksim Platz angrenzenden Gezi Park kam, wurden diese von der türkischen Regierung im Stil eines Polizeistaates und mit enormer Gewalt niedergeschlagen. Binnen weniger Tage weitete sich der Protest dennoch aus, wurde zum Kampf einer heterogen Gemeinschaft, die Studenten, Homosexuelle, Gewerkschafter, Alt-Linke und junge politische Aktivisten ebenso wie bis dato politisch nur wenig Interessierte vereinte. Ihnen allen ging es um weit mehr als um die Rettung einer Grünanlage. Nicht weniger als ein sozialer Aufstand gegen die islamisch-konservative AKP-Regierung und Erdogans autoritären Regierungsstil fand statt. Der taz-Redakteur Deniz Yücel verbrachte neun Monate in Istanbul, um von den Geschehnissen zu berichten. Aus seinen Aufzeichnungen entstand diese Flugschrift, die anschaulich politische, historische und stadtplanerische Zusammenhänge rund um den Taksim-Platz erklärt und eine Vielzahl an persönlichen Interviews enthält, die Yücel mit sehr unterschiedlichen TeilnehmerInnen des zivilen Widerstands führte. Die entsprechend vielstimmige Flugschrift zeigt ein komplexeres, gleichwohl verständlicheres Bild der Gezi-Bewegung als es bisher von deutschen Medien gezeichnet wurde und ist darüber hinaus ein sehr lesenswerter Bericht über die gegenwärtige türkische Gesellschaft. (Jana Kühn)
In einem Londoner Auktionshaus steht die Versteigerung eines Gemäldes Rembrandts an. Der US-Amerikaner Elias Kaminsky erkennt in dem Bild die geheimnisumwobene und in Kuba verloren geglaubte Reliquie seiner jüdisch-polnischen Familie wieder. So viel zur Ausgangssituation, womit drei wichtige Themen dieses Prachtschmökers genannt sind: Kuba, Kunst und Glaubensfragen. Padura mäandert durch Zeit und Raum, springt vom 17. ins 21. Jahrhundert, von Amsterdam, Krakau und Berlin nach Havanna und zurück. Dabei gelingt ihm das Paradestück eines Historien- und Künstlerromans über das goldene Zeitalter der Niederlande und den Maler Rembrandt verknüpft mit eindrücklichen Einblicken in die kubanische Geschichte im 20. Jahrhundert bis in das heutige, von der Revolution ausgelaugte Land und – die dramatische Geschichte einer jüdischen Familie, die noch 1939 versucht aus Deutschland zu fliehen und deren Hoffnung zu überleben an eben jenes Gemälde geknüpft ist. So viel auf einmal – das geht nun wirklich nicht? O doch, und wie! (Jana Kühn)
Ein weiteres Buch über die DDR mag mancher denken, ein weiterer Mehrgenerationenroman. Und doch gelingt Gunnar Cynybulk mit seinem Debut ein literarisch und sprachlich anspruchsvolles, lesenswertes Werk.