Aus dem Italienischen von Pieke Biermann, dtv 2014
Die deutsche Ausgabe ist leider nicht mehr lieferbar.
(Mi riconosci, Feltrinelli 2018, ca. € 12,50)
(Stand März 2021)
Was bleibt von einer Freundschaft, wenn der eine Freund verstirbt? Was verharrt an den Orten, in den Büchern, im flüchtigen Element der Erinnerung von der Einzigartigkeit des anderen und von der einzigartigen Verbindung? In „Erkennst du mich“ (dtv; “Mi riconosci“, Feltrinelli 2013) spürt Andrea Bajani seiner Freundschaft zu Antonio Tabucchi nach, der 2012 verstorben ist. Er umkreist die Eigenheiten, die liebenswerten und auch die schwierigen Seiten des Freundes, er erinnert sich an den Anfang ihrer Freundschaft und an die letzten gemeinsamen Momente. Schreibend kehrt Bajani an Orte zurück, an denen sie Zeit miteinander verbracht haben – im Geburtshaus Tabucchis in der Toskana, in Paris, in Portugal. Der Schriftstellerfreund nimmt auch in den Motiven und im Stil des Buches Gestalt an: Fast scheint es, Tabucchi, selbst ein Autor der Erinnerung, verschmelze hier mit seinen eigenen Romanen, wie etwa dem tagträumerischen „Lissaboner Requiem“, indem er die wichtigen Toten in seinem Leben wiedergetroffen und im Schreiben eine letzte Unterhaltung geführt hatte. Andrea Bajani hat ein sehr persönliches, zartes, traurig-heiteres und auf seine Weise mutiges Buch geschrieben, das auch der Frage nachgeht, inwiefern man dem anderen gerecht wurde oder gerecht werden kann. (Judith Krieg) Leseprobe

Seit den Büchern Roberto Savianos ist der Name des kleinen Ortes “Casal di Principe” im Hinterland Neapels ein Synonym für das organisierte Verbrechen. Aus diesem Ort stammt der in Italien bekannte Schauspieler und Filmproduzent Amedeo Letizia und mit ihm zusammen hat sich die Journalistin Paula Zanuttini auf die Reise in seine Vergangenheit gemacht – eine Vergangenheit, die schwankend zwischen Resignation, Angst und Wut tiefe Spuren in seiner Seele hinterlassen hat. Seine Kindheit war geprägt von Freundschaften mit Jungen, die später zu bekannten – oder toten – Camorristi wurden, von einem tagtäglichen Umgang mit Schusswaffen, von einer uns fremden Welt mit eigenen Regeln und Gesetzen, in der die Clanchefs Idole waren. “Ich dachte immer, wir aus Casale sind die normalen und ihr seid die Bekloppten. Ich habe Jahre gebraucht, um das zurechtzurücken” sagt Letizia. Zwei Brüder verliert er an diese Welt. Der eine verschwindet spurlos, der andere stirbt bei einem tödlichen Autounfall. Wie der von den Clans schon zu Höherem bestimmte Junge sich nach und nach aus dieser von aggressivem, extremem Tribalismus geprägten, auf kultureller und rechtlicher Autarkie fußenden Welt mit bäuerlichen Wurzeln befreit, nach Rom geht, an sich arbeitet und doch immer wieder an seiner Hassliebe zur Heimat, seinen nächtliche Albträume heraufbeschwörenden Erinnerungen und der Ungewissheit über das Schicksal seines verschollenen Bruders verzweifelt, beschreibt dieses Buch sehr eindrücklich und fügt “Gomorrha” eine weitere, wissenswerte Facette hinzu. (Syme Sigmund)
Rom durchlebte nach dem Ende des 2. Weltkriegs nicht nur einen Wiederaufbau, sondern in den 1950er und 1960er Jahren einen regelrechten urbanen Aufbruch. Die Stadt vergrößerte sich immens in ihrer Fläche und ihrer Einwohnerzahl. In dieser Stimmung des Neuanfangs wurde sie zum Magneten für Kulturschaffende aus Literatur, Film, Kunst und Philosophie, die die Atmosphäre der Stadt und die Ära der Dolce Vita prägten. Anhand biographischer Skizzen einiger der wichtigsten Protagonisten, wie Moravia, Pasolini und Gadda, beschreibt Maike Albath diese Phase der Umbrüche. Immer wieder kommen Zeitzeugen zu Wort. Was dabei entsteht ist viel mehr als eine gängige Stadtgeschichte oder Künstlerbiographie – eher ein Stück italienischer Kulturgeschichte, ein Füllhorn an Daten, Fakten, Episoden und Anekdoten, das durch den gekonnten Stil der Autorin ein wahrer Lesegenuss wird. (Jana Kühn)
Dieses besondere Kochbuch enthält nicht nur verständlich beschriebene Rezepte von echt neapolitanischen Gerichten, sondern auch einen einführenden, mit vielen Fotos ausgestatteten Teil über neapolitanische Esskultur und Lebensart. Der Autor, ein gebürtiger Neapolitaner und Fotograf, hat Anekdoten und Legenden über die neapolitanische Küche zusammengetragen, berichtet unterhaltsam von den Bräuchen der Region Kampanien und unternimmt Streifzüge durch die Geschichte und das Alltagsleben Neapels. Die vielen Rezepte – vom echten neapolitanischen “Ragù della domenica”, das 24 Stunden köcheln muss, über den “risotto alla pescatora” und “alici fritte” bis zu Babà und Limoncello – lassen sich leicht nachkochen und schmecken (wir haben es ausprobiert) wirklich wie vor Ort. Sowohl für gestandene Neapelkenner, die ihrer Nostalgie frönen möchten, als auch neugierige Liebhaber der authentischen italienischen Küche kommen hier gleichermaßen auf ihre Kosten. (Syme Sigmund)
Eine Mutter, die von ihrem Kind in all ihrer Liebe und Aufmerksamkeit schmerzhaft vermisst wurde, erkrankt an Demenz. Für die erwachsene Tochter birgt dies die Gefahr nun gänzlich zu verlieren, was ohnehin eine Leerstelle war. Also beginnt sie der kranken Mutter das eigene Leben zu erzählen, durchdringt dies mit Episoden aus der nun anstehenden Pflege der gealterten Frau. Sie erinnert sie an Familienzwistigkeiten, Feldarbeit und Feste, wird buchstäblich zu ihrem Gedächtnis. Donatella di Pietrantonio gelingt dabei nicht nur ein gänzlich unsentimentales, dennoch liebevolles Porträt der eigenen Mutter, sondern sie schildert auch ein hartes Leben in einem archaisch geprägten, bäuerlichen Italien in den Abruzzen. Die Autorin meistert eindringlich den Spagat zwischen der Sehnsucht nach einer zugewandten Mutter und dem Verständnis für deren schwierige Lebenssituationen. Ein sensibles und leises Buch, nicht nur, aber auch für Italieninteressierte! (Jana Kühn)
Palermo heute. Das ist nicht die Stadt der Klischees von Sonne, Meer, Fischmarkt, Mafia und bunten Süßspeisen. Es ist eine moderne Stadt, die auch geprägt ist durch die Zuwanderung von Menschen verschiedenster Nationen wie Rumänen, Tunesier oder Bangladescher. Der Ich-Erzähler lebt zwischen ihnen, mit ihnen, mit offenem Blick, ohne zu urteilen, und schafft es, mit anekdotenhaft kurzen Episoden das Bild eines Viertels zu zeichnen, in dem Ethnien mit den unterschiedlichsten Religionen, Sitten und Einstellungen miteinander auskommen, wobei er jeden als den Menschen mit all seinen Widersprüchlichkeiten betrachtet, der er ist. Mal ernst und sozialkritisch, mal witzig oder skurril ist dieses in leichtem Ton geschriebene Buch doch voller Tiefgang. Einen “Leitfaden für den zivilisierten Umgang miteinander in den großen Städten” nennt es der Großmeister der sizilianischen Literatur Andrea Camilleri. Dem kann man sich nur anschließen. (Syme Sigmund)
Antonio Orlando zieht – wie weitere 2000 Einwohner seiner apulischen Heimat – in den siebziger Jahren mit Frau und Kindern in die Schweiz, um in einer Asbestfabrik zu arbeiten. Nur zwei Jahre bleibt die Familie dort, doch nach der Rückkehr ist das Leben aller für immer gezeichnet. Tochter Mimì zieht ihre mit nur 15 Jahren in Zürich gezeugte Tochter Arianna alleine groß, in einem Dorf der Frauen, dessen Männer einer nach dem anderen an asbestverseuchten Lungen zu Grunde gehen. Und so erzählt dieses Buch das Leben von Mimi – einer fast mythischen Figur, stark und mit den Geistern der Vorfahren verbunden – und Arianna, die ihren eigenen Weg findet und doch mit ihrer Herkunft verbunden bleibt, in einem hypnotisierenden Ton, der es schafft, den unauflösbaren Widerspruch zwischen den doch eng miteinander verflochtenen Polen Archaik und Moderne dieses Landstrichs auch sprachlich spürbar zu machen. (Syme Sigmund)
Ein Palazzo in einer lauten engen Straße Neapels, der Stadt der Wunder, des Blutes und der Legenden, der Stadt, in der die Schrecken des 2. Weltkriegs noch sehr real sind, erzählt aus der Perspektive eines 13-jährigen Schreinergehilfen. Seine Ablösung von der Kindheit und seine Mannwerdung bilden den äußeren Rahmen der Geschichte, in der es eigentlich ums Leben und Sterben geht, ums Loslassen und Halten, um das im Vergleich stille Hochitalienisch zum direkten Neapolitanisch.
Italien in einer nahen Zukunft, das Land ist international abgeschottet, Gerichtsbarkeit, Medien, Handel, Verkehr, Regierung sind zusammengebrochen. Alltägliche Normalität existiert nicht mehr. Zurückgezogen und vorerst in Sicherheitsabstand zum brutalen Chaos (über)lebt Leonardo. Doch selbst dieser zurückhaltende, sanftmütige und konfliktscheue Mann muss schließlich einsehen, dass auch sein Leben endlich eine andere Gangart erfordert. Harter Stoff. Ein düsteres Buch, eine Parabel, die langsam beginnt, aber stetig an Spannung gewinnt. Longo stellt in aller Drastik existenzielle Fragen an eine (italienische) Gesellschaft, aber auch an jeden Einzelnen. Wie wollen wir leben? (Jana Kühn)