Roman. Aus dem Israelischen von Mirjam Pressler. dtv 2015, 264 S., € 10,90
(Stand März 2021)
Die israelische Autorin Lizzie Doron schreibt dezidiert von Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben. Eindringlich hat sie die Auswirkungen der Shoah auf die Überlebenden und ihre Nachkommen zum Herzstück ihrer Romane gemacht und sich immer wieder mit den Traumata der Vergangenheit auseinandergesetzt. In Who the Fuck Is Kafka erzählt sie von der Gegenwart und einem wunderbaren Projekt, dem Versuch einer Freundschaft im heutigen Israel zwischen einem palästinensischen Journalisten und einer israelischen Schriftstellerin. Er möchte über sie beide einen Film drehen, sie ein Buch schreiben. Unterstützt von diversen enthusiastischen Unterstützerinnen außerhalb Israels bemühen sie sich um gegenseitige Besuche im Zuhause des anderen und um Treffen in den jeweiligen öffentlichen Räumen. Doch die politischen Realitäten in Israel schlagen voll zu. Es kommt zu Missverständnissen, wahnsinnig absurden Situationen und existentieller Bedrohung für ihn. Ein Buch, das unter die Haut geht und als erstes in Deutschland erscheint, wunderbar übersetzt und lektoriert von Mirjam Pressler. (Stefanie Hetze)

Der Pharmavertreter Taha lebt zusammen mit seinem Vater in einer bescheidenen Kairoer Wohnung. Vom Fenster aus beobachtet der gehbehinderte Vater das Viertel und sieht dabei so einige Dinge, die nicht für aller Augen bestimmt sind. Als er schließlich in der gemeinsamen Wohnung erschlagen wird, ahnt sein Sohn, dass Geschehnisse von gegenüber dabei eine Rolle gespielt haben. Doch die Polizei weigert sich, Tahas Hinweisen dazu nachzugehen. Es wird offensichtlich geblockt, um lokale Machtinteressen zu wahren. Eine Hand wäscht die andere. Als Taha schließlich das Tagebuch seines Vateres findet, verhärten sich die Vermutungen, doch auch sein Vater hatte offensichtlich keine rein weiße Weste. Ein hochspannender, politischer Krimi und ein Gesellschaftsporträt des von Korruption und Machtschiebereien zerfressenen Ägyptens vor dem arabischen Frühling! (Jana Kühn)
Es sind die noch friedlichen Endzwanziger oder Anfang 1930er Jahre vor dem Spanischen Bürgerkrieg. Eine Villa mit großem mediterranen Garten unweit des Meeres, die nur im Sommer von einem jungen Ehepaar aus der Jeunesse dorée, ihren Freunden und Dienstboten bewohnt wird. Der einzige, der bleibt, alles beobachtet und erinnert, ist der alte Gärtner, ein neugieriger Menschen- und Blumenfreund. Wenn die Herrschaften da sind, erspart er sich den Kinobesuch. Zuviel geschieht, tuen sich über die sechs Sommer lang Risse und Abgründe bei jeder einzelnen Gestalt auf. Jeder trägt eine komplizierte Liebesgeschichte mit sich herum. Schatten legen sich auch über den immer üppigeren Garten. Selbst das verführerische Meer, in dem anfangs ausgelassen gebadet wird, birgt eine Tragödie.
Der Literaturstudent Ed Bendler hat den Boden unter den Füßen verloren: seine Freundin G. ist verunglückt, die Welt aus den Fugen. Kurzerhand lässt er sein bisheriges Leben in Halle hinter sich, sein Ziel: die Insel Hiddensee, in der DDR ein Ort für Aussteiger, Eigenbrötler, Idealisten und potentielle Republikflüchtige. Er findet dort Unterschlupf als Tellerwäscher im Gasthof Zum Klausner hoch über der Steilküste, der an eine rettende Festung erinnert und an ein Schiff mit illustrer Besatzung, vom ehemaligen Philosophiestudenten, genannt Rimbaud, bis hin zu Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, Sohn eines russischen Militärs und einer Zirkusartistin. Kruso, das eigentliche Kraftzentrum des Klausners, organisiert ein Netz von Unterkünften für die immer neuen Ankömmlinge, in seinen Augen Pilger und Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft, die er bis in den Fieberwahn hinein verteidigen wird, als sich mit dem Mauerfall alles ändert. Zwischen Ed und Kruso entwickelt sich eine besondere Freundschaft, die Eds Leben auf Hiddensee und darüber hinaus prägen wird und die um die Leerstellen und Verluste in ihrer beiden Leben kreist – Krusos Zwillingsschwester ist eines Tages über die Ostsee verschwunden. Der Lyriker Lutz Seiler hat einen sprachlich eindrucksvollen Roman geschrieben, eine eigenwillige Geschichte, die gleichzeitig zart ist und derb, leicht und traurig, versponnen und realistisch, und die eine besondere Version der Wendezeit erzählt. (Judith Krieg)
Die Pfaueninsel war bei den preußischen Königen sehr beliebt. Schon Friedrich Wilhelm II nutzte sie als Liebesnest und sein Sohn widmete sich ihr intensiv, versammelte hier ein „Kuriositätenkabinett“ bestehend aus einer Manegerie fremdartiger Tiere (neben den Pfauen sprangen hier z.B. jahrelang auch Känguruhs über die Wiesen), fremdländischen Pflanzen – vor allem Palmen – und auch der damaligen Zeit fremd anmutenden Menschen. So lebten hier unter anderen ein Mann von den Sandwich-Inseln, ein „Riese“ von über zwei Metern Körpergröße – und Maria Dorothea Stackon, eine kleinwüchsige Frau, die 1812 mit sechs Jahren auf die Insel gebracht und diese ihr ganzes, achzig Jahre dauerndes Leben nur ein einziges Mal, für einen Tag verlassen wird. Hettche erzählt Maries Leben, das gezeichnet ist durch ihre „monströse“ Statur und manches Leid, aber auch von Liebe und Menschen, die hinter der „Zwergin“ die fragile, sensible Person zu sehen im Stande sind. Sie ist das „Schlossfräulein“ der Insel und ihr Leben wird begleitet und geprägt von den durch Friedrich Wilhelm III angeordneten Veränderungen. So erfährt der Leser anhand Maries Leben von der Arbeit Lennés, Fintelmanns und Schinkels, von den Tieren und Menschen der Insel und von der Entwicklung derselben vom königlichen Rückzugsort zur Touristenattraktion. Hettche erzählt mit so viel Einfühlungsvermögen und gleichzeitig so großem, detaillierten, geschichtstreuen Hintergrundwissen, dass man nach der fesselnden Lektüre nicht nur eine literarisch großartig geschriebene Lebensgeschichte sondern auch ein ausgesprochen interessantes Stück Kulturgeschichte aus der Hand legt. (Syme Sigmund)
Die Journalistin und Satirikerin Nadeshda Lochwizkaja alias Teffy (1872-1952) bricht 1918 zu einer Lesereise nach Kiew auf. „Jeder, der kann, geht in die Ukraine“, erklärt ihr Odessaer Impresario Guskin, denn in Wirklichkeit fliehen sie wie viele andere Aristokraten, Künstler und Bürger vor den Bolschewiki, und Teffy wird ihre Heimat nie wieder sehen. Es beginnt eine Reise durch das in Chaos und Schrecken versinkende Land, doch die Autorin beschreibt sie voller Komik, mit ausgesprochen viel Ironie und ohne jedes Selbstmitleid. So hält man mit diesem Buch sowohl ein äußert interessantes Stück aus dem innersten erlebter Geschichte als auch ein höchst amüsantes, mit großem Gespür für absurde Szenen und die Lächerlichkeit menschlicher Eitelkeiten geschriebenes literarisches Werk in den Händen. (Syme Sigmund)
Kolumbien 2009, der Jura-Professor Antonio stolpert über eine Zeitungs-Notiz, die vom verwaisten Zoo des ehemaligen Drogenbarons Pablo Escobar erzählt. Die Lektüre ruft einen Sog der Erinnerung wach, an seine Billard-Bekanntschaft mit Ricardo Laverde, an einen gemeinsamen Spaziergang in Bogotá, auf dem Laverde ermordet und der Erzähler selbst schwer verwundet wird. Erinnerung an seine Suche nach den Puzzlestücken der Vergangenheit, die ihn unter anderem zu abgestürzten Flugzeugen und zurück in die von Gewalt geprägten 80er und 90er Jahren führt, ihn aber auch auf eine Liebesgeschichte zwischen einer Amerikanerin und einem Kolumbianer stoßen lässt und auf Laverdes Tochter Maya. Nach und nach erschließen sich die Zusammenhänge, zugleich erkennt Antonio, wie sehr das Leben von Dingen bestimmt wird, die wir selbst nicht in der Hand haben. Ein sehr intensives Buch, spannend und nachdenklich zugleich, das eine bestimmte Zeit und Gesellschaft mit den persönlichsten Fragen verknüpft, mit einer starken Erzählstimme und Bildern, die immer wieder überraschen und uns einen neuen Blick auf die Dinge werfen lassen, die uns jeden Tag umgeben. (Judith Krieg)
Andreas Egger kommt als Kind in das Dorf im Gebirge, zum Bauern Kranzstocker, dem Schwager seiner verstorbenen Mutter. Und er arbeitet von Kindesbeinen hart auf dem Hof, später am Ausbau der Seilbahnen. Er heiratet und verliert seine Frau bald, übersteht die Kriegsjahre in Russland und kehrt wieder zurück in die Berge. Dort erlebt er die Modernisierung, erkennt die Welt nicht immer wieder, aber verliert sich selbst nicht. Wie ein widerständiger Baum wird er von den Ereignissen des Lebens geformt. Robert Seethaler beherrscht die Kunst, Dinge einfach erscheinen zu lassen, er erzählt diese Geschichte in ruhigem Rhythmus und Ton, auch die traurigsten Ereignisse sind wie sie sind. Wie aus einem Stück Holz geschnitzt nimmt Andreas Egger klar, kantig und überzeugend vor den Augen der Leser Form an, man kommt ihm nahe, aber auch nicht zu nahe, stets behält er seine Würde. Ein Buch, das in Erinnerung bleibt, auch wegen seiner Naturbeschreibungen. (Judith Krieg)
In einem Londoner Auktionshaus steht die Versteigerung eines Gemäldes Rembrandts an. Der US-Amerikaner Elias Kaminsky erkennt in dem Bild die geheimnisumwobene und in Kuba verloren geglaubte Reliquie seiner jüdisch-polnischen Familie wieder. So viel zur Ausgangssituation, womit drei wichtige Themen dieses Prachtschmökers genannt sind: Kuba, Kunst und Glaubensfragen. Padura mäandert durch Zeit und Raum, springt vom 17. ins 21. Jahrhundert, von Amsterdam, Krakau und Berlin nach Havanna und zurück. Dabei gelingt ihm das Paradestück eines Historien- und Künstlerromans über das goldene Zeitalter der Niederlande und den Maler Rembrandt verknüpft mit eindrücklichen Einblicken in die kubanische Geschichte im 20. Jahrhundert bis in das heutige, von der Revolution ausgelaugte Land und – die dramatische Geschichte einer jüdischen Familie, die noch 1939 versucht aus Deutschland zu fliehen und deren Hoffnung zu überleben an eben jenes Gemälde geknüpft ist. So viel auf einmal – das geht nun wirklich nicht? O doch, und wie! (Jana Kühn)
Ein weiteres Buch über die DDR mag mancher denken, ein weiterer Mehrgenerationenroman. Und doch gelingt Gunnar Cynybulk mit seinem Debut ein literarisch und sprachlich anspruchsvolles, lesenswertes Werk.