Brüder Grimm: Zur Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat

Mit Illustrationen von Julie Völk. Gerstenberg Verlag 2021, 400 S., € 32,-

(Stand Januar 2022)

30 mal bekannte, mal noch zu entdeckende Märchen Brüder Grimm hat die vielfach ausgezeichnete Künstlerin Julie Völk eigens für diese zauberhafte Sammlung ausgesucht. Vor allem aber der zarte Strich und die sanft strahlenden Farben aus der Hand dieser großartigen Illustratorin,  sowie die handschmeichlerische Ausstattung des Buches in Druck und Papier machen diesen Sammelband der schönsten Märchen der Brüder Grimm zum bibliophilen Schatz für die ganze Familie. So wunderschön haben Sie Aschenputtel & Co. noch nicht gesehen! (Jana Kühn) (Trailer zum Buch)

Blick ins Buch

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Peter Burke: Giganten der Gelehrsamkeit – Die Geschichte der Universalgenies

Wagenbach Verlag 2021, Schmuckausgabe, gebunden mit Prägung, Großformat, 320 S., € 29,-

(Stand Januar 2022)

Wer waren sie, die Riesen der Geistesgeschichte, die Universalgelehrten, jene, die sich für das gesamte Wissen ihrer Zeit interessierten? In einem Zusammenspiel von chronologischen historischen Abrissen und biografischen Portraits führt Peter Burke uns von der Antike, China und der islamischen Welt über Mittelalter, Renaissance und Aufklärung bis in die heutige Zeit. Wir erfahren, welche Voraussetzungen die meisten der „Genies“ mit sich brachten – z.B. finanzielle Unabhängigkeit und damit Zeit, aber auch eine spielerische, riesige Neugierde – und begeben uns damit auch auf eine Reise durch die Geschichte des Wissens. Gottfried Wilhelm Leibniz oder Leonardo da Vinci werden dabei ebenso erwähnt wie Hildegard von Bingen, Jürgen Habermas oder Susan Sontag. (Syme Sigmund)

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Yeji Yun: Das Märchen-Memo

Laurence King Verlag 2021, € 15,90 , ab 5

(Stand Januar 2022)

Die Karten auf den Tisch, bitte! Drei wunderschön gestaltete Exemplare in der jeweils selben Hintergrundfarbe gehören hier zusammen. Alle drei zeigen Ausschnitte einer Märchengeschichte. Die Figuren haben per se einen großen Wiedererkennungseffekt, die Farben helfen jedoch zusätzlich beim Sortieren. So können Des Kaisers neue Kleider, Rotkäppchen und so mancher Märchenschatz mehr bestens nacherzählt werden. Ein Booklet hält aber auch alle Märchen zum Vorlesen bereit. (Jana Kühn)
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Rose Lagercrantz: Zwei von jedem

Mit Illustrationen von Rebecka Lagercrantz. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Moritz Verlag 2021, 120 S., € 14,-, ab 9

(Stand November 2021)

Eli, der in Siebenbürgen in einer kleinen Stadt lebte, zusammen mit seiner Mama und seinem großen Bruder, erzählt seine Geschichte. Wie er anfing, ganz schnell zu rennen, um vor Vampiren weglaufen zu können. Wie er sich mit der gut gelaunten, immer hungrigen Luli aus seiner Klasse anfreundete, dauernd mit ihr um die Wette lief und sich ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen konnte. Von einem gar nicht einfachen Alltag in den 1940er-Jahren, aber einem Geborgensein in Familie, Nachbarschaft und im Jüdisch-Sein. Und dann beginnt der Schrecken, Eli wird sehr krank, seine geliebte Freundin Luli zieht weit weg zu ihrem Vater in den USA. Krieg, Verfolgung und Vernichtung betreffen ihn und seine Familie. Doch seltenes Glück ist ihnen vergönnt. Als Erwachsene finden sie einander wieder, gründen in New York eine Familie, überredet Luli ihn, seine Geschichte für ihre Kinder aufzuschreiben.
Mit absolutem Gespür, was Kindern zuzumuten ist, nennt Rose Lagercrantz die Dinge beim Namen. Meisterlich hält sie dabei die feine Balance zwischen harten Fakten und der märchenhaft-berührenden Freundschaftsgeschichte mit glücklichem Ende, unterstützt durch die zarten Aquarelle ihrer Tochter Rebecka. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

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Iris Origo: Eine seltsame Zeit des Wartens. Italienisches Tagebuch 1939/40

Aus dem Englischen von Anne Emmert, Berenberg Verlag 2021, 132 S. , € 22,-

(Stand November 2021)

Die britische Historikerin, die in ihrer Wahlheimat mit ihrem italienischen Mann ein brachliegendes Anwesen in der Toskana selbstlos in einen florierenden Landstrich verwandelte, ist eine berüchtigte klare und feinsinnige Beobachterin. In ihrem Tagebuch aus den Jahren 1039/40 fängt sie die um sich greifende große Verunsicherung und ihre Bemühungen ein, sich aus allen erdenklichen Quellen und durch den Nebel der Propaganda ein Bild der Lage zu verschaffen.
Sie dokumentiert die mentale Vorbereitung eines Volkes auf einen Krieg, den niemand will, mit einem Alliierten, dem niemand wohlgesonnen ist. Wie das vor sich geht, nimmt die Autorin mit zunehmender Irritation und Verzweiflung wahr. Sie kann den recht verbreiteten Optimismus nicht teilen und bei aller antifaschistischer Kritik herrsche dennoch eine „unerschütterliche Gewissheit“ vor, dass Italien auf die Alliierten nicht bauen könne und man keine andere Wahl hätte. Aus eindringlichen Anekdoten und großer Vielstimmigkeit wird für den Leser diese rastlose Suche nach Antworten, inmitten eines geradezu irritierend schönen Sommers, spürbar. Bleibt zu hoffen, dass auch ihr Tagebuch aus den Jahren 1943/44 wiederaufgelegt wird. (Franziska Kramer) Leseprobe

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Scott McClanahan: Crap

Aus dem amerikanischen Englisch von Clemens J. Setz, ars vivendi 2021, 195 S., € 20,-

(Stand November 2021)

Scott – trotz stark autobiographischer Züge nicht mit dem Autor zu verwechseln – wächst in West Virginia auf, in einer Familie von Berg- und Fabrikarbeitern, Kriminellen und skurrilen Freaks, bei seiner starrköpfigen Großmutter Ruby und seinem Onkel Nathan. Ruby, die 13 Kinder zur Welt gebracht hat, und Onkel Nathan, der spastisch gelähmt ist, sich so sehr eine Frau wünscht und voll Güte, Humor und Sehnsucht steckt. Krankheit und Tod gehören hier zum Leben wie Freude und Liebe. Es ist eine Welt der strukturellen Armut, die Welt von Pizza Hut und Ein-Euro-Shops, Brathuhn am Sonntag, Grubenunglücken und Förderklassen, von der McClanahan in chronologisch ungeordneten Fragmenten erzählt, und er tut dies mit so viel Zuneigung, ja Zärtlichkeit für seine Figuren, dass die Beschreibung des Grotesken, der Selbstmörder, Zwangsneurotiker und Gescheiterten, nie herablassend wirkt, nie zur Klamotte wird. Ein grandios absurdes Theater im Ticken der Zeit, voller Komik – bis einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt.
Übersetzt wurde der Roman von dem 2021 mit dem Büchner-Preis ausgezeichneten großen Sprachkünstler Clemens J. Setz. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Emine Sevgi Özdamar: Ein von Schatten begrenzter Raum

Suhrkamp Verlag 2021, 763 S., € 28,-, TB 2023, € 15,-

(Stand Februar 2024)

Ein einzigartiger Roman, der – zum Glück – in keine Schublade passt. Die Ich-Erzählerin, das Alter Ego der Autorin, eine junge intellektuelle Schauspielerin, will an den besten Theatern Europas, das sind in den 70ern des vergangenen Jahrhunderts Bühnen in Ostberlin, Paris und Bochum, arbeiten, lernen und sich weiterentwickeln. Ihr Talent, ihre Kreativität und Hingabe werden allerorten geschätzt, nur ist sie keine Muttersprachlerin, hat sie als Türkin ohne längeres Bleiberecht keine stabile Perspektive. Zurückkehren geht angesichts der politischen Lage zuhause auch nicht. Das ist die Ausgangssituation für einen der ungewöhnlichsten Romane dieser Zeit, in dem es um die ganz großen Themen wie Politik, Gewalt, Heimat und Zugehörigkeit geht, den Grenzen und Schatten, aber ebenso um die feinen Momente, die Räume der Begegnungen, Freundschaften, Künste, der Liebe, der Sprachen.
Poesie, Verdichtung, Phantasie, Spielen, Improvisieren, Menschenfreundlichkeit und vielfältige Lektüren sind die Instrumente, die die Protagonistin immer wieder retten, und die sie als Stilmittel in ihrem Buch unkonventionell einsetzt und zu einer atemberaubenden, inspirierenden Literatur verwandelt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Nella Larsen: Seitenwechsel

Aus dem Amerikanischen von Adelheid Dormagen mit einem Nachwort von Fridtjof Küchemann, Dörlemann 2021, 224 S., € 20,-

(Stand Oktober 2021)

Irene und Clare sind im gleichen Viertel aufgewachsen. Sie haben afroamerikanische Wurzeln, die nicht auffällig sind. Beide Frauen sind hellhäutig, womit sie sich als Schwarze in den Vereinigten Staaten der 1920er Jahre gewisse Privilegien erlauben können, zum Beispiel die Seite wechseln und sich als Weiße präsentieren. Genau das tut Clare, indem sie einen reichen weißen Rassisten heiratet, der nichts über ihre Herkunft weiß. Irene dagegen lebt mit ihrem Mann in Harlem und befasst sich intensiv mit der politischen Lage der Gemeinde.
Die Wege der zwei Frauen haben sich längst getrennt, als eine zufällige Begegnung in einer Teestube sie wieder in Kontakt miteinander bringt. Schnell erblüht ihre alte Freundschaft, allerdings ist nicht alles eitel Sonnenschein …
In einer schnellfließenden, leicht zu lesenden Prosa berichtet Larsen über komplexe soziopolitische Themen, die immer noch relevant sind. Dieses Buch lässt sich auf einen Zug lesen und bleibt dann lange in den Gedanken. (Giulia Silvestri)

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Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Fischer Verlag 2021, 432 S., € 24,-

(Stand November 2021)

Als Adina ihr Heimatdorf in den tschechischen Bergen in Richtung Berlin verlässt, ist sie voller Zuversicht. Deutsch lernen wird sie und studieren, ihren Weg machen. In Berlin lernt sie die selbstbewusste Rickie kennen, die ihr einen Job im Oderbruch vermittelt, wo ein Kulturzentrum entstehen soll, mit Fördergeldern der EU. Doch der, der die Gelder bewilligen soll, ist an Adina auf seine eigene Art interessiert. Vergewaltigt, misshandelt und traumatisiert findet Adina den Weg nach Finnland und muss all die ihr verbliebene Kraft aufwenden, sich nicht selbst zu verlieren und ihr Vorhaben, die Täter anzuzeigen, in die Tat umzusetzen.
Ein kunstvoll erzähltes Buch, das unter die Haut geht. In präzise, bisweilen poetisch formulierten Sätzen, in vier einander ergänzenden und aufeinander verweisenden Teilen, benennt es die Strukturen, die es möglich machen, dass – insbesondere osteuropäische – Frauen zu Sexualobjekten degradiert werden, handelt es von toxischer Männlichkeit, Machtmissbrauch und der Mitschuld derer, die wegschauen oder nicht gut genug hinsehen. Wer die blaue Frau ist, bei deren Auftauchen „die Erzählung innehalten muss“, sollte jede:r selbst für sich erlesen.
(Syme Sigmund)

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Sven Regener: Glitterschnitter

Galiani 2021, 471 S., € 24,-, TB KiWi 2023, € 15,-

(Stand Februar 2024)

Westberlin in den Achtzigern, wieder das Café Einfall in der Wiener Straße. Sven Regener bleibt sich treu. Wieder von der Partie sind auch die alten Bekannten rund um Frank Lehmann, der versucht, vom Putzmann zur Tresenkraft  aufzusteigen, indem er mit aufgeschäumtem Milchkaffee in riesigen Schüsseln seltsame neue Kundschaft anzieht. Erwin, der Kneipier, will wie immer nur Flaschenbier verkaufen. Chrissies Mutter will ihrer Tochter im weit entfernten Spandau Möbel kaufen. Charlie, Ferdi und Raimund wollen mit ihrer Band Glitterschnitter samt Bohrmaschine unbedingt bei der Wall City Noise auftrumpfen. Die ArschArtGalerie-Männer wollen wieder palavernd ihr Unwesen treiben und H.R. Ledigt will unbedingt eine komplette (!) Ikea-Musterwohnung in seinem Zimmer nachbauen . . . Ein Möchtegern-KOB, Punks aus dem Hinterhaus, Manager, Nachbarn und eine Schwangerengruppe komplettieren das Personenpanoptikum, dem Regener bei aller Drastik und Absurdität multiperspektivisch Leben einhaucht. Mit seinen überbordenden Einfällen, atmosphärischer Detailgenauigkeit, aberwitzigen Bandwurmsätzen, rasant und rhythmisch getaktet, in einem wilden Bewußtseinsstrom können wir eintauchen in die Gefühlswelten, in die Leidenschaften und Verirrungen seiner Figuren – und oft herzhaft über sie lachen. Dabei geht es um die ganz großen Fragen nach Träumen und Selbstverwirklichung. Glitterschnitter – einfach genial! (Stefanie Hetze)

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