Annabelle Hirsch: Die Dinge

Eine Geschichte der Frauen in 100 Objekten. Kein & Aber 2022, 416 S. mit 100 Abbildungen, € 35,-

Was für ein Schatz! Es sind kleine, eher unspektakuläre Dinge, die die Autorin ausgewählt hat, um profund und detailreich einschneidende Ereignisse der Geschichte der Frauen zu erzählen: Nützliche Dinge wie die Singer Nähmaschine oder die Menstruationstasse, Statuetten, Postkarten, Urkunden, Abzeichen wie die Anti-Sklaverei-Münze, Dekoratives wie der Lippenstift, Alltägliches wie eine Kaufhausquittung werden hier zu bedeutsamen Kristallisationspunkten von Frauengeschichte. Die Gegenstände zeugen von Unterdrückung und Selbstermächtigung, vom widersprüchlichen weiblichen Alltag, von plumpem Ausschluss und intelligentem Widerstand. Die Dinge ist eine Bereicherung fürs Bücherregal zum Immer-Wieder-Lesen und Entdeckungen machen. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Davide Morosinotto: Shi Yu

Aus dem Italienischen von Claudia Panzacchi, Thienemann 2022, 512 S., € 20,-, ab 13

(La più grande, Rizzoli 2020, ca. € 18,-)

Davide Morosinotto ist der aktuell wohl erfolgreichste italienische Jugendbuchautor. Auch in Deutschland war er bereits für den Kinder- und Jugendliteraturpreis nominiert. Seine Werke zeichnen sich durch viel sprachliches Einfühlungsvermögen, enorme Spannungsbögen, eine aufwändige Gestaltung und – ganz beiläufig – jede Menge vermitteltes Wissen aus. Seine Figur der “Shi Yu” ist inspiriert von der historisch belegten Zheng Yisao (1785-1844), einer Piratin der südchinesischen Meere, die eine Flotte von 1.000 Schiffen und um die 80.000 Menschen befehligte – alles in allem eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Morosinotto erzählt ihre beeindruckende Lebensgeschichte als märchenhaftes Epos und spannenden Martial-Arts-Roman. Vom überlieferten Leben der Zheng Yisao wählte er den Anfang (das von Piraten geraubte Mädchen), die Mitte (sie wird zur Anführerin) und das Ende – das hier nicht verraten sei. So, wie es die chinesischen Märchenerzähler vor langer Zeit machten, nahm er sich die künstlerische Freiheit, ihr Leben von einer wahren Geschichte in eine Legende zu verwandeln. Spannend, lehrreich & empowernd! (Jana Kühn)

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Elham Assadi & Sylvie Bello: Der erste Schnee

Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming, Bohem Press 2022, 32 S., € 29,95, ab 5 und für alle

(La prima neve, topipittori 2021, ca. € 32,-)

Voller Staunen erlebt ein Mädchen zum ersten Mal das Wunder von Schnee, der den noch bunten Garten mit zartem Weiß bedeckt. Aufgeregt läuft das Kind zur Großmutter, die verspricht, zu erzählen, woher der Schnee kommt. Und sie beginnt ein altes persisches Märchen, in dem es um unerfüllte Liebe und das nie nachlassende Warten auf Glück geht. Die bezaubernde Naneh Sarma, die hoch über den Wolken lebt und für Schnee, Regen und Hagel auf der Erde verantwortlich ist, ist in Nouruz verliebt, der nur einmal im Jahr, am 21. März erscheint, und ausgerechnet dann schläft sie tief. So muss sie weiter warten und auf das nächste Frühjahr hoffen. . .
Sylvie Bello hat für diese iranische Legende, die Elham Assadi immer wieder von ihrer Großmutter gehört hatte, traumwandlerisch schöne Bilder voller Details aus der persischen Kultur, von Pflanzen, Menschen, Tieren geschaffen und sich dazu von Künstlern wie Botticelli und Brueghel inspirieren lassen. Es gibt in diesem riesenformatigen vielschichtigen Bilderbuch ganz viel zu entdecken und zu bestaunen – und es macht Hoffnung auf bessere Zeiten. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Helena Janeczek: Die Schwalben von Montecassino

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Berlin Verlag 2022, 432 S., € 24,-

(Le rondini di Montecassino, Guanda 2018, ca. € 24,-)

Vier lange Monate dauerte es, bis die Alliierten 1944 die von den Deutschen besetzte Abtei Montecassino im Latium einnahmen. Eine Schlacht in mehreren Etappen, an der Soldaten verschiedenster Herkunft beteiligt waren. Ihnen gibt Helena Janeczek eine Stimme, entreißt sie dem Vergessen. Es waren arme Texaner, neuseeländische Maori, Inder oder polnische Juden – aus sowjetischen Lagern kommend gelangten diese über Samarkand, Persien und Afrika nach Italien – die hier ihr Leben verloren oder mit den Erinnerungen an diese entsetzliche Schlacht in ihre Heimat zurückkehrten, sofern es diese noch gab. Gekonnt verwirkt die Autorin Orte, Schicksale, Teile ihrer eigenen jüdisch-polnischen Familiengeschichte und verschiedene Zeitebenen zu einem ergreifenden Epos. Sorgfältig recherchierte historische Fakten, Zeitzeugenberichte und Fiktion verbinden sich zu lebendiger Geschichte. Montecassino wird hier „zum Krieg von uns allen, zu dem Ort, von dem wir alle kommen“ schrieb Roberto Saviano bei Erscheinen des Buches. Dies gilt heute mehr denn je. Eine unbedingte Leseempfehlung, damit das in Vergessenheit geratene nicht vergessen bleibt. (Syme Sigmund) Blick ins Buch

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Gayl Jones: Corregidora

Aus dem Amerikanischen von Pieke Biermann, Kanon 2022, 224 S., € 23,-

Die Vorfahrinnen der Protagonistin Ursa haben eine verheerende endlose Abfolge an rassistischer und sexualisierter Gewalt erlitten als Abhängige eines brutalen Sklavenhalters, der sie missbrauchte, vergewaltigte und ausbeutete. Das Einzige, was den Frauen blieb, war, dass ihre jeweilige Nachfahrin Zeugnis ablegen konnte von dem, was ihnen angetan worden war. Erst Ursa hat die Chance, ein selbstbestimmteres Leben zu führen als Bluessängerin. In ihren Songs singt sie vom Schmerz und der Schwarzen angetanen Gewalt und erfüllt so den Auftrag, das Vermächtnis weiterzugeben. Doch die sozialen und zwischenmenschlichen Verhältnisse lassen sie der Spirale aus Willkür, Rassismus und Sexismus nicht entkommen. Tief eingegraben ist sie in Psyche und Körper. Was für ein Buch! Es berührt, verstört und gräbt sich tief in eine/n ein. Pieke Biermann hat in ihrer grandiosen Neuübersetzung einen eigenen Sound für den Blues des 1975 erstmals erschienenen Originals gefunden. Im Nachwort gibt sie einen Einblick in die Herausforderung, diesen herausragenden Roman über das Erbe der Sklaverei zu übersetzen. Ein gefeierter Meilenstein Schwarzer Literatur ist endlich hierzulande zugänglich. (Stefanie Hetze) Leseprobe und Hintergrundinformationen

Joy Delanane liest aus Corregidora

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Daniela Dröscher: Lügen über meine Mütter

Kiepenheuer & Witsch 2022, 448 S., € 24,-

Eine Kindheit auf dem Land in Rheinland-Pfalz in den achtziger Jahren. Ela wächst in einer Familie auf, in der der Mann bestimmt, wie seine Frau sich zu verhalten hat, wie sie mit Geld umgehen soll und sogar, dass sie ihr Gewicht verringern muss. Elas Mutter ist in den Augen ihres Mannes zu dick. Dennoch sieht die Tochter eine schöne, starke, unabhängige Frau, die versucht, ungebrochen ihren Weg zu Selbstbestimmung zu finden. Der Weg ist nicht einfach, viele gesellschaftliche und familiäre Normen stehen dazwischen… Es sind ja die achtziger Jahre.
Mit autobiographischem Bezug erzählt Daniela Dröscher die Geschichte einer langsamen, kämpferischen und schwierigen Befreiung einer Frau und ihrer Form von Widerstand gegen das Patriarchat. Die Perspektive wird immer wieder gewechselt: Mal berichtet das Mädchen, mal berichtet die erwachsene Tochter, indem sie ihrer Mutter Fragen stellt und im weiteren Sinne über ihre Erfahrungen reflektiert. Klug, ernsthaft und rhythmisch, dieser Roman ist ein kleines Manifest und auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022! (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Nils Mohl: Henny & Ponger

mixtvision 2022, 320 S., € 18,-, TB 2024, € 12,-, ab 14

Wer möchte eine Liebesgeschichte wie nicht von dieser Welt lesen? So preist sie zumindest schon der Verlag auf dem Buchrücken an. Wie ernst es Autor Nils Mohl aber buchstäblich damit ist, erschließt sich erst peu à peu. Der schüchterne und sehr zurückhaltende Ponger, dessen Aufenthaltsstatus in Deutschland schwierig ist – warum genau klärt sich erst gen Ende – begegnet der vorwitzigen und sehr selbstbewussten Henny in der Hamburger U-Bahn. Beide lesen das gleiche Buch und es gibt diesen einen, fast magischen Moment … Doch dieser endet jäh in einem Polizeieinsatz, Henny verschwindet und Ponger ist noch mehr eingeschüchtert. So leicht lässt sich eine Henny jedoch nicht abschütteln. Mehr soll hier nicht gespoilert werden, denn viel wichtiger als was Nils Mohl erzählt, ist, wie er das tut – nämlich famos, verdichtet und in stakkatoartigen Kürzest-Kapiteln. Dabei zeigt sich stilistisch zum einen der Dichter Mohl, denn wirklich jedes Wort sitzt hier und der Text hat einen bestechenden Rhythmus, der geradezu einlädt, laut gelesen zu werden. Zum anderen gelingt es dem ausgezeichneten Jugendbuchautor Mohl, unaufgesetzt, gänzlich kitschfrei und fast schon schnodderig von den Unsicherheiten der ersten Liebe zu erzählen. (Jana Kühn) Leseprobe

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Claude McKay: Banana Bottom

Aus dem Amerikanischen von Heddi Feilhauer, ebersbach & simon 2022, 320 S., € 24,-

Bita Plant ist im jamaikanischen Dorf Banana Bottom geboren und aufgewachsen. Nach einer schwierigen Kindheit wird ihr von den Pastoren Malcolm und Priscilla Craig geholfen, nach England auszuwandern, wo sie sieben Jahre lang im Internat ausgebildet wird. Bei ihrer Rückkehr nach Jamaika muss sie feststellen, dass ihr kulturelles Erbe mit der neu erworbenen Lebensweise in Konflikt steht. Dennoch fängt sie an, ihr Heimatland wiederzuentdecken und die Pläne, die ihre Pflegeeltern für sie haben, lösen sich in Luft auf … Humorvoll und scharfsinnig, wird diese charmante Coming-of-Age-Geschichte in einer schönen, sanften Prosa erzählt. Durch intensive Dialoge und empfindsame Beschreibungen der karibischen Landschaften und des Landlebens zeigt der Autor ein zweifelloses Talent, die inneren Mechanismen und die Sehnsüchte der menschlichen Seele zu zeigen. Claude McKays „Banana Bottom“ war ein Vorbild für Zora Neale Hurstons 1937 erschienenen Roman „Vor ihren Augen sahen sie Gott“. Es wurden bisher keine Bücher des Autors ins Deutsche übersetzt. Eine großartige Entdeckung! (Giulia Silvestri)

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Ermanno Rea: Nostalgia

Aus dem Italienischen von Klaudia Ruschkowski, Marix Verlag 2022, 288 S., € 22,-

(Nostalgia, Feltrinelli 2016, ca. € 14,50)

Felice wächst in der Sanità auf, dem berüchtigtsten Viertel Neapels, beherrscht von organisierter Kriminalität und Gewalt. Von klein auf ist er eng mit Oreste befreundet, der ihn jedoch gegen sein eigenes Bauchgefühl zu immer riskanteren Raubüberfällen überredet. Als der Einbruch bei einem weithin bekannten Wucherer in einer Tragödie endet, schafft Felice – erst 16 Jahre alt – den Absprung und geht mit einem Onkel zur Arbeit bei einer Baufirma nach Beirut. 45 Jahre lang wird er nicht nach Italien zurückkehren, doch die Vergangenheit und der Mord, für den er sich mitverantwortlich fühlt, lassen ihn nicht los. Als seine Mutter im Sterben liegt, kehrt er in das Viertel seiner Jugend zurück und muss sich den Dämonen in seinem Kopf sowie Oreste – mittlerweile ein Boss der Camorra – stellen.
Ermanno Rea verwebt diese fiktive, mitreißend erzählte Story mit Abrissen über die Geschichte der Sanità, einst Vorstadt der Gärten, Grotten und Katakomben, dann bevorzugte Villengegend adliger Neapolitaner, und nach städtebaulichen Veränderungen, die das Viertel ins Abseits geraten ließen, sowie dem Niedergang des Lederhandwerks – hier wurden die feinsten Handschuhe Europas gefertigt – immer mehr Ort der Armut und Gewalt. Vermittelt durch die Figur des streitbaren Priesters Don Rega, der einer reellen Person nachempfunden ist, erzählt er aber auch von den engagierten Menschen, die es in den letzten 20 Jahren mit viel Zivilcourage und gegen alle Widerstände geschafft haben, an den Verhältnissen etwas zu ändern und die Hoffnung zurückkehren zu lassen.
So setzt er den Helden und den Opfern in seinem erst postum veröffentlichen Werk ein gerade für Neapelkenner spannendes und sehr lesenswertes Denkmal.
(Syme Sigmund)

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Jakob Wegelius: Sally Jones und die Schmugglerkönigin

Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs, Gerstenberg 2022, 528 S., € 22,-, ab 11

Wieder hat der doppeltbegabte Jakob Wegelius als Autor und Illustrator das Superlativ einer spannenden Abenteuergeschichte für Kinder (und Erwachsene) gezaubert. Es geht kreuz und quer durch ein Europa von vor gut 100 Jahren, als sich zu Dampfmaschinen und Pferdekutschen die ersten Autos und Telefone gesellten. Die Gorilladame Sally Jones, die die menschliche Sprache versteht, so gut lesen wie schreiben kann und über vielerlei Fähigkeiten verfügt, tippt in ihre mechanische Schreibmaschine, wie sie und ihr Chief, der Seemann Henry Koskela, eine wertvolle Perlenkette zurückgeben möchten. Nur wem? Spuren führen nach Schottland, wohin sich die beiden aufmachen. Da geraten sie in die Fänge einer Schmugglerkönigin, die wiederum von einem Konkurrenten bedroht wird. Die Bandbreite an Ganoventypen in diesem Roman ist groß. Erst einmal statten Wegelius und seine Übersetzerin Haefs sie mit schillernden, schön-schaurigen Klischees aus, die sie jedoch durch die Perspektive der mit einem tiefen Gerechtigkeitssinn ausgestatteten Gorilladame in einem anderen Licht erscheinen lassen. Dazu kommen die Twists in der Handlung, die für überraschende Wendungen und Ortswechsel sorgen, die fein-ziselierten Illustrationen, Format, Ausstattung, es stimmt einfach alles. Viel Spaß beim Lesen! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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