Gerstenberg 2022, 80 S., € 26,-, ab 10
Durchaus vergnüglich, dabei aber vor allem sehr informativ geht es in diesem Sachbuch zu, das viel Geschichte und viele Geschichten erzählt. Der noch im Odessa der UdSSR, in der heutigen Ukraine geborene und seit 1996 in Deutschland lebende Comiczeichner und Illustrator Vitali Konstantinov hat schon in zahlreichen Büchern bewiesen, dass er hervorragend in der Lage ist, fachlich, sachlich und historisch komplexe Zusammenhänge zeichnerisch zu veranschaulichen. Auch wenn eine jede Seite in Alles Geld der Welt auf den ersten Blick wahnsinnig wuselig wirkt, entpuppt sie sich bei genauerer Betrachtung als virtuos durchdachtes Tableau, das eine wahrhafte Flut an Informationen gekonnt bündelt. Vom Muschelgeld zur Kryptowährung – so der Untertitel des Sachbuches – erzählt in kurzen Comic Stripes, Infografiken und Landkarten Entwicklung, Geschichte und Wandel des Geldes. Es erklärt seine Funktion als Wertaufbewahrungs- und Wertübertragungsmittel. Und erläutert finanzpolitische Prozesse wie Währungsunionen. Und falls das jetzt trocken klingen sollte – man legt dieses Buch kaum wieder aus der Hand so unterhaltsam und lehrreich ist es. (Jana Kühn)
Blick ins Buch

Schmutziges graues Pflaster, abweisende Steinmauern, Zäune, Industriebauten, schäbige Gebäude, ungeschützt vor Kälte, Wind und Hitze. Eine junge Diebin stiehlt den Menschen ihr bisschen Etwas. Das ist auf den ersten Blick kein übliches Entree für ein Bilderbuch. Doch gerät das Mädchen an eine alte Frau, die ihre schwere Tasche vor der Diebin so lange festhält, bis sie ihr ein seltsames Versprechen, „sie zu pflanzen“ abnimmt. Mit der Tasche, in der sie Geld und Essen vermutet, rennt das Mädchen weg. Doch es sind nur Eicheln, grün, vollkommen und so viele, dass sie begreift, welchen Schatz sie da in den Händen hält. Und sie beginnt, in all das Graue und Harte die Eicheln zu setzen. Ganz langsam verändern sich die Illustrationen, macht das Grün etwas mit dem Raum und den Menschen, den Tieren. Die Bilder werden farbiger, heiterer, abwechslungsreicher, längst hat sich der Radius der jungen Aktivistin ausgedehnt. Das überraschende Ende macht noch mehr Mut. Zum Immer-Wieder-Anschauen. (Stefanie Hetze)
Was für ein Schatz! Es sind kleine, eher unspektakuläre Dinge, die die Autorin ausgewählt hat, um profund und detailreich einschneidende Ereignisse der Geschichte der Frauen zu erzählen: Nützliche Dinge wie die Singer Nähmaschine oder die Menstruationstasse, Statuetten, Postkarten, Urkunden, Abzeichen wie die Anti-Sklaverei-Münze, Dekoratives wie der Lippenstift, Alltägliches wie eine Kaufhausquittung werden hier zu bedeutsamen Kristallisationspunkten von Frauengeschichte. Die Gegenstände zeugen von Unterdrückung und Selbstermächtigung, vom widersprüchlichen weiblichen Alltag, von plumpem Ausschluss und intelligentem Widerstand. Die Dinge ist eine Bereicherung fürs Bücherregal zum Immer-Wieder-Lesen und Entdeckungen machen. (Stefanie Hetze)
Davide Morosinotto ist der aktuell wohl erfolgreichste italienische Jugendbuchautor. Auch in Deutschland war er bereits für den Kinder- und Jugendliteraturpreis nominiert. Seine Werke zeichnen sich durch viel sprachliches Einfühlungsvermögen, enorme Spannungsbögen, eine aufwändige Gestaltung und – ganz beiläufig – jede Menge vermitteltes Wissen aus. Seine Figur der “Shi Yu” ist inspiriert von der historisch belegten Zheng Yisao (1785-1844), einer Piratin der südchinesischen Meere, die eine Flotte von 1.000 Schiffen und um die 80.000 Menschen befehligte – alles in allem eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Morosinotto erzählt ihre beeindruckende Lebensgeschichte als märchenhaftes Epos und spannenden Martial-Arts-Roman. Vom überlieferten Leben der Zheng Yisao wählte er den Anfang (das von Piraten geraubte Mädchen), die Mitte (sie wird zur Anführerin) und das Ende – das hier nicht verraten sei. So, wie es die chinesischen Märchenerzähler vor langer Zeit machten, nahm er sich die künstlerische Freiheit, ihr Leben von einer wahren Geschichte in eine Legende zu verwandeln. Spannend, lehrreich & empowernd! (Jana Kühn)
Voller Staunen erlebt ein Mädchen zum ersten Mal das Wunder von Schnee, der den noch bunten Garten mit zartem Weiß bedeckt. Aufgeregt läuft das Kind zur Großmutter, die verspricht, zu erzählen, woher der Schnee kommt. Und sie beginnt ein altes persisches Märchen, in dem es um unerfüllte Liebe und das nie nachlassende Warten auf Glück geht. Die bezaubernde Naneh Sarma, die hoch über den Wolken lebt und für Schnee, Regen und Hagel auf der Erde verantwortlich ist, ist in Nouruz verliebt, der nur einmal im Jahr, am 21. März erscheint, und ausgerechnet dann schläft sie tief. So muss sie weiter warten und auf das nächste Frühjahr hoffen. . .
Die Vorfahrinnen der Protagonistin Ursa haben eine verheerende endlose Abfolge an rassistischer und sexualisierter Gewalt erlitten als Abhängige eines brutalen Sklavenhalters, der sie missbrauchte, vergewaltigte und ausbeutete. Das Einzige, was den Frauen blieb, war, dass ihre jeweilige Nachfahrin Zeugnis ablegen konnte von dem, was ihnen angetan worden war. Erst Ursa hat die Chance, ein selbstbestimmteres Leben zu führen als Bluessängerin. In ihren Songs singt sie vom Schmerz und der Schwarzen angetanen Gewalt und erfüllt so den Auftrag, das Vermächtnis weiterzugeben. Doch die sozialen und zwischenmenschlichen Verhältnisse lassen sie der Spirale aus Willkür, Rassismus und Sexismus nicht entkommen. Tief eingegraben ist sie in Psyche und Körper. Was für ein Buch! Es berührt, verstört und gräbt sich tief in eine/n ein. Pieke Biermann hat in ihrer grandiosen Neuübersetzung einen eigenen Sound für den Blues des 1975 erstmals erschienenen Originals gefunden. Im Nachwort gibt sie einen Einblick in die Herausforderung, diesen herausragenden Roman über das Erbe der Sklaverei zu übersetzen. Ein gefeierter Meilenstein Schwarzer Literatur ist endlich hierzulande zugänglich. (Stefanie Hetze)
Eine Kindheit auf dem Land in Rheinland-Pfalz in den achtziger Jahren. Ela wächst in einer Familie auf, in der der Mann bestimmt, wie seine Frau sich zu verhalten hat, wie sie mit Geld umgehen soll und sogar, dass sie ihr Gewicht verringern muss. Elas Mutter ist in den Augen ihres Mannes zu dick. Dennoch sieht die Tochter eine schöne, starke, unabhängige Frau, die versucht, ungebrochen ihren Weg zu Selbstbestimmung zu finden. Der Weg ist nicht einfach, viele gesellschaftliche und familiäre Normen stehen dazwischen… Es sind ja die achtziger Jahre.
Wer möchte eine Liebesgeschichte wie nicht von dieser Welt lesen? So preist sie zumindest schon der Verlag auf dem Buchrücken an. Wie ernst es Autor Nils Mohl aber buchstäblich damit ist, erschließt sich erst peu à peu. Der schüchterne und sehr zurückhaltende Ponger, dessen Aufenthaltsstatus in Deutschland schwierig ist – warum genau klärt sich erst gen Ende – begegnet der vorwitzigen und sehr selbstbewussten Henny in der Hamburger U-Bahn. Beide lesen das gleiche Buch und es gibt diesen einen, fast magischen Moment … Doch dieser endet jäh in einem Polizeieinsatz, Henny verschwindet und Ponger ist noch mehr eingeschüchtert. So leicht lässt sich eine Henny jedoch nicht abschütteln. Mehr soll hier nicht gespoilert werden, denn viel wichtiger als was Nils Mohl erzählt, ist, wie er das tut – nämlich famos, verdichtet und in stakkatoartigen Kürzest-Kapiteln. Dabei zeigt sich stilistisch zum einen der Dichter Mohl, denn wirklich jedes Wort sitzt hier und der Text hat einen bestechenden Rhythmus, der geradezu einlädt, laut gelesen zu werden. Zum anderen gelingt es dem ausgezeichneten Jugendbuchautor Mohl, unaufgesetzt, gänzlich kitschfrei und fast schon schnodderig von den Unsicherheiten der ersten Liebe zu erzählen. (Jana Kühn)
Bita Plant ist im jamaikanischen Dorf Banana Bottom geboren und aufgewachsen. Nach einer schwierigen Kindheit wird ihr von den Pastoren Malcolm und Priscilla Craig geholfen, nach England auszuwandern, wo sie sieben Jahre lang im Internat ausgebildet wird. Bei ihrer Rückkehr nach Jamaika muss sie feststellen, dass ihr kulturelles Erbe mit der neu erworbenen Lebensweise in Konflikt steht. Dennoch fängt sie an, ihr Heimatland wiederzuentdecken und die Pläne, die ihre Pflegeeltern für sie haben, lösen sich in Luft auf … Humorvoll und scharfsinnig, wird diese charmante Coming-of-Age-Geschichte in einer schönen, sanften Prosa erzählt. Durch intensive Dialoge und empfindsame Beschreibungen der karibischen Landschaften und des Landlebens zeigt der Autor ein zweifelloses Talent, die inneren Mechanismen und die Sehnsüchte der menschlichen Seele zu zeigen. Claude McKays „Banana Bottom“ war ein Vorbild für Zora Neale Hurstons 1937 erschienenen Roman „Vor ihren Augen sahen sie Gott“. Es wurden bisher keine Bücher des Autors ins Deutsche übersetzt. Eine großartige Entdeckung! (Giulia Silvestri)